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Hans-Erhard Haverkampf und ein Foto von 1981, das sein Team vor der nagelneuen Alten Oper Frankfurt zeigt, wenige Tage vor der Eröffnung.
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Hans-Erhard Haverkampf und ein Foto von 1981, das sein Team vor der nagelneuen Alten Oper Frankfurt zeigt, wenige Tage vor der Eröffnung.

Stadtplanung in Frankfurt

Die Alte Oper Frankfurt wurde vor 40 Jahren eröffnet: „Dieses neue Frankfurter Lebensgefühl“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Hans-Erhard Haverkampf, damals Planungsdezernent, über das zähe Ringen um den Bau der neuen Alten Oper, die Ende August ihren 40. Geburtstag feiert.

Im Jahre 1944 wurde das Frankfurter Opernhaus in den Bombenangriffen des Zweiten Weltkrieges weitgehend zerstört. Jahrzehntelang stand die Ruine am Opernplatz, ohne dass etwas geschah. Warum zeigte die Kulturpolitik kein Interesse am Wiederaufbau?

Nun, es gab in den 50er Jahren schon kleine private Sammlungen für einen Wiederaufbau. Aber 1963 hatte die Stadt die neue Theater-Doppelanlage am heutigen Willy-Brandt-Platz in Betrieb genommen. Und die Kommunalpolitiker vertraten die Ansicht, die Stadt könne sich nicht noch einen Neubau am Opernplatz leisten.

Hat die in Frankfurt damals politisch bestimmende SPD die soziale Infrastruktur, wie etwa Schulen und Kitas, höher bewertet?

Das war ohne Zweifel so. Die soziale Infrastruktur besaß Priorität. Die alte SPD, also die SPD des Wiederaufbaus nach dem Krieg, verfolgte in erster Linie das Ziel, den Normalverdienern, den „Working poor“, den durch den Krieg Entwurzelten die gleichen Bildungs- und Aufstiegschancen zu verschaffen wie dem gehobenen Bürgertum. Die Sozialdemokraten taten sich dabei mit dem Vorwurf der bürgerlichen Parteien schwer, sie könnten nicht mit Geld umgehen.

1964 gründete dann der Präsident der Industrie- und Handelskammer Frankfurt, Fritz Dietz, eine Sammlung für den Wiederaufbau.

Dietz trieb die Politik vor sich her. Der damalige Oberbürgermeister Walter Möller (SPD) sah sich 1971 genötigt, mit Dietz eine Vereinbarung für den Wiederaufbau der Alten Oper zu treffen. Obwohl der IHK-Präsident auch bluffte: Die 11,2 Millionen Mark, die er zusammenbrachte, bestanden zum großen Teil lediglich aus Zusagen baulicher Sachspenden von Unternehmen. Die Unternehmen hofften natürlich, vom Wiederaufbau zu profitieren.

In den 70er Jahren tat sich die SPD immer noch schwer mit einem Beschluss für den Wiederaufbau der Oper.

Immerhin beschloss der SPD-geführte Magistrat 1974, eine Bau- und Finanzierungsvorlage auf den Weg zu bringen. Aber etlichen Sozialdemokraten galt ein Neubau am Opernplatz als Symbol großbürgerlicher Selbstrepräsentation. Wenn überhaupt ein Wiederaufbau, dann nicht ein Haus für die Kultur der Reichen. Der SPD-OB Arndt wählte deshalb einen pragmatischen Weg. In Abstimmung mit der IHK sollten in der Alten Oper vorwiegend Kongresse und Tagungen stattfinden, in zweiter Linie dann Konzerte. So vernünftig diese Entscheidung aus Sicht der Wirtschaftsförderung der Stadt war, so sehr verkannte sie jedoch die emotionale Bedeutung des Wiedererstehens der Alten Oper für die breite Bevölkerung.

Worin lag diese Bedeutung?

Es gab in dieser Zeit in den breiten bürgerlichen Schichten in Frankfurt das wachsende Bedürfnis, sich wieder positiv mit Frankfurt zu identifizieren. Das Frankfurt der 70er Jahre war eine unwirtliche Stadt, die sich ohne Rücksicht auf urbane Lebensqualität vor allem der wirtschaftlichen Prosperität verschrieben hatte in Gestalt einer autogerechten amerikanischen Stadt. Hinzu kamen die endlosen Großbaustellen im Zentrum und die Häuserkämpfe. Der sozialdemokratische Magistrat hatte mit Ausnahmegenehmigungen privaten Investoren erlaubt, mit ihren Hochhäusern zum Beispiel ins Wohnviertel Westend vorzudringen, mit dem Effekt einer Vielzahl verdrängter Bewohner. Es gelang schließlich dem Planungsdezernat 1975/76 mit dem Bebauungsplan Westend und dem neuen Generalverkehrsplan verlorenes Vertrauen neu zu gewinnen. Von da an sprach man wieder miteinander.

Welche Bedeutung sahen Sie persönlich in dieser Situation in der Alten Oper?

Zur damaligen Zeit (1976, Bauvorlage des Magistrats) stand ich hinter der Konzeption Rudi Arndts. Irritiert hat mich dann der Beschluss der SPD-Fraktion, doch noch ein Jugendzentrum im Untergeschoss der Alten Oper unterzubringen und den Artsclub Sinkkasten. Dauerquerelen mit den Hauptnutzern waren vorprogrammiert. Hinzu kam: Der noch nach dem Krieg empfundene Gegensatz von bürgerlicher zu linker Kultur bestand in den Köpfen der Wähler 1977 schon lange nicht mehr. Die neue Alte Oper sollte den Frankfurtern selbst und den Besuchern zeigen, wir können auch anders als Krankfurt. Mit der Jugendzentrums-Debatte spürten aber die Bürger, so richtig will die SPD eigentlich gar nicht. Für dieses neue Frankfurter Lebensgefühl stand deshalb nun die CDU.

Der Sozialdemokrat Rudi Arndt hatte 1965 noch gedroht, die Reste des alten Opernhauses am Opernplatz einfach zu sprengen.

Zur Person

Hans-Erhard Haverkampf, 1940 in Mühlhausen/Thüringen geboren, war von 1975 bis 1989 Mitglied des Magistrats der Stadt Frankfurt, zunächst als Planungsdezernent (1975-77), dann als Baudezernent (1977-89). In seine Zeit als Baudezernent fielen unter anderem die Entwicklung und der Bau des Museumsufers und der Wiederaufbau der Alten Oper. Nach etlichen Projekten anderswo war Haverkampf in der Stadt zuletzt beratend beim Umbau des Filmmuseums 2011 und bei der Durchsetzung des neuen Romantikmuseums 2014 beteiligt.

Die Alte Oper Frankfurt wurde am 28. August 1981 als Konzert- und Veranstaltungshaus eröffnet – an der Stelle und im äußeren Gewand des 1880 erbauten Opernhauses, das 1944 zerstört worden war. Gefeiert wird unter anderem mit mehreren Konzerten am Geburtstag selbst. www.alteoper.de

Das geschah während einer emotionalen Debatte im überfüllten, verräucherten Club Voltaire. Arndt war ein sehr spontaner und rhetorisch robuster Politiker. Zeugen sagen, er habe sich in der hitzigen Debatte für den Wiederaufbau eingesetzt, seine Gegner jedoch zu allem Nein gesagt. Er habe daraufhin ironisch kommentiert: ‚Dann muss ich die Ruine wohl sprengen‘. Der Titel „Dynamit-Rudi“ heftet ihm heute noch an und zeigt, ein Politiker stigmatisiert sich auch durch geringste Nebensächlichkeiten, wenn sie sich narrativ aufladen lassen. Das spüren gerade mal wieder Spitzenpolitiker im Wahlkampf.

Zurück zur Alten Oper. Der CDU-OB Wallmann hat damals in letzter Minute die Pläne für das Haus noch geändert.

Nach dem Wahlsieg Walter Wallmanns kam es zum Baubeschluss ohne die strittigen Einrichtungen, vorbereitet bereits Anfang 1977 durch den ehemaligen CDU-Bürgermeister Wilhelm Fay. Im Raumprogramm der Alten Oper änderte sich im Kern nicht viel. Lediglich der Kammermusiksaal wurde ein richtiger ‚Musiksaal‘, der allerdings auch bei Tagungen eingesetzt wird. – OB Wallmann hat diese Sehnsucht der Frankfurter nach neuer, auch repräsentativer Identität nicht nur gespürt, sondern auch konsequent mit Projekten bedient. So ist unter anderem das Museumsufer bestanden.

Haben Sie heute Ihren Frieden mit der Alten Oper gemacht?

Ja, ich habe ihn eigentlich schon direkt mit der Eröffnung gemacht. Die Alte Oper gehört heute ebenso fest zu Frankfurt wie der Römer. Allerdings werden dort Projekte der kulturellen Avantgarde eher nicht mehr verwirklicht, wie es sie in den 80er Jahren dort noch geben sollte. Ich will als Beispiel an die Auseinandersetzung um das umstrittene Stück „Der Müll, die Stadt und Tod“ von Rainer Werner Fassbinder erinnern. Der erste Generaldirektor der Alten Oper, Ulrich Schwab, hatte es sich in den Kopf gesetzt, die Uraufführung des umstrittenen Stückes im Rahmen der „Frankfurt Feste“ im Sommer 1984 zu verwirklichen. Er wollte internationale Aufmerksamkeit für die Alte Oper. Das Stück, in dem es um die Immobilien-Spekulation in Frankfurt geht und in dem die Figur eines „reichen Juden“ auftritt, war als antisemitisch kritisiert worden. Es würde zum Konflikt kommen und das war Schwab recht. Er liebte solche gewagten Spiele, er hatte einen besonderen Kulturbegriff. Er wollte in der Alten Oper ein Theater, das öffentlich bewegt, auch und gerade durch Tabubrüche.

Halten Sie das Stück von Fassbinder für antisemitisch?

Ich kenne das Stück gut. Man kann es als antisemitisch interpretieren. Aber Fassbinder war kein Antisemit. Die Figur des „reichen Juden“ leitete sich aus der Immobilienspekulation ab, die Fassbinder im Westend erlebt hatte und die es ja gab. Fassbinder wollte provozieren, er kannte auch vor dem Hintergrund des Holocaust keine Tabus bei damals aktuellen Konflikten in Frankfurt.

Was geschah dann im Sommer 1984?

Schwab ging in Konfrontation zum Magistrat. Oberbürgermeister Wallmann und Kulturdezernent Hoffmann waren gegen die Uraufführung des Stückes. Ihnen ging es nicht nur um den Vorwurf des Antisemitismus. Sie beriefen sich auf einen Beschluss des Magistrats, nach dem die Alte Oper keine eigenständigen künstlerischen Produktionen auf die Bühne bringen sollte. Schwab warf Hoffmann Herrschaftsallüren vor, Hoffmann Schwab wiederum ideologische Verengung. Am 29. Mai 1984 kam es in einer Sondersitzung des Aufsichtsrates der Alten Oper zum Showdown. Schwab beharrte auf der Uraufführung. Da fragte ihn OB Wallmann, ob es denn stimme, dass er hinter dem Rücken des Aufsichtsrates schon Mitwirkende für die Uraufführung unter Vertrag genommen habe. Schwab bestritt das. Da konfrontierte ihn Wallmann mit der Kopie eines Vertrages, den Schwab unterschrieben hatte. Das war das Ende. Der Aufsichtsrat beschloss Schwabs fristlose Entlassung.

Und Sie wurden dann für eine Interimszeit zum neuen Direktor der Alten Oper berufen.

Ja, aus den zunächst zwei Monaten im Sommer wurden dann zehn, die aufregendste Periode meiner Frankfurter Zeit: Baudezernent bis 13.30 Uhr, dann Direktion bis meist Mitternacht. Zwischendurch wurde unsere Tochter geboren. – Der Streit um die öffentliche Aufführung des Stücks hat noch einen bisher wenig bekannten Seitenaspekt. Als auch für den U-Bahnbau zuständiger Dezernent machte ich nach Rücksprache mit Hoffmann und Wallmann dem Leiter des Fassbinder-Ensembles (Volker Spengler) den Vorschlag, im Rohbau der U-Bahnstation Alte Oper die erwünschte Aufführung zu inszenieren. Es kam dann zu einem Durchlauf des Stücks im Spätsommer 1984, das weitere Interesse daran blieb aber bei Spengler aus. Es gab nur ein kleines Publikum. Ich war auch dabei. Meines Wissens hat aber niemand darüber berichtet. Die Müll-Stadt-Tod- Affäre war nur eine von vielen Grenzerfahrungen dieser Zeit.

1985, als Schauspiel-Intendant Günther Rühle das Stück in den Kammerspielen in Frankfurt zeigen wollte, gab es dagegen große Proteste, Mitglieder der Jüdischen Gemeinde besetzten die Bühne. Bis heute wurde das Stück nie in Frankfurt gespielt. Halten sie eine Aufführung heute für möglich?

Ich kann mir vorstellen, zentrale Szenen zu zeigen, wenn sie in einen erläuternden Kontext eingebettet werden. Es müsste dann natürlich die Jüdische Gemeinde mit einbezogen werden. Und es sollte eine öffentliche Podiumsdiskussion geben. Ich glaube aber, das Stück ist inzwischen historisiert.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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