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Precht und Welzer im Behauptungsmodus

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Von: Martin Benninghoff

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Richard David Precht und Harald Welzer. Foto: Debora Mittelstaedt
Richard David Precht und Harald Welzer. © Debora Mittelstaedt

Richard David Precht und Harald Welzer kritisieren die Medien. Die eigene Enttäuschung verbergen sie kaum.

Frankfurt – Schon der Auftakt verspricht Kontroverse. Wer eine Druckfahne zur Besprechung erhalten will, soll eine Erklärung unterschreiben, die Rezension nicht vor dem Erscheinungstag zu veröffentlichen. Das ist nicht gerade üblich, erhöht aber natürlich die Spannung und das Gewicht des angekündigten Buches. Sind es die Memoiren Angela Merkels? Oder gar die Tagebücher der verstorbenen Queen?

Fast, möchte man meinen, fast. „Die vierte Gewalt. Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist“ heißt das neue und erste gemeinsame Sachbuch von Harald Welzer und Richard David Precht. Damit ist schon viel gesagt, was das Potenzial für Aufmerksamkeit angeht. Der omnipräsente Philosoph Precht und der nicht minder meinungsstarke Sozialpsychologe Welzer sind ein Traum für jedes Verlagsmarketing populärer Sachbücher: Sie können ansprechend schreiben und sind fernseherfahren. Dann noch doppelte Prominenz. In der Kombination ist das unschlagbar.

„Die vierte Gewalt“ von Harald Welzer und Richard David Precht

Schon bei der Verlagsankündigung eines gemeinsamen Buches ging Twitter steil. Die beiden sind für viele ein Reizthema, seit sich sowohl Precht als auch Welzer in der Debatte um Waffenlieferungen an die Ukraine öffentlich exponiert haben – in Talkshows und offenen Briefen. Im Buch greifen sie das auf und schreiben sich die Angriffe sozusagen in einem Akt der Umwidmung aufs eigene Haben-Konto: „Und als wollte man unsere Thesen vorauseilend bestätigen, ohne sie überhaupt kennen zu können, ging die hyperventilierende Kritik […] sofort los.“

Vielleicht ist dieser Popanz nötig, um dem Thema – Medienkritik – mehr Würze zu verleihen, das gewöhnlich eher Journalist:innen und andere Fachleute interessiert. In Zeiten von Mauscheleien bei den Öffentlich-Rechtlichen oder gar „Lügenpresse“-Vorwürfen auf den Straßen (von denen sich Welzer und Precht klar distanzieren), hat die Medienkritik Konjunktur. Die Tür ist offen, man muss nur durchgehen.

Die beiden arbeiten sich an den Mächtigen ab: Deutschland habe „auch ein Problem mit dem Vertrauen in die Leitmedien“, formulieren die Zeitgeistdiagnostiker. Die Demokratie gerate deshalb zu einer „Mediokratie“ aktivistischer Journalist:innen, die die Politik zu Entscheidungen trieben, statt sie zu kontrollieren. So auch in der Waffendebatte, die durch eine „nahezu geschlossen einseitige Positionierung der Kommentare, Leitartikel und Kolumnen meinungsführender Publizisten“ charakterisiert sei.

Kritik und Häme nach Autritt von Harald Welzer bei Anne Will (ARD)

Abgesehen davon, dass diese Einschätzung für diese Zeitung nicht gelten kann, schreiben die beiden Bestseller-Autoren wohl aus eigener Enttäuschung, auch wenn sie einen anderen Grund ins Feld führen: Sie triebe die „Sorge um die Qualität der Öffentlichkeit“ um. Dass die eigene Person durchaus eine Rolle spielt, ist aus solchen Sätzen herauszulesen: „Wer gerade nicht in der Mitte ist, ist moralisch fragwürdig und zum Abschuss freigegeben.“

Welzer mag bei der Formulierung sein Auftritt in der ARD-Sendung „Anne Will“ im Mai im Kopf herumschwirren, in der er sich mit dem scheidenden ukrainischen Botschafter Andrij Melnyk angelegt hatte (und andersherum). Danach ergoss sich vor allem im Netz Kritik und Häme über den Sozialpsychologen, der von vielen als herablassend wahrgenommen wurde. Die Autoren schreiben von Hass in den folgenden Debatten – und nennen Namen sogar von Journalistenkollegen, die diesen verbreitet hätten.

Um es vorwegzunehmen: Trotz aller Kritik, das Buch ist lesenswert und in Teilen schlüssig, ein Denkanreger. Viele Phänomene, wie die unter wirtschaftlichen Zwängen schwieriger gewordenen Arbeitsbedingungen von Journalist:innen und die Auswüchse klickbasierter Online-Berichterstattung sind nicht neu und vielfach beschrieben.

„Die vierte Gewalt“ von Precht und Welzer: Trotz Kritik, das Buch ist lesenswert

Auch was die beiden zu übertriebener Personalisierung und Skandalisierung von Politik in der „Berliner Blase“ zu sagen haben, ist nicht falsch, aber eben nicht neu. Sie schreiben es ja selbst: „Dabei werden viele unserer Analysen unter Politik-, Kommunikations- und Medienwissenschaftlern kaum als Neuigkeit gelten.“ Ja, exakt. Doch die Seriosität der Argumente leidet unter dem populistischen Framing, ganz gewaltig sogar. Das beginnt schon beim ersten Satz der Einleitung: „Deutschland, eines der freiesten Länder der Welt, hat ein Problem mit der gefühlten Meinungsfreiheit.“

Gefühlte Meinungsfreiheit? Dass die beiden ernstzunehmenden und um Empirie bemühten Intellektuellen dieser Aussage die Zahlen einer Umfrage folgen lassen, ehrt sie. Nur, sie müssten wissen, dass ihre These, die sie öffentlichkeitswirksam vertreten, zu solchen Umfrageergebnissen beitragen kann, die dann diese These wiederum belegen sollen. Ein Zirkelschluss, der das ganze Elend populistischer Meinungsdebatten auf den Punkt bringt.

Das Buch

Richard David Precht/Harald Welzer: Die vierte Gewalt. S. Fischer, Frankfurt a.M. 2022. 288 S., 22 Euro.

So wie die populistischen Anleihen, wenn Welzer und Precht von der „politischen Klasse“ schreiben, obwohl sie an anderer Stelle die boulevardeske Einteilung mancher Medien in „Wir“ und „Die“ beklagen. Sie schreiben, dass sich die Parteien (außer die Linke und AfD) „auf eine einheitliche Erzählung über den Ukraine-Krieg“ verständigt hätten. Man weiß nicht, wo sie das herhaben. Aber aktuell kämpft die SPD dabei durchaus mit sich selbst, zumindest wenn man Ralf Stegner, Kevin Kühnert und Rolf Mützenich zur SPD zählt, was man unbedingt sollte. Oder ist die These auch nur „gefühlt“ richtig?

In dem Behauptungsmodus im Gewand wissenschaftlicher Genauigkeit geht es weiter. Bestürzend sei, „dass die Mehrheit der politischen Journalistinnen und Journalisten nicht mit sich selbst ins Gericht ging“, schreiben sie. Kurze Frage: Woher wissen sie das? Polemisch fragen sie: „Und kämpfen umgekehrt tatsächlich alle Ukrainer heldenhaft für ihr Vaterland?“ Kurze Zwischenfrage: Wer behauptet das denn?

Es ist schade, dass Welzer und Precht diesen Populismus brauchen, der – in der Strategie, nicht dem Inhalt nach – Ähnlichkeit hat mit Thilo Sarrazins Vorgehen. Der hatte erst wortreich behauptet, die Meinungsfreiheit sei beschnitten, um diese These dann in Vorabdrucken seines Buches „Deutschland schafft sich ab“ in reichweitenstarken Medien wie dem Spiegel und der Bild zu verbreiten.

Welzer und Precht: Vorwurf des „Gleichklangs“ von Medien, Politik und Wirtschaft

Ähnlich verhält es sich mit Welzers und Prechts Vorwurf des „Gleichklangs“ von Medien, Politik und Wirtschaft, obwohl sie viel Sendezeit in Talkshows und TV-Formaten bekommen – und Platz in Magazinen und Zeitungen, zuletzt in einem Interview mit dem Stern. So schlimm kann es um den „Gleichklang“ nicht bestellt sein, wenn zur Vielfalt der Standpunkte gehört, Welzer und Precht umfangreich zu Wort kommen zu lassen.

Richtig ärgerlich wird das Buch, wenn die beiden über den Charakter des Ukraine-Krieges fabulieren, sozusagen den Nukleus ihrer Aufregung und Verbitterung. So heißt es, über Putins Absichten lasse sich „nur wild spekulieren“, weil „wohl niemand der leitmedialen Kommentatoren den russischen Präsidenten persönlich gut kennengelernt […] hat.“ Wie bitte? Schon mal was davon gehört, dass auch Putins öffentliche Reden, sein Verhalten, die Texte seiner Zuflüsterer:innen durchaus Rückschlüsse zulassen – und selbst persönliches Kennenlernen nicht vor Fehleinschätzung schützt, siehe Gerhard Schröder?

Das ist an sich schon eine abenteuerliche Argumentation, die einst in die Mauerwerke Tausender Journalistenschulen gemeißelt sein wird – als abschreckendes Beispiel für die Hybris an diesem Punkt inkompetenter Thesenanspitzer. Um es deutlich zu sagen: Welzer und Precht distanzieren sich von „Lügenpresse“-Vorwürfen, sie wollen natürlich nichts mit Spinnern zu tun haben, die behaupten, dass der Mossad persönlich die Leitartikel deutscher Kommentator:innen souffliert. Die Frage ist nur, ob das angesichts des Framings so differenziert ankommt – oder was letztlich bei manchen Menschen hängenbleibt.

„Die vierte Gewalt“: Geht es um den Ukraine-Krieg, wird es ärgerlich

Das Buch hat auch starke Momente. Nämlich dann, wenn die Autoren ihre eigenen Erfahrungen in der Manege der Öffentlichkeit reflektieren. So geht Welzer mit einem seiner Artikel in der F.A.Z. über den früheren Bundespräsidenten Christian Wulff ins Gericht. Der „auf ungute Weise aktiver Teil einer journalistischen Meutenbildung“ geworden sei. An anderer Stelle sezieren die beiden die medialen Kopiermechanismen, wenn ein Thema – wie die sogenannte Flüchtlingskrise 2015 – plötzlich alle anderen dominiert, weil Journalist:innen voneinander abschreiben und falsche Thesen anderer ungeprüft übernehmen.

Oder wenn sich die beiden zu einer Kritik der „likes“ im Internet durchringen, die plötzlich herrlich unakademisch reinplatzt: „Es ist eine bedeutende kulturelle Veränderung, wenn auf einmal jeder Trottel alles beurteilen können soll.“ Also auch die Putzleistung unterbezahlter Hilfskräfte in einem Hotel, ohne Wissen darum, wie es der Person ergangen sein mag unter diesen Umständen. Das ist ja mehr als bedenkenswert, aber natürlich auch nicht neu. Da blinkt eine Authentizität durch, die das Buch an anderer Stelle vermissen lässt.

Zum Beispiel dann, wenn die Autoren pauschales Talkshow-Bashing betreiben und „inquisitorisch fragende Talkmaster“ kritisieren, ohne dabei über sich selbst nachzudenken. Übrigens: Mit Markus Lanz betreibt Precht einen Podcast. Aber diesen Talkmaster wird er sicherlich nicht gemeint haben! Mit dieser Heuchelei sind Precht und Welzer allerdings nicht alleine: Es gibt mehr Journalist:innen, die gerne über politische Talkshows herziehen, aber Luftsprünge unternehmen, wenn sie selbst eine Einladung ergattern. So ein Talkshowauftritt soll ja ungemein verkaufsfördernd sein, auch für Bücher.

Dass sich wahrscheinlich sämtliche Rechtspopulist:innen in ihrer Medienverachtung bestätigt fühlen dürften, muss die Autoren trotz aller Differenzierungsversuche durchaus beschäftigen. Ihre Distanzierungen sind ja glaubhaft, trotzdem: Das Framing dieses Buches würzt selbst dieses medienanalysierende Werk, das ansonsten eher die Fachleute interessieren würde. Precht und Welzer füttern damit aber auch eine „Meute“, gegen die sie eigentlich anschreiben. Ist das Zufall? Nicht bei Medienprofis wie diesen. (Martin Benninghoff)

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