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Die Krise gönn‘ ich mir

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Von: Michael Hesse

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Das Auf und Ab der Wirtschaft: Krisen seien der Ökonomie immanent, konstatierten schon Karl Marx und Friedrich Engels.
Das Auf und Ab der Wirtschaft: Krisen seien der Ökonomie immanent, konstatierten schon Karl Marx und Friedrich Engels. © Imago/Westlight

Der Mensch der Moderne sieht sich einer Art Dauerkrise gegenüber, aus der es kein Entkommen gibt. Über einen Begriff, der Jahrhunderte überdauerte.

Fast drei Jahrzehnte vor der Französischen Revolution wagte der Philosoph Jean-Jaques Rousseau einen Blick in die Zukunft. Es war das Jahr 1762, seine epochemachende Schrift „Emile“ war soeben erschienen. Und in den dort von ihm niedergeschriebenen Zeilen erklärte er, dass er es als unmöglich erachte, dass die großen Monarchien Europas noch lange existieren könnten. Dem großen Denker der Aufklärung erschien es evident, dass eine Revolution vor der Tür stünde. Die bestehende Herrschaftsordnung habe keine Zukunft mehr. Aber nicht nur das. Es sei nicht so, dass eine glückliche Revolution erfolge, in der die Staatsmachten abdankten und einer anderen Form einfach Platz machen würden, sagte der Genfer und Ausländer im französischen Staat. Mit dem Umsturz beginne viel mehr das Stadium einer fortdauernden Krise. Der Theoretiker des „Contrait social“ erwartete einen Zustand der Unsicherheit und Ungewissheit, der Staat und Gesellschaft gleichermaßen erfassen würde. Und tatsächlich brach die feudale Welt mit der Französischen Revolution zusammen. Kriege folgten. Und es kam im 19. Jahrhundert zu einer Reihe von Revolutionen.

Es scheint, dass Rousseaus prophetische Kraft nichts an Aktualität verloren hat. Die Krise hat auch die heutige Welt fest im Griff. Entkommen können wir ihr nicht. Wie ein Patient, der auf dem Bett auf Besserung wartet, bis die Krise überstanden ist, wartet die globale Öffentlichkeit auf Linderung ihrer Leiden.

Dieser Eindruck verstärkt sich, sobald man das deutsche Wort „Krise“ googelt. 160 000 000 Ergebnisse werden angezeigt. Weit oben winkt sogleich der Wikipedia-Eintrag mit der semantischen Ebene des Wortes: „... im Allgemeinen ein Höhepunkt oder Wendepunkt einer gefährlichen Konfliktentwicklung ...“ Eine Krise sei ein Streit oder ein Zugausfall, Verlust oder Krankheit könne es aber auch bedeuten. Eigentlich aber seien Krisen individuell und von Mensch zu Mensch verschieden, heißt es bei Google.

Das Ergebnis macht stutzig. Wenn ein Wort für die unterschiedlichsten Phänomene zur Beschreibung dient, sollte man sich vergewissern, welchem Begriff es entspricht. Und spätestens seit den philosophischen Begriffslehren der Antike weiß man, dass je allgemeiner ein Begriff ist, desto inhaltsleerer ist er auch. Gipfelpunkt der philosophischen Spekulation war seit jeher der Begriff des Seins. Er galt für alles, was in irgendeinem Sinne „ist“. Zugleich ließ er sich wegen seiner höchsten Allgemeinheit auch nicht definieren. Der Begriff, der dem Wort „Krise“ unterliegt, ist gewiss nicht von gleicher Universalität wie das Sein der Philosophen. Aber dennoch scheint ihm seine spezifische Differenz abhandengekommen zu sein, so dass er auf alles und jedes passt.

Und so findet sich in unserer Welt quasi alles im Krisenmodus. Allen voran die Wirtschaft. „Trotz aller Krisen: Deutsche Wirtschaft mit Wachstum“, titelten die Zeitungen kürzlich. „Unsere Wirtschaft trotzt der Krise.“ Die Resilienz-Akademie wartet da sogleich mit der Zeile auf: „Krisen gesund überleben“.

Denn es gibt ja Lebenskrisen, Gesundheitskrisen, Ehekrisen, Jobkrisen, Seinskrisen, für alles Allzumenschliche scheint sich dieses Wort zu eignen. Im Fischer-Verlag verkauft sich das Buch: „Du bist in einer Krise. Herzlichen Glückwunsch. Jetzt wird alles gut!“ Eine Krise soll man sich ruhig einmal gönnen, um im Leben einen gewaltigen Schritt nach vorne tun zu können. CDU-Politiker Wolfgang Schäuble schrieb ein Buch mit dem Titel: „Grenzerfahrungen – Wie wir an Krisen wachsen“. Solche Titel sind heute gefragt. Der Begriff Krise ernährt mit der Coaching-Szene eine ganze Branche. Titel wie „Wozu Krise? Machen uns Krisen stärker?“ Oder auch: „Die Tragik der Krise“ ziehen eben. Das Zauberwort, das auf der anderen Seite des Ufers dem Begriff der Krise gegenübersteht, ist die Resilienz. Genau die wollen Coaches bei ihrer Klientel stärken. Sie werben damit, Menschen zu unterstützen, aus existenziellen Krisen neue Lebenskraft zu schöpfen. „Bleiben Sie in der Krise psychisch stabil und stärken Sie Ihre Resilienz“, heißt es. Krisen-Coaching per Video, Krisen-Coaching per Telefon. Alles möglich. „Krisen geben uns Chancen und Möglichkeiten“, lautet durchgängig das Credo. „Falls auch Du gerade in einer Krise steckst, lass Dir von unseren Krisen Coaches helfen.“ „Die Kraft der stillen Momente – Die Chancen deiner Krise.“ Es scheint, die eigentliche Orientierung in der Welt erfahre der Mensch nur noch in dem, was eine Krise ist. Und wer nicht drinsteckt, hat eben Pech gehabt.

Gerne werden auch Philosophen herbeizitiert, die etwas Gehaltvolles aus dem Gedanken der Krise herausklauben. Karl Jaspers sah in ihr eine „Existenzerhellung“. Der Mensch mache sich erst in einer solchen Situation bewusst, dass es Größeres gibt als uns. Nietzsche meinte lapidar, „was uns nicht umbringt, macht uns stärker“. Und die Philosophen Nikil Mukerji und Adriano Mannino geben sogleich im „Spiegel“ den passenden Rat: „Das Denken auf Vorrat ist sozusagen ein philosophischer Hamsterkauf, mit dem man sich für schlechte Zeiten absichert.“ In der Corona-Krise war die Nachfrage nach Philosophie groß. „Es ist die Zeit der Philosophie“ titelte das Handelsblatt. Einfach weil Krisenzeit ist.

Aber wie konnte dieses eine Wort eine solche Bedeutung erlangen? Nach Meinung des US-Psychologen Steven Pinker leben wir in der besten Zeit, die es je auf der Erde gegeben hat. Hoher Lebensstandard, viel weniger Krankheiten, höhere Lebenserwartung, Abnahme der Armut. Dennoch sollen wir in einer Zeit voller Krisen leben, die alle Bereiche unserer Existenz, gesellschaftlich, wirtschaftlich, politisch, umfassen? Ist die Phase der Wirtschaftskrise und der politischen Krise nicht vielmehr ein Interregnum, wie es der Kölner Soziologe Wolfgang Streeck bezeichnete? Sind Schwankungen in Lebensverläufen von Menschen nicht einfach die Norm und keine Lebenskrisen? Die unüberschaubare Vielzahl an Krisen, in denen der Gegenwartsmensch steckt, lässt in einem das Gefühl entstehen, die Apokalypse stehe kurz zuvor.

Das Wort Krise zählt in der Tat zu den ältesten Begriffen unserer politischen Sprache, entstammt jedoch der Medizin. Der berühmte Arzt Galen gebrauchte es im 3. Jahrhundert n. Chr. zur Beschreibung des Zustandes seiner Patienten. Aus dem Griechischen war crisis ins Lateinische transferiert worden, ohne eine semantische Verschiebung zu erleiden. Die Bedeutung war indes immer schon breit: scheiden, auswählen, entscheiden, kämpfen, sich messen.

Im Griechischen gehörte das Wort zu den entscheidenden Begriffen in der Politik und stand für Streit, Scheidung, Entscheidung. Bereits Thukydides gebrauchte es in seiner berühmten Schrift „Der Peleponnesische Krieg“. Krisis war ein entscheidender Begriff, durch den Gerechtigkeit und Herrschaftsordnung über die jeweils richtigen Entscheidungen aufeinander abgestimmt wurden. Auch im Lateinischen war er ein Verlaufsbegriff, der auf eine Entscheidung zuführt. Es ging darum, was gerecht oder ungerecht, heilsbringend oder verderbend, gesundheitsstiftend oder tödlich ist, lebensentscheidende Alternativen folglich. Im Französischen kennt man crisin seit dem 14. Jahrhundert ebenfalls aus dem Medizinischen. Assoziationskraft des Jüngsten Gerichts und Apokalyptik im 18. Jahrhundert beherrschten überdies die Semantik des Wortes.

Der Historiker Reinhart Koselleck zieht in seiner berühmt gewordenen Dissertation „Kritik und Krise“ Begriffe zur Beschreibung der historischen Realität heran, die eine zeitliche Dimension erhalten. Die Krise als Verlaufsform einer Krankheit zählt dazu. Aber nun eben auch Revolution, Fortschritt, Entwicklung, die andere Vorgänge beschreiben als der destruktive Krisenbegriff. Auch Koselleck wähnt die Welt im Kontext einer möglichen Verfallsform durch die Entwicklung neuer Technologien bedingt.

Für die Denker der Aufklärung war der Begriff Krise ein völlig belangloses Wort. Kritik war das Zauberwort des Zeitalters. Die Krise war den Nachfolgenden vorbehalten. Es sind eher die Anhänger zyklischer Geschichtsverläufe, die den Begriff gebrauchten. Für Fortschrittsdenker wie jene aus der Aufklärungszeit war der Begriff nutzlos. Erst Herder gebrauchte den Begriff im Deutschen: Weltkrise. Warum zeigten sich gerade die Aufklärer immun gegen die Verwendung des Begriffs? Schließlich lebten sie ja inmitten einer absolutistischen Staatenwelt mit extremen Ungleichheiten, politischen und ökonomischen. Offenbar können Veränderungen auch andere Assoziationen als die der Krise auslösen. „Die Epoche fühlt, dass eine neue Kraft in ihr am Werk ist“, schreibt der Philosoph Ernst Cassirer in seinem Werk „Die Philosophie der Aufklärung“. Kaum ein anderes Jahrhundert sei so durchdrungen gewesen von der „Idee des geistigen Fortschritts“. Und d’Alembert gab seinen Lesern mit auf den Weg: „Sobald man das Jahrhundert, in dessen Mitte wir stehen, aufmerksam betrachtet, wird man ohne Mühe gewahr, dass sich in all unseren Ideen ein bemerkenswerter Wandel vollzogen hat. der durch seine Schnelligkeit eine noch weit größere Umwälzung für die Zukunft verspricht.“

Wenn wir den Blick in die Vergangenheit richten, sehen wir eine Welt, die sich kaum von unserer Gegenwart unterscheidet: Pandemie-Krise, Flüchtlingskrise 2015, Eurokrise 2012, Finanzkrise 2008 und weiter: Irak-Krieg, Nine-Eleven, Platzen der Dot-com-Blase, Zusammenbruch des Warschauer Paktes, Kalter Krieg. Die beiden Weltkriege. Die Liste ließe sich problemlos verlängern. Es scheint, die Menschheit existiert in einem fort im Krisenmodus, immer schon.

In den 1930er Jahren hielt der deutsche Philosoph Edmund Husserl in Prag und Wien Vorträge über die Krisis der europäischen Wissenschaften. Er erkannte eine große Diskrepanz zwischen den Fortschritten der sogenannten exakten Wissenschaften, wie der Mathematik und Physik und den Geisteswissenschaften. Ihnen hielt er eine defiziente Weltsicht vor, durch die die Krise seiner Zeit der 1920er und 1930er Jahre gesteigert werde. Sie beide hätten es zu verantworten, dass Objekt und Subjekt, Dingwelt und Subjektives sich gegenüberstehen, ohne dass es zu einer Sinnvermittlung käme.

Man habe die Kunst der Vermittlung verlernt. Besonders den französischen Denker René Descartes und den Astronomen Galileo Galilei machte Husserl für den Graben zwischen den beiden Seinsbereichen verantwortlich. Die Wissenschaften seiner Zeit, so Husserl, befänden sich nun in einer Phase der Stagnation, in der keine der beiden Stränge, Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften, den Graben mit Aussagen über Sinn und Moral überbrücken könnte. Die Existenzial-Ontologie seines Schülers Martin Heidegger fühlte sich dem Geiste der Husserlschen Lebenswelt verpflichtet, indem sie diese radikalisierte. Der grundlegende Modus der Existenz des Menschen sei die Angst, erklärte Heidegger und öffnete dem Irrationalismus so Tür und Tor.

Fest steht: Der Begriff der Krise ist zum Wort unserer Zeit geworden. Ob er die Wirklichkeit angemessen beschreibt, steht allerdings auf einem anderen Blatt.

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