1. Startseite
  2. Kultur
  3. Gesellschaft

Die Bilder des Krieges

Erstellt:

Von: Harry Nutt

Kommentare

Eine Frau, deren Haus zerstört wurde, sitzt im ukrainischen Irpin an der Straße.
Eine Frau, deren Haus zerstört wurde, sitzt im ukrainischen Irpin an der Straße. © dpa

Wir sind aufgewacht in einer anderen Welt, hat Außenministerin Annalena Baerbock gesagt. Jetzt kommt es auch darauf an, die eigene Verblendung zu bearbeiten.

Für die Bilder des Krieges gibt es keine angemessene Wahrnehmung. Die einen reagieren als Nachrichtenjunkies, sie müssen alles aufnehmen, und können selbst spät nachts nicht davon lassen, das Internet nach Nachrichten und Videoschnipseln abzusuchen. Authentischer Bericht oder Propaganda, kühle Analyse oder Meinung – wer vermag das in diesen Tagen genau zu unterscheiden?

Die Abwehr all dessen ist zwar keine Lösung, aber eine durchaus verständliche Reaktion. Nicht wenige versuchen sich vor der Bilder- und Nachrichtenflut zu schützen. Das Bedürfnis, die eigene Seele in einen Kokon zu hüllen, ist verbreitet, aber es bewahrt nicht vor unruhigem Schlaf und der Angst, sich bald selbst inmitten einer Kriegsszenerie zu befinden. Dieser Krieg bedrängt uns derzeit mit seiner ganzen Gewalt, aber auch in seinen unabsehbaren Folgen verstört er mehr als all die regionalen Kriege und terroristischen Anschläge zuvor.

Zu dieser Einschätzung gehört es wohl auch, unmissverständliche Signale der Solidarität an die Angegriffenen zu senden. Die Verbundenheit mit der Welt kann eine Verteidigungswaffe sein, deren Schlagkraft nicht gleich sichtbar wird, aber womöglich doch zählt.

Halt! Ist das jetzt nicht bereits eine Form von Gefühlskitsch, die man sich besser verkneifen sollte? Redet man sich, indem man derart ein solidarisches Bekenntnis zum Ausdruck zu bringen versucht, blanken Mut zu in einer Phase, in der ideelle Unterstützung von außen ihren Adressaten kaum mehr erreicht?

Annalena Baerbocks Satz: „Wir sind aufgewacht in einer anderen Welt“, ausgesprochen am Morgen nach der ersten Kriegsnacht, ist inzwischen evident. Wenn die Bomben fallen, klingt alles nach einem nachträglichen Lamento. Und doch bedarf es dringend einer Nachbereitung der politischen Positionen. Vor dem Erwachen befanden wir uns im Dämmerzustand falscher Gewissheiten, zu denen jeder für sich, aber auch „die Gesellschaft“, die man so gern als kollektives Ganzes betrachtet, eine Haltung wird entwickeln müssen.

Stimmen, die gehört werden

Die Verwirrung der Gefühle korrespondiert mit einem Zustand geistiger Mobilmachung, in dem nun von vielen eine Erklärung verlangt wird, vor allem von Russinnen und Russen, die in den Bereichen Sport, Kultur und Wirtschaft als Repräsentanten ihres Landes gelten. Beinahe stündlich sind in den vergangenen Tagen Verträge gekündigt und Kooperationen beendet worden. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn der Dirigent Valery Gergiev und die Opernsängerin Anna Netrebko ihre Prominenz nutzen würden, Einfluss auszuüben. Vielleicht schon nicht mehr auf Präsident Putin, das wäre naiv. Gehört werden könnte ihre Stimme indes in der russischen Öffentlichkeit, was immer das in diesen Tagen auch sein mag.

Die Zivilgesellschaft ist das größte Opfer von Putins System aus Macht, vergifteten Geschenken und Gewalt. Nun aber wird sie zur letzten Hoffnung. Wie zersetzend das putin’sche Gift ist, lässt sich auf beschämend-traurige Weise am Verhalten eines früheren deutschen Bundeskanzlers ablesen, der sich hinter einer monströsen Lebenslüge verschanzt und nicht mehr in der Lage ist, seine fatale Abhängigkeit einzugestehen.

Angesichts dieses moralischen Versagens erscheint der demonstrative Ruf nach Kontaktabbruch und späten Bekenntnissen wie eine nervöse Ersatzreaktion im Ringen um Haltung. Betroffen sind von dem pauschalen Rigorismus mitunter auch Künstler, Künstlerinnen und Intellektuelle, die sich stets für politische Aufklärung engagiert haben.

Was gibt es jetzt noch zu bekennen, was zu erreichen? Sieger sei nicht, wer die Schlachten gewinnt, sagte der 90-jährige Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge im Interview mit der „Zeit“, Sieger sei, wer den Frieden herstellt. „In der derzeitigen Debatte behauptet jede Seite, jedes Gremium, die Übersicht zu haben. Die gibt es aber gar nicht. Wir sprechen mit dem großen Kriegstheoretiker Carl von Clausewitz von den Nebeln des Krieges. Sowie der Krieg ausbricht, ist alles unbestimmt. Dieses Nebelhafte, dieses Unbestimmtheitsfeld, ist die Herausforderung, auf die wir antworten müssen.“ Und deswegen könne man, so Kluge, mit einer Psychologisierung Putins oder mit einer moralischen Haltung, die wir im Westen alle teilen, keine Sicherheitsstruktur gewinnen.

Das ist es wohl auch, warum wir derart gebannt auf eine unerbittliche Logik der Gewalt und deren zynische Begründung schauen. Den Nebeln des Krieges ist eine lange Phase der Verblendung vorausgegangen, der sich jeder auf seine Weise stellen kann. Aufklärung? Jenseits der Versuchung der Verklärung ist sie immer noch möglich. Und nötiger denn je.

Auch interessant

Kommentare