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Die Kuh gibt ihre Milch nicht freiwillig her.
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Die Kuh gibt ihre Milch nicht freiwillig her.

Tierethik

Die Unterdrückung der Tiere muss ein Ende finden – ein Plädoyer

  • VonBjörn Hayer
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Bilder von leidenden Tieren stehen längst im Zentrum der Öffentlichkeit: Warum ein Nachdenken über eine Systemerneuerung geboten ist.

Ein noch neugeborenes Kalb wird mittels eines automatischen Schiebers gemeinsam mit den Ausscheidungen der übrigen Kühe in die Jauchegrube geschoben. Derweil versucht seine Mutter noch, das ohnmächtige Tier durch Anstupsen zum Aufstehen zu befähigen. Doch vergebens. Tatsächlich entstammen diese Bilder keiner Dystopie einer inhumanen Fortschrittsgesellschaft auf einem fernen Planeten, sondern aus einer just veröffentlichten Reportage des ZDF-Investigativmagazins „Frontal“, dem die Soko Tierschutz Aufnahmen aus unterschiedlichen landwirtschaftlichen Betrieben zur Verfügung stellte.

Da diese und andere krude Praktiken längst keine Einzelfälle mehr sind, steht die Politik vermehrt in der Kritik. Unter der Ägide der Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hat man sich neben dem überfälligen Verbot des Kükenschredderns vornehmlich auf unverbindliche Tierschutzsiegel beschränkt. Umso größer ist nun der Erwartungsdruck auf die neue Koalition, die zumindest mit SPD und Grünen zwei Vertreterinnen hat, die zuletzt deutliche Korrekturen insbesondere in der konventionellen Landwirtschaft forderten.

Aber werden stellenweise Eingriffe genügen? Können neue Regeln etwa zu überschaubaren Vergrößerungen von Stallflächen tatsächlich dem unermesslichen Leid in der industriellen Massentierhaltung gerecht werden? Vermutlich nicht. Denn wie gerade die tierethische Forschung der letzten Jahre dokumentiert, scheint eine systemische Kehrtwende geboten, die unser Verhältnis zum Tier fundamental neu auslotet.

Bekannt ist mittlerweile vieles über Schweine, Rinder und Hühner. Wir wissen, dass sie größtenteils soziale Wesen mit ausgefeilten Kommunikationsstrukturen sind. Oder dass sie mitunter über Empathiefähigkeit und ein grundlegendes Bewusstsein für ihre Umwelt verfügen. Bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert, als sich die Frauen- und Tierrechtsbewegung mit partiell sogar deckungsgleichen Akteurinnen und Akteuren formierte, galten namhaften Intellektuellen zufolge all diese Eigenschaften bei den meisten Vierbeinern als defizitär. Philosophen von René Descartes bis Immanuel Kant stellten mit spezifischen Fähigkeitsanforderungen auf den Ebenen von Vernunft und Intelligenz hohe Hürden auf, um animale Mitwesen letztlich aus der moralischen Gemeinschaft der Menschen (und deren Schutzprivilegien) auszugrenzen.

Eine Neuausrichtung kam indessen erst mit Denkern wie Jeremy Bentham, Arthur Schopenhauer und später Albert Schweitzer, die ihr Augenmerk weniger auf vermeintlich Trennendes als vielmehr auf die Leidens- und Schmerzfähigkeit der Tiere richteten. Was daraus hervorging, war die Idee der barmherzigen Fürsorge, des Tierschutzes.

Heute ist sich die einschlägige praktische Ethik weitestgehend einig: Statt eines aufopferungsvollen, privaten Einsatzes bedürfen wir des Ansatzes der Rechte – vor allem weil viele Tiere uns näher stehen, als wir bisher annahmen. Und weil sie, wie der Philosoph Bernd Ladwig in mehreren Schriften darlegt, genauso verletzlich und moralbedürftig sind wie Menschen, die vielleicht aufgrund kognitiver Einschränkungen nicht selbst für ihre Interessen eintreten können. Mehr Gleichheit lautet somit die Forderung aus moralischer Erwägung heraus.

So weit zur Theorie, die derzeit noch Äonen von der Wirklichkeit heutigen Konsums tierischer Produkte entfernt ist. Nach wie vor steigt die globale Nachfrage nach Fleisch, während die Anzahl der Veganerinnen und Veganer nur langsam wächst. Die Frage „Wie hältst du es mit dem Tier?“ ist somit weitestgehend privatisiert, obwohl die Notwendigkeit staatlichen Handelns auch aus Klimaschutzgründen geboten wäre. Zumal die Landwirtschaft 24 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortet und der von allen politischen Entscheidungsträgerinnen und -trägern forcierte Verkehrssektor lediglich mit 18 Prozent zu Buche schlägt.

Ins Spiel gebracht werden könnte ein neuer Gesellschaftsvertrag, einer, der den Mut zu tiefgreifenden Veränderungen aufbringt, ohne dabei deren Realisierbarkeit und Akzeptanz aus den Augen zu verlieren. Fakt ist, dass, wenn wir der Utopie eines Humanisten und Tierethikers wie Tom Regan folgen, die Öffnung aller Ställe und die Befreiung der Tiere die Mensch-Tier-Beziehungen kappen würde. Warum sollten uns schließlich Kühe und Ziegen weiter ihre Milch schenken wollen?

Ausgehend von der Einsicht, dass es diese speziesübergreifende Verbindung allerdings schon immer gab und geben wird, schlugen die amerikanischen Kulturtheoretiker Sue Donaldson und Will Kymlicka eine andere Strategie vor. In „Zoopolis“ (2013) versehen sie Tiere mit unterschiedlichen Rechtstiteln. Uns nahestehende Zeitgenossen wie Hunde, Katzen, aber auch Puten und Lämmer sollten wie Bürger angesehen werden, wohingegen Lebewesen im Wald eher wie Bewohner exterritorialer Gebiete zu behandeln seien. Beispielsweise Rehe und Wildschweine dürften nicht mehr bejagt werden, hätten aber auch keinen Anspruch auf Hilfe und Unterstützung. Was aber allen Kreaturen in diesem Konzept gemein ist, stellt das Recht auf Leben dar.

Selbst wenn wir von dieser Vision, wie gesagt, weit entfernt sind und vielleicht mehr auf die weitere Entwicklung des künstlichen Fleisches als auf ethische Einsicht der Mehrheit hoffen müssen, definieren die meisten moraltheoretischen Entwürfe die körperliche Integrität weiterhin als Mindestanforderung.

Ganz verzichten müssten wir auf tierische Produkte dabei nicht unbedingt. Denn denkbar wäre auch ein gesellschaftsvertragliches Kooperationsmodell. Demnach könnten wir etwa Milch und Eier weiter beziehen, müssten aber die Aufzucht der männlichen Kälber und Küken gewährleisten. Überhaupt ginge damit eine stärkere Beachtung der Interessen der Tiere nach Freilauf, sozialer Gemeinschaft und schließlich auch nach einem allen zustehenden Existenzrecht beziehungsweise Schlachtungsverbot einher.

Dass hierdurch die Konsumpreise enorm steigen würden, gilt als sicher. Aber sollte es uns das nicht wert sein? Gerade in einem Land, dessen Verbraucherinnen und Verbraucher im Vergleich mit anderen Nationen ohnehin schon mit am wenigsten Geld für Nahrungsmittel ausgeben? Zeigt sich nicht im Umgang einer Gesellschaft mit den Schwächsten überhaupt ihre moralische Festigkeit und Humanität?

Eine derartige Veränderung unserer Lebensverhältnisse wäre angesichts der sonstigen voranschreitenden ethischen Sensibilität durchaus konsequent. Wir würden dann nicht mehr ausschließlich die Zweiteilung der sozialen Gemeinschaft zwischen Mann und Frau oder zwischen weißen Menschen und People of Color infrage stellen, sondern ebenso den Speziesismus. Denn die Unterdrückungsmechanismen, die hier am Werk sind, ähneln denen des Patriarchalismus, Sexismus und Rassismus auf bestechende Weise, was wohl – by the way – auch erklärt, warum zahlreiche Feministinnen von Bertha von Suttner bis Astrid Lindgren überzeugte Tierschützerinnen waren.

Gewiss können Tiere im Gegensatz zu Menschen nicht selbst ihre Anliegen vortragen. Aber Kleinkinder sind dazu auch nicht imstande. Dass sie trotzdem alle Menschenrechte qua Geburt genießen, verdankt sich neben den Gesetzen auch den Vertreterinnen und Vertretern für deren Belange. Im Sinne eines Minderheitenschutzes könnte es daher potenziell ebenso Anwältinnen und Anwälte für animale Bedürfnisse auf sämtlichen Ebenen unseres Staates geben, in Behörden genauso wie in Betrieben. Sie würden mit ihrem Vetorecht Bewusstsein schaffen. Sicherlich für Empathie, aber noch mehr für eine Erkenntnis, die sich bereits mit den massiven Klimaveränderungen mehr und mehr eingestellt hat: Das Zeitalter des Anthropozentrismus ist zu Ende.

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