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Kalt und nass: Flüchtlingslager auf Lesbos, Dezember 2020.
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Kalt und nass: Flüchtlingslager auf Lesbos, Dezember 2020.

UNTER TIEREN

Die Bilder aus Lesbos

  • vonHilal Sezgin
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„Unter Tieren“: In der Februar-Ausgabe ihrer Kolumne erzählt Hilal Sezgin vom Kater Clemens. Und denkt darüber nach, dass es nicht so schwierig wäre, auch Menschen im menschengemachten Elend zu helfen.

Seitdem die Vergnügungsmöglichkeiten durch Corona so stark eingeschränkt sind, habe ich meine Scheu vor dem Teilen von catcontent verloren. So habe ich auch in dieser Kolumne neulich über den orangefarbenen Riesenkater Porto geschrieben, den ich quasi im Garten gefunden habe, und ich bin drauf und dran, über den nächsten bezaubernden Streuner zu schreiben, der bei mir eingezogen ist.

Wieder ein orangefarbener, aber dieser ein zierliches, kindlich aussehendes, hyperagiles Irrlichtchen. Anders als die üblichen Gäste an meiner Futterstelle suchte dieser Einlass ins Haus. Er wäre sicher schon früher hier eingezogen, wenn dieses Haus nicht auch noch von einem fürchterlichen Geschöpf bewohnt würde, das der Spezies Homo sapiens angehört. Gemeint bin ich. Alles an Homo sapiens ist falsch, die Beine sind zu lang, dafür kommt er mit den Vorderpfoten nicht auf den Boden. Außerdem macht er die falsche Sorte von Geräuschen.

Dennoch hat sich Clemens, wie ich ihn inzwischen genannt habe, an das Haus herangetraut, wegen des eigentlichen, großartigen Bewohners. Als Clemens das erste Mal von außen auf ein Fenstersims sprang, auf dessen innen korrespondierender Fensterbank Porto lag, habe ich es zunächst gar nicht verstanden. Ich sah Portos kugelrundes Gesicht mit den großen dreieckigen Ohren; und im Spiegelbild einen filigraneren Porto, überraschend stark verzerrt. Erst als der Innenporto nach links unten guckte und der Außenporto den Kopf nach rechts wandte, ging mir auf, dass es sich mitnichten um Portos Spiegelbild, sondern um ein zweites Katzenwesen handelte. Am nächsten Tag wagte sich der Neue drei Mal beinahe durch die Haustür herein, jedes Mal bloß durch die Erkenntnis wieder abgeschreckt, dass hier ein Vertreter der erwähnten missratenen Spezies lebte.

Anfang Januar fing ich das Kerlchen ein, brachte es zur Tierklinik, ließ es kastrieren; behandelte seinen Husten; entwurmte es gefühlt ein Dutzend Mal. Um Clemens während dieser Zeit unterzubringen, räumte ich mein Arbeitszimmer zunächst frei und dann wieder ein. Frei räumte ich es von allem, an dem sich der frisch Operierte verletzen könnte; und als er wegen seiner Menschenscheu nie die Sicherheit des Schreibtischs, den ich mit einer Decke verhängt hatte, verließ, baute ich ihm eine sehr, sehr große Höhle.

Eine Deckenburg für Clemens

Beinahe alles an der Aufnahme eines jungen, verspielen Katers, den man „im Garten gefunden“ hat, ist die Erfüllung eines Kindheitstraums. Darf ich ihn behalten? Wenn er bleiben will: Ja. Darf ich ihm eine Burg bauen? Klar! Ich baute eine monströse Deckenlandschaft aus weiteren Tischen, Stühlen, Schnüren und Laken. Das Gebilde (das ich bei jeder Fütterung und Kloreinigung unbequem auf Knien rutschend durchqueren musste) erfüllte mich mit Stolz und Freude.

Doch genau zu dieser Zeit begann eine harte Phase des Winters, Schnee und strenger Wind zogen ein, und zwar nicht nur hier, sondern auch auf Lesbos und an allen Ecken und Enden Europas, wo man Flüchtlinge zusammengedrängt hat. Auf Fotos sah man Schnee verwehte Fetzen und Planen und durchtränkte Decken; Menschen, die kein richtiges Schuhwerk hatten und keine Heizung, mussten durch eisigen Matsch stapfen, um sich mit dem Nötigsten zu versorgen.

Was aus Lesbos zu sehen war – und was die EU anscheinend für eine angemessene Unterbringungsform für Notleidende hält –, ähnelte Clemens’ Deckenburg auf geradezu gespenstische Weise. Clemens’ Burg: bunt, trocken, im Warmen; mehrmals am Tag wird Essen angeliefert. Auf Lesbos: grau in grau, kalt und kälter.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich gehöre nicht zu denen, die behaupten, zuerst müsse es allen Menschen gutgehen, bevor eine hungrige Katze gefüttert werden darf. Der Hunger der Katze ist genauso real wie der des Menschen. Und gerade wenn ich an die Menschen an den EU-Außengrenzen nicht herankomme, tut es gut, wenigstens das kleine Irrlicht vor Ort zu versorgen. Doch der Vergleich der beiden Bilder machte wieder einmal die furchterregende Gleichzeitigkeit deutlich, mit der das Herzerwärmende und das, was einem das Blut in den Adern gefrieren lässt, nebeneinander bestehen.

Manches davon ist unvermeidlich – zu allen Zeiten wird gelacht und anderswo getrauert, gestorben und geboren. Doch dieses Flüchtlingselend zu vermeiden, wäre unsere Pflicht, und wenn wir in Europa nur ein Quäntchen weniger egoistisch wären, auch ein Leichtes.

Hilal Sezgin, Jahrgang 1970, lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide. Jeweils zu Monatsbeginn schreibt sie an dieser Stelle „Unter Tieren“.

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