Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

HK 1 war ein ehrlicher Finder und brachte die Stücke am nächsten Tag ins Museum. Hier der Goldschatz auf einem Foto von 2013.
+
HK 1 war ein ehrlicher Finder und brachte die Stücke am nächsten Tag ins Museum. Hier der Goldschatz auf einem Foto von 2013.

Trier und die Römer

Der Trierer Goldschatz – Kombiniere: Gold macht neugierig

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
    schließen

Ein Besuch in Trier auf den Spuren der Römer, sagenhafter Schatzfunde, einer dreifachen Kriminalgeschichte. Sowie ein Ausblick auf die Ausstellung zum „Untergang des Römischen Reiches“.

Eine von einem Bagger bereits aufgewühlte Grube, darin aufgewühlte Hobbyarchäologen, drumherum eine Stadt im Grunde auch, Trier. War doch im Keller eines Klinikums ein Schatz freigelegt worden, mal wieder unterhalb einer Tiefgarage ein ganz spezieller Fund. „Goldrausch in Trier“ hieß es, und das war im September 1993 kaum übertrieben.

Sicherlich verstiegen aber war, dass der Finder als „Goldfinger“ inszeniert wurde, 25 Jahre später, zum Jahrestag in einem Fernsehfeature des SWR, die Story im Hintergrund instrumentiert von Blechbläsern. Nicht durch die Posaunen von Jericho, sondern von denjenigen aus dem „James Bond“. Kombiniere: der Goldschatz von Trier eine Kriminalgeschichte? Nicht die einzige.

In diesen Tagen eine zerfurchte Grube erneut, doch alles andere als ein aufgekratztes Wühlen, so zeigt sich ein archäologisches Feld in einem rückwärtigen Bereich von Triers Friedrich-Wilhelm-Straße. Es ist nicht die erste römische Töpferei, die ausgegraben wurde, denn in der antiken Metropole gab es zahlreiche, am Rand untergebracht wegen der Feuergefahr. Die Grabungsleiterin Stefanie Holzem lenkt den Blick auf die Grube, auf die Funde, die sie „durchaus beachtlich“ nennt. Archäologinnen und Archäologen, zumal wenn sie mit wahren Schätzen vertraut sind, neigen zur Untertreibung. Und doch, das antike Gebrauchsgeschirr oder eine Nadel oder ein Nagel sind keine Nichtigkeiten. Und das hier, darf ich?

Wir dürfen – wir durften einen olivgrauen Würfel in der Hand hin- und herwenden. Nicht einmal so groß wie ein Stück Zucker, hat sich das Objekt dennoch in rund 1800 Jahren nicht aufgelöst. Ans Licht gebracht hat auch dieses kleine Artefakt detektivische Akribie, wobei es keiner Kombinationsgabe bedarf, um zu wetten, dass der Würfel demnächst mit anderen Objekten in das Depot des Rheinischen Landesmuseums Trier kommt. Mit dem Fahrstuhl geht es hier in die Römerzeit, ins Untergeschoss des Hauses, wo Sabine Faust die Hüterin unermesslicher Schätze ist, katalogisierter Kostbarkeiten aus Marmor und Bronze, Glas oder Sandstein, sie muss ja nur drei von Dutzenden Schubladen aufziehen – und uns öffnete sich ein Sesam an verborgenen Kleinodien. Die umfangreicheren, die mehr Platz beanspruchen, der Marmortorso einer Nackten, der Kopf einer Göttin, Kapitelle oder Amphoren, soeben erst aus verglasten Holzschränken in bewegbare Rollregale umgesiedelt, sind die schlummernde Reserve für manche Ausstellung.

Eine exquisite Sonderausstellung ist für Juni geplant. Trotz der Pandemie wagt der Direktor des Landesmuseums, Marcus Reuter, zu hoffen. Optimistisch arbeitet er an einer monumentalen Schau, vergleichbar der über Nero, einer im Jahr 2016 auf drei Häuser verteilten Präsentation. Erneut im Landesmuseum, im Dommuseum und im Stadtmuseum wird diesmal das Thema der „Untergang des römischen Reiches“ sein. Es ist eine Herausforderung in vielerlei Hinsicht: fachlich, logistisch, finanziell. Denn die Transportkosten für Leihgaben, so berichtet der Leiter des Dommuseums, Markus Groß-Morgen, seien wegen der Corona-Krise durch die Decke geschossen.

Erstmals wird sich eine Ausstellung in Deutschland dem Thema widmen, und das ist ganz und gar erstaunlich. Handelt es sich doch um eine Epoche, die oft schon beschrieben wurde, in historischen Büchern, in Sandalenfilmen, raffiniert, plump, aufwühlend, grandios bereits von Edward Gibbon im 18. Jahrhundert. Sein Buch „Verfall und Untergang des Römischen Reiches“ wird nicht nur zu den Sternstunden der Geschichtsschreibung gezählt, sondern wurde zum geflügelten Wort – und verkürzt von Populisten. So auch von dem Hysterie-Historiker Alexander Gauland, der die Dekadenzthese demagogisch auf das gegenwärtige Deutschland gemünzt sehen will.

Richtig dagegen liegt man, wenn man im spätantiken Trier eine Metropole sieht. Ein „Zentrum der römischen Antike“, wie Reuter betont. Wenn man Reuter gegenübersitzt, spricht er, auch wenn er über Sensationen spricht, nicht ein einziges Mal in Superlativen. Er beruft sich darauf, dass das römische Köln 96 Hektar umfasste, Xanten 73, Mainz 90, Trier dagegen 283 Hektar. Ob Trier womöglich zu wenig beachtet werde? Auf wiederum nicht weniger als 2000 Quadratmetern im Landesmuseum sollen Exponate die Ursachen des Zerfalls anschaulich machen, innerrömische, außenpolitische. Der Niedergang der kaiserlichen Zentralgewalt wird ebenso thematisiert wie der Auftritt regionaler Warlords. Die Bürgerkriege Roms machten auch an der Porta Nigra nicht halt, Trier wurde von einer Pandemie heimgesucht, die damalige Welt von einer Klimakrise erschüttert, so von Kyle Harper in „Fatum“ erzählt.

Alle drei Museen werden über die Spätantike hinausgreifen, und sie werden diese nicht als eine Zäsur begreifen – im Grunde nach dem Motto Peter Heathers, der in seinem Standardwerk über den „Untergang des Römischen Weltreichs“ schrieb, er wolle „nicht das alte Spiel treiben, einem einzelnen Datum singuläre Bedeutung zuzuschreiben“. Langfristige Prozesse sollen beleuchtet werden, so etwas wie eine Archäologie des Glaubens bis ins Mittelalter ist im Dommuseum geplant, im Stadtmuseum eine der Mentalitäten bis in die Gegenwart. Kein Geringerer als Heather konnte als Berater für die Ausstellung gewonnen werden. Gut 700 Exponate sollen ebenfalls Argumente liefern.

Dass Trier abenteuerlichen Ereignissen auch in den letzten rund dreißig Jahren ausgesetzt war, liegt an einem spätantiken Schatz. Bestehend aus nicht weniger als 2650 römischen Goldmünzen, bilden die 18,5 Kilogramm den umfangreichsten römischen Goldschatzfund überhaupt. Die ältesten Münzen waren während der Zeit des Kaisers Nero um 63/64 in Umlauf, die jüngsten wurden unter Septimius Severus zwischen 193 und 196 geschlagen. Ein ungeheurer Fund „unter recht ungewöhnlichen Umständen“, wie Reuter, erzählt: lächelnd, herunterspielend, umso wirkungsvoller.

Zur Sache:

Der Trierer Goldschatz wurde 1993 bei Bauarbeiten an der Feldstraße in Trier entdeckt. 2013 wurde er in einer Schau erstmals vollständig präsentiert.

Das Rheinische Landesmuseum Trier zeigt ihn in seinem Münzkabinett, das so bald wie möglich wieder geöffnet werden soll. Die Ausstellung zum Untergang des Römischen Weltreichs ist vom 25. Juni an geplant. www.landesmuseum-trier.de

Aufgearbeitet wurde der Schatz durch den ehemaligen Leiter des Münzkabinetts, Karl-Josef Gilles, und für die Fachwelt numismatisch erschlossen. Die von Gilles ebenfalls rekonstruierte Kriminalgeschichte beginnt damit, dass sich parallel zu den Baggerarbeiten Archäologen des Landesmuseums über den Baugrund gebeugt hatten, war doch das Umfeld als Fundort eines Silberschatzes bekannt, 1628 erstmals, auch 1993.

Während des sog. Aushubs für das erwähnte Parkhaus war aus einem freigelegten römischen Keller Erdreich auf einen Lkw gewuchtet worden, darunter ein bauchiges Bronzegefäß mit Goldmünzen, eine unbemerkte Ladung, denn sonst wäre sie nicht an anderer Stelle der Stadt abgekippt worden. Wo sie erwartet wurde von Hobbyarchäologen, die tatsächlich auf 111 Goldstücke stießen. Hier wird es abenteuerlich. Oder beginnt die echt kriminelle Geschichte, denn nicht anders hat es Gilles in seinem 2013 erschienenen Buch, „Der römische Goldschatz aus der Feldstraße in Trier“ erzählt: „Eine Benachrichtigung des Museums und der Polizei erfolgte jedoch nicht.“ Verfall der Sitten, Dekadenz angesichts des Untergrunds von Trier?

Goldrausch! Bohrten doch wilde Schatzsucher weiter. Derjenige mit dem am meisten ausgeprägten Kombinationsvermögen, in dem Buch als HK 1 tituliert, trieb es auf ein Areal, auf dessen Teilstück zuvor andere illegal Wühlende ein Baustellenverbot erhalten hatten. HK 1, in besagtem TV-Beitrag sowohl mit bürgerlichen Namen vorgestellt, aber auch als „Goldfinger“ inszeniert, brachte zunächst 1389 Goldmünzen zum Vorschein, später weitere 561, dann noch einmal 141. Weil ein schwarzer Eimer herumlag, war ein Transportmittel zur Hand. HK 1 war ein ehrlicher Finder, denn er brachte seinen Fund am nächsten Tag ins Museum.

Ein Kriminalfilm ginge längst mit Szenenwechseln vor. Irgendwann nachdem der Lkw-Fahrer von Hobbysuchern zu weiteren Aushubfrachten aufgestachelt und deshalb bestochen wurde; irgendwann nachdem dieser, der Lkw-Fahrer, sich aber nicht mehr nur abspeisen lassen wollte mit hundert DM; irgendwann nachdem er in einer Gaststätte am Telefon seine Sicht der Dinge verlauten ließ, so laut, dass Gäste aufhorchten, so dass sich der Kreis der Glückssucher schlagartig erweiterte; etwa zu der Zeit, als sich eine Meute von der Gaststätte aus gemeinsam aufmachte, um die Fundorte gesetzeswidrig zu durchwühlen, brachte der verschmutzte Overall des Finders, HK 1, für eine gründliche Wäsche vorgesehen, weitere 13 Münzen hervor. Abgegeben wurden auch die.

Erwiesenermaßen neun Sucher, von HK 1 bis 8, dazu ein HK 12 hatten ihre Finger an den Funden. Der Erfolg wurde in dem angesprochenen SWR-Beitrag jedoch einer einzigen Person ans Revers geheftet, HK 1, die um einen ursprünglich wohl zugesagten sagenhaften Finderlohn geprellt wurde. Ein bemerkenswerter TV-Beitrag, eine Kombination aus fahrlässiger Verkürzung und unseriöser Dramatisierung. Wenig erstaunlich, dass es ganz oben in Onlinekommentaren auf Youtube heißt, Ehrlichkeit in Deutschland belohne der Staat mit Abzocke. Nicht nur mit geltendem Recht verträgt sich ein derart bodenloses Ressentiment nicht.

Damit nicht genug. Im Sommer des Jahres, das war Reuters Plan, sollte der 18,5 Kilogramm gewichtige Goldschatz wieder zu sehen sein, ausgestellt im Landesmuseum, in einer neuen Panzervitrine, der Materialwert von rund 600 000 Euro noch besser gesichert, der archäologische Wert von womöglich zehn Millionen Euro noch umfangreicher geschützt. Hatten doch im Oktober 2019 drei Banditen die insgesamt mehr als 2500 Münzen aus dem Museum stehlen wollen, vergeblich. Das nun ist die zweite Kriminalgeschichte, nämlich ein mit brachialer Gewalt ausgeführtes Verbrechen, das im Unterschied zu dem Frevel in den Museen von Dresden und Berlin scheiterte.

Es ist kein Geheimnis, dass Waffenhändler, Drogenhändler oder Raubkunsthändler global agieren. Festgenommen in den Niederlanden und nach Deutschland ausgeliefert wurde ein Täter, der im August 2021 zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wurde, nur drei Jahren, denn er habe bloß „Schmiere gestanden“. Jenseits von Gaunerjargon und einer Story, die nicht nur zu einem TV-Beitrag im Regionalprogramm animiert, sondern womöglich zu einem Spielfilm, führt eine weitere Spur direkt nach Rom!

Dorthin, wo die Herrscher des Weltreichs auch über die Geldproduktion des Imperiums geboten. Sie ließen die Münzen mit ihrem Konterfei prägen. So verschafften sie sich im gesamten Imperium eine weitere Präsenz, denn mit jeder Münze ging gleichsam ihr Image von Hand zu Hand. Dass die Kaiser in der Spätzeit Roms auf den Goldwert allerdings unseriös Einfluss nahmen, sprach bereits die Nero-Ausstellung an. Als man den vergeblichen Raub zum Anlass nahm, um den Schatz noch einmal eingehend zu analysieren, bestätigten die Untersuchungen, dass einige der Münzen durch Beimengen an billigen Materialien entwertet wurden. Der römische Staat als Falschmünzer? So ist die Geschichte noch nie erzählt worden.

Überhaupt ist die Geschichte des Trierer Münzschatzes, seiner Entdeckung, des versuchten Raubes, eine im Grunde unglaubliche Geschichte. Umso unverfälschter will sie erzählt sein, so pur wie nur irgendwas. Denn keine elektrisierende Geschichte, heute, ohne Gänsehaut pur oder Spannung pur.

Apropos pur, trotz einer gewissen Inflation an astreiner Reinheit – auf nach Trier! Trotz nachgewiesener Manipulationen an einigen Geldstücken, weil ein Imperium auf seine vorletzten Tage hin womöglich aufgewühlt war, steht man in Trier vor einer Akkumulation von römischen Münzen ohne Beispiel sonst, der Feingehalt zu 99,054 Prozent. In Trier hat historische Neugier wahrhaftig goldenen Boden.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare