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Kühe, ganz für sich auf einem Bergpass in den französischen Alpen.
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Kühe, ganz für sich auf einem Bergpass in den französischen Alpen.

UNTER TIEREN

Die „richtige“ Berührung

  • VonHilal Sezgin
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In der März-Ausgabe ihrer Kolumne „Unter Tieren“ schaut sich Hilal Sezgin eine Kuhtoilette genauer an. Es gefällt ihr nicht, was sie da sieht.

Ich habe mir eben das Video von einer Kuhtoilette angeschaut und bin mehr oder weniger sprachlos. Was sich mit den Aufgaben einer Kolumnistin nicht gut verträgt. Daher zunächst einige grundlegende Erläuterungen: Bei der Kuhtoilette handelt es sich um die Erfindung eines niederländischen Unternehmens für Agrartechnologie, das dem Ammoniakproblem auf die Pelle rücken will. Bekanntlich leidet in weiten Teilen der Niederlande (und Deutschlands) die Grundwasserqualität unter den großen Mengen von Gülle, die bei der Tierhaltung anfällt. Die Kuhtoilette soll daher den Urin auffangen, bevor er in den Mist gelangt.

In dem Erklärvideo zu der Erfindung – die mit dem diesjährigen Innovation Award in Gold der Fachmesse EuroTier ausgezeichnet wurde – sieht man den Erfinder neben einer beeindruckenden Riege aus 1000-Liter-Containern voller Urin stehen und optimistisch mutmaßen, dass sich aus reinem Urin künftig ganz wunderbar Energie, Brennstoff und Wasserstoff gewinnen lasse.

Die Sprache verschlagen hat mir allerdings ein anderer Teil des Erklärvideos, in dem sich nämlich der Erfinder dem Hinterteil einer Kuh nähert und ihre Topographie gestisch interpretiert wie ein Fernsehmeterologe die Wetterkarte. Zwischen Vulva und Euter der Kuh, so erfahren wir, verläuft ein Nervenstrang. Wenn man diesen, so der Ingenieur, „auf die richtige Weise berührt“ – wir sehen die Ingenieurshand mehrfach zwischen Vulva und Euter der Kuh hoch und runter streichen – beginnt die Kuh, „spontan“ Wasser zu lassen. Der Ingenieur und ich haben nicht ganz dieselbe Vorstellung von Spontaneität, doch in jenem Moment, wo besagter Reflex tatsächlich einsetzt, die Kuh ihr Hinterteil verschiebt und sich die Harnröhrenöffnung weitet, zaubert der Ingenieur ein Behältnis hervor, in das sich der Urin der Kuh wasserfallartig ergießt.

Um die Übersetzungen aus dem Niederländischen zu erfassen, habe ich mir dieses Video mehrfach angeschaut, und damit vermutlich häufiger, als mir guttat. Ich glaube nicht, dass ich das Wort Vulva je so oft und so sachlich und selbstverständlich gehört habe wie hier. Ich musste an Mithu Sanyals Buch „Vulva“ und das feministische Anliegen denken, die Sexualität der gesamten Vulvaregion zur Sprache zu bringen, statt immer nur die Vagina als möglichen Beherbergungsort des Penis ins Visier zu nehmen. Hier war ständig ganz ohne Scham von Vulva die Rede, und es war leider ganz unfeministisch. Wo die Ingenieurshand auf und ab streicht, ist Intimregion. Ich fand den Anblick zunehmend irritierend.

Aber machen Landwirte und Tierärztinnen das nicht andauernd? Klar, wer einem Kalb auf die Welt helfen will, muss bisweilen in die Scheide fassen – aber das ist Hilfe im Notfall. Kein Notfall hingegen ist die Besamung der Kuh, bei der eine Hand in den Mastdarm eingeführt wird, um von da die Scheidenfalten zu glätten und zu ermöglichen, dass der Besamungskatheter, den die andere Hand führt, durch den Muttermund die Gebärmutter erreicht. Hierzu wird der After abgewischt, eventuell der Darm „ausgeräumt“ und viel Gleitmittel verwendet. Dazu muss die Kuh fixiert werden, wie natürlich auch Sau und Pute bei der Besamung durch den Menschen nicht freiwillig stillhalten.

Zugegeben, ich vermag nicht zu ermessen, was die jeweiligen Tiere dabei empfinden. Erschreckend ist aber doch, warum das Herumfuhrwerken in den Vaginas und Gedärmen anderer Wesen nicht jenseits der menschlichen Schamgrenze liegt. Dies sind sexuelle Handlungen. Handlungen also, die sich Nerven, Impulse, Reaktionsweisen zunutze machen, die aus dem sexuellen Verhalten von Lebewesen stammen, deren Physiologie der unseren stark ähnelt. Ist es nicht befremdlich, und entfremdend, wenn Ingenieure und Kameraleute und Experten minutenlang um die Vulva einer Kuh herumstehen und einander die „richtige“ Berührung demonstrieren?

Und was macht es nicht nur mit der Kuh, sondern auch mit dem Menschen, wenn er die Vulva eines anderen Wesens wie eine Schaltfläche bedient, damit aus diversen Öffnungen etwas Bestimmtes hinein oder anderes herauskommt? („Entsamungen“ durch die menschliche Hand gibt es übrigens auch.) Das kann einfach nicht gut sein, denke ich. Weder für das Tier, das zur Maschine degradiert wird, noch für Körperverständnis und Sexualität der Menschen.

Hilal Sezgin , Jahrgang 1970, lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide. Jeweils zu Monatsbeginn schreibt sie an dieser Stelle „Unter Tieren“.

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