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Die Ahnungslosigkeit gefährdet die Welt

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Von: Claus Leggewie

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Auf der Flucht vor den Klimafolgen: Überschwemmung am Bagmati Fluss, Indien, ein Nebenfluss des Ganges, durch Starkregen und Gletscherschmelze.
Auf der Flucht vor den Klimafolgen: Überschwemmung am Bagmati Fluss, Indien, ein Nebenfluss des Ganges, durch Starkregen und Gletscherschmelze. © imago

Die Völkerwanderung könnte westliche Demokratien zerstören, befürchtet Kira Vinke in ihrem Buch „Sturmnomaden“.

Vor manchen Problemen stockt einem der Atem. Die Pandemie, so scheint es, lässt sich bekämpfen, auch wird der Krieg in der Ukraine irgendwann zu Ende gehen. Beides kostet Millionen Menschen das Leben, verursacht nicht nur durch das Scheitern der globalen Armutsbekämpfung und einer gerechteren Weltordnung, sondern auch, weil das Verhältnis zur nicht-menschlichen Umwelt entgleist ist. So türmen sich auch Klimawandel und Artensterben zu Megaproblemen auf, die allen Ernstes die Überlebensbedingungen der gesamten Menschheit in Frage stellen.

Ein Vorbote ist die vermehrte Massenmigration aus Gebieten, die massiv von Meeresspiegelanstieg, Megastürmen, Dürreperioden und Ernteausfällen betroffen sind, so dass sich Menschen auf Wanderschaft begeben, in der vagen Hoffnung, andernorts ein neues Leben aufbauen zu können. Das betrifft nicht nur die kleinen Inseln im Ozean, sondern auch Megacities wie Jakarta, Lagos und New York. Seit selbst im Ahrtal Häuser in den Fluten untergingen, Landwirte in besonders trockenen Gegenden Mitteldeutschlands ihren Betrieb einstellen und in den Alpen bald kein Gletscher mehr übrig sein wird, ist das Schicksal von Heimatvertriebenen auch hier mehr als eine Reminiszenz an vergangene Zeiten.

Führt das zu mehr Solidarität mit Klimaflüchtlingen, denen anders als hier keine Versicherung und kein Wohlfahrtsstaat beistehen? Die hiesige Hilfs- und Spendenbereitschaft ist hoch, allerorts werden Milliarden für Anpassungsleistungen mobilisiert. Doch das beste Mittel gegen Klimamigration bleibt weiterhin die Verringerung und Vermeidung von Emissionen in den reichen Metropolen. Allerdings wuchsen mit der Dringlichkeit und Zurkenntnisnahme des Klimawandels auch der Nationalismus und die Xenophobie; reiche Länder schließen ihre Grenzen, Geflüchtetsein wird zum Makel, Rechtsradikale machen ihr Geschäft mit der Angst vor „Umvolkung“. Die angeblich zu erwartende Völkerwanderung gehört zu den gefährlichsten Hebeln der Destabilisierung westlicher Demokratien.

Ist der Klimawandel ein massenhafter Fluchtgrund? Weltweit ja, auch wenn das Gros sich (zunächst) als Binnenwanderung in den betroffenen Ländern selbst niederschägt. Ungern erinnere ich mich an eine nur gut zehn Jahre zurückliegende Konferenz deutscher Politolog:innen zur Klimapolitik, bei der eine Korrelation zwischen inner- und zwischenstaatlichen Konflikten und Umweltproblemen kategorisch ausgeschlossen wurde – als würden ethnische oder religiöse Konflikte vom Himmel fallen und nicht (auch) mit Ressourcenverlust durch Umweltzerstörung einhergehen.

Kira Vinke zeigt in ihrem sehr verständlich geschriebenen Buch „Sturmnomaden“, dass man sich dem lange verdrängten Thema nicht mehr verschließen darf. Sie führt die Dimensionen der Klimamigration im 21. Jahrhundert vor Augen und prangert das Fehlen von Schutz- und Aufnahmemechanismen an. Aus Feldforschungen in den Kleininselstaaten, der Sahelzone, auf den Philippinen und in Bangladesch sowie im Amazonas-Regenwald präsentiert die bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik tätige Forscherin wissenschaftliche Evidenz und auch beeindruckende Zeugnisse von Betroffenen. Das Buch endet pragmatisch-hoffnungsvoll. Schwimmende Städte sind demnach keine verrückten Utopien, sofern sie von Pioniertaten einiger Urbanisten auf eine leicht und kostengünstig realisierbare Stadtplanung in den Todeszonen herabskaliert werden. Hier hätte man sich von der vielgereisten Autorin noch mehr und konkretere Erfolgsbeispiele gewünscht.

Buch

Kira Vinke: „Sturmnomaden. Wie der Klimawandel uns Menschen die Heimat raubt“, München 2022, dtv, 319 Seiten, 23 Euro.

Zu den Vorschlägen einer humanitären Migrationspolitik gehört seit längeren die Einführung eines „Klimapasses“. Die Idee rekurriert auf den Polarforscher Fridjof Nansen, der nach dem Ersten Weltkrieg 1921 als erster Hochkommissar für Flüchtlingsfragen des Völkerbunds staatenlosen Flüchtlingen mit dem nach ihm benannten Nansen-Pass einen besser gesicherten Status verschaffen wollte. Davon profitierte knapp eine halbe Million Geflüchteter.

Die Idee wurde 1936 von Sohn Odd Nansen auf für vom NS-Regime vertriebene Juden und nach dem Zweiten Weltkrieg auf deutsche Heimatvertriebene ausgedehnt. 2012 hat eine supranationale Nansen-Initiative nun auch Katastrophenvertriebene einbezogen, der UN-Migrationspakt wertete 2020 explizit den Klimawandel als Migrationsgrund. Doch wie zu erwarten, wollten die nationalen Parlamente, darunter der Deutsche Bundestag, den Klimapass bisher nicht konkretisieren, der existenziell vom Klimawandel bedrohten Personen eine frühzeitige, freiheitliche und würdevolle Migrationsoption eröffnen soll. Ein Klima-Pass verleiht dem Individuum ein Mobilitätsrecht, womit eine sichere und legale Aus- bzw. Einwanderung nicht erst die Ultima Ratio der Anpassung an den Klimawandel ist, sondern den Betroffenen als Kompensation für die mit ihrem Heimatverlust einhergehenden vitalen und kulturellen Verluste und Schäden zusteht. Eine stellenweise unbewohnbar werdende Welt würde das humanitäre Gastrecht neu beleben. Anerkannt werden müsste der Pass zuvörderst von jenen reichen Ländern, die besonders stark zum Ausstoß von Treibhausgasen beigetragen haben.

Dagegen steht der stupide Nationalismus, der sich neuerdings ökologisch verkleidet. Marine Le Pen setzte Immigranten mit invasiven Arten gleich, die (aus identischen Klimagründen!) gen Norden wandern, und verblüfft mit der These: „Grenzen sind der beste Verbündete der Umwelt; durch sie werden wir den Planeten retten.“ Es ist die zynische Ahnungslosigkeit, die die Bewohnbarkeit der Welt gefährdet. Doch auf ihre Weise hat die französische Präsidentschaftsbewerberin recht: Erst wenn menschliche und nicht-menschliche Spezies und die „unbelebte“ Natur in eins gedacht werden, könnte der Planet noch gerettet werden.

Kira Vinke stellt ihr Buch am 26. Januar beim Panel on Planetary Thinking an der Uni Gießen vor, Raum 315, 18 Uhr.

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