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Ein Leben, so eingeschränkt, dass es diesen Namen kaum verdient: Schweinetransport Richtung Tönnies Mitte Juli. Die Schlachtungen sind soeben wieder aufgenommen worden.

Unter Tieren

Die Schweine der Nazis

  • vonHilal Sezgin
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In der August-Ausgabe ihrer Kolumne „Unter Tieren“ erzählt Hilal Sezgin vom Leben der Schweine und von den Illusionen der Menschen.

Es mag Zufall gewesen sein, oder man könnte auch schlicht von einer Einbildung sprechen – aber just an dem Tag, an dem Tönnies in Rheda-Wiedenbrück wieder schlachten durfte, sah ich vermehrt Schweinetransporter auf unseren Landstraßen. Zwischen den Lüftungsschlitzen war die leicht rosafarbene Haut zu erkennen und die typischen gebogenen Rücken. Vielleicht kreuzt sich der eigene Blick gar mit einem Paar Augen, oder ein Rüssel wird durch die Öffnung nach außen gestreckt. Wenn der betreffende LKW dann außer Sicht ist, vielleicht zwanzig Meter später, trifft der Geruch der Schweine wie eine letzte stumme Anklage die menschliche Nase selbst im geschlossenen PKW mit voller Wucht.

Es sind Wesen, hinter denen wenige Monate Leben liegen – ein Leben, so eingeschränkt, dass es diesen Namen kaum verdient. Quasi von der ersten Stunde an waren ihre Körper ökonomischen Zwängen unterworfen – nein, vorher schon! Beginnend bei dem Sperma, mit dem ihre Mutter besamt wurde, und mit den Dokumenten, die „Wurfleistung“, Ferkelsterblichkeit, Wachstumsgeschwindigkeit, Fett- und Muskelanteil protokollieren. Die Geschichte der Schweinezucht ist der Siegeszug des ökonomischen Kalküls über das Leben, und die Übel, die heute mit dem Stichwort „Massentierhaltung“ in Verbindung gebracht werden, begannen schon lange davor.

Denken wir einmal an die so genannten alten Schweinerassen wie das Bunte Bentheimer Schwein, das Schwäbisch-Hällische Schwein oder das Angler Sattelschwein. Auf Arche-Höfen werden solche „bedrohten“ Rassen weiter gezüchtet, in Bio-Hofläden dargeboten und von Selbstversorgern mit bestem Gewissen geschlachtet. Sogar auf Speisekarten wurden solche Bezeichnungen schon gesichtet. – Was für ein erbärmlicher Marketing-Trick! Zunächst einmal ist es für das jeweilige Tier selbst völlig gleichgültig, ob es das vorletzte seiner Art (Spitzmaulnashorn) oder das achtmilliardste (Mensch) ist – alle hängen an ihrem Leben. Und im Zentrum der Ethik rund ums Töten, Leben und Leben-Lassen steht nun einmal das Individuum, nicht irgendeine fiktive Größe wie die „Rasse“ oder auch die Art.

Zudem sind diese „alten“ Rassen nicht annähernd so alt, wie es die nostalgisch-verklärende Rede suggeriert. Dies sind nicht die Schweinetypen, die noch bis zum Beginn der Frühen Neuzeit frei umherstreiften, sich eine Menge Futter selber suchten und sich immer wieder mit Wildschweinen kreuzten. Denn ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts machten Bevölkerungswachstum, die Industrialisierung und die Verstädterung die Zucht neuer (heute: „alter“) Schweinerassen auf dem europäischen Kontinent erforderlich: Schweine, die auch bei der Haltung in kleinen Ställen und Koben „effiziente“ Futterverwerter waren.

Seit damals wurden Wurfgrößen, Mastgeschwindigkeit und Fettanteil erfasst und im Rahmen des Vier-Jahres-Plans der Nazis sogar zum Gegenstand offizieller Politik: Man wollte eine Selbstversorgung Deutschlands vor allem mit Fett erreichen. (Tiago Saraiva: „Fascist Pigs“. MIT Press 2018). In etlichen Zucht- und Forschungsanstalten der Nazis wurden insbesondere Edelschweine, veredelte Landschweine, Schwäbisch-Haller, Berkshires, Cornwalls und Hildesheimer Landschweine gehalten, manche wie das Angler Sattelschwein erst während der NS-Zeit als eigene Rasse anerkannt.

Bis heute sind die Stammbäume zum Beispiel der deutschen Edelschweinzucht bis in die Nachkriegszeit erhalten, mit Namen wie Markwart und Nandolf, Fremdling und Liebling, Dirne und Heimchen, Wotan und Werwolf.

Erst Ende der 1950er Jahre änderte sich der Geschmack der Verbraucher, seither legt man lieber fettarme Körperteile auf den Grill. Und die heutigen Tiere gehören keinen einheitlichen Rassen mehr an, sondern werden gezielt aus diversen Genpoolen zusammengekreuzt („hybrid“). Egal aber, was die Züchter mit ihnen anstellten, ob die Schweine helle Haut haben oder dunkle, ob Flecken oder zusätzliche Rippen: Alle heutigen Schweine haben sich das gesamte Verhaltensrepertoire ihrer Vorfahren bewahrt, sie haben (oder: benötigen) ein komplexes Sozialverhalten, sie wollen wühlen und ihrem Nachwuchs ein Nest bauen. Sogar die stark verzüchteten Hybdridschweine erweisen sich in Freilandversuchen als selbstständig lebensfähig.

Und nichts, aber rein gar nichts, was derzeit als Reform oder Reförmchen der Schweinehaltung diskutiert wird, wird diesen schlauen und lebenslustigen Tieren auch nur im Entferntesten gerecht.

Hilal Sezgin, Jahrgang 1970, lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide. Jeweils zu Monatsbeginn schreibt sie an dieser Stelle „Unter Tieren“.

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