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Die Gründung der Sowjetunion 1922 – Nach Moskau! Nach Moskau! Nach Moskau!

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Von: Arno Widmann

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30. Dezember 1922: Der Erste All-Union-Kongress der Sowjets in Moskaus Bolschoi-Theater ruft die Gründung der Sowjetunion aus.
30. Dezember 1922: Der Erste All-Union-Kongress der Sowjets in Moskaus Bolschoi-Theater ruft die Gründung der Sowjetunion aus. © imago/(Archivbild)

Am heutigen Freitag vor 100 Jahren wurde die Sowjetunion gegründet.

Vorausgegangen waren der Sturz des Zaren im Februar 1917, die Errichtung einer bürgerlichen Regierung, deren Niederschlagung in der Oktoberrevolution 1917 und der darauf folgende sogenannte Bürgerkrieg.

Der endete in Europa mit dem Sieg der Roten Armee über die letzten weißen Truppen auf der Krim im November 1920, im Kaukasus mit der Einnahme von Batumi 1921 und in Ostasien mit der Einnahme von Wladiwostok am 25. Oktober 1922. Erst 60 Jahre zuvor hatte das Zarenreich China die Stadt und die umgebende Küste abgezwungen.

Aus dem chinesischen „Haishen-wie“ war Wladiwostok geworden. Der Name schon war eine Provokation. Er bedeutet „Beherrsche den Osten!“.

Am 30. Dezember 1922 wurde die Sowjetunion gegründet. Deren Hauptstadt wurde Moskau. Das machte deutlich: Auch die Sowjetunion würde wie zuvor das Zarenreich von Russland, von Moskau aus zentralistisch geführt werden. Schon der Begriff „Sowjet“ war eine Propagandalüge. Die Sowjetrepublik war keine Räterepublik. Sie war auch zu keinem Zeitpunkt ihrer Geschichte eine Republik gewesen. Ihr Ziel war ja gerade die Vernichtung der Republik. Auch der „Bürgerkrieg“ war nur zum Teil einer.

Die Bolschewiki wollten Russland wieder groß machen. Also führten sie Krieg auch gegen Polen. Russland – das war für sie – das Zarenreich. Darum ruhten sie nicht, bis sie selbst Wladiwostok zurückerobert hatten. Alles änderte sich: die Zarenfamilie wurde umgebracht, Adel, Unternehmer und jeder, der etwas hatte, drangsaliert oder zu Tode gebracht.

Und doch war die Sowjetunion in vielem die Fortsetzung des Zarenreichs. „Selbstherrschaft“ zum Beispiel liest sich heute wie ein Urbild des Stalinismus. Dem Zaren unterstanden Reich und Adel. Es gab keine rechtliche Handhabe gegen ihn. Kein Kammergericht in Potsdam und kein Reichsgericht in Wetzlar. Niemand hatte einen rechtlichen Anspruch auf irgendetwas.

Der Zar konnte jederzeit nicht nur gegen Einzelne, sondern auch gegen ganze Gruppen vorgehen. Die aus Stalins Zeiten geläufige Praxis der Säuberung war den Untertanen des Zaren bestens vertraut. Und wie unter Stalin auch seine engsten Mitarbeiter damit rechnen mussten, einer „Säuberung“ zum Opfer zu fallen, so ging es auch Mitgliedern der höchsten Gesellschaftskreise des Zarenhofes.

Wichtiger ist noch etwas anderes: Die Selbstherrschaft mochte historisch das Produkt einer Gesellschaft gewesen sein. Aber einmal an der Macht war sie der Staat („l’état c’est moi“), der sich seine Gesellschaft schuf. Genau das war auch das Projekt der Sowjetunion. Es war die bolschewistische Grundidee: Die Eroberung der Staatsmacht, um eine sozialistische Gesellschaft zu errichten.

Man hat das oft auf die russischen Besonderheiten zurückgeführt, auf das Fehlen von Bürgertum und Industrie. Nun, es gab durchaus eine russische Bourgeoisie. Der ganze kulturelle Aufschwung Russlands in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist ihr Werk. Wer eine Ahnung davon bekommen möchte, der lese „Die Sintflut – Petersburg, Warschau, Moskau“, eine Romantrilogie des jiddischsprachigen Schriftstellers Schalom Asch aus dem Jahre 1929. Die Vernichtung des Bürgertums war eines der wenigen geglückten Experimente der russischen Planwirtschaft.

Aber die Vorstellung, die Gesellschaft vom Staat her zu konzipieren, ist kein russischer Sonderweg. Europäische Intellektuelle träumten immer wieder von einem Nullpunkt, von dem aus eine Welt würde errichtet werden können. Die meisten unserer Utopien gehen davon aus, dass eine Gesellschaft sich bauen lässt einfach aus Ideen. Karl Marx war es, der einwandte, das Neue müsse hervorgehen aus dem Alten.

Leibniz hatte Russland 1716 als „hohlen Topf“, als „weiss Papier“ und „tabula rasa“ beschrieben – als ein Reich, in dem ein weiser Herrscher wie Peter eine neue Ordnung ganz nach den Gesetzen der Vernunft schaffen könnte.

Es ist genau das, was wir nach den Erfahrungen des Stalinismus, nach der Geschichte der Sowjetunion als radikal unvernünftig begriffen haben. Es ist vielleicht die wichtigste Lektion dieser Geschichte: Es gibt keinen Nullpunkt. Wer etwas ändern möchte, muss ausgehen von dem, was ist. Von der Gesellschaft, wie sie ist, vom Staat, wie er funktioniert. Von den Menschen, wie sie sind. Dazu gehört, dass man begreift, eine Gesellschaft ist nie nur eine Gesellschaft, ein Staat niemals nur einer und auch die Menschen sind viele und jeder und jede Einzelne von ihnen sind es auch.

Das macht die dekretierte Veränderung von oben so schwierig, ja nahezu unmöglich. Es ist aber auch die einzige Hoffnung auf eine wirklich positive Veränderung, die wir haben. Leibniz’ Vorstellung, man könne eine Gesellschaft vom Reißbrett aus entwerfen wie eine Stadt, ist eine aufklärerische Illusion, die uns vor allem aufklärt über die Grenzen einer jeden Vernunftreligion. Niemand weiß, wofür ich mich in einer Stunde entscheiden werde. Werde ich Amit Chaudhuri hören, einen Tatort aus den siebziger Jahren anschauen oder endlich weiterlesen in Michael Wolffsohns „Eine andere jüdische Weltgeschichte“. Das ist ärgerlich für die Konsumgüterindustrie ebenso wie für Diktatoren. Diese Ungewissheit und unser aller Bereitschaft, ihr Rechnung zu tragen – ist alles, was wir der Zurichtung der Welt entgegensetzen können.

Es gab eine Pax romana, lernten wir in der Schule. Es war freilich vor allem ein Propagandabegriff, denn in Wahrheit führte das Römische Reich ständig Krieg. Die russische Entwicklung war ganz anders. Russland – so hieß es erst seit dem 17. Jahrhundert – führte nicht nur ständig Krieg, sondern es expandierte unentwegt in fast alle Richtungen. Waren die Schweden besiegt, konnte man sich Polen zuwenden, den Völkern im Kaukasus und dann der ganzen mächtigen Landmasse bis Wladiwostok.

Das waren keine unbewohnten einsamen Tundren. Dort lebten überall Menschen, die nicht gerade darauf gewartet hatten, sich Russland zu unterwerfen. Russland wurde zu einem Vielvölkerstaat. Nicht alle Stämme überlebten. Riesige Völkerwanderungen begleiteten die Geburten dieser Nation. Sie ging aus Tod und Vernichtung hervor. Und wie wir gerade sehen, ist der Prozess noch lange nicht abgeschlossen.

Wir sagen gerne und haben nicht Unrecht damit: Das ist Putins Krieg. Aber es ist auch der Krieg, den Russland seit 500 Jahren führt. Er wurde nicht unterbrochen von einem sowjetischen Frieden. Den gab es nie. Das lag nicht nur an der Sowjetunion. Deutschland führte Krieg gegen sie, nachdem sie beide einträchtig Polen überfallen hatten. Aber es gibt für niemanden auf der Welt einen Grund, sich nach der Sowjetunion zurückzusehnen. Die Träume von Größe und Macht waren Albträume. Es floss mehr Blut als im Zarenreich.

Die Sowjetunion hat den sehnsuchtsvollen Moskau-Ruf der Tschechow-Schwestern millionenfach verstärkt. Es war schon bei Tschechow ein falscher Klang darin. Jetzt, da er mehr sein soll als Ausdruck einer privaten Melancholie, nämlich der Hoffnungsschrei aller Völker der Welt, gerade auch der von der Sowjetunion unterdrückten, ist er völlig verlogen. Und unerträglich geworden.

Karl Schlögels Buch über „Das sowjetische Jahrhundert: Archäologie einer untergegangenen Welt“ ist darum so großartig, weil er von beidem erzählt: von der Vernichtung der Menschen und von ihrer Fähigkeit, sich darin einzurichten. Der Absolutismus mag noch so umfassend, die Herrschaft mag noch so totalitär, die Selbstherrschaft noch so uneingeschränkt wirken. Es entstehen immer Nischen des Glücks. Die menschliche Sehnsucht danach, auch die des Selbstherrschers, sorgt dafür.

Wie aus einem Müllplatz einer für Aufmärsche und daraus ein Park für das Flanieren von Familien, Freunden und Einzelnen wird, so beschreibt Schlögel die Entstehung des Gorki-Parks in Moskau. Schlögel schreibt vom „Kombinat des glücklichen Lebens“, eine Wendung, in der sich Ironie und Bewunderung mischen. Ein Akkord, bei dem für einen Moment unklar scheint, in welche Richtung er sich auflösen wird. Aber wir wissen heute, wie es weiterging mitten in den 30er Jahren, mitten im Terror der „Säuberungen“ und beim Aufbau des Archipel Gulag. Nirgends war ein neuer Mensch in Sicht und der Homo sovieticus glich in vielem entsetzlich dem, von dem Sigismund von Herberstein im Moskowiterbuch des 16. Jahrhunderts geschrieben hatte: „Dies Volk hat eine größere Lust zu Dienstbarkeit denn zu Freiheit.“

Die Gründung der Sowjetunion war ein Gewaltakt. Sie wurde mit Gewalt aufrechterhalten. Sie half dabei, die Deutschen und andere Völker vom Nationalsozialismus zu befreien. Danach unterwarf sie sie. Das war mehr, als sie schaffen konnte. Am 26. Dezember 1991 wurde die Sowjetunion aufgelöst. Sie hatte sich überanstrengt.

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