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Dieter Rams: „Gutes Design bedeutet so wenig Design wie möglich“

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Rams in Kronberg, ca. 1972. Ingeborg Rams /Dieter und Ingeborg Rams Stiftung
Rams in Kronberg, ca. 1972. © Ingeborg Rams /Dieter und Ingeborg Rams Stiftung

Der Produktgestalter Dieter Rams wird heute 90 Jahre alt. Klaus Klemp gratuliert

Kaum ein Begriff ist so inflationiert wie der des Designs. Google spuckt da 11,6 Milliarden links aus. Bei Kunst sind es „nur“ 634 Millionen. Alles Design: von den Nail-Designerinnen über die Jeans-Designer der zerrissenen Hosen bis zum „Design-Laptop“ beim Discounter. Design ist cool, Design ist in, Design ist kultisch. Design ist mehrwertfähig. Das Wort Design ist zum Kampfruf der Marketingstrategen verkommen, die etwas teurer verkaufen wollen, als es eigentlich wirklich wert ist.

Dagegen hat einer wie Dieter Rams ein genau entgegengesetztes Motto: „Weniger, aber besser“. Forderungen von heute, wie Circular Design, Modularität, Re-Manufacturing oder Rezyklierbarkeit hat er durchaus schon vor vielen Jahren antizipiert.

Und seit ein paar Jahren plädiert er dafür, das Wort Design für den ernsthaften Bereich auch international durch Gestaltung zu ersetzen. Das hätte bei „Kindergarden“ ja auch funktioniert. Für Überraschungen ist er immer gut.

Der am 20. Mai 1932 in Wiesbaden geborene Industriegestalter ist vor allem als Designchef des deutschen Elektro- und Elektronikgeräteherstellers Braun bekannt geworden. Das 1921 von Max Braun in Frankfurt gegründete Unternehmen, heute in Kronberg ansässig und Tochter des US-Konzerns Procter & Gamble, war seit Mitte der 1950er Jahre mit einer neuartigen Gestaltung hervorgetreten und weltweit bekannt geworden. Da hatte der an der reformierten Werkkunstschule Wiesbaden ausgebildete Architekt und Innenarchitekt von Beginn an seinen Anteil daran. Zunächst nach dem Studium für zwei Jahre im Frankfurter Architekturbüro Apel (heute ABB) tätig, kam er 1955 eher durch Zufall zu Braun und dort alsbald von der Innenarchitektur zur Produktgestaltung. Zusammen mit seinem Studienfreund Gerd A. Müller und einem weiteren Absolventen aus Wiesbaden bildete Dieter Rams das erste interne Designstudio, das zunächst neben der begonnenen Zusammenarbeit mit der HfG Ulm installiert worden war. Denn man hatte bei Braun früh erkannt, dass die enge Zusammenarbeit mit den Haustechnikern zu relevanteren Produkten führte. Design wurde so nicht nur zur schönen Hülle neuentwickelter technischer Geräte, sondern zum integralen Bestandteil von innovativen, gebrauchsorientierten Lösungen. Die sechziger Jahre waren dann höchst produktiv, in kurzer Zeit verdoppelte sich das Produktportfolio. Neben Radio- und HiFi-Geräten entstanden Küchenmaschinen und Blitzgeräte, Schmalfilmkameras, Uhren und Taschenrechner, Feuerzeuge und Haartrockner.

Dieter Rams ist es mit seinem Team, das nie mehr als 15 Mitglieder hatte, dabei gelungen, eine Brückenfunktion von der Klassischen Moderne zur Gegenwart zu bilden, wobei er den „Reformtouch“ jener frühen Avantgarde, das „Montessorische“, das man noch den Produkten des Bauhauses wie auch des Neuen Frankfurts ansah, nicht wie in Ulm gegen einen Ingenieurtechnizismus eintauschte, sondern eine ebenso exakte wie auch poetische Formensprache fand. Dies geschah unter sensibler Weiterentwicklung der meisten Grundlagen eben dieser Moderne, aber nicht als Totalrevision.

Dabei besaßen alle Geräte von Braun alsbald ein einheitliches Gestaltungs-Gen, das sich aus einfacher, selbsterklärender Bedienbarkeit, aus dem Verzicht von allem ornamentalem Schmuck, aus visueller Langlebigkeit und aus sparsamem Umgang mit Farben definierte. Ein geflügeltes Wort sagte, die Lieblingsfarbe von Dieter Rams sei Hellgrau gewesen. Das stimmt in gewisser Hinsicht, aber nur bedingt. Denn die graue oder auch schwarze Gehäusefarbe wurde durch minimale, kleine Farbsetzungen ergänzt, die aber letztlich die besondere Ästhetik ausmachten. Es verhielt sich wie bei einem Bild von Piet Mondrian, der Betrachter wurde zum aktiven Mitgestalter, der nicht durch opulente Reize schnell fasziniert wurde, sondern der immer wieder hinsah. Auch Produkte werden ja hauptsächlich visuell rezipiert. Und tatsächlich fanden die Braungeräte bei dem englischen Pop-Art Künstler Richard Hamilton auch Eingang in die Bildende Kunst. Für ihn waren sie das, was der Mont Saint-Victoire für Cezanne war. So schrieb er 1980 im Katalog zur Rams-Ausstellung im IDZ Berlin. Da waren schon mehrere Geräte in seine visuelle Kunst eingegangen, die er möglichst wenig verändert hatte: Ich suchte „nach einem Gegensatz zum Heißen Würstchen, dem Softeis Hörnchen oder der Colaflasche. In einer plötzlichen Eingebung kam mir der Gedanke, dass die Braun Produkte ihre genaue Antithese waren. … Ich brauchte nur wenig dazu zu tun. Je mehr ich mich darin einmischte, umso weniger gut wurde das Bild.“

Neben Braun war Dieter Rams von Anfang an auch als Möbelgestalter, besser gesagt als Gestalter von Systemmöbeln engagiert. Erwin Braun hatte ihm dazu großzügiger Weise eine Nebentätigkeitserlaubnis erteilt. So entwarf er für Otto Zapf aus Eschborn schon 1956 ein erstes Korpussystem RZ 57, und als dann der dänische Möbelhändler Niels Wiese Vitsoe hinzustieß, das bis heute produzierte Regalsystem 606 und das Sesselsystem 620. Es sind Systeme, weil es sich um modulare Elemente handelt, die verändert und ergänzt werden können. So entsteht aus einem Sessel ein Sofa, aus einem Einzelregal ein ganzer Wandschrank. Wer umzieht, muss nicht neu kaufen, sondern die Systeme passen sich den neuen Raumgegebenheiten an. Heute ist Vitsœ ein englisches Unternehmen, das die Entwürfe von Dieter Rams exklusiv und weltweit erfolgreich vertreibt. Viele andere Möbel gibt es nach 60 Jahren nicht mehr, die noch formstabil sind.

Dieter Rams ging es aber nicht nur um die „Gute Form“, sondern seit den späten 70er Jahren hat er sich in zahllosen Aufsätzen und als weltweit gefragter Vortragender Gedanken um die Bedeutung und die Auswirkungen von Design gemacht. Dabei ging es um die Stellung des Designers und der Designerin im Unternehmen, um die intensive Kooperation mit der Technik und immer wieder um die Frage, ob ständig etwas Neues gestaltet werden müsse. Dazu hat er seit 1975 erst sechs, später dann zehn Thesen für ein gutes Design formuliert: Gutes Design ist innovativ, macht ein Produkt nützlich, ist ästhetisches Design, macht ein Produkt leicht verständlich, ist unaufdringlich und ehrlich. Dezidiert formulierte Dieter Rams seine zehn Thesen dann schließlich seit 1985 wobei folgende vier Thesen hinzu kamen: „Gutes Design bedeutet Dauerhaftigkeit, Konsistenz bis ins letzte Detail, Respekt für die Umwelt und Gutes Design bedeutet so wenig Design wie möglich.“

Langlebigkeit, Bedienerfreundlichkeit, echte Nützlichkeit und Umweltfreundlichkeit von Produkten waren und sind die Kernthesen von Dieter Rams zur Gestaltung. „Tatsächlich ist Gleichgültigkeit gegenüber den Menschen und ihrer Lebenswirklichkeit in meinen Augen die einzige Sünde, die ein Gestalter begehen kann. Funktionsgerechtes Design entsteht aus der intensiven, umfassenden, geduldigen und nachdenklichen Auseinandersetzung mit dem Leben, den Bedürfnissen, den Wünschen und Gefühlen der Menschen.“

Dieter Rams war während seiner gesamten Tätigkeit, und er ist es bis heute, ein reflektierender, ein nachdenklicher Gestalter. Sein Gestalten in reduzierten Formen hat eine lange Tradition, die sich weit über die Moderne des 20. Jahrhunderts hinaus zurückverfolgen lässt. Es gibt dabei von ihm keine Blaupausen, die man schlüssig auf die zeitgenössische Entwurfssituation übertragen könnte. Das hat es in der Kulturgeschichte auch nie gegeben, weil jede Gegenwart ihre eigenen Voraussetzungen besitzt. Aber Dieter Rams hat Anregungen für ein Heute und ein Morgen gegeben.

Klaus Klemp war bis zu seiner Pensionierung 2020 Professor für Designgeschichte und -theorie an der HfG Offenbach und Kurator für Design am Museum Angewandte Kunst Frankfurt am Main. Er ist Mitglied des Vorstands der Dieter und Ingeborg Rams Stiftung.

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