Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Ein neugeborener Gorilla in den Armen seiner Mutter.
+
Ein neugeborener Gorilla in den Armen seiner Mutter.

Unter Tieren

Die uns ähnlich sind

  • vonHilal Sezgin
    schließen

Hilal Sezgins Kolumne „Unter Tieren“ über Hilfsbereitschaft, Menschen, die einen trösten und Menschen, die Tieren nur ein dürftiges Leben gestatten.

Zwei junge Menschen haben sich an meine Fersen geheftet oder vielmehr: an die Klauen meiner Schafe. Sie sind Veganer und Schaffreaks, und sie hatten zwei Böcke vorm Schlachten gerettet und suchten für die beiden eine Bleibe. Demnächst werden sich die Böcke meiner 30-köpfigen Seniorenherde anschließen, und die dazugehörigen beiden jungen Menschen (ich nenne sie voller Zuneigung die „Welpen“) wuppen mir samstags den Laden.

Es ist erstaunlich, was man alles gebacken kriegt, wenn man jung und kräftig und hilfsbereit ist. Da gab es zum Beispiel diesen großen Ast, der in etlichen Metern Höhe an meinem Hausdach kratzte. Mein lieber Freund H. und ich berieten, wie man ihm wohl beikommen könne. Ob wir die Leiter hier anstellen sollten oder vielleicht dort … Er habe noch einen anderen Vorschlag, sagte einer der Welpen höflich und leise. Wir reichten ihm die Säge, und der junge Mann glitt einarmig den Baum hoch, sich an Stamm und Äste schmiegend wie eine Schlange.

Auch im Ausmisten haben sich die Welpen bereits hervorgetan, sie schaufeln das Zeug auf meinen Anhänger, als kennten sie keine Müdigkeit, und am Ende solcher Tage bin ich von der alleinigen Anstrengung, den Anhänger mehrfach wegzufahren, erschöpfter als sie vom Schaufeln. Meinen größten Bock, den Lukas, der wohl an die 140 Kilo wiegt, setzen die Welpen mal so eben auf seinen Popo, so dass ich dem Lukas die Klauen schneiden kann. Und damit wir uns in der Mittagspause laben und erfreuen können, backen sie die leckersten Kuchen.

Dennoch hatte ich am vergangenen Wochenende einen üblen Stimmungseinbruch, auch davon möchte ich erzählen. Erinnern Sie sich, wie ich in meiner vorigen Kolumne von einem Gorilla berichtet hatte, mit dem ich mich als Teenager im Zoo Hannover sozusagen befreundet hatte? Ich hatte es all die Jahre so verstanden, als wäre er in den Neunzigern ertrunken; nun aber wollte ich mehr wissen und recherchierte … Und erfuhr, dass das ein anderer Gorilla gewesen war, der im Wassergraben umkam. „Mein“ Gorilla – er heißt Toni – zeugte in Hannover keinen Nachwuchs und wurde anscheinend deshalb zunächst nach Saarbrücken abgeschoben und 1999 in den Zoo von Kiew.

Hin und her verschachert

Dort saß er viele Jahre in einem 18 Quadratmeter großen Käfig, seit 2003 völlig alleine. Es gibt ein Video von ihm auf Youtube, ich schaute es an und war niedergeschmettert. Wie kann es erlaubt sein, ein kluges, soziales Wesen einfach so hin und her zu verschachern? Wie konnte es angehen, dass ich seit 1987, als ich Toni kennengelernt hatte, munter und frei war und Erfahrungen noch und nöcher machen durfte, während jener andere, der mir so äußerst ähnlich war, dazu verdammt war, hinter Gittern sein Leben abzusitzen?

Zum Glück gab es Tierrechtler, die auf Tonis – unter männlichen Zoogorillas nicht seltenes – Schicksal aufmerksam wurden und jahrelang für ihn kämpften. Sie besuchten ihn zigmal und brachten ihm Obst und Decken zum Spielen, verhandelten, um ihn anderswo, mit Artgenossen, unterzubringen; das klappte leider nicht, doch zumindest hat Toni seit 2013 ein größeres Innen- und auch ein Außengehege. Es bleibt eine tragische Geschichte, die sich zudem jeden Tag mit den unterschiedlichsten Tieren in Zoos und Ställen unendlich oft wiederholt; und ich schaue seither täglich Fotos von Toni an, wie er in seinem Außengehege sitzt. Man sieht, dass das ein dürftiger Ersatz für ein Leben ist, aber ich klammere mich daran, dass es besser ist als der frühere Käfig. Weil mir sonst das Herz bricht.

An jenem Abend, als ich herausfand, dass Toni noch lebte, und wie er „lebte“, rief ich Freundinnen an und einen Tierrechtsaktivisten, den ich persönlich kaum kannte, noch weit nach Mitternacht. Weil ich mit dem Weinen nicht aufhören konnte und an dieser Menschheit zu verzweifeln glaubte, die anderen so Furchtbares zufügt. Und alle, mit denen ich sprach (und vergebliche Pläne zur Befreiung Tonis schmiedete), verstanden mich, trösteten mich, während wir wussten, dass es keinen Trost für so etwas gibt.

Aber mindestens dieses wünsche ich Ihnen für das Neue Jahr: zu jeder Uhrzeit Freund:innen, die Sie verstehen, auch wenn Sie unter Tränen stammeln, und Verbündete, die störende Äste für Sie absägen und Kuchen backen und Hoffnung spenden. Damit wir diese Erde zu einem guten Zuhause werden lassen für uns und für andere, die uns ähnlich, und auch für nochmals andere, die ganz anders sind.

Hilal Sezgin, Jahrgang 1970, lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide. Jeweils zu Monatsbeginn schreibt sie an dieser Stelle „Unter Tieren“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare