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Die Arbeiterbewegung und der vergebliche Zusammenschluss – Doppelte Böden

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Von: Arno Widmann

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Zur Demonstration für die Einheitsfront am 24. April 1922 in Berlin mit 40 000 Menschen hatte die KPD aufgerufen. Die SPD machte nicht mit.
Zur Demonstration für die Einheitsfront am 24. April 1922 in Berlin mit 40 000 Menschen hatte die KPD aufgerufen. Die SPD machte nicht mit. © imago/United Archives Internatio

Wie vor hundert Jahren der Traum von der Einheit der Arbeiterbewegung in Berlin scheiterte.

Am 5. April 1922 scheiterte der erste und letzte Versuch einer Zusammenarbeit verschiedener Strömungen der internationalen Arbeiterbewegung. Vom 2. bis zum 5. April trafen sich – nach einem Vorbereitungstreffen in Frankfurt am Main – im Zimmer 25 des Berliner Reichstagsgebäudes Vertreter der Exekutivkomitees der II., der III. Internationale und der Internationalen Arbeitsgemeinschaft sozialistischer Parteien. Die I. Internationale hatte von 1864 bis 1876 bestanden. Sie wurde geprägt von den Auseinandersetzungen zwischen Karl Marx, den Anhängern Proudhons und Bakunins. Die II. Internationale wurde 1889 in Paris gegründet. Sie war stark marxistisch geprägt und ließ anarchistische Gruppierungen nicht zu. Als im Ersten Weltkrieg die meisten der ihr angehörigen Parteien sich zur Verteidigung ihrer Vaterländer entschlossen, löste sich die II. Internationale auf. Die III. Internationale wurde 1919 in Moskau gegründet. Die Versuche, nach dem ersten Weltkrieg die II. internationale wiederaufleben zu lassen, scheiterten an dem Österreicher Friedrich Adler (1879-1960), der dafür plädierte, eine die Bolschewiki einbeziehende sozialistische Internationale aufzubauen. Er gründete darum die Internationale Arbeitsgemeinschaft sozialistischer Parteien,

Im Reichstag trafen sich 29 Vertreter dieser drei Organisationen: II. und III. Internationale und der „Arbeitsgemeinschaft“. Dazu kamen nicht stimmberechtigte Gäste. Die einzige Frau in der Versammlung war die Kommunistin Clara Zetkin (1857-1933).

In einem Vorgespräch zu den Sitzungen vom 2. bis 5. April hatten sich der Sprecher der III. Internationale Karl Radek (1885 – 1939) und Friedrich Adler darauf geeinigt, keine Grundsatzfragen zu erörtern, sondern sich zu überlegen, was man gemeinsam tun könne. Es erschien beiden unmöglich, grundsätzliche Differenzen bei Fragen wie zum Beispiel zum Verhältnis von Reform und Revolution oder zur „Diktatur des Proletariats“ auch nur angehen, geschweige denn beilegen zu können.

Der Verlauf der Debatte zeigte, wie recht sie hatten und zugleich wie naiv sie waren, wenn sie denn tatsächlich geglaubt hatten, die grundsätzlichen Differenzen beiseite schieben zu können. In seiner Eröffnungsrede wies Friedrich Adler auf die anstehende Konferenz von Genua (10. April – 19. Mai) hin, auf der Vertreter von 34 Staaten – alle Kriegsteilnehmer außer den USA – übereinkommen sollten, wie ein neues internationales Finanz- und Wirtschaftssystem nach den Zerstörungen des Ersten Weltkrieges aussehen könnte. Die Tagung der Sozialistischen Internationalen bezog für Adler also Stellung gegen den kapitalistischen Wiederaufbau. Vertreter der II. Internationale, unter denen auch Regierungsparteien waren, blickten mit ganz anderen Augen auf Genua.

Adler formulierte auch Zulassungsbedingungen für die neu zu schaffende Internationale: „Zugelassen werden alle proletarischen Parteien, die auf dem Boden des Klassenkampfes stehen, die Überwindung des Kapitalismus zum Ziele haben und die Notwendigkeit der gemeinschaftlichen internationalen Aktionen des Proletariats zur Erfüllung dieses Zieles anerkennen.“ Eine Kompromissformel, die zum Beispiel darüber schweigt, wo – Straße oder Parlament – und wie – bewaffneter Aufstand eingeschlossen oder nicht – gekämpft werden soll.

Der Vertreter der II. Internationale, der Belgier Emile Vandervelde (1866-1938), erklärte, bevor man mit der Arbeit anfange, müssten erst einmal drei Vorfragen geklärt werden: „Kommt ihr in der Absicht, alle zusammen unsere gemeinsame Aktion zu stärken, oder werdet ihr kommen, um uns zu schwächen und uns zu spalten?“ „Zweitens, wenn die Konferenz zusammentreten soll, werden die Völker, die heute ihres Selbstbestimmungsrechts beraubt sind, die Ukrainer, die Armenier, die Georgier, in die Lage versetzt sein, ihre Delegierten zur allgemeinen Konferenz frei zu wählen?“ Drittens forderte Vandervelde die Gewährleistung der Grundrechte der Verteidigung für die in Russland inhaftierten Sozialrevolutionäre.

Punkt 1 ist die Frage, die sich stellte, nach den Erfahrungen, die Sozialisten mit den Bolschewiki gemacht hatten. Lenin hatte zum Beispiel 1920 erklärt, der englische Kommunist könne sehr Wohl zur Wahl Hendersons, also der Labour-Party auffordern und dennoch erklären, „dass ich Henderson durch meine Stimmabgabe ebenso stützen möchte wie der Strick den Gehängten stützt“. Die Bolschewiki hatten wo sie konnten die sozialistische Konkurrenz beseitigt.

Punkt 2 bezieht sich auf die Annektion fremden Territoriums durch Sowjetrussland. Die wechselvolle – aber durchweg blutige – Geschichte der Ukraine jener ersten Jahre nach dem ersten Weltkrieg kommt uns heute beängstigend vertrauter vor als noch vor einem Monat.Die Frage nach der Möglichkeit von freien Wahlen stellte sich drängend, nachdem Sowjetrussland die gerade abgeschafft hatte.

Punkt 3: 47 Sozialrevolutionären wurde im Mai 1922 der Prozess gemacht. Lenin bestand schon vor Prozessbeginn auf der Todesstrafe. Zu ihren internationalen Verteidigern – das gab es damals, als Sowjetrussland für einen Moment an einer internationalen Einheitsfront interessiert war – zählte Karl Liebknechts älterer Bruder Theodor Liebknecht (1870-1948). Er war nicht Mitglied der KPD, sondern Mitbegründer der USPD, ein Leben lang ging er diesen Weg eines freien Sozialisten. Ein jüngerer Bruder war Otto Liebknecht (1876-1949), der Chemiker. dem die Herstellung von Natriumperborat gelang. Ein natürliches Bleichmittel, das die Grundlage lieferte für die Entwicklung von Persil. Diese kleine Abschweifung kann ich mir nicht verkneifen. Auch die Assoziation „Turandot und der Kongress der Weißwäscher“ ist zwar falsch, aber sie liegt so schrecklich nahe.

Der Kongress im damaligen Zimmer 25 des Reichstages nahm ein gutes Ende. Man war sich einig, dass man sich uneinig war. Friedrich Adlers Arbeitsgemeinschaft löste sich auf und schloss sich den verbliebenen Resten der II. Internationale an. Am 21. Mai 1923 wurde dann in Hamburg die sozialistische Arbeiterinternationale gegründet, die Vereinigung jener Parteien, die sich nicht der III. Internationale angeschlossen hatten.

Karl Radek nutzte die Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dass auch in deutschen Gefängnissen unter sozialdemokratischer Aufsicht Sozialisten einsaßen. Er bot einen Gefangenenaustausch an. Er wäre wahrscheinlich 1937 als er selbst ins Lager kam, gerne auf ein solches Angebot in umgekehrter Richtung eingegangen. Er starb – man nimmt an, er wurde ermordet – 1939.

Die Fragen von Reform und Revolution stellen sich immer wieder neu. Vanderveldes Bestehen auf der Geltung demokratischer Wahlen, ganz gleichgültig, ob sie eine „proletarische Partei“ an die Regierung bringen oder nicht, kommt mir heute nicht nur sympathischer sondern auch zielführender vor, als das ständige Herumreiten auf „proletarisch“ und „Arbeiterpartei“ seitens einer Versammlung bürgerlicher Akademiker. Es ging schon damals nicht um 47 Sozialrevolutionäre, sondern um Hunderttausende Tote, Opfer der Bolschewiki, die von denen als Bourgeois, als Feinde der Revolution, das heißt ihrer Machtergreifung, umgebracht worden waren. Auch für sie, für die Bürger Russlands hätten die Sozialisten im Zimmer 25 sich einsetzen sollen.

Als das Gruppenbild mit Dame tagte, führte Sowjetrussland gleichzeitig Gespräche mit der deutschen Regierung. Die mündeten am Ostersonntag, am 16. April 1922, im Vertrag von Rapallo. Unwahrscheinlich, dass die Delegierten Karl Radek und Otto Wels (1873 – 1939), Parteivorsitzender der Regierungspartei SPD. Sowjetrussland und Deutschland verzichteten beiderseits auf Reparationen und unter Umgehung der Auflagen des Versailler Vertrages wurde eine militärische Zusammenarbeit organisiert. Von aktuellem Interesse am Vertrag von Rapallo ist auch: „Im Umfeld des Vertrags wurde die Lieferung von Industrieanlagen an Sowjetrussland vereinbart, durch die es die Ölfelder von Baku ohne Unterstützung westlicher Firmen hätte betreiben können. Zudem verpflichtete sich das Deutsche Reich, Lageranlagen und Tankstellen zur Vermarktung russischer Ölprodukte einzurichten. Auf diese Weise plante das Deutsche Reich, die Abhängigkeit von britischen und amerikanischen Ölkartellen zu mindern, die den Markt beherrschten.“ (Wikipedia)

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