Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Das Holocaust-Mahnmal in Berlin.
+
Das Holocaust-Mahnmal in Berlin.

Holocaust & Kolonialismus

Die Etablierung eines neuen Erinnerungsregimes

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
    schließen

Worum es in den Debatten um „Opferkonkurrenz“, Holocaust und Kolonialismus geht.

Wer in jüngster Zeit bemüht war, in den gesellschaftspolitischen Debatten den Überblick zu behalten, bedurfte vor allem einer gefestigten Konstitution und der Schwindelfreiheit. Wie sonst sollte man nachvollziehen, dass im Bemühen um einen sensiblen Umgang mit Sprache zu Recht die problematische Verwendung des N- und des Z-Worts kritisiert wird, dabei jedoch semantische Kollateralschäden mutwillig in Kauf genommen werden. Der Kampf gegen diskriminierende Ausdrucksweisen erstreckt sich längst auch auf Wörter, die verdächtig klingen, aber völlig anderen Herkunftsgeschichten und historischen Kontexten entstammen. Was die Zukunft einer bewussten und kundigen Verwendung von Sprache betrifft, muss man im Zusammenhang mit einer apodiktisch verfolgten Achtsamkeit eher schwarzsehen.

Der Debattenzug gewährte keine Pause. Als eine junge Buchhändlerin aus Berlin-Kreuzberg von einigen Instagram-Gerechten zu dem Bekenntnis genötigt wurde, für ihr kleines ambitioniertes Projekt das Erbe ihrer Familie eingesetzt zu haben, die ihren Nazihintergrund nicht leugnen konnte und wollte, war mehr ins Wanken geraten als nur das Rechtsempfinden, in einer Gesellschaft ohne Sippenhaft zu leben. Aus einer Anmaßung war plötzlich ein geschichtspolitisches Argument geworden. Autochthone Deutsche, so das neue moralische Gebot, haben bestenfalls die Chance, ihre kollektive Schuld durch freiwillige Vermögensabgaben zu begleichen.

Und als vor wenigen Wochen nach einem wahren Hindernislauf endlich das Berliner Humboldt-Forum seine Tore öffnete, mussten sich deren Protagonisten sogleich den Vorwurf gefallen lassen, Agenten eines staatlichen Paternalismus zu sein, in dessen Geist das neue Ausstellungshaus als Schlussstein einer nationalen Erinnerungsdoktrin gesetzt worden sei.

„Die Schlossattrappe steht symbolisch für eine neue Meistererzählung, die eigentlich eine rückwärtsgewandte und alte ist.“ So eröffnete der Kolonialismusforscher Jürgen Zimmerer einen Essay in der „Berliner Zeitung“, in dem er auf furiose Weise das Humboldt-Forum bezichtigte, das Vehikel einer Staatsdoktrin zu sein, die den Holocaust instrumentalisiere und die eigene blutige Kolonialgeschichte ein weiteres Mal verdränge. „Deutschland als Volk der Dichter und Denker, mit Berlin als borussisch-deutscher Kultur- und Wissenschaftsmetropole von Weltgeltung. Es ist die Umkehrung der hart erkämpften Perspektive, die deutsche(n) Nachkriegsidentität(en) von den Verbrechen des 20. Jahrhunderts aus zu betrachten. Radikaler könnte der erinnerungspolitische Schnitt kaum sein.“

Im Humboldt-Forum werde fortan, so Zimmerer, deutsche Schuld und eine positivere Nationalgeschichte beschworen. Auf atemberaubende Weise schießen nicht nur bei Jürgen Zimmerer komplexe historische Forschungen über den Holocaust sowie vorangegangene kolonialistische Genozide zu einer eindimensionalen Diskussion darüber zusammen, ob das Festhalten an der Vorstellung vom Holocaust als singuläres historisches Ereignis noch zu halten sei.

Im Kontext von Debatten über die Deutungshoheit geschichtlicher Ereignisse ist wiederholt der Begriff von der Opferkonkurrenz aufgerufen worden, um darauf hinzuweisen, dass gruppenbezogene Diskriminierungserzählungen stets auch in einem Kampf um öffentliche Aufmerksamkeit und nicht zuletzt Forschungsressourcen stehen. Die jüngste Zuspitzung einer solchen Konkurrenz stellt die sogenannte Moses-Debatte dar, in der der australische Historiker A. Dirk Moses die provokante Formel vom Holocaust als Katechismus der Deutschen aufgestellt hat. Der Holocaust, so Moses, sei als heiliges Trauma der Deutschen tabuisiert worden, das keine nicht-jüdischen Opfer als gleichwertig zulasse. Die eher rechte These vom Schuldkult der Deutschen wird von Moses nun in einen direkten Zusammenhang der Betrachtung von Kolonialverbrechen gebracht.

Was Moses mutwillig ignoriert und Zimmerer zumindest ausblendet, bleibt bei aller Legitimität des Vergleichs von Verbrechen gegen die Menschlichkeit die traurige Einzigartigkeit des Holocaust, die darin besteht, dass Juden massenhaft umgebracht wurden, allein weil sie Juden waren. Ohne Zweifel war auch die Ermordung der Herero und Nama rassistisch motiviert. Im Kern aber ging es darum, Aufstände zu vermeiden und die koloniale Herrschaft zu stabilisieren. Als unhintergehbarer Befund der Holocaustforschung aber dürfte gelten, dass der eliminatorische Rassismus eine Erfindung des Nationalsozialismus war. Ein jahrhundertealter Antisemitismus mündete in der NS-Zeit in den Vollzug einer Vernichtungsfantasie. Soll gerade das nun wieder infrage gestellt werden?

Warum nur, so fragt der Berliner Historiker Sebastian Conrad in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Merkur“ (Nr. 867, August 2021), explodiert die Vergangenheitsdebatte gerade jetzt? Auffällig an den aktuellen Debattenverläufen sei, dass es häufig um normative Fragen gehe. Soll koloniale Kunst zurückgegeben werden, Immanuel Kant aus den Lehrplänen verbannt, sollen Straßen umbenannt werden? Conrad beschäftigt indes die Frage, warum es gerade jetzt zu einer solchen Aufmerksamkeitsexplosion komme, und er glaubt, die Ablösung eines Erinnerungsregimes durch ein anderes erkennen zu können. Zum besseren Verständnis des Zusammenhangs der Debatten schlägt er eine grobe Unterscheidung in Erinnerung I und Erinnerung II vor.

Erinnerung I beruht demnach auf der Übereinkunft auf die Gründungserzählung, die Deutschland auf dem Weg zu einer demokratischen westlichen Gesellschaft sah. Deren Kernelemente bestanden aus der „Distanz zum Nationalsozialismus, Demokratisierung, Absage an Krieg und Diktatur. Und im Zentrum: die kritische Aufarbeitung der deutschen Schuld, des Holocaust.“ Im Verlauf einer forcierten Globalisierung und insbesondere nach 1989 wurde das Konzept der Erinnerung I auch auf andere internationale Konflikte ausgedehnt. Wenn nun in jüngerer Vergangenheit das Aufkommen einer Erinnerung II zu beobachten sei, also die Erinnerung an koloniale Herrschaft, Ausbeutung und Gewalt, müsse diese im Zusammenhang neuer sozialer, kultureller und geopolitischer Herausforderungen begriffen werden. Die Erinnerung II arbeitet sich nicht zuletzt auch an den Versäumnissen der lange dominierenden Erinnerung I ab.

Es ist dabei kaum zu bestreiten, dass angesichts der Ungeheuerlichkeit der Schoah die kurze Zeit der deutschen Kolonialherrschaft zu einer Fußnote verblasste. „Um Einlass in den Kreis der legitimen Fragestellungen zu erhalten“, konstatiert Sebastian Conrad, „mussten koloniale Fragestellungen ihre Relevanz gewissermaßen durch den Bezug auf die Gewaltverbrechen des Nationalsozialismus unter Beweis stellen.“

Aus Sebastian Conrads kluger Analyse lässt sich lernen, dass es in den aktuellen Debatten nicht zuletzt auch um die Herbeiführung eines Bruchs mit der Erinnerung I geht, um die Legitimität der Erinnerung II zu etablieren. Das zumindest würde einige schrille Auswüchse in den gegenwärtigen Auseinandersetzungen erklären. Die Veränderung des Erinnerungsregimes, schließt Conrad, sei in vollem Gange, und die Frage sei nicht mehr, ob man sich darauf einlasse, sondern wie.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare