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Vertriebene Sudetendeutsche 1945 vor ihrem Abtransport mit einem Güterzug.
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Vertriebene Sudetendeutsche 1945 vor ihrem Abtransport mit einem Güterzug.

Vertriebenen-Debatte

Die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung und ihre neue Dauerausstellung: Die lange Geschichte eines „sichtbaren Zeichens“

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Im Deutschlandhaus am Anhalter Bahnhof in Berlin wird demnächst die Dauerausstellung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung eröffnet.

Wie schwierig es war, in der deutschen Nachkriegsgesellschaft über Flucht und Vertreibung zu schreiben und zu sprechen, musste der Schriftsteller Theodor Buhl auf quälende Weise erfahren. 1936 im niederschlesischen Bunzlau geboren, hatte er die Fluchterfahrungen seiner Familie in dem Ende der 80er Jahre fertiggestellten Roman „Winnetou August“ aus der Perspektive eines Kindes niedergeschrieben, aber es dauerte mehr als 20 Jahre, ehe der Roman den Weg in die Öffentlichkeit fand.

Die Gründe für die lange Ablehnung waren keineswegs literarischer Natur. Die Zeit sei nicht reif für solch ein Buch, bekam der Autor, der sein Geld als Kunstlehrer verdiente, selbst von wohlmeinenden Verlagsleitern und Lektoren immer wieder zu hören. Zu spät, das Thema sei durch, befanden andere. Die gesellschaftspolitische Verdrängung erstreckte sich, wie Buhls Fall zeigt, nicht zuletzt auf die Literatur, von der man doch unverhoffte und offene Wege zur historischen Wahrheit erwartet.

Theodor Buhl war 74 Jahre alt, als sein literarisches Debüt 2010 erschien. In dem in weiten Passagen grotesk-heiteren Buch schildert er auf schonungslos realistische Weise die Vergewaltigung eines 14-jährigen Mädchens durch einen Rotarmisten – eine bislang kaum erzählte Schlüsselszene der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts. In Günter Grass’ „Blechtrommel“ etwa wird sie auf den Satz Oskar Matzeraths komprimiert: „Die Russen probierten Nähmaschinen, Fahrräder und Frauen aus.“

In einem seiner wenigen Interviews verweist Buhl ebenso hellsichtig wie nüchtern auf die gesellschaftspolitischen und historischen Motive, die einer frühen Rezeption seines Romans im Wege standen. Schwerpunkt bei der Aufarbeitung des Nationalsozialismus sei nun einmal die deutsche Schuld. „Die Massenvergewaltigungen von deutschen Frauen, die Leiden der Zivilbevölkerung überhaupt, wurden in der Regel als Folge der deutschen Verbrechen gesehen und so auch literarisch meist eher beiläufig behandelt. Die subtile öffentliche Nötigung zu dieser Art des Umgangs mit der Vergangenheit war im Grunde ein verordnetes Schweigen auf Kosten der Opfer, einer wirklichen Verarbeitung stand es im Wege.“ (Frankfurter Rundschau vom 4. Januar 2011)

Von wirklicher Verarbeitung konnte denn auch nicht die Rede sein, als die große Koalition aus CDU und SPD unter Bundeskanzlerin Angela Merkel 2005 im Koalitionsvertrag ein „sichtbares Zeichen“ in der Mitte Berlins vereinbart hatte, das an das Unrecht von Vertreibungen erinnern sollte. In der vagen Formulierung wurde deutlich, wie wenig die Parteien zu Festlegungen bereit waren. Dass es überhaupt notiert wurde, verwies indes auf ein wachsendes gesellschaftliches Bedürfnis, festgezurrte Antagonismen aufzuweichen.

Vorangegangen war eine mehrjährige Debatte, in der immer wieder auch von einem Zentrum gegen Vertreibungen die Rede war. Zur politischen Wahrheit der demnächst im ehemaligen Deutschlandhaus am Anhalter Bahnhof zu besichtigenden Dauerausstellung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung gehört die Geschichte zweier gegensätzlicher politischer Charaktere.

Die CDU-Abgeordnete Erika Steinbach war in der späten Bundesrepublik zum Gesicht – und für viele wohl auch zum Feindbild – der deutschen Vertriebenenpolitik geworden. Es war ihr gelungen, das knöcherne Selbstbild landsmannschaftlicher Interessenvertretung zu modernisieren. Immer wieder jedoch konterkarierte sie dies durch schrille Interventionen in aggressiv-apodiktischer Tonlage, die wenig Spielraum für Kompromisse ließen. Erstaunlicherweise aber hatte Steinbach in dem SPD-Intellektuellen Peter Glotz einen Partner gefunden, für den die Erfahrungen seiner sudetendeutschen Familie zum Antrieb geworden waren, die historischen Versäumnisse der deutschen Nachkriegsdemokratie zu beheben.

Plötzlich schien die Beseitigung lange gehegter Tabus möglich. Dabei darf allerdings nicht übersehen werden, dass es lediglich um eine späte Korrektur festgefügter Weltbilder innerhalb der deutschen Geschichtspolitik ging. Von einer europäischen Perspektive und der Einbeziehung der jeweils betroffenen Nachbarländer war man weit entfernt. „Deutschland soll endlich seine Gesellschaft darüber aufklären“, so der polnische Historiker Tomasz Szarota 2009, „dass nicht Flucht und Vertreibung vieler Menschen aus ihren angestammten Gebieten das größte Unglück des Zweiten Weltkriegs darstellt. Eine viel größere Tragödie war die Vertreibung aus dem Leben.“

Wer wie die Vertriebenenverbände auf die gewaltsame Vertreibungsgeschichte verwies, machte sich verdächtig, die deutsche Kriegsschuld mit Hilfe einer eigenen Opfererzählung relativieren zu wollen. Vor allem für Polen und Tschechen schien es angesichts der Verheerungen, die das NS-Regime in ihren Ländern angerichtet hatte, unerträglich, ausgerechnet von Deutschland aus damit konfrontiert zu werden, dass eine hinreichend aufgearbeitete Gewaltgeschichte der Jahre um 1945 in den jeweiligen Regionen noch ausstehe.

In der Genese der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung waren die Fragen der Repräsentation und der thematischen Gewichtung eine permanente Quelle für Konflikte, die in umstrittenen Personalfragen und demonstrativen Rückzügen ihren Niederschlag fanden. Wiederholt traten Historiker aus den wissenschaftlichen Beratungsgremien zurück, als dauerhafte Belastung erwies sich die Frage nach der Zahl und Rolle der Vertriebenenverbände in der Stiftung, die sich an der Personalie Steinbach immer wieder aufs Neue entzündete. „Diese Person (…) wird in den deutsch-polnischen Beziehungen immer für einen Missklang sorgen“, erklärte der polnische Ministerpräsident Donald Tusk 2009 resigniert. Aus heutiger Sicht ist es nur noch verwunderlich, wie die zu polemischen Ausfällen neigende Steinbach ihre Partei samt Kanzlerin als ideologische Geisel zu nehmen vermochte. Ohne Steinbach allerdings wäre dieses ambitionierte kulturpolitische Projekt, dessen Umsetzung nun eher einen Anfang als einen Endpunkt bildet, gewiss nicht zustande gekommen.

Zu keinem Zeitpunkt war die Idee des „sichtbaren Zeichens“ frei von den Interessen nationalstaatlicher Identitätsbildung. Doch während Europa um die Jahrtausendwende von prosperierenden und liberalen Gesellschaften getragen war, herrscht nunmehr eine Atmosphäre des Misstrauens, in der nationale und illiberale Durchsetzungsfantasien den Ton angeben. Selbst die gemeinsame Erweiterung des historischen und sozialwissenschaftlichen Blicks scheint an ihre Grenzen gestoßen, nicht nur im wissenschaftlichen Beitrag der Stiftung, die so hoffnungsvoll das Wort Versöhnung im Namen führt.

So ist der polnische Historiker Krzysztof Ruchniewicz, der zwischenzeitlich zu den historischen Beratern der Stiftung gehörte, mehr als skeptisch. Ihm fehlt eine angemessene Berücksichtigung des Schemas von Ursache und Wirkung beim Blick auf Zwangsmigration im historischen Kontext. Den großen Raum, der der Vertreibung der Deutschen in der Ausstellung eingeräumt wird, findet Ruchniewicz problematisch.

Genau das aber ist ein im Stiftungsauftrag festgeschriebener Schwerpunkt der Dauerausstellung, die seit fünf Jahren von der Historikerin und Stiftungsdirektorin Gundula Bavendamm vorbereitet wird. Die nun im Deutschlandhaus am Anhalter Bahnhof untergebrachte Stiftung erwies sich jahrelang als schwierige Baustelle, keineswegs nur wegen der immer wieder neue Verzögerungen nach sich ziehenden baulichen Entwicklung.

Braucht es heute dieses „sichtbare Zeichen“ noch? Ist diese Form einer nationalen Selbstvergewisserung noch angemessen? Flucht und Vertreibung haben sich in jüngerer Zeit als dominante Erfahrungen einer weltweiten Gewaltpolitik erwiesen, die sich von repräsentativen Geschichtsdarstellungen weitgehend entkoppelt hat. Auf die Frage, warum er sich nie an der Debatte um ein Zentrum gegen Vertreibung beteiligt habe, antwortete Theodor Buhl fünf Jahre vor seinem Tod im Jahre 2016: „Ich bin 74 Jahre alt, ich möchte schreiben. Ich möchte in keine politische Diskussion eingreifen. Ich glaube auch nicht, dass man als Autor, der aus der Erinnerung heraus schreibt, besonders prädestiniert ist für eine solche Debatte. Ich kann meinen Roman nur als Material anbieten, nicht als Argument.“

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