In Stockholm protestieren 1972 auch Opfer der Minamata-Krankheit, im gleichnamigen japanischen Ort über mehr als dreißig Jahre ausgelöst durch hochgiftige Abwasser des Chemiekonzerns Chisso.
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In Stockholm protestieren 1972 auch Opfer der Minamata-Krankheit, im gleichnamigen japanischen Ort über mehr als dreißig Jahre ausgelöst durch hochgiftige Abwasser des Chemiekonzerns Chisso.

UN-Konferenz

Ein Rückblick auf die Weltumweltkonferenz in Stockholm von 1972: Ein schmaler Streifen Hoffnung

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Die Weltumweltkonferenz im Juni 1972 in Stockholm.

Stockholm – Bitte, bitte nehmen Sie sich 27 Minuten Zeit. Sehen Sie sich auf Youtube einen Film aus dem Jahre 1972 an (www.youtube.com/watch?v=jKaYPk5YnsU). Er berichtet über die UN-Umweltkonferenz vom 5. bis 16. Juni 1972 in Stockholm. Ihr Motto lautete: „Eine Welt“. Es ist der Film, den die Vereinten Nationen selbst darüber veröffentlicht haben. Er ist ein Dokument der Hoffnung.

Mehr als 1200 Delegierte aus 113 Staaten hatten sich am 16. Juni auf einen Text geeinigt, in dem es heißt: „Der Mensch ist beides: Geschöpf und Gestalter seiner Umwelt, die ihm Lebensunterhalt gewährt und die Möglichkeit zu geistiger, moralischer, sozialer und seelischer Entwicklung gibt.“ Ein Blick auf das englische Original lohnt sich. Wo im Deutschen „seelische Entwicklung“ steht, ist im Englischen von „spiritual growth“ die Rede. Mit dem Wachstum hatte es die deutsche Ökologie-Bewegung schon damals nicht. „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome erschienen übrigens ebenfalls 1972.

Weltumweltkonferenz 1972: Viele Prinzipien für Mensch und Umwelt waren damals im Gespräch

26 Prinzipien für Umwelt und Entwicklung wurden in der Schlusserklärung von allen beteiligten Staaten unterschrieben. Das erste Prinzip lautete: „Der Mensch hat ein Grundrecht auf Freiheit, Gleichheit und angemessene Lebensbedingungen in einer Umwelt, die so beschaffen ist, dass sie ein Leben in Würde und Wohlergehen ermöglicht und hat die feierliche Pflicht, die Umwelt für gegenwärtige und künftige Generationen zu schützen und zu verbessern. In diesem Zusammenhang wird jede Politik der Förderung oder Verewigung von Apartheid, Rassentrennung, Diskriminierung, kolonialer oder sonstiger Formen der Aggression und ausländischer Vorherrschaft verurteilt und muss beseitigt werden.“ Großartige Sätze. Bis einem auffällt, dass von Regierungen nirgends die Rede ist. Allerdings unterzeichneten sie die Verurteilung von Praktiken, auf denen die Herrschaft der meisten unterzeichnenden Staaten beruhte. Ein erster Schritt? Das könnte man nur dann sagen, wenn ein zweiter folgte.

Vor 50 Jahren fand in Stockholm die erste Weltumweltkonferenz statt. Eine Analyse zeigt, dass danach bei der Rettung der Erde viel Zeit verschwendet wurde.

Neben den 26 Prinzipien wurde auch ein Aktionsplan mit 109 Empfehlungen verfasst. Die Hauptarbeit bei der Bereitstellung „angemessener Lebensbedingungen“, das steht auch in den Grundsätzen, werden die Staaten zu tun haben. Das bedeutete: Die UN dürfen keine Blauhelme schicken, um zum Beispiel die Umwelt verpestende Chemiewerke stillzulegen. Man kann sich auch vorstellen, wie lange um das „angemessene Lebensbedingungen“ gestritten wurde. Oder wie schnell alle sehr glücklich waren über diese nichtssagende Formulierung.

Existenz seit Weltumweltkonferenz 1972: 50 Jahre Umweltprogramm der Vereinten Nationen

Die staatliche Ökologie-Bewegung ist also in diesen Tagen 50 Jahre alt. Die Stockholmer Tagung war der ganze Stolz ihrer Veranstalter. Es war deutlich mehr dabei herausgekommen, als sie erwartet hatten. An Deklarationen allemal. Aber auch eine Reihe von Institutionen, die es noch heute gibt. Darunter das Umweltprogramm der Vereinten Nationen, das seinen Sitz in Kenias Hauptstadt Nairobi hat.

Stockholm bot 1972 auch der weltweiten Ökologiebewegung ein Forum. Im Film erklärt der Organisator der UN-Veranstaltung, Maurice F. Strong (1929–2015), den man zu Beginn Indiens Premierministerin Indira Gandhi (1917–1984) ans Vortragspult begleiten sieht, den versammelten nicht-staatlichen Organisationen ihre Wichtigkeit. Ohne sie wären die Regierungen lange nicht so weit.

Saurer Regen in Schweden: Weltumweltkonferenz aufgrund Folgen im Land entstanden

Man sieht im Film junge Demonstranten und Demonstrantinnen, die die Umweltsünder – General Motors und Konsorten – beim Namen nennen. Was mag aus diesen Menschen geworden sein? Einer ihrer Sprecher war der Biologe Paul R. Ehrlich, dessen Buch „Die Bevölkerungsbombe“ 1968 ein internationaler Bestseller wurde. Er sagte darin riesige Hungersnöte für die 80er Jahre voraus. Zu denen es damals nicht kam. Ehrlich feierte am 29. Mai dieses Jahres seinen 90. Geburtstag.

Die Stockholmer Tagung war auf schwedische Initiative hin zustande gekommen. Das Land litt unter den Auswirkungen des sauren Regens. Er kam, heißt es, aus den Industriegebieten Großbritanniens und Deutschlands, die mit ihrer Kohleverbrennung die Luft verschmutzten. Schweden verlangte eine internationale Lösung und schlug darum 1968 eine Umweltkonferenz der UN vor. Es wurde dann 1972 die größte Konferenz, die die Vereinten Nationen bis dahin organisiert hatten. Der Film schwelgt in der Begeisterung darüber, dass aus wissenschaftlicher Erkenntnis politische Einsicht geworden ist. Man spürt die Hoffnung, dass konkrete Schritte folgen werden. Aber ebenso die Befürchtung, dass der Impuls – trotz der drängenden Probleme – verloren gehen könnte.

Weltumweltkonferenz in Stockholm 1972: Probleme haben sich bestätigt und wurden katastrophaler

Es kam tatsächlich anders. Die Umweltprobleme, die damals angesprochen wurden, haben wir nicht nur immer noch. Sie sind größer geworden: „Die Biodiversitäts- und Klimakrise, die Verschmutzung von Ökosystemen, Flächenversiegelung, Überproduktion und -konsum, Vorstoß in bis dato unangetastete Lebensräume, technologische Lösungsversuche und Freiwilligkeit statt politischen Handelns, die Liste lässt sich beliebig fortsetzen“, konstatiert Marie-Luise Abshagen vom Forum Umwelt und Entwicklung. Das unabhängige Stockholm Environment Institute (SEI) und der indische Think Tanks Council on Energy, Environment and Water (CEEW) kommen in einer gemeinsamen Erklärung zum 50. Jahrestag der Konferenz zu dem Schluss, die Stockholmer Prinzipien von 1972 seien zum Großteil genauso relevant wie vor fünfzig Jahren. Es komme darauf an, sich auf sie zurückzubesinnen.

Das ist sicher der falsche Schluss aus einer richtigen Einsicht. Es wäre wichtiger, das Versagen in der Realität trotz richtiger Prinzipien zu analysieren, statt den Eindruck zu erwecken, man müsse sie nur vehementer einklagen. Die Weltbevölkerung hat sich seit 1972 verdoppelt, der CO2-Ausstoß deutlich mehr als das, die Weltwirtschaft hat sich vervierfacht und der Welthandel verzehnfacht.

Weltumweltkonferenz von 1972 liefert umweltpolitisch ein Dokument totalen Versagens

Wer sich heute den Film von 1972 ansieht, den gerade angesichts seines optimistischen Grundtons Verzweiflung. Heute wissen wir noch viel besser, was getan werden müsste, und wir sehen immer deutlicher, dass es nicht getan wird. Warum? Da haben wir sehr klare Auffassungen. Industrien, die über Jahrzehnte Wachstum kreierten, genießen nicht nur Macht, sondern auch Ansehen. Wir sind näher an einem Auto für jeden als an einem Grundeinkommen für jeden. Wir sind politisch nicht einmal in der Lage, beide Wege gegeneinander abzuwägen.

Die Konferenz von 1972 liefert umweltpolitisch ein Dokument totalen Versagens. Aber sie war auf einem ganz anderen Feld ein wirklicher Durchbruch. Schweden, das für seinen sauren Regen eine internationale Lösung suchte, dachte ursprünglich selbstverständlich nicht nur an Großbritannien und die Bundesrepublik, sondern ebenso an die Sowjetunion und die Länder des Warschauer Paktes. Deren CO2-Ausstoß beeinflusste die schwedische Umweltsituation mindestens ebenso sehr. In Stockholm fehlten aber genau diese Staaten.

Ein Rückblick auf die Weltumweltkonferenz 1972 in Stockholm: Verschiedenen Länder nahmen teil

Der Grund dafür waren die Nachwirkungen der Hallstein-Doktrin der Bundesrepublik Deutschland. Sie bestand auf dem Alleinvertretungsanspruch der BRD, für die Deutschen zu sprechen. Wer die DDR anerkannte, wurde von der BRD geschnitten. Während der Vorbereitung der Konferenz legte ein Beamter des Bonner Außenministeriums einen Vorschlag vor, der mit den USA, Großbritannien und Frankreich abgesprochen werden sollte. Die Bundesrepublik werde teilnehmen – und könne den westlichen Alliierten vorschlagen, der DDR einen Beobachterstatus einzuräumen. Das ging eine Weile hin und her und wurde am Ende so entschieden. Daraufhin verzichteten die Sowjetunion und die Warschauer-Pakt-Staaten auf eine Teilnahme. Hätte nicht 1971 die Volksrepublik China in den UN den Platz der auf Taiwan sitzenden Republik China eingenommen, die „Weltumweltkonferenz“ wäre nicht einmal eine Halbweltkonferenz gewesen.

Stockholm 1972 aber markierte das endgültige Aus der Hallstein-Doktrin. Am 21. Dezember 1972 wurde der Grundlagenvertrag zwischen DDR und BRD unterzeichnet. Beide Staaten hatten nun eine ständige Vertretung im anderen Staat. Im September 1973 wurden BRD und DDR als Mitgliedstaaten in die UN aufgenommen.

50 Jahre Weltumweltkonferenz: Erstes Treffen im Jahr 1972 in Stockholm

Stockholm 1972 war entspannungspolitisch – dank des bundesrepublikanischen Einsatzes – ein Rückschritt. Fünfzig Jahre danach ist jedoch deutlich, dass die UN-Umweltkonferenz zeigte: Die eine Welt war nicht zu retten, wenn man weitermachte mit ihrer Teilung. Die Entspannungspolitik wurde von nun an energisch vorangetrieben. Energischer als die Umweltpolitik. Durch alle Hindernisse, Rückschläge und Kriege hindurch. Vielleicht ist das doch ein schmaler Streifen Hoffnung.

Sie haben sich doch den Film angeschaut! (Amo Widmann)

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