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Die Ethik des Widerstands

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Von: Björn Hayer

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„Fußt alles auf derselben Rechtmäßigkeit?“ Protest im Berliner Naturkundemuseum.
„Fußt alles auf derselben Rechtmäßigkeit?“ Protest im Berliner Naturkundemuseum. © AFP

Überall regen sich Aktivismusbewegungen – aber sind sie alle legitim? Mitnichten, selbst die Rebellion bedarf einer Ethik.

Die Welt könnte so einfach geordnet sein, würden schlichtweg die Worte Albert Schweitzers für alles und jeden gelten: „Das Wesen des Guten ist: Leben erhalten, Leben fördern, Leben auf seinen höchsten Wert bringen. Das Wesen des Bösen ist: Leben vernichten, Leben schädigen (…). Das Grundprinzip der Ethik ist also Ehrfurcht vor dem Leben.“ So schön klar diese Sätze des Friedensnobelpreisträgers anmuten, so beinah naiv wirken sie in einer allzu komplex gewordenen Gesellschaft. Mehr denn je nehmen unterschiedlichste Gruppen für sich in Anspruch, das Gute nicht nur genau zu kennen, sondern es ebenso legitim mit allen Mitteln des Widerstandes durchsetzen zu dürfen. Während die einen auf den Straßen zum Kampf gegen die Ökodiktatur aufrufen, kippen andere Brei und Suppen im Namen des Klimaschutzes auf Kunstwerke. Und noch mehr setzen sich in ihrem Bemühen um das Richtige über das Ordnungsrecht hinweg: Tierrechler und -innen dringen in Ställe ein, um das häufig gesetzeswidrige Leiden ärmster Kreaturen zu dokumentieren, derweil helfen Menschrechtsaktivisten Flüchtenden über die grüne Grenze.

Fußen all diese Bestrebungen auf derselben Rechtmäßigkeit? Können wir sämtliche, aus verschiedenen politischen Richtungen stammenden Interventionen umstandslos befürworten und teilen? Intuitiv dürften diese Fragen die meisten verneinen. Eine Minderheit würde sich vermutlicherweise mit Verschwörungstheoretikerinnen und Wutpredigern gemein machen, aber viele wiederum Verständnis für die illegalen Kameraaufnahmen aus der Mast haben.

Doch Gefühle allein dienen schwerlich für profunde Begründungen von Werten, die uns in der diffizilen Gemengelage offenbar abhanden gekommen sind. Gerade unser Schwanken mitsamt den bekannten Spaltungstendenzen im öffentlichen Diskurs macht deutlich, dass es dringend einer neuen Ethik des Widerstandes bedarf. Als entscheidend erweist sich, was mitunter der Philosoph Bernhard Williams betont, nämlich das „Element der Universalisierung, das in jeder Moral anzutreffen ist“. Sie muss für alle Fälle gelten, auf einem transparenten Maßstab beruhen. Nur so kann eine Gesellschaft darüber befinden, welcher Ungehorsam und Aktivismus berechtigt ist. Sicher, Voraussetzung für eine solche Situation stellt zunächst einmal eine Konsenswilligkeit dar. Sie muss man in einer Epoche des Lärms und Shitstorms wohl als utopisch ansehen. Alternativ sollte es daher um die Herstellung einer Mehrheit gehen, die sich vielleicht auf ein zentrales Kriterium einlassen könnte, nämlich den Geist der Verantwortung. Aus der Sicht von Hans Jonas schlägt sie sich bestenfalls in einer Pflicht nieder, beruhend auf der Einsicht: „Wir sind dem Guten das Seine schuldig geblieben“.

Verantwortung funktioniert also in diesem Sinne nicht egoistisch, sie braucht etwas, worauf sie sich bezieht. Zum Beispiel ein Gegenüber, eines, das möglicherweise verletzlich und schwach ist, ja eben unsere Stärke braucht. Etwas pathetisch zugespitzt: Das leidende Antlitz kann hinreichend sein, um zu dessen Rettung eventuell gegen ethisch nachgeordnete Normen wie Beispielsweise Eigentumsrechte zu verstoßen. Ausgelieferte Tiere können sich nicht helfen, genauso wenig wie Familien mit Kindern und Älteren auf der Flucht zu Fuß. Der oder die Betroffene muss somit stets moralbedürftig sein, um Hilfe durch die Moralfähigkeit anderer zu erhalten.

Kaum Anwendung kann dieses Gebot also bei abstrakten Systemen finden. Um etwa eine behauptete Coronadiktatur abzuschaffen oder die globale Klimakrise einzudämmen, wären also Widerstandsformen, wie wir ihrer derzeit im Rahmen von Vergehen gewahr werden, nicht gedeckt, zumal sie sich im Falle der Anschläge auf die Gemälde nicht einmal annähernd auf ein Objekt beziehen, das in irgendeinem kausalen Zusammenhang mit dem Anliegen der Aktivistinnen und Aktivisten steht.

Nur gilt es zu überlegen, warum Gegenwehr überhaupt vonnöten ist, wenn sich das Gute schlussendlich ganz objektiv in der Beseitigung von Leiden äußert. Allen voran die Idee der Menschenrechte basiert exakt auf dem Versuch, moralisch Gleichheit unter Ungleichen zu gewährleisten. Sie erstrecken sich doch insbesondere auf jene, die sich selbst nicht oder unzureichend schützen können. Über sie müsste doch die Gemeinschaft wachen.

Die Verfassungswirklichkeit sieht indes oft anders als ihre schillernde Theorie aus. Und zwar nicht nur in Schurkenregimen. Kein Staatsziel wird beispielsweise seit Jahren so eklatant missachtet wie der Tierschutz, und kein internationaler Rechtskatalog erweist sich in Anbetracht der Pushbacks und bedenklicher Auffanglager an den EU-Außengrenzen als so inflationär wie die Genfer Konventionen. Der Grund: Fehlende Durchsetzung des Gesetzes. Wo sind die Beamten und Anwältinnen, die den moralischen und juristischen Anspruch Benachteiligter vor Ort umsetzen? Wo sind jene, die den Grundrechten ein Gesicht geben?

Genau an diesem Punkt, wo Staatlichkeit nach wie vor versagt und Wegschauen systemische Dimensionen annimmt, exakt dort könnte eine Verantwortungsethik des Widerstandes greifen. Diese geht über Zeichen und Signale – dem ausschließlichen Hintergrund für die Museumsanschläge – hinaus, weil sie sich auf den Schutz sehr fassbarer Interessen, eben eines Menschen oder eines Tieres aus Fleisch und Blut bezieht.

Eine frühe Vorläuferin dieser Auffassung liefert übrigens schon die antike Literatur. Sophokles’ Antigone mag man noch heute als die Revoluzzerin schlechthin bezeichnen, die zudem noch die volle Sympathie des Publikums genießt. Als Gewissenstäterin sowie Inbegriff der starken und emanzipierten Frau avanciert sie in der Tragödie zur Märtyrerin des Wahren. Selbstbewusst begehrt sie gegen das Diktat ihres Onkels Kreon auf. Nachdem sich ihr Bruder Polyneikes zuvor in einem kriegerischen Akt gegen Theben wandte und sowohl sich als auch seinen Bruder Eteokles als deren Verteidiger tötete, verbietet der Herrscher der ägyptischen Stadt die Beerdigung des vermeintlichen Vaterlandsverräters. Indem die Aufrührerin ihn dennoch begräbt, beruft sie sich auf ein höheres, göttliches Recht.

Uneins stehen sich in dem kanonischen Text Staatsräson und Moral gegenüber. Obwohl sich Antigone natürlich auch über die Willkürherrschaft als solche erhebt, richtet sich ihr Handeln ebenso auf die Wahrung der Integrität eines Gegenübers. Ihr Bruder mag tot sein, seine Würde, sein Menschsein hat er indes nicht eingebüßt.

Trotz des Muts der Protagonistin würde man die Aussagekraft des Dramas verkennen, würde man in ihm eine Anleitung zum wohlfeilen Rebellentum sehen. Denn auch die Heldin warnt an einer Stelle zur Vorsicht: „Allen Segens Anfang heißt Besinnung, / was der Götter ist entweihe keiner! / Überhebung büßt mit großem Falle“. Die legitime Gegenwehr liegt nah bei der Hybris. Nicht zuletzt aus diesem Grund lässt Sophokles seine juvenile Kämpferin an mehreren Stellen von der Vernunft als „als höchste(m) aller Güter“ sprechen. Widerstand kann man in einer Demokratie immer nur als Ultima ratio verstehen. Andernfalls verfehlt sie möglicherweise ihr wichtigstes Anliegen: eben das Gute zu tun.

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