feu_erikamann_1_231020
+
Erika Mann.

Erika Mann

Die Verzweiflung des Exils

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
    schließen

Eine Ausstellung über Erika Mann in der Deutschen Nationalbibliothek beleuchtet ihr politisches Engagement.

Gleich die erste schwarz-weiße Fotografie markiert den Duktus. Ein Boot, überfüllt mit Menschen, treibt in den Wellen. Keine Szene der Gegenwart, sondern eine historische Aufnahme. Sie setzt die Themen, die viele Jahre des Lebens von Erika Mann bestimmt haben: politischer Kampf, Vertreibung, Exil. Der ältesten Tochter Thomas Manns widmet jetzt das Deutsche Exilarchiv in Frankfurt eine Ausstellung. Deren inhaltliche Verengung ist gewollt: Kabarettistin, Kriegsreporterin, politische Rednerin. Andere Aspekte ihres Lebens von 1905 bis 1969 treten in den Hintergrund: Das symbiotische Verhältnis zum jüngeren Bruder Klaus, die Beziehungen zu Frauen wie Männern.

Die Germanistin Irmela von der Lühe, die 1993 eine bis heute gültige Biografie Manns vorgelegt hatte, kuratierte diesen Blick auf ein Leben, der in der Deutschen Nationalbibliothek zu sehen ist. Sie macht deutlich, was uns das Schicksal Manns heute noch zu sagen hat. Ihr Kampf gegen den Faschismus, gegen die demütigenden Umstände der erzwungenen Emigration ist aktuell geblieben. Ein Zitat aus ihren „Gedanken im Teesalon“ von 1943: „Das Wort ist flach und wir vermieden es lieber. Es ist unvermeidlich. Was hinter ihm steht, hat die Erde in Rauch und Flammen gehüllt und muss verfemt sein, nach den Gesetzen der neuen Welt. Es heißt: Nationalismus.“

Anders als ihr Bruder Klaus, der ein Leben lang unter der mangelnden Anerkennung durch den Übervater Thomas Mann litt, kämpft sich Erika früh frei. Sie führt als Tochter des Literaturnobelpreisträgers ein privilegiertes Leben, tritt auf der Theaterbühne auf, heiratet den ehrgeizigen, aufstrebenden Schauspieler Gustav Gründgens, ist nach einer Ausbildung bei Max Reinhardt auf dem Weg zur anerkannten Darstellerin. Sie tritt mit ihrem Bruder 1927/28 eine Weltreise an. Verkörpert den Prototyp der modernen, selbstständigen Großbürgerin, liebt wuchtige Automobile, macht sich gar als Rennfahrerin einen Namen. Doch die Erfolge der Nationalsozialisten in der zerfallenden Weimarer Republik führen zur Politisierung der jungen Frau. Alles ändert sich für sie. Erika Mann bezieht Position, findet zu einer Haltung, kämpft für die Demokratie.

Wobei ihre Verachtung der Parteienwelt bleibt: „Ich habe nie einer politischen Partei angehört, noch habe ich mich je um die spitzfindigen Argumente und zwielichtigen Intrigen von Berufspolitikern gekümmert.“ An ein Schlüsselerlebnis wird sie sich erinnern, wenn sie an den 13. Januar 1932 denkt, ihren Auftritt als Rednerin bei einer großen Veranstaltung pazifistischer Frauenverbände im Unionssaal in München. Sie spricht mitreißend und tritt den Störern der NSDP entgegen. Es ist die Geburtsstunde der politischen Agitatorin, ein Talent, das sie später im Exil in den USA bei ihren Vorträgen ohne Probleme ins Englische überführt.

Erika und ihre Freundinnen und Freunde wollen mehr tun gegen die Nazis. Am 1. Januar 1933 eröffnen sie in München das Kabarett „Die Pfeffermühle“. Es ist das erste Mal überhaupt, dass eine Frau ein solches Ensemble führt, die Schauspielerin Therese Giehse steht an ihrer Seite. Einen Monat später bereits ist den Nazis die Macht übertragen worden, Adolf Hitler zum Reichskanzler in Deutschland ernannt worden. Dadurch wird für das Ensemble die Lage rasch unhaltbar. Es bleibt nur die Flucht in die Schweiz. Am 13. März fährt Erika Mann in ihrem geliebten Ford über die Schweizer Grenze nach Arosa. Sie weiß nicht, dass ihr Exil bis zu ihrem Tod 1969 nicht enden wird. Sie wird nie mehr Fuß fassen können in Deutschland.

Exil: Die Ausstellung lässt erahnen, was diese Entwurzelung mit sich bringt. Verzweiflung, Ratlosigkeit. Bei Klaus Mann wächst Todessehnsucht. Er verfällt immer mehr dem Rauschgift. „Lieber Gott, wie soll ich es schaffen? Du süßer Tod!“, notiert er in seinem Tagebuch. Erika beschwört den Bruder in einem Brief: „Nimm kein Thun (Tarnbegriff für Rauschgift) mehr! Ich tue es auch nicht! Es ist ungesund! Es ist kostspielig! Ja, siehst Du denn das nicht ein?“ Aber Klaus kommt von den Drogen nicht los. Erikas stürzt sich dagegen mit ungeheurer Energie in ihre Arbeit für die „Pfeffermühle“, die in Zürich ein neues Domizil findet. Von dort geht es auf Tournee, Niederlande, Luxemburg, Tschechoslowakei, mehr als 1000 Vorstellungen bis zum Sommer 1936. Zugleich beschwört sie ihren berühmten Vater, endlich offen Position gegen die Nazis zu beziehen: „Wir können es uns nicht leisten, auf Dich zu verzichten und Du kannst es Dir nicht leisten, uns zu verraten!“

Weitsichtig geht die Künstlerin 1935 eine Scheinehe mit dem englischen Schriftsteller W. H. Auden ein, erhält so die britische Staatsbürgerschaft. In der Schweiz machen Schweizer Nazis Druck gegen die „Pfeffermühle“, in Amsterdam werden ihre Auftritte verboten. Erika und Klaus entschließen sich, in die USA zu fliehen, wie viele deutsche Exilanten vor ihnen. Im September 1936 schiffen sie sich ein. In den USA beginnt für Erika ein neues Kapitel als politische Publizistin. In der Ausstellung sind die Bücher zu sehen, die dort entstehen. Etwa „Ten Million Children“ („Zehn Millionen Kinder“) über die Erziehung im Dritten Reich. Oder das berühmteste, gemeinsam mit ihrem Bruder 1939: „Escape to Life“, eine mehr als 400 Seiten starke Arbeit über all die deutschen Künstler, Schriftsteller, Wissenschaftler, die ins Exil gezwungen worden waren. Fotografien darin werden berühmt: Etwa das Bild von Albert Einstein, der im weißen Sommeranzug auf dem Dach des Rockefeller Centre steht, hinter sich die Skyline New Yorks.

Rastlos tourt Erika durch die USA, agitiert gegen die Nazis. Ihr Auftritt 1937 im Madison Square Garden in New York bei der „Peace & Democracy Rally“ vor 23 000 Menschen gerät zum Triumph. Sie wird ein Star des Exils. Der Preis ist hoch. Am 1. Mai 1937 heißt es in einem Brief an ihre Mutter in der Schweiz: „In Cleveland sprach ich fünfmal in drei Tagen, was mich an den Rand des Zusammenbruchs brachte.“ In Erika Mann wächst der Wunsch, US-Bürgerin zu werden. Was sie nicht ahnt: Das FBI überwacht sie, wegen ihrer Kontakte zu Exilanten, die als „kommunistisch“ eingestuft werden, aber auch wegen ihrer Beziehungen zu Frauen, die als „sexuell pervers“ charakterisiert werden. Gleichzeitig sind bis 1941 deutsche Agenten hinter ihr her und berichten nach Berlin.

Das Exil bedeutet eine ungeheure Kraftanstrengung. Im Juni und Juli 1938 reist sie nach Spanien, berichtet von der Bürgerkriegsfront. 1940 erlebt sie in London die schweren deutschen Bombenangriffe und schreibt darüber. 1943 gelingt es ihr, bei der 9. US-Armee als Kriegskorrespondentin angestellt zu werden. Eine militärische Rally beginnt, über Persien und Ägypten bis zur alliierten Invasion im Juni 1944, zur Rückeroberung von Paris und zur Eroberung Aachens im Herbst 1944. Doch in der US-Armee begegnet der Frau in Uniform oft Verachtung. Ein Kommandeur sagt ihr ins Gesicht, sie gehöre nach Hause an den Herd, lenke die Soldaten vom Kämpfen ab. Briefe belegen Erikas Verzweiflung.

Nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes kommt es 1945 im luxemburgischen Mondorf zur Begegnung mit gefangenen NS-Verantwortlichen wie Göring und Rosenberg. Sie berichtet über den Kriegsverbrecher-Prozess in Nürnberg. Aber die US-Einwanderungsbehörde verschleppt ihren Antrag auf Einbürgerung. 1950 zieht sie ihn verbittert zurück. Zu diesem Zeitpunkt hetzen längst US-Medien gegen Mann und ihre Eltern, die in Pacific Palisades in Los Angeles leben, als „Agenten Stalins“.

Was der Tod ihres Bruders Klaus durch Schlaftabletten im Mai 1949 für die Schwester bedeutet, bleibt im Hintergrund. Sie schreibt damals an ihre Jugendfreundin Pamela Wedekind: „Wie ich leben soll, weiß ich noch nicht, weiß nur, dass ich muss, und bin doch gar nicht zu denken, ohne ihn.“ In eiserner Selbstdisziplin bewältigt Erika Mann die nächsten zwanzig Jahre bis zu ihrem Tod. Sie bleibt politisch engagiert, kämpft gegen Atomwaffen, die Kriege in Korea und Vietnam, sympathisiert mit der 68er-Revolte. Einmal wird deutlich, wie sehr ihre bitteren Erfahrungen sie gezeichnet haben. Im Fernsehinterview mit Fritz J. Raddatz 1968 bekennt sie: „Ich bin ein sehr gebranntes Kind.“

Deutsche Nationalbibliothek , Frankfurt: bis 30. Januar. www.dnb.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare