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‚Schwurgerichtsverhandlung gegen die Führer der Socialdemokraten in Leipzig‘, 1872. Holzstich nach Zeichnung von Friedrich Waibler. Spätere Kolorierung.
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‚Schwurgerichtsverhandlung gegen die Führer der Socialdemokraten in Leipzig‘, 1872. Holzstich nach Zeichnung von Friedrich Waibler. Spätere Kolorierung.

1871

Die andere Reichsgründung

  • vonGerd Koenen
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Die Sozialdemokraten und das Projekt einer großdeutschen Republik: Teil 8 unserer Serie zur Reichsgründung vor 150 Jahren.

Das deutsch-preußische Reich ... ist eine durchaus revolutionäre Schöpfung ... Was ich den Leuten vorwerfe, die es gemacht haben, ist, dass sie nur armselige Revolutionäre waren, nicht viel weiter gingen und nicht gleich ganz Deutschland und Preußen annexierten.“ Das schrieb Friedrich Engels in einem Brief vom Dezember 1884 an den angehenden Führer der deutschen Sozialdemokratie, August Bebel, als dessen Mentor er von London aus fungierte. Seinen vom „Sozialistengesetz“ bedrückten und als „Reichsfeinde“ geächteten deutschen Genossen empfahl er sogar, sie sollten, statt über Bismarcks robuste Machtpolitik zu lamentieren, an ihrem Widersacher Maß nehmen. Denn „wer mit Blut und Eisen regiert, Staaten verschluckt, Throne umstürzt und Privateigentum konfisziert“ wie dieser preußische Junker, könne ja wohl kaum „andere Leute als Revolutionäre verdammen“.

Tatsächlich hatten Engels wie Marx den anfangs als preußischen Junker und Erzreaktionär unterschätzten Bismarck im Lauf der Jahre immer ernster genommen – als entschlossenen Gegner, aber auch als Bahnbrecher und konservativen Revolutionär. Noch während im deutsch-französischen Krieg 1870 die modern gerüsteten und geführten, erstmals in einer gesamtdeutschen Armee vereinten Truppen gegen die Heere des vermeintlich so mächtigen Imperators Bonaparte auf der Siegesstraße marschierten, waren die beiden sich intern darüber einig, dass Bismarck „jetzt, wie 1866 (im Krieg gegen Österreich), ein Stück von unserer Arbeit“ vollbringe, „in seiner Weise und ohne es zu wollen“.

„Unsere Arbeit“ – das waren die „nationalen Ziele von 1848“, die es so oder so zu vollbringen galt, allem voran die deutsche Einheit. Erst ein halbwegs demokratisch verfasstes großdeutsches Reich, wie es auch der Linken in der Frankfurter Nationalversammlung damals im ersten revolutionären Überschwang vorgeschwebt hatte, hätte den historischen Rahmen bieten können, in dem eine sozialistische Arbeiterpartei sich länderübergreifend würde konstituieren können, um kraft ihrer Zahl und Organisation irgendwann die Führung zu übernehmen. Das war und blieb die Perspektive, in der sich im Laufe der 1860er und 1870er Jahre die entstehende sozialdemokratische Partei und Arbeiterbewegung verankerte.

Das „Zeitalter der Revolution“, in dem Europa seit 1789 lebte, war eben auch ein Zeitalter, in dem die Landkarten in zahlreichen großen und kleinen Kriegen mit Blut neu gezeichnet wurden, neue Staaten entstanden und alte Reiche, namentlich die Vielvölkerreiche des Ostens, die die Erschütterungen des „Völkerfrühlings“ von 1848 überlebt hatten, in schleichenden Zerfall oder innere Gärung übergingen. Gleichzeitig bildeten sich Kolonialimperien in Übersee, allen voran das Britische Weltreich, und zog das Zeitalter des modernen Imperialismus herauf, der das Treibhaus war, unter dem die Schübe einer vielfach staatlich angetriebenen Industrialisierung und (kolonialen) Globalisierung sich vollzogen – und damit die materiellen Voraussetzungen eines künftigen internationalen Sozialismus geschaffen wurden.

Die großmütige, hier und da schon verwendete Parole „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ änderte daher nichts daran, dass die Sozialisten aller Länder sich in kriegerischen Auseinandersetzungen entscheiden mussten, welche der Kriegsparteien für welche (fortschrittlichen oder reaktionären) Ziele stand. Und noch heikler war die Frage, ob sie in den Zeiten der modernen Massenaufgebote und der allgemeinen Wehrpflicht die Kriegsanstrengungen des eigenen Landes unterstützen oder sich das Odium der „vaterlandslosen Gesellen“ und „Reichsverräter“ einhandeln wollten.

1871 - eine FR-Serie

Die Reichsgründung 1871 wurde vor 150 Jahren als große historische Leistung gefeiert. Bald schon war sie jedoch umstritten, insbesondere unter Historikern, die in der Beurteilung geschichtspolitischen Furor entwickelten. Nach 1945 galten die Umstände der Reichsgründung als eine der Ursachen für die politischen Katastrophen im Europa des 20. Jahrhunderts.

In einer Serie befragt die FR die Ereignisse, die durch die Kaiserproklamation am 18. Januar in Versailles, ein grelles Zeremoniell, im Gedächtnis geblieben sind. Zum Auftakt erschien am 31.12.2020 ein Beitrag über die Verfassung des Deutschen Kaiserreichs, gefolgt von einem Gespräch mit dem Historiker Christoph Nonn (4.1.), einem Text über den kriegerischen Weg zur Reichsgründung (9.1.), einem Bismarck-Porträt (13.1.) und Analysen zu den Reaktionen im Ausland (16.1.), zum fortwirkenden Erbe (18.1.) sowie zum Antisemitismus (22.1.). Im Anschluss folgen die Themen Frauenbewegung und Föderalismus.

Eben das war der Bannstrahl, der die deutschen Sozialdemokraten im Hochverratsprozess von 1872 gegen August Bebel und Wilhelm Liebknecht und schließlich mit dem „Sozialistengesetz“ von 1878 traf. Denn gerade in den Auseinandersetzungen um die später so bezeichneten „deutschen Einigungskriege“ hatte der junge Bebel seinen mächtigen Antipoden Bismarck an seinem wundesten Punkt getroffen – als er ihm etwa vorhielt, mit der Kaiserkrönung in Versailles in Form eines feudalen Huldigungsakts der Duodez-Fürsten kein wirkliches „Deutsches Reich“ gegründet zu haben, sondern ein bloßes, erweitertes „Großpreußen“, ohne Beteiligung des Volkes, mit einem erdrückenden Übergewicht der ostelbischen Grundbesitzer-, Beamten- und Militär-Eliten und gebaut auf rückständige Institutionen.

Mutiger war noch, dass Bebel und Liebknecht, nachdem der Imperator Louis Napoleon in der Schlacht von Sedan Anfang September 1870 gefangengenommen und eine Französische Republik der nationalen Verteidigung ausgerufen worden war, die Weiterführung des Kriegs für ungerechtfertigt erklärten und die dazu nötigen Kredite verweigerten. Denn ab jetzt handelte es sich eben nicht mehr um einen Verteidigungs-, sondern um einen reinen Eroberungskrieg, dessen Ziel die Annexion Elsaß-Lothringens und die Demütigung und Ausblutung Frankreichs war.

Statt eines dauerhaften Friedens wurde damit der Keim eines künftigen Revanchismus gesät – wie es in der Tat dann auch der Fall war. Als im März 1871 im belagerten Paris in einem Akt der Verzweiflung unter Führung radikaler Republikaner und Sozialisten die „Kommune“ ausgerufen wurde und eine Flut von Tatarenmeldungen über die „Mordbrenner“, die dort das Regiment führten, auf das deutsche Publikum niederregneten, da war es wiederum Bebel, der die Kommunarden nicht nur wegen ihrer „Mäßigung“ verteidigte. Sondern als am 25. Mai die Versailler Regierungstruppen unter den Augen und mit Hilfe der deutschen Belagerer Tausende ihrer Gegner in einem kannibalischen Massaker niedermachten, ging er noch einen Schritt weiter: Er erklärte dem hell empörten Reichstag, die Kommune in Paris sei erst „ein kleines Vorpostengefecht“ gewesen, und in wenigen Jahrzehnten werde „der Schlachtruf des Pariser Proletariats ‚Krieg den Palästen, Friede den Hütten‘“ zum „Schlachtruf des europäischen Proletariats“ geworden sein.

Ohne es zu wissen, nahm Bebel damit das literarische Denkmal vorweg, das der als angeblicher Drahtzieher und „Grand Chef“ dieses Pariser Aufstands in europäischen Regierungskreisen und Presseorganen beschuldigte Karl Marx namens der „Internationale“ der Commune setzen würde.

Darin rühmte er sie als „die endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen“ könne. Dieses, später unter dem Namen „Bürgerkrieg in Frankreich“ verbreitete Dokument hat dieser kurzen, blutigen, verzweifelten Episode erst die überragende, mythische Bedeutung zugewiesen, die sie in der Geschichte des europäischen Sozialismus später hatte. Es hat zugleich die historische Tatsache überdeckt, dass Marx zuvor fast verzweifelt versucht hatte, die (sehr wenigen) Mitglieder der „Internationale“ in Paris von diesem desperaten Abenteuer abzuhalten.

Im Hochverratsprozess, dem sich Bebel und Liebknecht im Jahr darauf in Leipzig stellen mussten, wurden ihre Auftritte im Parlament ebenso wie eine ältere Broschürenliteratur zu einem großen Anklagedossier zusammengestellt, darunter auch das bis dahin völlig unbekannt gebliebene „Kommunistische Manifest“ von 1848, das einer gespannten Öffentlichkeit erstmals zu Gesicht gebracht wurde. Der Prozess war ein unverhüllter Versuch, die Entstehung einer geeinten sozialdemokratischen Partei zu verhindern, indem die prussophiler gestimmten Anhänger des verstorbenen Ferdinand Lassalle gegen die mit der Londoner Internationale verbundene Fraktion in Stellung gebracht werden sollten. Und tatsächlich hatte Lassalle in seinen Geheimgesprächen mit Bismarck 1863 diesem die Satzung des von ihm geführten „Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins“ (ADAV) mit den nur halb scherzhaft gemeinten Worten überreicht: „Hier haben Sie die Verfassung meines Reiches, um die Sie mich vielleicht beneiden dürften!“ Die ganz auf ihn zugeschnittene Satzung beweise, dass „der Arbeiterstand instinktmäßig zur Diktatur geneigt“ und daher bereit wäre, „trotz aller republikanischen Gesinnungen – oder vielmehr auf Grund derselben – in der Krone den natürlichen Träger der sozialen Diktatur, im Gegensatz zum Egoismus der bürgerlichen Gesellschaft, zu sehen“ – falls die Krone ihrerseits sich dazu „entschließen könnte, eine wahrhaft revolutionäre und nationale Richtung einzuschlagen“.

Daran erinnerte Bismarck ausgerechnet in der Rede, in der er 1878 das „Sozialistengesetz“ begründete, durch das die „reichsfeindlichen Umtriebe“ der Sozialdemokratie unterbunden werden sollten. Lassalle, einer der „geistreichsten Menschen“, habe eben, anders als die heutigen Führer der Partei, „eine sehr ausgeprägte nationale und monarchische Gesinnung“ gehabt und letztlich „das deutsche Kaisertum“ angestrebt, so wie er, Bismarck, auch.

Tatsächlich war es allerdings Bebel gewesen, der als mittlerweile erfahrener Parlamentarier den Reichskanzler aus der Deckung gelockt hatte, indem er dessen jahrelange Versuche enthüllte, mit korrumpierenden Angeboten (sogar an Marx) eine Art „preußischen Regierungs-Sozialismus“ aufzuziehen – ein Projekt, das nun endgültig gescheitert sei.

Wenn Bebel dreißig Jahre später, als die Sozialdemokraten trotz aller Verbote und Einschränkungen die stärkste Partei im Reich geworden waren, seinerseits als ein serener „Arbeiterkaiser“ gerühmt (oder auch verspottet) wurde, dann liegt darin noch die Erinnerung an die Rolle, die die Gründer der Sozialdemokratie, angefangen mit Lassalle, als verhinderte Reichsgründer eigener Ordnung gespielt haben. Eine großdeutsche, auch Österreich einschließende Republik hätte allerdings tatsächlich wohl nur aus einem „Krieg auf Leben und Tod mit dem russischen Zarentum“ – die alte fixe Idee von 1848 – hervorgehen können, und zugleich gegen das revanchistische Frankreich, das sich nach 1890 mit Russland verbündet hatte. Angesichts der Rüstungen der Mächte des Zeitalters war das allerdings eine immer beklemmendere, alles andere als erhebende Perspektive.

Diese Politik konnte jetzt im Ernst nicht mehr ausbuchstabiert werden und blieb Teil einer sterilen Revolutionsrhetorik, die sich von der Lebenswirklichkeit der in Vereinen, Gewerkschaften, Bildungszirkeln erfassten Mitglieder immer zunehmend entfernte. Sie dürfte sogar zur Hilf- und Orientierungslosigkeit wesentlich beigetragen haben, mit der die mächtige, aber letztlich isolierte deutsche Sozialdemokratie dem Kriegsausbruch von 1914 gegen-überstand, und mit ihr die anderen, seit 1889 in einer neuen „Sozialistischen Internationale“ verbundenen Parteien, die allesamt ihre Schwüre brechen mussten.

Rückt man das Verhältnis von Reichsgründern und Gegengründern allerdings in eine gesellschaftsgeschichtliche Perspektive, dann wird man immerhin feststellen können, dass der spannungsvolle Gegensatz zwischen einer preußisch-militaristischen Führungselite und einer sozialdemokratischen Gegenwelt und Ge-genmacht seine produktiven und zukunftsträchtigen Seiten hatte.

Viele soziale Errungenschaften und demokratische Zugeständnisse wären ohne dieses innere Mächtespiel kaum denkbar gewesen, und das deutsche Kaiserreich wäre schwerlich jenes eben doch relativ plurale und moderne, produktive und gebildete Land geworden, das es war. Nur diese Kerne einer zivilisatorischen Substanz, die ohne die historische Rolle der Sozialdemokratie kaum denkbar gewesen wären, haben es erst ermöglicht, dass Deutschland durch alle politischen und moralischen Abstürze hindurch sich hat regenerieren und das werden können, was es heute ist: die zivile Mitte einer Europäischen Union.

Der Autor ist Historiker und Publizist. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, darunter Standardwerke zur Geschichte der antiautoritären Bewegung sowie zur RAF. Sein Buch „Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus“ war 2018 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

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