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Die Kopftücher der Mütter

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Von: Arno Widmann

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Am 20. November starb Hebe de Bonafini. Sie stand an der Spitze der argentinischen Frauenvereinigung, die der Militärdiktatur trotzte und die Wahrheit über ihre verschwundenen Kinder forderte. 45 Jahre lang, über verschiedene Regierungen hinweg, trafen sich Frauen, bekleidet mit weißen Kopftüchern und marschierten um die Plaza de Mayo.
Gedenken an Hebe de Bonafini, die an der Spitze der argentinischen Frauenvereinigung der Mütter der Plaza de Mayo stand. © Luis Robayo/afp

Die Serie „Dinge des Ungehorsams“ – Die Trauer als Waffe und die weißen Kopftücher der Madres de Plaza de Mayo in Argentinien.

Am 20. November starb im Alter von 93 Jahren Hebe de Bonafini. Sie war Mitbegründerin der argentinischen Menschenrechtsorganisation Madres de Plaza de Mayo, seit 1979 deren Präsidentin. In ihr trafen sich Frauen, deren Kinder unter der Militärdiktatur (1976–1983) unter ungeklärten Umständen verschwunden waren. Ihr Erkennungszeichen und Symbol ihrer Mutterschaft und ihrer Trauer war das weiße Kopftuch.

Zwei ihrer Söhne und eine Schwiegertochter gehörten zu den „Desaparecidos“ (Verschwundenen). Sie tat sich mit anderen Müttern zusammen, und jeden Donnerstag standen sie vor dem Präsidentenpalast mit Plakaten und forderten Aufklärung über den Verbleib ihrer Angehörigen. Diese Demonstration findet noch heute jeden Donnerstag statt. Denn noch immer sind nicht alle Fälle aufgeklärt.

So friedlich der Protest der Mütter war, Bonafini selbst begeisterte sich gerne an Gewalttaten. So an den Anschlägen vom 11. September 2001, an den Taten der kolumbianischen Farc oder denen der baskischen ETA. Sie soll auch in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. Eine Kunst, die ihre Freunde, die Kirchners, die Präsidenten Argentiniens, ebenso beherrschten. „Auch der Hass gegen die Niedrigkeit/ Verzerrt die Züge“, schrieb Bertolt Brecht. Fast ein halbes Jahrhundert ist auch für die Leitung einer Menschenrechtsorganisation zu lang. Das zum Tod Bonafinis eine dreitägige Staatstrauer angeordnet wurde, wirft ein merkwürdiges Licht auf ihren Protest. Auch er wird von Menschen gemacht. Engel gibt es keine und auch Heilige nicht.

In Trauer nicht zu versinken, sondern sie produktiv zu machen, das haben die Mütter der Plaza de Mayo gelehrt. Das ist eine – wenn man so akademisch reden mag – psychosoziale Großtat. Auf dem Selbstverständlichen zu bestehen, darauf nämlich, dass man ein Anrecht hat zu erfahren, was mit denen geschah, die man nicht aufhören kann zu lieben, das schafft kaum jemand allein. Die Mütter der Plaza de Mayo protestierten nicht nur, sie waren nicht nur scharf darauf, in die Medien zu kommen – das alles gehörte dazu -, sie halfen einander auch dabei, herauszukommen aus der Einsamkeit ihres Schmerzes.

Ihre Trauer ließ sich nicht zum Schweigen bringen. Sie wurde aber auch nicht umgemünzt in die Wut eines Rachefeldzugs. Die Gruppe ist diesen schwierigen Weg gegangen. Vielleicht nicht jede der Mütter und nicht jede immer. Aber sie haben sich dabei unterstützt, ihn zu gehen. Gegen weiterreichende Forderungen. Der Freunde oder eigener. Trauer als Waffe gegen die Umstände und gegen das eigene, schlechtere Ich. Eine Protestbewegung, die in ihren besten Momenten auch eine Selbsthilfegruppe war.

In loser Folge stellen wir Gegenstände vor, die für zivilen Ungehorsam stehen.

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