Erstkontakt zur deutschsprachigen Bevölkerung: US-Soldaten im März 1945 in Ensheim im Saarland.
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Erstkontakt zur deutschsprachigen Bevölkerung: US-Soldaten im März 1945 in Ensheim im Saarland.

Zweiter Weltkrieg

Die fabelhaften Ritchie-Boys

  • Martin Dahms
    vonMartin Dahms
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Während des Zweiten Weltkriegs bildete die US-Armee Tausende junge Männer zu Nachrichtendienstlern aus. Endlich werden sie in zwei wissenschaftlichen Studien gewürdigt.

Peter Skala war einer der jüngsten Ritchie Boys und einer der mutigsten. Am frühen Morgen des 10. Dezember 1944 näherte er sich im saarländischen Fraulautern einer Reihe kleiner ebenerdiger Bunker, Pillboxes genannt, aus deren Schutz die Deutschen den anrückenden US-Soldaten Widerstand leisteten. „Ich ging einfach zur ersten Box und rief ihnen zu, dass sie nicht getötet würden, wenn sie rauskämen“, erzählte Skala am nächsten Tag einem AP-Reporter. Er sei noch näher gegangen und habe seine Worte wiederholt, diesmal mit Erfolg: „Bald öffnete sich die Tür und sie kamen raus.“ Auch die Besatzungen der nächsten beiden Bunker ergaben sich.

Die AP-Reportage fasst die Heldentat so zusammen: „Der 20-jährige Lieutenant Peter Skala aus New York setzt drei Westwall-Pillboxes mit seiner Zunge außer Gefecht.“ Aus solchen Geschichten werden Mythen gewoben. Im Ausbildungslager Camp Ritchie bei Washington durchliefen während des Zweiten Weltkriegs gut 11 600 junge Männer achtwöchige Kurse, um danach als Nachrichtendienstler in Europa „mit der Zunge“ in den Krieg zu ziehen. Die meisten vollbrachten dort keine Heldentaten wie Peter Skala.

Und dennoch gelang all den „Ritchie Boys“, wie sie sich später selber nannten, etwas Fabelhaftes: „durch gezielte und effektive Informationsgewinnung und Propagandaarbeit unter schwierigsten Umständen Zeit und Material zu sparen und vor allem Menschenleben zu retten“. So würdigt sie Robert Lackner, der ihren Beitrag zum Krieg gemeinsam mit seinem Kollegen Florian Traussnig vom Austrian Center for Intelligence, Propaganda and Security Studies in Graz kürzlich erstmals wissenschaftlich erforscht hat. Der Blick in die Akten, die Traussnig in US-Archiven fand, lässt den Mythos bestehen – und leuchtet ihn deutlicher aus.

Zu den Aufgaben der Ritchie Boys gehörte es, Kriegsgefangene zu vernehmen und Propaganda zu erstellen, die den Feind zur Aufgabe bewegen sollte. Dazu wurden Leute mit Deutschkenntnissen gebraucht. Am besten Muttersprachler: Rund 2500 der Männer, die Camp Ritchie durchliefen, waren gebürtige Deutsche und Österreicher. Unter ihnen bekannte Namen wie Klaus Mann, Stefan Heym, Hans Habe oder Georg Kreisler; die meisten Flüchtlinge vor dem Naziregime, zu großem Teil Juden.

Literatur

Robert Lackner: Camp Ritchie und seine Österreicher. Deutschsprachige Verhörsoldaten der US-Armee im Zweiten Weltkrieg. Böhlau, Wien 2020. 342 Seiten, 32,99 Euro.

Florian Traussnig: Die Psychokrieger aus Camp Sharpe. Österreicher als Kampfpropagandisten der US-Armee im Zweiten Weltkrieg. Böhlau, Wien 2020. 552 Seiten, 39,99 Euro.

Christian Bauer/Rebekka Göpfert: Die Ritchie Boys. Deutsche Emigranten beim US-Geheimdienst. Hoffmann und Campe, Hamburg 2005. 224 Seiten, derzeit nur antiquarisch.

Bruce Henderson: Sons and Soldiers. The Untold Story of the Jews Who Escaped the Nazis and Returned with the U.S. Army to Fight Hitler. William Morrow 2017. 448 Seiten, ca. 11 Euro.

Robert Lanke: Das längste Verhör. Roman. Per Self-Publishing bei Tredition, Hamburg 2020. 376 Seiten, 14,99 Euro.

So wie Peter Skala aus Wien, der mit 14 Jahren, kurz nach den Novemberpogromen 1938, aus Nazi-Österreich geflohen und schließlich in den USA gelandet war. Dass er in der Zeitung über sich lesen durfte, „aus New York“ zu kommen, mag ihn gefreut haben. Robert Lackner spricht in seinem Buch über die knapp 500 österreichischen Ritchie Boys von einer „Geschichte der Selbstermächtigung“: Aus Flüchtlingen vor dem Nazi-Regime wurden Kämpfer in US-Uniform – und danach meistenteils selbstbewusste Bürger ihres neuen Heimatlandes.

Die Geschichte der Juden unter den Ritchie Boys, die zum Kampf mit Worten in das Land ihrer Peiniger und der Mörder ihrer Angehörigen zurückkehrten, hat der US-Autor Bruce Henderson vor einigen Jahren zu einer romanhaften Erzählung, „Sons and Soldiers“ (2017), montiert, wobei er sich auch großzügig aus Christians Bauers Dokumentarfilm und Buch „Die Ritchie Boys“ (2005) bediente, der einige damals noch lebende deutschstämmige Ritchie Boys interviewt hatte.

Hendersons Buch ist spannende Lektüre, hat aber möglicherweise zu einem verbreiteten Missverständnis beigetragen: dass es sich bei den Ritchie Boys um eine geheime jüdische Kampforganisation gehandelt habe, eine Art „Inglourious Basterds“. Ganz falsch, sagt Robert Lackner, „die Ritchie Boys standen nicht außerhalb des Systems“. Sie waren uniformtragende Teile des Systems US-Armee, wenn viele von ihnen auch „recht unmilitärisch“ aussahen, erinnerte sich der deutsche Ritchie Boy Victor Bromberg: „Sie hatten kleine Bäuche.“

Im „militärischen Kreativlabor“ Camp Ritchie, wie es Lackner nennt, wurde nicht das Töten des Feindes, sondern das Reden mit dem Feind gelehrt. Den Historiker Lackner hat das so beeindruckt, dass er sich einen Ritchie Boy erdacht hat, der sich nach der Landung in der Normandie einen Roman hindurch aus Todesgefahr herausredet: „Das längste Verhör“ (2020) soll der erste Teil einer Trilogie sein, mit der Lackner – unter dem Pseudonym Robert Lanke – seine Begeisterung für sein Forschungsobjekt teilen will. Wobei er weiß: Die Alliierten haben den Krieg nicht „mit der Zunge“ gewonnen. Dass die US-Armee im Dezember 1944 in Fraulautern am Ende insgesamt 146 Pillboxes eroberte, war zum großen Teil „nicht Überredungskunst, sondern Waffengewalt“ geschuldet.

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