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Die Grenzen des Ungehorsams

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Von: Arno Widmann

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Eine kleine Schaufensterpuppe liegt symbolisch unter Kohle begraben, während eines Protests der Klimaaktivisten von Extinction Rebellion.
Eine kleine Schaufensterpuppe liegt symbolisch unter Kohle begraben, während eines Protests der Klimaaktivisten von Extinction Rebellion. © dpa

Eine kurze Geschichte des Protests von Gandhis Salz-Marsch, die Ohrfeige Beate Klarsfelds gegen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger bis zu den Aktionen der Letzten Generation.

Es gibt Zeiten, da stellt sich die Frage nach den Grenzen des Gehorsams. Wie lange kann man noch zuschauen, wie immer weniger sich immer mehr von der Welt und ihren Produkten einverleiben? (Eine ganz und gar unzutreffende Metapher.) Wie kann man noch länger mitmachen bei der Vorbereitung des Untergangs der Menschheit, des Lebens, des ganzen Planeten? Aber sowie ein paar Menschen anfangen, den Gehorsam aufzukündigen, steht an der nächsten Ecke einer, der ganz schlau nach den Grenzen des Ungehorsams fragt. Prinzipiell ist die Sache schnell beantwortet. „Grenzenlos“ gibt es nicht. Alles, das ist, hat eine Grenze. Die Zeiten des großen Tohuwabohu oder der Singularität – wenn es sie denn je gegeben hat – sind seit Milliarden Jahren vorbei. Der Gehorsam hat eine Grenze. Der Ungehorsam hat sie auch. Und „eine“ ist sehr untertrieben. Darum sind wir hungrig nach Kriterien, die es uns erlauben, in jeder Situation die richtige Entscheidung zu treffen. Es gibt ganze Berufszweige, die ganz gut daran verdienen, uns einzureden, sie hätten welche. Zum Beispiel Priester und ihre jüngsten Nachkommen: die Ethikkommissionen.

Wir alle wachsen hinein in eine Welt, der wir uns anpassen müssen, um zu überleben. Jedes Baby hat seinen eigenen Kopf. Aber es lernt, weitgehend auf dessen Gebrauch zu verzichten. Es kommt weiter damit, die Umgebung nachzuahmen, statt ihr zu widersprechen. Man ist sehr lange sehr schwach. Das hindert einen nicht an Ausbrüchen des Ungehorsams – Trotzphasen gehören zur Entwicklung -, wir wissen das inzwischen – nicht nur des selbsternannten Homo sapiens, aber Anpassung erscheint immer wieder als die klügere Überlebensstrategie.

„Weil ich es dir sage“, ist die Antwort einer jeden auf ihre Autorität pochenden Autorität, die nach dem Grund für ihre Anweisungen gefragt wird. In allen Sprachen, behaupte ich, und zu jedem Zeitpunkt der Weltgeschichte. Wer nach Gründen fragt, hat – jedenfalls für diesen Moment – Schluss gemacht mit dem Gehorsam. Es kann sein, dass ihm die Gründe einleuchten und er sich fügt. Aber er tut es aus Einsicht, nicht aus Gehorsam. Gibt es eine vergleichbare Grenze des Ungehorsams? Nein. Wenn ich dem Ungehorsam eine Grenze setzte, wäre er Gehorsam. Der Ungehorsam besteht ja gerade im Überschreiten einer Grenze. Aber dann? Kommt da nicht wieder eine Grenze? Selbstverständlich. Aber wir wissen nicht, wo sie liegt und wir wissen nicht, was dann zu tun sein wird.

Eine sehr alte Geschichte erzählt uns, dass ein Gartenbesitzer erklärte, man dürfe alle Früchte darin essen. Bis auf die des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse. Er gab keinen Grund dafür an, sondern sagte nur, dass auf Ungehorsam die Todesstrafe stehe. Der Mensch aß von der Frucht. Seitdem lebt er nicht mehr im Garten Eden, sondern muss arbeiten und sterben. Vielleicht rührt der Spruch, der Mörder sei immer der Gärtner, gar nicht aus englischen Kriminalromanen, sondern aus Genesis 3. Auch das „Weil ich es dir sage“ scheint mir hier seinen Ursprung zu haben. Denn in der gleichen Geschichte ist alles, was ist – auch so wie es ist –, weil er es gesagt hat. Von ganz oben kommt der Gehorsam. Das Universum gehorcht den Anordnungen seines Schöpfers. Seit ein paar tausend Jahren nennt man sie Gesetze.

Die werden weitergegeben. In einer langen Befehlskette, die über Jahrhunderte beim Familienvater endete, ohne dessen Genehmigung in der Bundesrepublik noch bis in die fünfziger Jahre hinein keine Hausfrau eine Waschmaschine – und sei es von ihrem selbst verdienten Geld – einkaufen durfte. Millionen Frauen gehorchten dieser Regelung. Natürlich gab es auch Millionen Verstöße gegen sie. Aber so ist es: Gesetze produzieren Gesetzesverstöße.

Hinter dieses Geheimnis kommen wir jetzt in der Cannabis-Frage. Fast drei Jahrzehnte nach der Abschaffung des Paragraphen 175 im Jahre 1994. Gehorsam generiert Ungehorsam. Ich habe darum meinem Sohn nie etwas verboten. Vielleicht befürchtete ich auch nur, mich lächerlich zu machen. Es fehlte ihm schließlich nicht an Gelegenheiten, unbeobachtet ungehorsam zu sein.

Mahatma Gandhi empfahl das exakte Gegenteil davon: den demonstrativen Ungehorsam. Er tat das in den zwanziger Jahren inmitten einer Welt, die vom Weltkrieg zu Revolutionen, Bürgerkriegen und Attentaten und Putschen übergegangen war. Da begann er mit einer Art politischem Jiu Jitsu („Die sanfte Technik/Die nachgebende Kunst“), bei dem der Schwächere den Stärkeren – dessen Kraft nutzend – besiegt. Keine Heere aufbauen, sich nicht in Schlachten dem Gegner stellen, sondern in Millionen kleiner Akte des Ungehorsams sich der Übermacht entziehen, ihr aber gleichzeitig immer mehr von ihrer Macht zu nehmen. Das war der eine Teil der Strategie. Ebenso wichtig war es, diesen Ungehorsam immer wieder in gigantischen Aufmärschen vorzuführen und die dafür fälligen Strafen ebenso demonstrativ auf sich zu nehmen. Den Kampf zwischen gutem und schlechtem Gewissen wird das gute gewinnen. Darauf setzte Gandhi. Der Ungehorsam muss – das scheint für Gandhi die Grenze zu sein – vom Gewissen des Ungehorsamen getragen werden. Es geht dabei nicht um das ferne, hehre Ziel – den Sturz der Fremdherrschaft, die Abschaffung von Ausbeutung oder ähnliches –, sondern um die konkrete Aktion. Die Begründung, man habe mit den bisherigen Aktionen keine Wende in der Klimapolitik erreicht und müsse jetzt darum gegen Gemälde vorgehen, hat mit Gandhis Vorstellung von zivilem Ungehorsam nichts zu tun.

Gandhis Salzmarsch von 1930 startete mit 76 Teilnehmern. Am Ende brachen Millionen Inder das britische Salzgewinnungsmonopol. Fünfzigtausend gingen ins Gefängnis. Manche hatten nur eine Schüssel Salzwasser in die Sonne gestellt. Aber sie hatten wirkliches Salz.

In den 50er Jahren hatte ich einen Geschichtslehrer, der uns beizubringen versuchte, die Widerstandskämpfer des 20. Juli hätten Adolf Hitler Gehorsam geschworen. Schon wegen ihres Ungehorsams seien sie zu Recht getötet worden. Keine Armee der Welt kann Ungehorsam dulden.

Diskutierte man mit ihm – wir konnten das gut tun, er gehörte schließlich zu den Besiegten –, hatte man sehr schnell den Punkt erreicht, an dem sich herausstellte, dass seines Erachtens nicht nur jede Armee, sondern jede Gesellschaft sich auf Gehorsam gründete.

Überall ging es von oben nach unten. Er bestimmte in dieser Klasse, was gut und böse war. Der Direktor an der Schule. Der Minister im Schulwesen. Das Führerprinzip also. Aber er war mit diesen Führern nicht zufrieden. Sie führten nicht. Aber er war ihnen gehorsam.

Kein Wunder, dass eine Generation, die durch diese Schule gegangen war, den Ungehorsam zum Prinzip erhob. Die antiautoritäre Revolte ist das Produkt nicht etwa einer autoritären Erziehung, sondern das des ganz offensichtlich hilflosen Versuchs einer solchen. Wir waren ungehorsam, weil es uns nichts kostete, ungehorsam zu sein. Und wir konnten dabei das Gefühl haben, auf der Seite der Sieger zu stehen. Jedenfalls auf der Seite derer, von denen unsere Autoritäten besiegt worden waren.

Natürlich stießen wir immer wieder an Grenzen unseres demonstrativen Ungehorsams. Nicht jeder an dieselben. Viele waren zum Beispiel sehr eingenommen von der Idee des bewaffneten Kampfes in Angola, Bolivien, Chile, Kuba, Uruguay, Vietnam, konnten sich mit der Vorstellung eines solchen um die Hauptwache, die Fabriken in Höchst und Rüsselsheim oder gar das Kaufhaus Schneider wenig befreunden. Andere hatten schon Abstand genommen von Aktionen wie dem Koten auf einen Richtertisch. In meiner Umgebung war niemand, der Beate Klarsfelds Ohrfeige gegen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger nicht gut gefunden hätte. Wir schämten uns, dass wir es nicht getan hatten, dass wir nicht einmal auf die Idee gekommen waren.

Hier darf natürlich ein Hinweis auf den Klassiker „Civil Disobedience“, „Die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“ von David Henry Thoreau aus dem Jahre 1849 nicht fehlen. Der Autor hatte im Gefängnis gesessen, weil er sich weigerte, mit seinen Steuern die Sklaverei und den Krieg gegen Mexiko zu finanzieren. Ein paar Jahre zuvor war der Lehrer Thoreau aus der Schule geworfen worden, weil er sich weigerte, die Schüler zu züchtigen.

Thoreau zog sich in die Natur zurück. Er weigerte sich mitzumachen. Aber einen Kampf nahm er nicht auf. 1853 hatte Herman Melville die Erzählung „Bartleby, der Schreibgehilfe“ veröffentlicht, dessen Erklärung zum berühmtesten Motto des untätigen zivilen Ungehorsams geworden war. Wann immer ihm eine Arbeit aufgetragen wurde, erklärte er freundlich: „Ich möchte lieber nicht.“ Lichtjahre ist das entfernt vom Sieg des Ungehorsams, dem Traum von der großen Verweigerung der 60er Jahre und von den heutigen Klimaprotesten.

Natürlich auch von der Europa immer wieder durchschüttelnden Idee, man gehöre einer letzten Generation an. Bartleby steht sicher für eine Grenze des Ungehorsams. Sein „Ich möchte lieber nicht“, dieses freundliche sich Heraushalten hat mit Ungehorsam nichts mehr zu tun. Es scheint mir allerdings derzeit die größte uns drohende Gefahr.

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