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Sau mit Ferkeln.
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Sau mit Ferkeln.

Kolumne „Unter Tieren“

Die Blicke der Schweinemütter

  • VonHilal Sezgin
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Hilal Sezgins Kolumne: Von Hanna, der Sau, und ihren drei Kindern, die ihr endlich einmal nicht weggenommen werden.

Gestern habe ich eine junge Schweinefamilie besucht. Hanna, die etwa fünfjährige Mutter, und ihre drei Kinder Pia, Hein und Willy, geboren am 24. April. Eigentlich waren es noch mehr Geschwister gewesen, ursprünglich 15, doch zehn davon wurden im Mai in die Mast, und werden in wenigen Monaten zum Schlachter geschickt. Zur Geburtseinleitung benötigte Hanna Geburtshilfe in Form einer Injektion von Oxytocin, um 12 Uhr mittags, so steht es auf ihrer „Sauenkarte“. Auf diesen Tabellen wird notiert, wann eine Sau besamt wird, wann sie ihre Ferkel gebärt, wie viele überleben – also ob sich die Sau insgesamt „rentiert“.

Hanna hat sich irgendwann nicht mehr „rentiert“ – zu wenige ihrer Ferkel „erreichten den Schlachthaken“, wie es in der Ferkelzüchtersprache so hübsch heißt. Doch statt Hanna und ihre drei schwächsten Kleinen zum Schlachter zu schicken, erbarmte sich ihr Züchter und kontaktierte das „Land der Tiere“, einen Lebenshof in Mecklenburg-Vorpommern.

Und dort stehe ich nun und lasse mir von Jürgen Foss, einem Betreiber des Hofs, von Hanna erzählen. „Sie ist eine tolle Mutter“, sagt er voller Wärme. Die Fahrt von dem Betrieb zum Lebenshof habe 2,5 Stunden gedauert, die Mutter und ihre Kinder fuhren getrennt. Und dann, im Land der Tiere angekommen, traf Hanna ihre Kinder wieder – zum ersten Mal in ihrem Leben!

Bereits elf Mal zuvor hatte Hanna Ferkel geboren, jedes Mal wurden sie ihr nach vier Wochen weggenommen, und sie kam bald darauf wieder in den Besamungsstand. (Dort werden die Sauen von Metallstangen zu allen Seiten so fest fixiert, dass eine Besamung per Plastikschlauch in die Vagina ohne Gefahr für Landwirte und -wirtinnen durchgeführt werden kann. Damit die Sauen alle gleichzeitig, und möglichst nicht am Wochenende, gebären, werden die Sauen in größeren Betrieben meist mittels Brunst auslösender Hormone „synchronisiert“.)

„Sie war wahnsinnig aufgeregt, als sie ihre Kinder wiedersah, ist regelrecht ausgeflippt“, erzählt Jürgen. Und dann schritt Hanna unverzüglich zum Nestbau. Die menschlichen Helfer hatten ihr dafür Stroh teils in Ballen hingelegt, teils ausgebreitet. „Nichts war richtig so. Hanna musste alles neu machen. Du siehst ja: Hier gehört Stroh hin, und dort keins“, zeigt mir Jürgen, und ich muss an meine Katzen denken... Auch ein Schwein hat seinen eigenen Kopf!

Es ist Mittagszeit. Hanna und ihre drei Kinder bekommen Müsli und Äpfel in einer großen Schüssel serviert, danach kommt Soziales. Jürgen krault Hein am Bäuchlein, genauer: an den Zitzen, und Hein reagiert wie viele Haus– und Wildschweine: Dieses Kraulen ist so toll! – Wie in Trance schmeißt er sich seitlich hin. Seine beiden Geschwister streifen durch die Wiese, mümmeln etwas am Gras, und seine Mutter schubst Jürgen an, er solle doch noch mehr Müsli rausrücken. – Neulich wurde ein anderer Freund von mir vom Rüssel eines zahmen Wildschweins am Schienbein getroffen, und er sagte: „Das hat so wehgetan, als wär’s ein Traktor!“ Wenn Landwirte und -wirtinnen also sagen, dass sie die Schweine fixieren „müssten“, sollte man auch immer daran denken: Menschen haben mit Schweinen viel vor, was Schweine nicht mögen, und Schweine sind stark. Also umbaut man sie mit Metall.

So idyllisch stehen Jürgen und ich inmitten dieser kleinen rosafarbenen Familie, man könnte fast vergessen, woher wir (Jürgen und ich) uns kennen. Tatsächlich aber hatte ich ihn, seine Freundinnen und Freunde vor mehr als zehn Jahren einmal auf einer Recherche begleitet – nachts besuchten wir eine Ferkelzucht, es wurde gefilmt, ausgemessen, dokumentiert. Schon im Eingangsbereich stand eine Schubkarre mit toten Ferkeln, einige davon blau angelaufen. Ein Ferkel steckte im Spaltenboden fest, die Mutter konnte sich nicht umdrehen, nicht helfen, nicht ausweichen. Überall unglückliche, bisweilen auch zermatschte Ferkel und ihre unglücklichen Mütter.

„Oh, das waren furchtbare Jahre. Man will etwas zum Guten bewegen, aber es tut unendlich weh, dieses Leid sehen zu müssen. Und man denkt wohl auch, mit der Zeit würde es einfacher werden.“ Jürgen schüttelt den Kopf. „Das mit dem Harte-Schale-Zulegen hat überhaupt nicht funktioniert. Am Schlimmsten aber waren die Blicke der Mütter.“

Seit damals hatte er diesen Traum, der sich endlich erfüllt hat: Einmal eine solche Familie aufnehmen zu können. Damit Mutter und Kinder nicht getrennt werden, nicht geschlachtet werden, sondern einfach so leben können, wie es Schweine eben gerne tun.

Hilal Sezgin , Jahrgang 1970, lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide. Jeweils zu Monatsbeginn schreibt sie an dieser Stelle „Unter Tieren“.

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