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Der Kaiser, die Regierungsmacht nahm sich viel Platz in dieser Stadt, hier das Haupttor.
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Der Kaiser, die Regierungsmacht nahm sich viel Platz in dieser Stadt, hier das Haupttor.

China

Der Umbau zu Peking

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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China im Jahr 1421, als der Kaiser die „Verbotene Stadt“ bezog: Wie man zu einer Weltmacht wird. Wie man wieder zu einer wird.

Am 2. Februar 1421 wurde die „Verbotene Stadt“, der innere Palastbezirk Pekings, bezogen. Hier wohnten der Kaiser, seine Frauen, die wichtigsten Mitglieder des Hofstaates. Die verbotene Stadt blieb bis 1911, als das chinesische Kaiserreich gestürzt wurde – als die erste all der Monarchien, die in den nächsten Jahren noch zu Fall gebracht werden sollten – unzugänglich, also geheimnisvoll. So ist sie bis heute ein beliebter Ort für Geistergeschichten und Thriller.

Peking selbst war erst im Oktober des Vorjahres als Reichshauptstadt etabliert worden. Als zweite, als die nördliche, neben Nanjing, das von der Ming-Dynastie (1368 – 1644) zur Hauptstadt gemacht worden war. Die Ming-Dynastie wurde begründet von Aufständischen, die der Mongolenherrschaft (1279-1368) ein Ende machten. An ihrer Spitze stand ein buddhistischer Sektenführer, der den Han-Prinzen, der sich Hoffnungen auf den Kaiserthron machte, beseitigte und sich selbst auf den Thron setzte. Später ließ er auch seinen Kanzler köpfen und schaffte dieses Amt ab, so dass in Zukunft alles beim Kaiser selbst zusammen lief.

China wurde zum zentralisiertesten Staat der Epoche. Die Mongolen hatten von Peking aus China regiert. Die Ming zogen um nach Nanjing, bis Yongle (1360-1424), der dritte Ming-Kaiser innerhalb kürzester Zeit, mehr als einhunderttausend Familien von Nanjing nach Peking transferierte, um dort eine zweite, seine Hauptstadt zu etablieren. Von dort aus führte er Kriege gegen die immer wieder nach China eindringenden Mongolen. Die Chinesische Mauer, die die Mongolen während ihrer Herrschaft zerstört hatten, wurde wieder errichtet.

Gleichzeitig baute Yongle 45 Garnisonsstädte an der chinesischen Küste gegen Piraten, die versuchten, sich etwas von dem wohlhabenden China abzuzwacken. Außerdem gab es Militäraktionen in der Gegend des heutigen Vietnam. Die größte künstliche Wasserstraße der Welt entstand, als die verschiedenen Teilabschnitte des Großen Kanals 1415 zusammengeführt wurden. Nun konnte man auch energisch an den Aufbau der neuen Hauptstadt gehen.

Im Oktober des Jahres 1420 war sie so gut wie fertig. Mauern gehörten zu jeder chinesischen Stadt. Es gab nicht nur wie bei den meisten europäischen Städten eine Stadtmauer, sondern die Innenbezirke großer Städte waren oft noch einmal von Mauern umzogen. Pekings „Verbotene Stadt“ war nur ein Beispiel dafür. Die neue Hauptstadt wurde also geschützt von der wieder errichteten großen Mauer (9000 Kilometer) und versorgt von dem großen Kanal (mehr als 1800 Kilometer lang und bis zu vierzig Meter breit). China – denken wir noch an den Terrassenbau – war eine Kulturlandschaft, in der es kaum noch unberührte Natur gab. Kein Zentimeter, wo der Mensch nicht Hand angelegt hätte. Es gab nichts, was nicht geplant, und keinen Plan, der nicht innerhalb kürzester Zeit realisiert wurde.

So auch die Yongle-Enzyklopädie. Mehr als dreitausend Gelehrte hatte der Kaiser zusammengerufen. Sie sollten alles Wissen der Welt zusammentragen. Als das Mammutwerk 1408 fertig war, sollen die mehr als elftausend Manuskriptbände weit über 300 Meter Regallänge in Anspruch genommen haben. Aber: Nichts Genaues weiß man nicht. Weltweit existieren heute nur noch etwa 400 Bände. Davon befinden sich 221 in China.

Wann das Werk und wo es vernichtet wurde, darüber gehen die Auffassungen auseinander. Manche gehen davon aus, dass es schon Ende des 15. Jahrhunderts einem Brand in Nanjing zum Opfer fiel. Andere glauben, die größte Enzyklopädie der Welt sei erst 1911 beim Sturm in die Verbotene Stadt zerstört worden. Man liest das und denkt fast gerührt daran, dass es einmal eine Zeit gab, in der man sich das Wissen als eine feste Größe vorstellte, als etwas, das nicht stündlich wuchs. Die Library of Congress in Washington bringt es täglich auf zehntausend Neuerwerbungen. So war es jedenfalls noch vor einem halben Jahrzehnt.

China war im 15. Jahrhundert die größte Macht der Erde. Eine blühende Wirtschaft, militärisch gab es keine wirklichen Gegner, der Staat wurde von einer geschulten Bürokratie verwaltet wie kaum ein anderer Landstrich dieser Erde. Der Kaiser machte den muslimischen Eunuchen Zheng He zum Admiral der größten Flotte der damaligen Welt. Sie diente weniger der Eroberung als dem Handel und der Erforschung des Pazifiks und des Indischen Ozeans sowie der verschiedenen Anrainerstaaten. Die Flotte sollte die Seidenstraße, die unsicher geworden war, wenigstens teilweise ersetzen.

Bei der ersten Expedition waren 64 Schiffe dabei mit mehr als 27 000 Menschen. Natürlich wissen wir nicht, was daran wahr, was Übertreibung ist. Aber als Kolumbus 90 Jahre später – ohne es zu wissen – Amerika „entdeckte“, war er mit drei Schiffen und insgesamt wohl nicht mit mehr als neunzig Mann unterwegs. Eine Stümperei verglichen mit den chinesischen Unternehmungen ein knappes Jahrhundert zuvor.

Peking war im Oktober 1420 Hauptstadt der asiatischen Hauptmacht China geworden. Der Bau der Stadt und vor allem natürlich ihres innersten Bezirks folgte einem genauen Plan, der den Kaiser, den Himmelssohn, als Zentrum der Welt installierte. Dabei wurden älteste Regeln und Riten befolgt. Größter Wert wurde auch darauf gelegt, dass nichts mehr an die mongolischen Bewohner erinnerte.

Alles wurde neu gemacht. Und bis ins Jahr 1911 nur wenig verändert. Die großen Zeremonienhallen, die weiten Räume zwischen ihnen – dank Bernardo Bertoluccis Film „Der letzte Kaiser“ können wir uns ein Bild davon machen, wie sie gefüllt wurden. Es ist Herrschaftsarchitektur par excellence. Die freilich anders als unsere, die seit dem Turmbau zu Babel ja in den Himmel strebt, sich in die Weite erstreckt. Die Wolkenkratzerstädte, die das heutige China prägen, sind ein radikaler Bruch mit dem, was dort früher als mächtig und schön verstanden wurde.

Man muss auf die Ming-Dynastie, auf die Zeit des Kaisers Yongle schauen, um zu erkennen, was das heutige China umtreibt. Dass ganze Städte in Nullkommanichts aus dem Boden gestampft werden können, ist in China nichts Neues, dass den übers Land führenden Seidenstraßen maritime hinzugefügt werden, setzt eine große Tradition fort.

Die Volksrepublik China ist gerade dabei, an das China der Ming-Dynastie anzuknüpfen. Ihr Begründer war Bauernsohn Mao Zedong. China hat das Gefühl, endlich wieder die Rolle in der Welt spielen zu können, die ihm von Natur zukommt: Das Reich der Mitte, das keine Grenzen kennt und dem alles zufließt. In seinem Zentrum die Verbotene Stadt, ein Geheimnis: das Geheimnis der Macht.

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