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„Tetes et Queue“ von Alexander Calder vor der Neuen Nationalgalerie.
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„Tetes et Queue“ von Alexander Calder vor der Neuen Nationalgalerie.

Neue Nationalgalerie Berlin

Die Neue Nationalgalerie und Werner Haftmann: Scheitern vor der historischen Verantwortung

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Mit drei Ausstellungen öffnet die Neue Nationalgalerie ihre Pforten – und trivialisiert dabei die Nazi-Verstrickungen ihres früheren Direktors.

Auf der Besucherplattform vor der Neuen Nationalgalerie in Berlin glänzt ein blank-polierter Bolide in grell-bunten Farben. Es handelt sich dabei um einen sogenannten Art-Proof, den Entwurf eines 70er-Jahre-Rennwagens, den der US-amerikanische Bildhauer Alexander Calder als Kunstwerk für BMW entworfen hat.

Mit einer großen Retrospektive des 1976 gestorbenen Künstlers eröffnet die Neue Nationalgalerie an diesem Sonntag auf dem Kulturforum nach mehrjähriger Renovierung ihre faszinierenden Ausstellungsräume für das Publikum; außerdem wird in einer völlig neu konzipierten Schau die Sammlung der Neuen Nationalgalerie präsentiert: „Die Kunst der Gesellschaft 1900 – 1945“.

Zumindest für eines der Werke Alexander Calders bedeutet die Wiedereröffnung eine Rückkehr, die Skulptur „Têtes et Queue“ stellte auf der Terrasse des Hauses lange einen filigran-robusten Kontrapunkt zur spektakulären Architektur Mies van der Rohes dar. Gedacht war die Schau Calders wohl als Reminiszenz an die frühen Jahre, inzwischen aber wirkt sie wie eine verschwiemelte Ausblendung der politischen Vergangenheit Werner Haftmanns, des Gründungsdirektors.

Wer war Werner Haftmann? Ehe er zwischen 1967 und 1974 zur herausragenden Person des Berliner Kunstlebens avancierte und als erster Direktor der Neuen Nationalgalerie berufen wurde, war Haftmann neben Arnold Bode Ideengeber und künstlerischer Leiter der Weltausstellungen Documenta I, II, und III in Kassel. Zu den jeweiligen Ausstellungen in den Jahren 1955, 1959 und 1964 hatte er auch Calder eingeladen, dessen abstrakt-kinetische Werke seine Vorstellungen einer ästhetischen Moderne auf ideale Weise verkörperten. In der Abstraktion überspringt die Kunst, so Haftmanns Gedanke, nicht nur die Gegenständlichkeit, sondern auch die Geschichte, die in seinem Fall hässliche Spuren hinterlassen hat.

„Aktuell kritisch beleuchtet“

Auf einer kurzen Hinweistafel in der Ausstellung „Die Kunst der Gesellschaft 1900–1945“ liest sich das so: „Haftmanns Lebenswerk wird aktuell kritisch beleuchtet, nicht nur im Zusammenhang mit seinen einflussreichen Schriften, etwa zur von den Nazis verfemten Moderne, sondern auch vor dem Hintergrund seiner Biografie. Wie viele andere im Kulturbetrieb oder Staatsdienst der Nachkriegszeit verschwieg und verleugnete Werner Haftmann wesentliche Aspekte seiner Mitwirkung in Hitlers Terror-Regime.“

Wie viele andere? Die Erläuterungen zu Haftmanns Person wirken in der Ausstellung wie eine lästige Mitteilungspflicht, die die elegante Kür der Ausstellungen nicht vermasseln soll. Tatsächlich sind wichtige Hinweise zu den erheblichen Verstrickungen Haftmanns in das NS-Regime erst vor wenigen Monaten ermittelt worden. Im März konnten der Soziologe Heinz Bude und die Historikerin Karin Wieland belegen, dass Haftmann nicht nur NSDAP-Mitglied war, sondern auch einer Kampfeinheit der SA angehörte.

Dass Haftmann dem Nationalsozialismus nicht nur gewogen, sondern aktiv an verbrecherischen Gewaltakten beteiligt war, belegte unlängst der Historiker Carlo Gentile, indem er den Nachweis erbrachte, dass dieser während seiner Kriegszeit in Italien an Erschießungen von Partisanen beteiligt war. An den Händen des so feinsinnigen Kunstverstehers klebte Blut, und keineswegs abwegig ist der Gedanke, dass der unmittelbare Aktionismus, den er in NS-Organisationen gelebt hat, auch mit seinem Verständnis von künstlerischer Modernität korrespondierte.

Von all dem erfährt man in der neu konzipierten Ausstellung allein die sparsamen Daten. Haftmanns NS-Zugehörigkeiten werden erwähnt, seine Aktivitäten angedeutet. Der Hinweis, dass seine Biografie kritisch beleuchtet wird, lässt so auch den Gedanken zu, dass man es auch ganz anders sehen könne. Wie anders, verrät das kleine Hinweisschild auch: „Werner Haftmann hat in seiner 7-jährigen Amtszeit die Sammlung durch populäre Ankäufe erweitert und in der Glashalle spektakuläre Ausstellungsprojekte – wie etwa die Mondrian-Schau – ermöglicht.“

Er bleibt der „Ermöglicher“

Von dem Ermöglicher Haftmann, das zeigt diese große Ausstellung in einer kleinen Nische, möchte man sich in der Neuen Nationalgalerie nicht ohne weiteres verabschieden. Es ist ein großartiges Signal an die Kunstwelt, dass die Neue Nationalgalerie nach den Jahren der Schließung wieder öffentlich zugänglich ist – aber es ist ein klägliches Scheitern vor der geschichtspolitischen Verantwortung, die Rolle und Bedeutung Werner Haftmanns in Berlin noch immer nicht schonungslos aufgearbeitet zu haben.

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