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Josephine Baker 1951 im Balmain Modehaus.
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Josephine Baker 1951 im Balmain Modehaus.

Josephine Baker ins Pantheon

Die Frau, die keine Wahl hatte

  • Stefan Brändle
    VonStefan Brändle
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Die Tänzerin und Widerstandskämpferin Josephine Baker, zeitlebens auf Stereotype festgelegt, zieht als erste Schwarze ins Pantheon ein. Dahinter steckt mehr als eine republikanische Geste.

Ihr Leben war wie ein Roman: In den goldenen Zwanzigern war Josephine Baker die „Königin der Dancehalls“ von Paris. Im Zweiten Weltkrieg arbeitete sie als Spionin für den französischen Widerstand; später kämpfte die Mutter von zwölf adoptierten Kindern an der Seite von Martin Luther King für die Bürgerrechte der Schwarzen. All das verschafft ihr nun einen Platz im Pariser Pantheon, wo die Helden und Heldinnen der Nation ruhen – Voltaire, Rousseau, Zola, Dumas.

Heute wird Bakers „Asche“ – so der offizielle Sprachgebrauch – zumindest symbolisch von ihrem Friedhof in Monaco in den Heldentempel im Quartier Latin überführt. Eine Petition hatte den Staatspräsidenten dazu aufgefordert, und in Zeiten von „Black Lives Matter“ entsprach Emmanuel Macron prompt dem Wunsch der 38 000, die unterschrieben haben. Selten herrschte in Frankreich breiterer Konsens über diese republikanische und sehr französische Hommage. Die auch eine Art Wiedergutmachung ist, obwohl das nicht offen gesagt wird.

Baker wurde 1906 in Saint-Louis im US-Bundesstaat Missouri in eine arme Familie geboren. Ihre Mutter war afroamerikanischer und indigener Abstammung, ihr Vater spanisch-jüdischer Herkunft. Josephine erlebte früh, was es heißt, dunkler Hautfarbe zu sein. Sie trat in eine Wandertruppe ein, kam ins Showbusiness und rasch an den New Yorker Broadway. Mit einem Ensemble zu einer Europatournee gestartet, landete sie in Paris und dort in einer „Revue Nègre“, wie es damals hieß. Der Durchbruch erfolgte über Nacht: Ihre Bühnendarbietung wurde zum Stadtgespräch und alsbald zu einem Triumphzug bis nach Berlin, wo die US-Amerikanerin im Jahr 1926 auftrat.

Und wie sie auftrat! Baker tanzte schneller als ihr Schatten, war gelenkig, frenetisch, elektrisierend, während sich der Kopf nicht bewegte und die Augen schelmisch zwinkerten – das Ganze in einer Mischung aus Afrotanz, Charleston und „Hot Jazz“ der Roaring Twenties. Im wochenlang ausverkauften Theater Folies-Bergère sprang das Publikum von den Sitzen, und auch anderswo lagen die Menschen in Frankreich der „Venus aus Ebenholz“ zu Füßen. 1500 Heiratsanträge soll sie erhalten haben, fünf davon nahm sie im Laufe ihres Lebens an, obwohl sie auch auf Frauen stand.

Der durchschlagende Erfolg hinderte Josephine Baker nicht daran, beim Roten Kreuz auszuhelfen, als der Krieg ausbrach. In Paris, wo der deutsche Botschafter Otto Abetz ihrem Auftritt in der ersten Sitzreihe folgte, horchte sie diskret die Nazi-Besatzer aus. Mit unsichtbarer Tinte notierte sie alles in ihre Partituren, um sie dann persönlich außer Landes zu schmuggeln. Zuhause lagerte sie trotz Gestapo-Gefahr Gewehre und andere Waffen, die sie an die Résistance-Kämpfer verteilte.

Nach 1945 erwarb die per Heirat eingebürgerte Französin das Schloss Les Milandes im Périgord. Mit zwölf adoptierten Kindern aus allen Weltgegenden lebte sie dort als multikulturelle „Regenbogen-Sippe“, wie sie sagte. Doch natürlich gab es in ihrem Leben nicht nur Amour und Glamour. Eine US-Tournee endete 1951 mit einem Affront: Im schicken New Yorker Stork Club wurde Baker als Schwarze nicht bedient. Erhobenen Hauptes harrte sie aus, ging telefonieren und zeigte den Fotografen ihren leeren Teller, bis sie ihr Steak erhielt.

1963 nahm Baker an mehreren Bürgerrechts-Märschen der Afroamerikaner teil; an der Großkundgebung in Washington, bei der Martin Luther King sein berühmtes „I have a dream“ sprach, redete sie als einzige Frau vor 25 0000 Menschen. Dieser Umstand fand in Frankreich seltsamerweise wenig Beachtung. In Paris litt mit fortschreitendem Alter nicht nur ihr Star-Renommee, sondern auch ihr hoher Lebensstandard. Im Mai 1968, während in Paris die Studentenproteste tobten, verlor Baker ihr geliebtes Heim, ihr Schloss wurde zwangsversteigert. Zwei Tage lange campierte sie draußen auf den Stufen, bedeckt nur mit einer karierten Wolldecke. Nach einem misslungenen Comeback-Versuch in New York und Paris starb die Diva 1975 vereinsamt und verarmt an Herzversagen.

46 Jahre später folgt nun die größte Ehrung, die Frankreich post mortem zu vergeben hat. Baker ist die erste Schwarze und erst die sechste Frau, die unter der eingemeißelten, leicht antiquierten Pantheon-Devise „das Vaterland dankt den großen Männern“ ruhen wird. Zur Begründung ließ das Elysée in einem feierlichen Communique verlauten, Josephine Baker habe sich „für die Freiheit und die Emanzipation“ eingesetzt, und dies nicht nur als Widerstandskämpferin, sondern auch als „unermüdliche Antirassismus-Aktivistin“.

Man hätte erwarten können, dass die populistische Rechte Macron im laufenden Präsidentschaftswahlkampf vorhält, er unterwerfe sich der Woke-Kultur. Sie wagt es nicht: Bakers Ehrung ist überfällig und unbestritten. Als Bürgerrechtsaktivistin, Antirassistin und Résistance-Kämpferin habe sie in Frankreich „auch zur sexuellen Befreiung beigetragen“, schreibt etwa die Zeitung „Le Parisien“.

Kaum diskutiert wird die Ambivalenz, die dem Fall Baker zeitlebens anhaftete. Er ist verwirrend paradox: Bevor die unerschrockene Mittvierzigerin offen gegen den Rassismus anzutreten begann und zum Beispiel in Miami wegen der dortigen Segregation einen Auftritt verweigerte, hatte sie auf den Pariser Bühnen selber billigste Rassenklischees transportieren müssen.

Die Kostümbildner ihrer Tanzshows verpassten Baker Lendenschurze aus Bananen und zwangen sie, oben ohne aufzutreten. Die Journalistin Chloé Leprince hat im Radiosender France-Culture kürzlich aufgezeigt, wie heftig sich Baker gegen diese erniedrigenden Auflagen wehrte. Letztlich hatte sie aber keine Wahl, als bei ihren Auftritten selber dem Bild der „nackten Wilden“ zu entsprechen. Was heute für Empörung sorgt, passte in die damalige Kolonialzeit. In europäischen Ausstellungen wurden afrikanische Strohhüttendörfer nachgestellt und mit halbnackten „Eingeborenen“ bevölkert. Diese menschlichen Zoos, wie sie Kolonialhistorikerinnen und -historiker heute nennen, dienten nicht nur dem Vergnügen des Publikums, sie sollten auch demonstrieren, dass die Ausgestellten „Untermenschen“ seien. Nicht zu vergessen: In Europa kam gerade der Nazi-Rassenwahn auf.

Einige wenige Stimmen aus jenen Jahren belegen, dass es möglich war, den inhärenten Rassismus der Baker-Shows zu erkennen und anzuprangern, auch wenn er wie selbstverständlich daherkam. Die von der ehemaligen Sklaveninsel Martinique stammende Philosophin Jeanne Nardal kritisierte 1928, dass Baker eine „bettelnde Mulattin“ spielen müsse; ihr Bühnenerfolg erkläre sich durch den „Kontrast einer primitiven Wilden aus dem Regenwald und der kubistisch-modernen Nachtklub-Kulisse“.

Sich ihrer Außenwirkung wohl bewusst, muss Baker innerlich zerrissen gewesen sein. Vielleicht suchte sie deshalb die Kolonialchoreografie zu verfremden: Sie schnitt zunehmend Grimassen, riss Possen; sie schielte, machte Faxen und akrobatische Verrenkungen – als wollte sie den sexuellen Impakt ihres Auftritts ironisch brechen.

Wer diese Clown-Einlagen heute anschaut, glaubt zu spüren, wie sehr Baker dagegen kämpfte, dem Publikum die Projektionsfläche einer weiblichen „Wildkatze“ zu bieten – wenn sie etwa eine Pantherin zu imitieren und animalische Posen einzunehmen hatte. Auch das passte schließlich in eine Zeit, in der französische Kolonialärzte bar jeder wissenschaftlichen Grundlage belegen wollten, dass der „Schwarze“ das fehlende Glied in der Kette zwischen dem Affen und dem (natürlich weißen) Menschen sei.

Heute scheint klar, dass diese ambivalente Aufnahme in Europa zu Bakers späterem Engagement neben Martin Luther King führte, oder einfacher gesagt: dass ihr ganzes Leben ungewollt von ihrer Hautfarbe geprägt war. Dieser an sich banale Befund wird in Paris aber nicht ausformuliert. Die französische Republik kennt keine ethnischen Unterschiede oder Statistiken, weil sie dem Prinzip der universellen Gleichheit zuwiderlaufen. Das ist eigentlich das Gegenteil von Black Lives Matter.

Mit der Pantheonisierung macht Präsident Macron ein Zugeständnis. Doch der alte ideologische Graben zwischen dem kulturellen Nebeneinander der USA und der Egalité Frankreichs bleibt tief. Nur Josephine Baker hatte ihn mit ihrem persönlichen Engagement überwunden. Schon deshalb ist ihr Einzug ins Pantheon ein wichtiger Schritt für Frankreich.

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