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Die Freiheit, die ich meine

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Von: Michael Hesse

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Für Freiheit wird in alle Richtungen gekämpft: Solidaritätsdemonstration vor der Botschaft des Iran in Mexiko.
Für Freiheit wird in alle Richtungen gekämpft: Solidaritätsdemonstration vor der Botschaft des Iran in Mexiko. © Imago

Einer der wichtigsten politischen Grundbegriffe ist zur „Floskel des Jahres“ erklärt worden. Dabei zeigt die Geschichte, dass das Wort schon immer für beliebige Ziele verwendet wurde.

Der freie Wille ist nur ein gutes Gefühl. Und der Begriff der Freiheit nichts weiter als eine Floskel. Das ist das Ergebnis der Initiative „Floskelwolke“. Für sie ist Freiheit zum Unwort, zur „Floskel des Jahres“ verkommen. Der Shitstorm in den sozialen Netzwerken ließ nicht lange auf sich warten. Mit Kopfschütteln registrierte etwa die Grünen-Politikerin Marieluise Beck die deutsche Selbstbespiegelung. Während in der Ukraine die Menschen ihr Leben im Kampf für ihre Freiheit gäben, würde die Freiheit hierzulande zur Bagatelle degradiert.

Die Redakteure der „Floskelwolke“, die den Negativpreis verliehen haben, stören sich vor allem an dem inflationären Gebrauch des Terminus. Quasi jedermann bediene sich des Begriffs, seien es „Querdenker“, „Aluhüte“ oder „Reichsbürger“, sie alle würden sich gleichermaßen auf Freiheit berufen wie auch Politiker der Mitte, Regierungsmitglieder oder Wirtschaftskapitäne. Bei solcher Beanspruchung von oftmals gegensätzlichen Positionen bliebe nicht mehr viel von einem Begriff übrig, dessen Funkenflug oftmals Revolutionen entzündet hat. Und für einen der bedeutendsten Moralphilosophen, Immanuel Kant, steht der Begriff der Freiheit an der Spitze unseres Vermögens, moralische Wesen zu sein.

Wer Klarheit durch den Blick in die Geschichte erhofft, wird erstaunt sein. Denn der Kampf um einen der wichtigsten politischen Grundbegriffe und eines der höchsten philosophischen Konzepte wurde über Jahrhunderte stets auch auf polemische Art und Weise geführt – und selten gab es eine Übereinstimmung darüber, was Freiheit überhaupt bedeutet.

Was also macht den Kern eines Begriffs aus, den schon Kant für „unerklärlich“ hielt. Hieß er einmal: ledig sein von fremder Gewalt, stellte er andererseits die Vorstellung dar, durch eigene durchsetzbare Gewalt gegen Unterdrückung und fremde Gewalt geschützt zu sein. Und von der Wortetymologie her galt im Germanischen als frei, wer „mit freiem Halse“ umherläuft, also kein Sklave eines anderen ist. „Frei“ war folglich ein Rechtsbegriff. Dass jede „Befreiung“ zugleich ein neues Korsett herbeizaubert, aus dem man dann wiederum entkommen will, hat zuletzt der Frankfurter Philosoph Christoph Menke in seinem Buch „Befreiung“ eindrucksvoll dargelegt.

Die Geschichte ist im Vergleich zur Gegenwart das bessere Beispiel für die Beliebigkeit im Umgang mit dem Freiheitsbegriff im Sinne von: „Die Freiheit, die ich meine“. Und die Deutschen stehen da nicht allein wegen ihrer Philosophie der Freiheit wieder einmal mittendrin. Man erinnere sich an die „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ des Grundgesetzes, die den Bürger:innen der Bundesrepublik zunächst zumindest die Hoffnung auf Freiheit geben sollte. Was ihr vorherging, war ja nichts anderes, als die „Freiheit“ verkündende und „Freiheit“ vernichtende Herrschaftsform des Nationalsozialismus. Die Nazis um Hitler behaupteten nichts anderes, als sich in einem „Freiheitskampf des deutschen Volkes“ gegen die Ideen der Französischen Revolution und die westlichen Demokratien zu befinden. Das Recht des Einzelnen hatte zurückzustehen gegenüber der „Pflicht zur Erhaltung der Rasse“. Diese Freiheit verkündende Herrschaft brach in sich zusammen und hinterließ Millionen Opfer und ein zerstörtes Europa.

Für Freiheit wurde aber aus allen erdenklichen Richtungen gekämpft, so etwa gegen maßlose Zugriffe seitens des Staates. Es war der Liberalismus, der hier einen Schutzwall aufbaute. Auch das Grundgesetz versteht sich primär als Sammlung von Abwehrrechten gegenüber dem Staat – und nicht etwa gegenüber anderen Bürger:innen.

Die Arbeiterklasse nahm im Zuge der Industrialisierung den Kampf gegen ausbeuterische Unternehmen und einen Staat auf, der auf der Seite der herrschenden Elite stand. Der Begriff der sozialen Freiheit hielt folglich im 19. Jahrhundert Einzug in die Sprachregelung. In Frankreich schleifte man den König aufs Schafott und skandierte neben der Brüderlichkeit die Freiheit und Gleichheit. Diese Verbindung blieb auch in deutschen Landen lebendig. Im 19. Jahrhundert versuchte man, sie gemeinsam mit dem Begriff der Einheit, also dem der Nation, zu verschmelzen. Umsonst. Erst die Junker unter Bismarck schmiedeten das Reich, das so viel Unglück mit sich bringen sollte. Einheit und Freiheit hätten mit der Reichsgründung ihre Erfüllung gefunden. Dem neuen Machtstaat setzten Marx und Engels die Idee einer Gleichberechtigung aller Nationen entgegen.

Freiheit und Zeitgeist gehen oft Hand in Hand. Die Freiheit zog mal mit dieser und mal mit jener Truppe durch das weite Feld der Geschichte. Lassalle bejubelte Freiheit und Autorität im Sinne von Macht und Masse. Mal hieß es: Freiheit und Macht. Dann wieder Freiheit und Ordnung. Es gab die sexuelle Befreiung der 1960er Jahre. Und die konservative Reaktion darauf. Das rechte Milieu sieht sich im Freiheitskampf gegen eine aus seiner Sicht „links-grün versiffte Gesellschaft“.

In der frühen Moderne wendete sich der Freiheitsbegriff gegen die ständische Ordnung der Gesellschaft. Er war die Antithese zu einer überkommenen starren Formation. Freiheit, glaubte der Denker John Locke, würde durch das Eigentum möglich. Karl Marx sah es genau andersherum. Er verkündete die Befreiung der Arbeiterklasse durch die Nivellierung des Eigentums.

Je nach der parteigebundenen, temporalen Perspektive folgte man dem einen oder anderen Aspekt der Freiheit. Die Ukrainer:innen kämpfen für die Freiheit ihres Landes, die Iranerinnen und Iraner für die Befreiung vom Mullah-Regime. Putin wiederum sieht sich im Freiheitskampf gegen den Westen.

Es zeigt sich, dass harte Begriffsarbeit vonnöten ist, wenn man Klarheit über den Sinn des Wortes Freiheit erhofft. Dass es darüber selbst unter Philosophen und Philosophinnen, den Begriffsarbeiter:innen per se, unterschiedliche Meinungen gab und gibt, wird Leser:innen philosophischer Lektüren kaum überraschen. In der Geschichte der Philosophie entbrennt der Streit über die Freiheit erst im 17. und 18. Jahrhundert, dann aber mit erheblichem Eifer. War das Mittelalter noch geprägt von der Durchleuchtung des Paares Freiheit und Gnade, kam in der frühen Neuzeit im Zuge der erwachenden Naturwissenschaften der Gedanke des Determinismus stärker zum Vorschein. Für den englischen Denker Thomas Hobbes war Freiheit nichts weiter als die vollständige Abwesenheit von physischem Zwang, der eine natürliche Bewegung von Körpern behindern könnte. Freiheit wurde rein aufs Individuum bezogen gedacht. Hobbes bleibt ganz im mechanistischen Gedankengut, wenn er folgert: „Der Mensch ist umso freier, auf je mehr Bahnen er sich bewegen kann.“

Auch Gottfried Wilhelm Leibniz, ein begnadeter Mathematiker und Physiker, dachte den Freiheitsbegriff in den Grenzen einer determinierten Welt. Da für ihn das Prinzip des zureichenden Grundes der höchste Grundsatz überhaupt darstellt, erfolgt jede Willenshandlung aus einem ihr vorhergehenden Grund, der sie zugleich festlegt und bindet. Leibniz kommt es vor allem auf das Absehen von Impulsen aus der Leidenschaft an. Wo die Handlungen aus der Vernunft erfolgen, sei Freiheit, wo aus Leidenschaft, Unfreiheit.

David Hume, der große Empiriker und Essayist unter den Philosophen, lehnte den Gedanken einer Naturnotwendigkeit in den Ereignissen ab. Für ihn beruhte das Kausalitätsprinzip auf purer Gewohnheit. Menschliche Verhaltensweisen waren für ihn dennoch statistisch vorhersagbar, wenngleich sie niemals aus einer Notwendigkeit heraus folgten.

Eine der komplexesten Freiheitstheorien geht auf Kant zurück. Er unterscheidet die psychologische Freiheit, die bloß eine „Verkettung der Vorstellung der Seele“ sei, von der transzendentalen Freiheit. Diese sei ein „Vermögen, einen Zustand von selbst anzufangen“. Erst die transzendentale Freiheit ermöglicht unsere Moralität. „Du kannst, weil du sollst“, heißt es bei Kant. Sittengesetz und Freiheit bedingen einander als ratio cognoscendi und ratio essendi. Möglich ist die Wirklichkeit von Freiheit, die Kant in der Form von Kausalität denkt, nur durch die Unterscheidung zwischen Erscheinung und Ding an sich. In der Welt der Phänomena herrscht die strenge Naturkausalität, während im Bereich der Noumena, der Gedankendinge, das Reich der Zwecke zu finden ist, in dem unsere durch die Vernunft auferlegten moralischen Gebote gelten. Die von Hirnforschern allzu gerne vorgetragene Behauptung, ein freier Wille sei nicht möglich, da ja jeder Vorstellung eine sie bedingende vorhergehe, kannte Kant im Prinzip schon – und hielt Freiheit dennoch im Praktischen für möglich, wenngleich theoretisch nicht erkennbar. Freiheit ist für Kant Spontaneität, ein spontanes Handeln aus sich selbst heraus. Dies findet in seinem berühmten kategorischen (das griechische Wort bedeutet „einfach“) Imperativ seinen Niederschlag, den er so beginnen lässt: „Handle so, ...“ Damit drückt Kant die Bedingungslosigkeit des Sittengesetzes aus.

Im Grunde lässt sich die gesamte an Kant anschließende Philosophie des deutschen Idealismus als Philosophie von Freiheitssystemen bezeichnen. Der Jenaer Professor Klaus Vieweg betitelte Georg Wilhelm Friedrich Hegel in seiner Biografie als einen Philosophen der Freiheit. Fichte und Schelling sahen ihre Denksysteme als Analysen der Freiheit, aus der sie alle weiteren Naturbegriffe ableiteten. Für Hegel wird die Freiheit zur erkannten Notwendigkeit.

Der Blick in die Geschichte zeigt, dass man ohne Bezug auf den Freiheitsbegriff politisch kaum mobilisieren kann. Um es mit dem Historiker Werner Conze zu sagen: „Freiheit ist als grundlegender Wert- und Zielbegriff anthropologisch nicht eliminierbar.“

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