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Die Mandschu-Dynastie dankt ab: In Anwesenheit des fünfjährigen Kaisers unterschreibt Kaiserinwitwe Cixi. Illustration aus einer französischen Zeitschrift von 1912. Imago Images

Imperien

Die Legende von der westlichen Überlegenheit

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Verglichen mit China und dem Osmanischen Reich waren die Kolonialmächte zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert mickrige Zwergstaaten.

Die Zeit zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert wird gerne die der Eroberungen und Entdeckungen genannt. Gemeint ist damit, dass die europäischen Staaten damals auf der ganzen Welt unterwegs waren und sich die Erde untertan machten. Ihre militärische Technologie und Taktik sei dem Rest der Welt überlegen gewesen. Es kam zur ersten großen Globalisierung der modernen Welt durch die Ausdehnung Europas auf den gesamten Erdball. So haben wir es in der Schule gelernt und so steckt es in unseren Köpfen.

Jason Sharman hält das für völlig verkehrt. Er lenkt unseren Blick auf das nordindisch-muslimische Mogulreich. Das umfasste Ende des 17. Jahrhunderts, als Europa sich gerade vom Dreißigjährigen Krieg zu erholen begann, ein Territorium von 3,2 Millionen Quadratkilometern, herrschte über 100 bis 150 Millionen Menschen, also etwa 29 Prozent der damaligen Weltbevölkerung. Begründer des Mogulreiches waren die Timuriden gewesen, Nachfolger des turko-mongolischen Eroberers Tamerlan. 1526 hatten sie, aus Zentralasien kommend, Delhi erobert und von dort aus fast den gesamten indischen Subkontinent.

Die chinesische Ming-Dynastie löste 1368 die mongolischen Herrscher ab, die China seit 1279 regiert hatten. 1644 eroberten die ursprünglich aus der östlichen Mongolei stammenden Mandschu China. Erst die Revolution von 1911 macht ihrer Herrschaft ein Ende. Während der Qing-Dynastie hatte China die größte territoriale Ausdehnung seiner Geschichte erreicht. Zudem wuchs die Bevölkerung stark an von geschätzt etwa 56 Millionen im Jahr 1644 auf etwa 400 Millionen im Jahr 1911. Mit geschätzten 381 Millionen Einwohnern im Jahr 1820 lebten etwa 36 Prozent der gesamten Weltbevölkerung von damals (1,04 Milliarden) in seinen Grenzen und das Land erwirtschaftete etwa 33 Prozent der Weltwirtschaftsleistung – ungefähr so viel wie ganz Europa.

Deutlich mehr als mit den Europäern hatte China mit den einfallenden Stämmen aus Zentralasien zu kämpfen. Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein hatte es niemals eine Überlegenheit des Westens gegeben. In China wird heute gerne die Demütigung durch den Westen beschworen. Die Revolutionäre von 1911 dachten anders darüber. Sie stürzten die Mandschu-Dynastie als eine Fremdherrschaft, die sich das ganze Land unter den Nagel gerissen hatte und riefen am 1. Januar 1912 die Republik aus. Das älteste Kaiserhaus der Erde war gestürzt.

Die „Großen Mächte“, von denen Leopold von Ranke (1795-1886) in seinem sehr schönen Text aus den 1830er Jahren spricht, sind damit verglichen mickrige Zwergstaaten. Es gibt bei Ranke keinen Hinweis darauf, dass die wirklich großen Reiche jener Jahrhunderte die Produkte von Nachkommen nomadischer Reitervölker aus Zentralasien waren. Auch in vielen der heute erscheinenden Globalgeschichten wird das gerne übersehen.

Einzig in Lateinamerika war Europäern die Zerstörung indigener Staaten geglückt. Aber das war nicht das Werk überlegener Technologie, sondern das eines übermächtigen Verbündeten: Viren. Grippe und Masern, die die Europäer halbwegs ertrugen, reduzierten in wenigen Jahrzehnten die indigene Bevölkerung auf zehn Prozent des Bestandes, den sie hatte, als die Spanier in Mexiko und Peru blühende Städte zerstörten.

Jason Sharman ist Professor für Internationale Beziehungen am Department of Politics and International Studies im englischen Cambridge. Er ist bekannt für seine Arbeiten zu Finanz- und Wirtschaftsbetrug, zu Steuerparadiesen und Geldwäsche. Vergangenes Jahr erschien von ihm: „Empires of the Weak: The Real Story of European Expansion and the Creation of the New World Order“ (Princeton University Press). In diesem Jahr veröffentlichte er – wieder bei der Princeton University Press – zusammen mit Andrew Philipps von der Universität Queensland in Australien: „Outsourcing Empire: How Company-States Shaped the Modern World“. Sharman zeigt, dass die europäischen Staaten viel zu schwach waren, um den Kampf mit den asiatischen Großreichen aufzunehmen.

Man kann die Jahrhunderte von 1500 bis 1800 nicht begreifen, wenn man nur nach Westeuropa, nach Spanien und Portugal schaut und sich ansieht, wie nach und nach alle Muslime (und Juden) aus Spanien vertrieben werden, um aus einem Vielvölkerstaat ein Gelände zu schaffen, auf dem durch systematische Vertreibungen und Ermordungen die „limpieza de sangre“ (die „Reinheit des Blutes“) garantiert ist. Das war als Basis gedacht für die weitere Expansion. Blickt man aber auf Europa als Ganzes, dann ist die „Türkengefahr“ das Schlagwort der Epoche. Die Osmanen breiteten sich in der genannten Zeit auf dem osteuropäischen Festland deutlich weiter aus, als es den Europäern irgendwo auf der Welt gelingt.

Die berühmte europäische Expansion fand auf den Meeren statt. Portugiesischen Seefahrern wurde in Afrika immer wieder klargemacht, dass sie „die Herren des Wassers“ sein mögen, ihre schwarzen Handelspartner aber „die Herren des Landes“. Die europäischen privaten Handelsgesellschaften, die die wahren Motoren der Expansion waren, hatten kein Interesse an der Eroberung riesiger Territorien. Sie waren scharf auf Niederlassungen, die ihnen einen kontinuierlichen und weitgehend konfliktfreien Warenverkehr mit den entsprechenden Ländern gestatteten. Es ging meist um ein paar Häuserblocks in wichtigen Hafenstädten. Um deren Größe wurde gestritten, um die Sonderrechte für die westlichen Bewohner und darüber, wie Einheimische mit ihnen verkehren durften. Über alles wurde verhandelt. Vor allem natürlich um die Waren, die eingeführt und ausgeführt werden durften.

Imperialismus gab es. Selbstverständlich. Aber er setzte sehr viel später ein als die Legende von der westlichen Überlegenheit uns Glauben machen möchte. 1876 kontrollierten europäische Staaten gerade mal zehn Prozent des afrikanischen Territoriums. Zu Beginn des ersten Weltkriegs unterstanden 95 Prozent der Landfläche Afrikas europäischen Regierungen. Das war das Resultat des berühmten „scramble for Africa“ („Gerangel um Afrika“). Ähnliches gilt für den Indischen Ozean. Hier wurden europäische Mächte zugelassen. Erst im 19. Jahrhundert bekamen sie auch dort das Sagen.

Am 1. August 1740 wurde auf dem Landsitz des Prince of Wales Friedrich Ludwig von Hannover in Cliveden zum ersten Mal das Stück „Alfred“ aufgeführt und damit waren auch die berühmten Zeilen das erste Mal zu hören: „Rule, Britannia! Britannia rule the waves; Britons never will be slaves“ („Herrsche, Britannia! Britannia beherrsche die Wellen; Briten werden niemals Sklaven sein“). Zum Zeitpunkt der Uraufführung teilte sich die britische Marine die Vorherrschaft auf See noch mit Franzosen und Niederländern. Erst im 19. Jahrhundert, nach dem Sieg gegen Napoleon, beherrschte Britannia wirklich die Wellen. Nicht für lange, wie wir inzwischen wissen. Man muss auch die zweite Zeile lesen: „Britons never will be slaves“. Das war 1740 noch eine reale Alternative. Piraten kaperten Schiffe und verkauften Mannschaften und Passagiere auf den Sklavenmärkten. Für Europäer konnte man gute Preise erzielen.

Der Siegeszug der europäischen Staaten im 19. Jahrhundert hatte sicher viel mit der Entwicklung von Dampfschifffahrt und Eisenbahn, mit Repetier- und Maschinengewehren zu tun. Die erlaubten den europäischen Mächten nicht mehr nur hunderte oder ein paar Tausend bewaffnete Männer über die Ozeane und Kontinente zu transportieren, sondern Hunderttausende. Vor allem aber: Großmächte bleiben nicht Großmächte. Sie stürzen zusammen. Nicht unter den Schlägen überlegener Angreifer. Sie implodieren. Aus dem großen osmanischen Reich wurde der „kranke Mann am Bosporus“, das Mogulreich zerbrach an den Aufständen der unterworfenen Hindu-Bevölkerung und an den Konflikten innerhalb der herrschenden Elite. China wurde in Stücke zerrissen nicht von den Verheerungen seitens der europäischen Mächte während der Opium-Kriege. China war ausgeblutet im größten Bürgerkrieg des 19. Jahrhunderts. Der Taiping-Aufstand (1851-1864), der das „Himmlische Reich des großen Friedens“ eröffnen sollte, kostete 20 bis 30 Millionen Menschen das Leben. Es war nicht die westliche Überlegenheit, die für ein knappes Jahrhundert die europäischen Mächte – vor allem Großbritannien – zu den entscheidenden Faktoren der Weltwirtschaft und der Weltpolitik gemacht hatte, sondern es war der Zerfall der asiatischen Großmächte der frühen Neuzeit – Osmanen, Mogul, Mandschu -, der Europa nach oben katapultierte. Bis 1918, nachdem die Europäer sich zu Tode bekriegt hatten, das „amerikanische Jahrhundert“ eingeläutet wurde.

Auch der Aufstieg Chinas heute – so beeindruckend seine Wachstumszahlen auch sind – hat viel mit dem Niedergang der alten Weltmacht, den USA, zu tun. Die Vereinigten Staaten sehen sich überfordert von der Rolle des Weltpolizisten. Sie haben den Eindruck, mehr einzuzahlen, als dabei für sie herauskommt. Das war bei fast allen Großreichen der Weltgeschichte so. Sie brachten nur in sehr kurzen Phasen Geld, ansonsten kosteten sie. Das war der Grund, warum die USA sich hüteten, ein Empire aufzubauen.

Aber auch so ist den USA ihre Rolle zu teuer geworden. Also ziehen sie sich zurück. Die entstehenden Leerräume versucht China einzunehmen. Man betrachte nur sein Engagement in Iran. So ist China schon lange nicht mehr aufgetreten. Aber das ist schon die nächste Geschichte.

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