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„How dare you?“, „Wie könnt ihr es wagen?“: Greta Thunberg beim Klimagipfel 2019.
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„How dare you?“, „Wie könnt ihr es wagen?“: Greta Thunberg beim Klimagipfel 2019.

Politische Kultur

Die Rückkehr des Pathos

  • vonBjörn Hayer
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Fakes, Mahnungen, Zuspitzungen und neuer Schwung für die Wahrheit: Wie eine ambivalente Gefühlskultur Einzug in die Politik und den Diskurs der Gegenwart hält.

Es sei ein „beispielloser Angriff auf unsere Demokratie“ gewesen, die vielen ansonsten als „ein Leuchtfeuer der Hoffnung“ gelte. Joe Biden sparte nicht an Emphase, als er den Sturm auf das Kapitol kommentierte. Sein staatsmännischer Ton entsprang dabei nicht nur der Entrüstung, sondern zielte im Weiteren auch darauf, gerade an diesem historischen Tiefpunkt die guten Seiten der Vereinigten Staaten heraufzubeschwören. Während sich somit der künftige Präsident um Besonnenheit und Einheit mühte, goss der aktuelle mit agitatorischer Verve Öl ins Feuer: „Wir werden niemals nachgeben. Man gibt nicht nach, wenn es um den Diebstahl geht“, rief Trump seinen Anhängern zu. Was in diesen Worten gipfelte, fand spätestens mit der vor Selbstbewusstsein nur so strotzenden Proklamation „Make America Great Again!“ ihren Anfang: eine neue Ära in der politischen Kultur, die sich der großen Gesten und inbrünstigen Rede verschreibt.

Auch im deutschsprachigen Raum macht sich seit einigen Jahren ein derartiger Stilumbruch bemerkbar. Anfangs vor allem aufseiten der Extremisten. Alexander Gauland kündigte unmittelbar am Abend der letzten Bundestagswahl und unter tobendem Applaus an, die Merkel-Regierung „jagen“ zu wollen, Björn Höcke forderte bei nicht geringerer Begeisterung im Saal die „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“. Was Trump und die AfD, aber auch Führungsfiguren wie Viktor Orbán und Recep Tayyip Erdogan jenseits ihrer politischen Programme eint, ist ihre gemeinsame Gefühlspolitik, die insbesondere auf Pathos beruht.

Während in Zeiten von Herbert Wehner im Plenarsaal noch die Fetzen flogen, galt das Pathos in den Parlamentsreden viele Jahre als ausgestorben, was unterschiedliche Gründe haben dürfte. Der naheliegendste ist sicherlich am Merkel-Code festzumachen. Dieser steht für Abwägen und Rationalisieren, für das Aussitzen und allenfalls zurückhaltende Moderieren hitziger Debatten. Er setzt auf Nüchternheit und sachlichen Ton. Was der Seele der krisengebeutelten Gesellschaft sicherlich manchmal gut getan hat, war für den harten Austausch um die Sache nicht immer von Vorteil.

Eine andere Ursache für den Tod des Pathos dürfte in einer historischen Entwicklung zu finden sein – entfachte es im 20. Jahrhundert seine Schlagkraft doch vor allem in totalitären Regimen. Goebbels und Hitler könnte man als Paradebeispiele für eine so mitreißende wie teuflische Redegewalt bezeichnen. Auch Stalin sparte nicht mit auftrumpfender Sprache, um die vermeintliche Exzellenz des Sowjetsozialismus zu beschwören. Es überrascht daher kaum, dass nach 1990 vor allem die negative Seite des Pathos im Bewusstsein blieb: als Brandbeschleuniger für fatale Massenmobilisierungen.

Dabei hat das Pathos eine differenziertere Geschichte als ausschließlich jene der Manipulation, des Trugs und der Aufhetzerei vorzuweisen. Seinen Ursprung findet es, abgeleitet von paschein („erleiden“), in der Tragödientheorie des Aristoteles. Hier gründet es sich vornehmlich auf dem Untergang des Helden, der beim Publikum éleos („Jammer“) und phóbos („Schauder“) hervorruft. Zur Besserung der Menschen sollte der Affekt beitragen: Durch das Mitfühlen mit dem leidenden Helden sollten sie des Glücks einer inneren Reinigung, der Katharsis, teilhaftig werden.

Selbst wenn das Pathos immer wieder auch skeptisch beäugt wurde, setzte es seine Erfolgsgeschichte bis ins 18. Jahrhundert fort. Johann Jakob Breitinger fasste es in seiner „Critischen Dichtkunst“ (1740) als „herzrührend“ auf. Als Stilelement sollte es genau das Gegenteil von Lüge transportieren, nämlich Natürlichkeit und Echtheit. In seiner empfindsamen Form taugte es für wahre Tränen bei Liebesgeständnissen oder zur Erzeugung einer andächtigen Stimmung. Spätestens mit Johann Georg Sulzers „Allgemeiner Theorie der schönen Künste“ (1771/1774) trübte sich allerdings die Offenbarungsqualität ein. Gelinge es nicht, Pathos aus wahrem innerem Antrieb heraus zu evozieren, so sei es „nur schwülstig oder übertrieben“.

In der Moderne, überschattet von zwei Weltkriegen und diktatorischen Ideologiemaschinerien, lässt sich, wie Cornelia Zumbusch schreibt, zuletzt nur noch eine „Aporie des Pathos zwischen unmittelbarer Gewalt und künstlicher Gestaltung“ verzeichnen.

Doch woher rührt nun seine Wiederauferstehung? Gewiss haben sich insbesondere Politikerinnen und Politiker rechts der Mitte seine Überzeugungsfunktion zueigen gemacht. Ihre Strategie ging auf: Je höher die Drastik im Ton, je spalterischer und hasserfüllter die Angriffslust ausfiel, desto mehr Zuspruch fanden sie unter ihrer Anhängerschaft. Der beschwörerische Habitus wischt alle Bedenken beiseite. Das Pathos des Dagegen kleidet sich dabei ins Pathos einer vermeintlich nationalen Einheit, gründend auf einer ausgrenzenden und bisweilen völkischen Ideologie. Dass sie vielen nicht krude erscheint, erklärt sich eben durch ihre Verpackung, die eine banale Heilsbotschaft verspricht.

Was sich darüber hinaus bemerkbar macht, ist die Übernahme der Gefühlspolitik auch in der politischen Konkurrenz sowie in progressiven Bewegungen. Unvergessen dürfte der Geschichtsschreibung Greta Thunbergs Empörungspathos „How dare you?“ beim Klimagipfel in New York bleiben. Ihre Gefolgschaft: Junge Menschen, die zu Recht entschlossenen Klimaschutz einfordern. Es geht um die „Rettung des Planeten“, es gilt, den „Kollaps“ und die „Katastrophe“ zu verhindern.

Auch der Beitrag der ansonsten für ihre gedämpfte Kommunikationskultur bekannten Bundeskanzlerin in der zurückliegenden Generaldebatte zur Corona-Politik zeugt von Suggestionsvermögen: „Wenn wir jetzt vor Weihnachten zu viele Kontakte haben und anschließend es das letzte Weihnachten mit den Großeltern war, dann werden wir etwas versäumt haben. Das sollten wir nicht tun“, so die Regierungschefin.

Während das Pathos in den vergangenen Jahren also gerade die Ausbreitung von Fakes und Mythen beförderte, scheint zugleich auch dessen lange verschüttete andere Seite wieder fruchtbar zu werden: ein Pathos, das grundlegende Wahrheiten zuspitzt und mit umso mehr Nachdruck im öffentlichen Diskurs vermitteln soll.

Nun mag man dagegenhalten, dass Emotionalisierung immer auch wieder neue Emotionalisierung von der anderen Seite bedingen und so das ohnehin schon vergiftete Diskussionsklima noch weiter schädigen könne. Das muss nicht so sein. Denn dass das Pathos auch Eingang in die Rhetorik des gemäßigten Lagers findet, gibt Anlass zum Optimismus. Die Rede ist von der Renaissance einer demokratischen Kultur, die wieder von Leidenschaft und Streitlust zeugt. Politik braucht neben Fakten Gefühle. Nur sie sind dazu imstande, breite Partizipation herzustellen. Sie setzen Begeisterung frei und lassen Menschen für eine Sache kämpfen.

Barack Obama wusste die Aura des Pathos intelligent in seinem Wahlkampf einzusetzen, um gerade jene zu motivieren, die sich trotz aller guten Argumente nicht mehr angesprochen fühlten. Indem auch Boris Johnson oder Donald Trump genau auf dieser Stilklaviatur spielten, zeigt sich das Pathos erneut in seiner Ambivalenz. Wie redlich ist es, sich von ihm mitreißen zu lassen? Völlige Hingabe wäre kein guter Rat und geradezu ahistorisch. Doch die mit ihm verbundenen Affekte – Aby Warburg spricht von „Ausdrucksformen des maximalen inneren Ergriffenseins“ – erweisen sich als nötige Versorgungsstoffe einer Demokratie, solange sie von Wachsamkeit begleitet werden. Sind wir dazu bereit, überlassen wir die Affektkultur nicht mehr den Extremen, sondern pflegen sie in unsere Weisen des politischen Austausches ein. Das Pathos könnte den politischen Biedermeier aus so mancher Wohlstandsstube hinauspusten.

Neben der Repolitisierung und Dynamisierung birgt das redliche Pathos auch ein Potenzial zur Versöhnung, indem es den Einheitsgeist befördert. Joe Biden hat diese Wendung – zumindest rhetorisch – bereits unter Beweis gestellt. Von Heilung sprach er im vergangenen November. Er sinnt auf ein neues Miteinander und bedient sich dazu eines friedenspriesterlichen Charismas. Der feierliche Ton, er könnte als Kitt dienen – gerade dort, wo Gegensätze bislang aufeinanderprallen. Und wie wusste schon der literarische Großmeister des Pathos, Friedrich Hölderlin, zu sagen: „Versöhnung ist mitten im Streit“.

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