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Ein Bildungsvergnügen im Vorbeigehen. Sprühparole in Berlin.
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Ein Bildungsvergnügen im Vorbeigehen. Sprühparole in Berlin.

Utopien

Der verheißungsvolle Nicht-Ort

  • VonBjörn Hayer
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Angela Merkel perfektionierte den pragmatisch operierenden Regierungsstil. Das utopische Denken haben wir in dieser Ära verlernt. Doch Kunst und Poesie können uns Wege zeigen, wie wir es wiedererlangen.

Man stelle sich einmal vor, überall dort, wo uns ansonsten grauer Beton anstarrt, würden Textzitate, Aphorismen oder einfach inspirierende Malereien zu sehen sein. Spazierengehen käme so ganz by the way einem überraschenden Bildungsvergnügen gleich. Was für manche reichlich absurd klingen dürfte, ist allerdings kein neumodischer Einfall aus der Graffiti-Szene, sondern wurde bereits 1602 von dem Mönch Tomaso de Campanella in seiner futuristischen Konzeption „Die Sonnenstadt“ entworfen. Er wollte Wissen unter das breite Volk bringen und schuf nicht mehr und nicht weniger als eine Utopie – ein Begriff, der von Thomas Morus über Gustav Landauer bis hin zu Karl Mannheim oder Ruth Levitas eine lange Geschichte nach sich zog.

Erst vor dem Hintergrund des gescheiterten Wettbewerbs zwischen Faschismus und Sozialismus im 20. Jahrhundert verlor er seine Strahlkraft. Statt den verheißungsvollen Nicht-Ort zu denken, beschränkte sich die Politik infolge des Zusammenbruchs des Eisernen Vorhangs auf das Prinzip Reform. Der Merkelismus wurde zur Perfektion eines reaktiven, pragmatisch operierenden Regierungsstils.

Und nun? Schon im vergangenen Wahlkampf wurde deutlich, dass uns der Klimawandel und geopolitische Herausforderungen zu tiefgreifenden Veränderungen zwingen. Das Drehen an Stellschrauben, hier eine Steuer senken, dort ein wenig härtere Regeln durchsetzen – all diese kleinen Korrekturen werden den allzu komplexen Anforderungen der Spätmoderne nicht gerecht. Kurzum: Es bedarf eines neuen, utopischen Geistes, mithin des Mutes zum Experiment. Genau darin besteht etwa für Ernst Bloch, den großen Vordenker der Utopie, die Aufgabe der Hoffnung. Sie „ist das Gegenteil (…) eines naiven Optimismus“ und darf nicht mit bloßem Dahinträumen verwechselt werden. Schenkt man ihm Glauben, so zündet der utopische Funken nicht durch ein Schauen in die Glaskugel, sondern geht manchmal sogar in die Vergangenheit zurück. Er spricht vom „Unabgegoltenen“, das „gärt“, also von visionären Gedanken, die noch nicht realisiert wurden. Man denke etwa an frühe schon von Walt Disney oder Frank Lloyd Wright entwickelte, aber in der Schublade verbliebene Stadtutopien.

Mindestens genauso bedeutend war für Bloch aber auch die Malerei, Musik und Literatur als Quelle des Neuen. Sie fördern den sogenannten „Vor-Schein“ zutage. Verstanden wird, dass Künstler und Künstlerinnen in besonderer Weise dazu befähigt seien, Bilder der Zukunft zu materialisieren. Um utopisches Denken demnach wieder zu lernen, könnte uns allen somit die Kunst helfen. Was bietet sie uns aktuell an?

Zum Beispiel lohnt ein Blick auf die luzide zeitgenössische Poesie, die eine große Begeisterung für einen sich mit der Natur befriedenden Menschen zum Ausdruck bringt. Bei der Lyrikerin Silke Scheuermann vernimmt man den Appell: „Ich plädiere für Gärten, zieht in Gärten, lebt dort, / (…) Gärten, eurer immerwährenden Sorge überantwortet, / pflegenden Händen / nehmt dies, bescheiden, als Trost, / dass ihr loslassen müsst, im Leeren / den Sinn selbst erschaffen.“

Uwe Kolbe, ein anderer Dichter unserer Tage, empfiehlt ebenso die Beackerung des Grünen mit zarter Hand: „Nähme dir ich etwas von der Schwere ab, / ich düngte damit unsern Garten, den / wir hegten hinter unserm eigenen Haus, / die Pappeln und Lupinen, Neuland. / Alles ginge, Möglichkeitsform, alles.“ Was wir technisch „klimaneutrale Gesellschaft“ nennen, findet seinen Geist in solcherlei virtuosen Impulsen. Ihr Credo: Seid kreativ in der Gestaltung der Welt! Übernehmt Verantwortung, die keinen Gegensatz zur Freiheit bilden muss!

Von besonderer Wichtigkeit erweist sich aber, dass diese Gedichte, „Floras Lied“ und „Form“, kein Schlaraffenland projizieren, sondern Offenheit für die Leser und Leserinnen bereithalten. Die Worte „Leere“ und „Möglichkeitsform“ nehmen sie gewissermaßen in die Pflicht, das Unklare und Noch-nicht-Sichtbare weiter auszudeuten. Die Utopie entfesselt sich im Kopf, findet im Vers ihren Anfang. „Anstelle des politischen Willens Utopien zu ,verwirklichen’, geht es in der künstlerischen Produktion um die Form als Ort der Utopie. Gerade darin ist eine Steigerung des utopischen Bewusstseins möglich“, schreibt Wilhelm Voßkamp, dem heute vielleicht einflussreichsten Theoretiker in Sachen Utopien. Sprache bildet gewiss ein solches Gerüst, sie bringt Ordnung dorthin, wo zuvor Chaos herrscht, ohne glücklicherweise Offenheit zu beseitigen.

Wie sieht es mit den anderen Künsten aus? Dass auch Musik imaginäre Grenzüberschreitungen ermöglicht, gibt der große Bereich der New Classic zu erkennen. Ganz vorne mit dabei: Max Richter, der seine zumeist aus klassischen Streichern und Electro-Sounds geschichteten Partituren seit jeher in einen politischen Horizont rückt. Nachdem er sich in seinen Alben „Memory House“ und „Blue Notebook“ mit dem Kosovo-Konflikt bzw. der militärischen Intervention im Irak auseinandersetzte, legt sein neuestes, „Voices“, den Akzent allgemein auf die Menschenrechte.

Typischerweise beginnen seine aktuellen Stücke mit einem Ton, dann kommen weitere hinzu. So hören wir zu Beginn Zitate aus der „Universal Declaration of Human Rights“, die dann mit Gesangsstimmen und Geigen nicht überlagert, sondern vielmehr emporgehoben werden. Es entsteht ein geradezu himmlisches Setting, voller bewegendem Pathos. In uns wird dabei der utopische Funke gezündet.

Manchen Hörerinnen dürften in diesem avantgardistischen Gemisch der Stimmen Kants Vision von der Menschheitsgesellschaft in den Sinn kommen, anderen die Vollendung einer globalen Gerechtigkeit. Der Möglichkeitsüberschuss in der Musik äußert sich in ihrer Unmittelbarkeit. Sie braucht, wie schon Schopenhauer in seiner Ästhetiktheorie festhielt, keine Übersetzung. An gedanklicher Fülle gewinnt sie allein in unserer Vorstellungskraft.

Etwas anders verhält es sich mit der bildenden Kunst. Sie muss dem Auge etwas vorgeben. Doch dies kann auf zweierlei Weisen geschehen. Entweder entwirft sie wirklich eine Sozialutopie oder sie spielt in ähnlicher Weise wie Musik und Literatur mit dem Prinzip der Offenheit. Im Falle von ersteren tut sich derzeit etwa Hartmut Kiewert hervor. Vor Ruinen von Großschlachtereien wie „Tönnies“ bewegen sich Schweine und Kühe frei. Daneben staunt man über Neuinterpretationen von Klassikern. So brechen auf seinem Werk „Evolution of Revolution“ die in der industriellen Massentierhaltung ausgebeuteten Mitwesen gemeinsam mit der Fahne schwingenden Barrikadenkämpferin auf Eugène Delacroix’ „Die Freiheit führt das Volk“ (1830) durch die Zäune. Klar, dieses Œuvre forciert die gewaltfreie Gesellschaft, eine, die auf Basis des politischen Veganismus und der Ausweitung fundamentaler Rechte jeglichen Speziesismus überwindet.

Einen offeneren Weg bietet die abstrakte Malerei an. Aus jedem Zusammenspiel von Farben und Formen können Betrachterinnen zu inneren Landschaften gelangen. Ein weiser Kopf, der die ungegenständliche und gegenständliche Darstellung verbindet und sich auf Andeutungen beschränkt, ist der Chinese Qiu Shihua. Sein Werk umfasst weitläufige Naturszenerien in Weiß- und Grautönen. Auf großen Formaten befinden sich feinste Konturen entfernt stehender Bäume und Felder, die wie Nebelchimären anmuten. Inspiriert sind seine titellosen Bilder vom Taoismus. Dieser fußt auf der alles durchdringenden, den Kosmos umfassenden Kraft des Dao, dem gegenüber sich der Mensch als Interpret verhält. Da es Flora und Fauna innewohnt, wird es als Motor des dauerhaften Wandels charakterisiert. Übertragen auf die Dynamik zwischen Bild und Betrachter, ergibt sich ein Wechselspiel von Nähe und Ferne, das im Ungefähren hier und dort Konkretes vernehmen lässt.

Ob Literatur, Kunst oder Musik – ihre utopischen Effekte äußern sich mehr in uns als in ihrer materiellen Gegebenheit an sich. Sie ziehen uns hinein, weil uns die reine Realität nicht genügen kann. Denn jeder Traum von einer besseren Welt findet seinen Ausgangspunkt in Mangelerscheinungen der Gegenwart. Erst so manches uns tief berührende, ästhetische Werk macht uns das Unbehagen an der Wirklichkeit bewusst. Genau in diesen Momenten bahnt sich Hoffnung Raum. Ihr Ziel: Das Einswerden mit dem Anderen, mit dem Unfassbaren. Am Ende steht auch bei Bloch die Sehnsucht nach einer Ankunft: „Hat er (der Mensch) sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“

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