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Putin gewähren lassen oder gemeinsam gegen Russland vorgehen?

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Von: Arno Widmann

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Protest gegen die Nato, hier bei der Kundgebung „Bundeswehr raus aus Afghanistan!“ 2008 in Stuttgart. 	Imago Images
Protest gegen die Nato, hier bei der Kundgebung „Bundeswehr raus aus Afghanistan!“ 2008 in Stuttgart. © imago stock&people

Der Ukraine-Konflikt wirft Fragen auf, die Europa sich lange nicht mehr stellen musste: Müssen wir uns als militärisches Bündnis aktiv gegen Russland stellen? Ein fiktives Gespräch.

Frankfurt – Zwischen Friedensbewegung und Krieg, neuem Pragmatismus und alten Hoffnungen: Ein fiktives, aber mögliches Gespräch zwischen Anna und Andreas in Berlin, Anfang März 2022. Es ist Donnerstag, der 3. März, 12 Uhr. Eine Frau und ein Mann. Sie sitzen in einem Büro in Berlin. Sehen sie aus dem Fenster, blicken sie auf den Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums und auf die Kuppel des Fernsehturms am Alexanderplatz. Sie tun das oft, denn immer wieder vermeiden sie, einander anzusehen. Vor 75 Jahren wurde das Haus, in dem sie jetzt sitzen, zum „Haus der Kultur der Sowjetunion“, nach der Gründung der DDR zum „Haus der deutsch-sowjetischen Freundschaft“ ernannt.

Das Haus hatte schon damals eine lange Geschichte hinter sich. Friedrich der Große hatte 1751 seinem Kammerdiener Johann Gottfried Donner das Grundstück geschenkt. Der hatte darauf ein Gebäude errichtet, in dem er wohnte, eine Holzhandlung betrieb, einen Mieter beherbergte und Getreidevorräte hortete. 1787 verkaufte Donner das Gebäude an die königliche Finanzbehörde. Ein paar Jahre lang wohnte hier auch Freiherr vom Stein. In diesem Gebäude wurden also auch die preußischen Reformen ausgeheckt. Ab 1808 wurde das Palais der Amtssitz des preußischen Finanzministeriums.

Russland im Ukraine-Konflikt: Vergangene Kriege hinterließen in Deutschland Zeichen

Die beiden kennen die Geschichte des Hauses, sie wissen, dass der unweit gelegene Alexanderplatz benannt ist nach dem russischen Zaren Alexander I., der der Invasion Napoleons trotzte. Sie wissen auch, dass es der Freiherr vom Stein war, der Alexander I. bestärkte im Kampf gegen den Korsen, der sich zum Kaiser gemacht, der nachdem er fast ganz Europa sich unterworfen hatte, jetzt auch noch Russland unter französische Herrschaft bringen wollte. Er scheiterte. An Eis und Schnee, am Widerstandswillen der Russen. Dann kamen die deutschen Befreiungskriege… Anna sitzt auf einem Ledersofa. Sie blickt zum Fenster hinaus. Andreas sieht sie an. Er sieht sie gerne an. Er weiß, dass es ihm nicht zusteht, aber was soll er tun? Er redet auf sie ein.

Andreas: 24 bis 40 Millionen Russen starben im Zweiten Weltkrieg, den Deutschland gegen die Sowjetunion angezettelt hatte. Und du findest, wir sollten mal wieder Krieg führen gegen das Land. Das ist doch ungeheuerlich, was du da sagst. Diesen Toten verdanken wir die Befreiung vom Faschismus. Ihnen verdanken wir unsere Freiheit.

Anna: Es waren nicht 24 bis 40 Millionen Russen, die damals starben. Das sind die Toten der Völker der Sowjetunion. Wahrscheinlich kann uns niemand genau sagen, wie viele Ukrainer zum Beispiel darunter waren. Schon bei den Befreiungskriegen war Russland beides zugleich: Befreier und Unterdrücker. Ohne Russland keine Befreiung von Napoleon. Aber alle Hoffnungen der Befreiungskriege auf die politische Besserstellung der Bevölkerung wurden von Russland unterdrückt. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Befreiung vom sogenannten Hitlerfaschismus der Beginn der Unterwerfung eines Teils von Deutschland unter die Diktatur der Sowjetunion.

Russland – Ist die Ukraine das einzige Ziel Putins?

Andreas: Deutschland ist angewiesen auf ein gutes Verhältnis zu Russland. Das zeigt seine Geschichte.

Anna: Vor allem, wenn es darum ging, dass die beiden Polen unter sich aufteilen. Ein gar zu gutes Verhältnis zwischen Deutschland und Russland macht den europäischen Nachbarstaaten Angst. Sie kennen ihre Geschichte besser als wir die unsere. Weißt du, manchmal erinnern mich manche Deutsche an die Frauen, die vor ihrem sie verprügelnden Mann in ein Frauenhaus flüchten und doch immer wieder zu ihm zurückkehren. Meine Mutter erzählte mir, dass sie eine Weile durch die Straßen Westberlins zog und mit Tausenden skandierte: „Zerschlagt die Nato“.

Andreas: Aber ich bewundere doch die Ukrainer. Sie sind Helden. Die Russen dachten, es wird ein Durchmarsch. Aber die Ukraine verteidigt ihre Städte Straße für Straße. Ein Kampf Mann gegen Mann. Sie sind großartig.

Ein Mann geht an den Überresten eines russischen Militärfahrzeugs in Bucha, nahe der ukrainischen Hauptstadt Kiew, vorbei.
Der Ukraine-Konflikt zieht Zerstörung in den Städten des Landes nach sich. © dpa/Serhii Nuzhnenko

Anna: Du solltest aufhören, sie zu bewundern und ihnen endlich helfen.

Andreas: Was soll ich tun? Ich kann gar nichts tun.

Anna: Natürlich können wir nichts tun. Du nicht von deinem Schreibtisch aus und ich schon mal gar nicht – versunken in diesem Sofa. Aber stelle dir doch mal vor, wir wären die Regierung. Was würden wir tun?

Ukraine-Konflikt: An welchem Punkt ist die Nato verpflichtet, militärisch gegen Russland vorzugehen?

Andreas: Russland völlig abschließen vom internationalen Zahlungsverkehr…

Anna: Nein, was würden wir tun, um die Russen wieder aus der Ukraine zu werfen?

Andreas: Das geht nicht. Das hieße sofortige militärische Intervention. Dafür steht die Nato nicht zur Verfügung.

Anna: Unsere Freiheit in Afghanistan zu verteidigen – das war okay, aber nicht in der Ukraine?

Andreas: Du weißt genau, ich war nicht für den Afghanistankrieg. Was soll das also?

Anna: Wo würdest du denn anfangen, dein Leben zu verteidigen?

Andreas: Wenn es angegriffen wird. Das ist im Augenblick nicht der Fall. Putin führt Krieg gegen die Ukraine, nicht gegen uns.

Anna: Wo beginnt, wo endet dein uns? Das Haus, in dem du dein Büro hast, stand auf dem Boden der DDR. Die war ein Vasallenstaat der Sowjetunion.

Andreas: Was soll das? Das ist Jahrzehnte her.

Russland: Inwieweit ist die Nato der Ukraine verpflichtet?

Anna: So wie die Bevölkerung der DDR sich lösen wollte und damals sich lösen konnte aus der Umklammerung der Sowjetunion, so versuchen das jetzt Belarus und die Ukraine und anders als damals bei „uns“ interveniert Russland mit Truppen wie 1968 die Sowjetunion das tat, als sie gegen den Prager Frühling losschlug.

Andreas: Es war gut, dass der Westen damals still hielt, dass er nicht den Reformern zu Hilfe eilte.

Anna: Ja. Die Tschechoslowakei war kein unabhängiger Staat, die Bevölkerung hatte sich nicht für die Ablösung von der Sowjetunion ausgesprochen. Das ist jetzt alles ganz anders. Wenn heute Russland die Slowakei angriffe, würdest du es jetzt gut finden, wenn wir nichts täten?

Andreas: Das ist eine völlig andere Lage. Die Slowakei ist Mitglied der Nato. Im Augenblick finden dort gerade große Manöver statt, die Russland zeigen sollen, dass die Nato einsatzbereit ist.

Anna: Die Ukraine aber gehört nicht zu uns. Das heißt, die Ukrainer haben kein Recht, sich gegen Russland zu stellen.

Andreas: Sie haben jedes Recht. Sie haben aber keine Chance.

Anna: Das gibt dir das Recht, sie im Stich zu lassen!

Hat Russland den Ukraine-Krieg bereits gewonnen, wenn die Nato nicht handelt?

Andreas: Es hat keinen Sinn, aussichtslose Kämpfe zu führen.

Anna: Du gibst den Ukrainern den guten Rat, ihre Türen zu öffnen und die russische Armee in ihre Häuser zu bitten.

Andreas: So ließe sich Blutvergießen vermeiden.

Anna: So lädt man Wladimir Putin zu immer neuem Blutvergießen ein.

Andreas: Was willst du denn?

Anna: Vergiss die Nato. Die kann nichts tun. Aber du erinnerst dich an den Irakkrieg? „Koalition der Willigen“ hieß das damals.

Andreas: Aber das war doch eine widerrechtliche, widerwärtige Aktion.

Ukraine-Konflikt: Ist eine „Koalition der Willigen“ gegen Russland möglich?

Anna: Ganz deiner Meinung. Aber sie zeigt, dass man ein militärisches Bündnis schließen könnte zum Schutz der Ukraine. Eine Koalition der Willigen, die dafür sorgte, dass zum Beispiel der Luftraum über der Ukraine nicht mehr einfach von den Russen beherrscht werden könnte. Ich bin keine Militärexpertin, aber es wäre wohl doch eine Maßnahme, die innerhalb weniger Stunden zu realisieren wäre. Du hast die Ukraine schon aufgegeben. Ich denke, noch gibt es Möglichkeiten, Putin aufzuhalten. Wir sollten sie nutzen.

Andreas: Du bist verrückt. Du riskierst den Atomkrieg.

Anna: Das heißt: Du rechnest damit, dass Putin ihn führen wird.

Andreas: Natürlich. Er scheint fest entschlossen, seine Drohungen wahr zu machen. Nicht damit zu rechnen, wäre nicht nur dumm. Es wäre ein Verbrechen.

Anna: Also muss man tun, was er sagt. Am besten noch, bevor er es sagt.

Andreas: Nach einem Atomkrieg bleibt nichts mehr übrig. Er ist der Untergang von allem. Er muss verhindert werden. Um jeden Preis.

Anna: Wir begreifen die Lage nur, wenn wir sie zuspitzen. Aber wir müssen auch begreifen, dass die Zukunft immer noch einmal anders ist, als wir sie uns denken.

Andreas: Jetzt machst plötzlich du auf Optimismus.

Ukraine-Konflikt: Im Krieg kann Nebensächliches entscheidend sein

Anna: Nein, sicher nicht. Aber die Wirklichkeit ist kein strategisches Spiel. Die Welt ist erst einmal alles, was der Fall ist. Und von so vielem, was der Fall ist, haben wir noch gar nicht gesprochen. Und dann ist die Welt ja auch noch alles, was nicht der Fall ist. Alles Negierte gehört rein in die Definition. Aber auch die Träume, die kurz aufzuckenden Gedanken – all das spielt eine Rolle. In einer bestimmten Konstellation kann Nebensächliches kriegsentscheidend sein.

Andreas: Wovon redest du?

Anna: Napoleons Knöpfe. Die Knöpfe der französischen Uniformen hielten nicht. Das Messing zerbrach in der Kälte. Immer wieder entscheidet sich die Weltgeschichte an Kleinigkeiten. Die Wirklichkeit setzt sich aus zu Vielem zusammen, als dass wir sie in jedem Augenblick begreifen könnten. Wir behelfen uns darum mit großen Konstruktionen, die uns jene Übersichtlichkeit bescheren, in der wir uns wohl fühlen: Nationen, Gesellschaften, Mentalitäten. Das sind aber Einheiten, die zu grob sind, uns sagen zu können, was in einer konkreten Situation zu tun ist.

Andreas: Die Atombombe ist keine Kleinigkeit. Gegen sie ist nichts zu machen.

Anna: Wenn Putin mit der Atombombe droht und wir schrecken sofort zurück, dann hat er bereits gesiegt. Wenn wir zurück drohen, mag das ihn vielleicht nicht beeindrucken. Aber wenn auch nur eine Person unter den Damen und Herren seiner Umgebung – angesichts dieser Gefahr – beschließt, ihn zu beseitigen, dann haben wir eine völlig neue Situation.

Andreas: Vorausgesetzt, es gelingt.

Russlands Krieg gegen die Ukraine: Gilt für Putin selbst noch das Völkerrecht?

Anna: Wo es Tyrannen gibt, gibt es den Tyrannenmord. Geglückt oder nicht geglückt. Er ist besser als ein Krieg. Eine Drohne wäre auch eine Möglichkeit.

Andreas: Schon mal was von Völkerrecht gehört?

Anna: Sage das Putin.

Andreas: Du kannst doch nicht alles über den Haufen werfen.

Anna: Begreife es endlich: Putin hat doch schon alles über den Haufen geworfen. Einfach so. Weil er es kann. Er kann es, weil wir ihn lassen. Als er im Jahr 2007 sagte, er werde Russland aufrüsten zu einer nie gewesenen Größe, da haben wir gelacht. Das war alles. Mehr haben wir nicht getan.

Andreas: Was hätten wir auch tun sollen? Truppen schicken?

Anna: Wir hätten ihn nicht technologisch aufpäppeln dürfen, hätten ihm nicht Spitzenpreise für seine Rohstoffe zahlen sollen. Ich weiß: Hätte, hätte Fahrradkette.

Russland im Ukraine-Konflikt: Riskiert Putin einen Atomkrieg?

Andreas: Das Kind ist in den Brunnen gefallen.

Anna: Leider nicht. Es hat den Finger am Atomknopf.

Andreas: Dagegen ist kein Kraut gewachsen.

Anna: Alle gucken jetzt auf die Ukraine. Überall auf der Welt. Die Art und Weise, wie Putin sich erst die Krim, dann den Donbass aneignete und jetzt auf Kiew vorrückt, interessiert nicht zuletzt auch die Chinesen. Wenn Putin damit durchkommt, werden sich die in der chinesischen Führung durchsetzen, die Taiwan lieber gestern als heute sich einverleiben wollen. Dass ein technologisch, wirtschaftlich und politisch so heruntergekommener Staat wie Russland sich die Ukraine, immerhin das zweitgrößte europäische Land, einfach so mal schnappen kann, macht allen Mut, die ähnliche Gelüste haben.

Andreas: Nicht alle haben eine Atombombe.

Anna: Ein russischer Erfolg würde jeden Diktator davon überzeugen, dass ihm lediglich noch ein paar Atombomben fehlen, um unverletzbar zu sein. Die Menschen in der Ukraine kämpfen um viel mehr als um ihre Unabhängigkeit. In diesem Krieg geht es darum, wie die Welt in Zukunft aussehen wird. (Arno Widmann)

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