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Sam Zamrik. Foto: Juliette Moarbes
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Sam Zamrik.

Gastbeitrag

Bundestagswahl: Es kostet nichts, mit Empathie zu wählen

Als Geflüchteter kann Lyriker Sam Zamrik selbst nicht wählen. Doch der Ausgang der Bundestagswahl 2021 hat maßgeblichen Einfluss auf seine Zukunft.

Wer will / daß die Welt / so bleibt / wie sie ist / der will nicht / daß sie bleibt – Status quo von Erich Fried

Als geflüchteter Mensch, der das gesetzlich vorgeschriebene Integrationsprogramm der aktuellen Regierungskoalition absolviert hat, kommt es mir in diesem Wahlkampf so vor, als hätte ich den Orientierungskurs vielleicht ein wenig zu ernst genommen. Der Orientierungskurs hat mir zwar geholfen, mich effektiv durch die diesjährigen Wahlprogramme zu navigieren, nur wählen kann ich nicht.

„Ah, beeindruckend, dass du dich dafür interessierst!“, sagen die Deutschen. „Wenn diese oder jene Partei gewählt wird, ziehe ich woanders hin!“, sagen die Expats. „Was kümmert dich etwas, das doch nur Kopfweh produziert?“, fragen die neu eingebürgerten Geflüchteten. Und was für ein Kopfweh das ist!

Lyriker Sam Zamrik über die Bundestagswahl 2021: Er selbst hat kein Wahlrecht

Doch wie kann ich mich nicht dafür interessieren? Die Tatsache, dass ich kein Wahlrecht habe, ist dabei nebensächlich. Vorangegangene Wahlen haben die Form der sechs Jahre bestimmt, die ich bisher in Deutschland verbracht habe, und diese Wahl wird mein Leben in den nächsten Jahren unmittelbar gestalten. Wenn ich gerne möchte, dass Deutschland mein Zuhause bleibt, finde ich es zunehmend wichtig zu wissen, welche Position ich in der Gesellschaft einnehmen darf.

Kein Wahlrecht zu haben, beraubt mich aber nicht meiner eigenen Stimme, denn meine eigene Stimme kann und möchte ich erheben, um diejenigen zu erreichen, die ihre Stimme abgeben können. Das darf und kann ich nicht vergessen, besonders wenn es sich anfühlt, als spräche ich ins Leere. Ein Gefühl, das übrigens Menschen, die mehr als 20 Jahre vor mir nach Deutschland geflüchtet sind, gut kennen.

Es muss geklärt werden: Wenn ein geflüchteter Mensch als Flüchtling bezeichnet wird, ist er in erster Linie ein politisches Wesen, auch wenn er nur über seinen Körper entscheiden kann. Die Bezeichnung „politisches Wesen“ steht in diesem Fall nicht für überzeugte Demonstrantinnen und Demonstranten, Aktivistinnen und Aktivisten — sie verweist vielmehr auf die Tatsache, dass unsere Existenz dem Ermessen der Politik überlassen wird; auf die Art und Weise, wie unsere lebensrettenden Maßnahmen manchmal von der Laune der Verwaltungsangestellten und der Beamtinnen und Beamten abhängen. Mit anderen Worten: Wo die staatliche Anerkennung fehlt, wird „der Flüchtling“ zu einer Art biologischen Last, die wie eine Seuche behandelt wird, bis eine „Lösung“ dafür gefunden werden kann. Foucault nannte das Biopolitik.

Zur Person

Sam Zamrik, 25, ist ein in Damaskus geborener Lyriker, Übersetzer und Musiker, der auf Englisch und Deutsch literarisch schreibt. Er studierte, bevor er aufgrund des Krieges in Syrien das Land verlassen musste. Er war Stipendiat am Bard College Berlin und studiert nun an der FU. 2022 erscheint seine Lyriksammlung „Sophistry of Survival“ im Hanser Berlin Verlag. Er ist u.a. in der Untergrund-Musikbewegung „New Wave of Syrian Metal“ aktiv.

Im Projekt Weiterschreiben.jetzt, einer Plattform für Autorinnen und Autoren aus Kriegs- und Krisengebieten, arbeitet Sam Zamrik im Tandem mit Ulf Stolterfoht.

Lyriker Sam Zamrik über die Bundestagswahl 2021: Ein Land leckt seine Wunden

Das ist in diesem Jahr besonders wichtig, in dem ein müdes Deutschland versucht, seine Wunden zu lecken — nach einer Pandemie, einem entehrenden militärischen Rückzug aus Afghanistan, inmitten einer turbulenten EU-Zone. Von den Spitzenkandidat:innen der Parteien wurde so gut wie nichts über oder zu den 1,4 Millionen geflüchteten Menschen gesagt, die in Deutschland leben und seit mehreren Jahren etwas Konkretes erwarten.

Es wurde nichts über unsere aktuelle Situation in der Gesellschaft erzählt oder wie viele von uns immer wieder hilflos die Staatsbürgerschaft neu beantragt haben, die immer wieder abgelehnt oder jahrelang verschoben wurde. Es wurde auch nichts über unsere Erfolge und unser Engagement gesagt, egal wie viel oder groß sie sind. Stattdessen werden wir unter anderen Bezeichnungen noch immer problematisiert. Die CDU redet z. B. von „Sozialleistungseinwandernden“, nachdem sie gerade kritisiert hatte, dass Hartz IV praktisch stark stigmatisiert ist. Sie machen keine Vorschläge außer „Fördern und Fordern“, was auch immer das bedeuten soll.

Lyriker Sam Zamrik über die Bundestagswahl 2021: Flüchtlinge werden oft vergessen

Aussagen über Hartz IV sind entweder sorgfältig formuliert oder ganz vage. Eine davon ist das von der SPD vorgeschlagene „Bürgergeld“, das meiner Meinung nach in Bezug auf geflüchtete Menschen mit einem großen Fragezeichen versehen ist. Dem Namen nach gilt es nicht für Nicht-Bürger. Es ist einfach, sich vorzustellen, dass die Menschen, deren Einbürgerungsanträge eingefroren sind, von Sozialleistungen ausgeschlossen werden oder ihr Zugang dazu eingeschränkt wird. Die grüne „Garantiesicherung“ ist eine Reformulierung des aktuellen Hartz IV, die eine neues Sozialsystem schaffen will — ob das allerdings mit sozialen Verbesserungen und mit der Empathiebildung von Zuständigen in den Behörden einhergeht, bleibt noch unklar.

Selbst in den Diskussionen zur Migration, die immer wieder betonen, dass Deutschland ein Einwanderungsland geworden ist, werden wir entweder übersehen oder vergessen. Wir werden als Fehler angesehen, den Deutschland in Zukunft vermeiden sollte und nicht als neuester Teil der Gesellschaft, der mitleidet und mitfeiert, wie sie es uns im Orientierungskurs gelehrt haben. 1,4 Millionen Menschen sollen sich über die Krümel der Stabilität freuen, die zu uns herunter rieseln, bis wir bereit sind, uns wirtschaftlich ausbeuten zu lassen oder in die Diktatur und in den sicheren Tod zurückzukehren. Die Tatsachen, dass unsere Situationen von Politikern und Politikerinnen und den öffentlichen Medien nicht beachtet werden; dass die Normalbürgerin, der Normalbürger keine Ahnung hat, was das Asylrecht bedeutet und warum Asyl überhaupt notwendig ist; dass die politischen Rahmenbedingungen, die unser Leben bestimmen, ohne unser Zutun ständig geändert werden; und dass wir keine ausreichend positive Repräsentation haben, macht uns zu einer unsichtbaren, unterdrückten Klasse dieses Landes.

Lyriker Sam Zamrik über die Bundestagswahl 2021: 1,4 Millionen Menschen ohne politische Vertretung

Dieser Wahlkampf ist auf mehreren Ebenen entscheidend: Wir haben alle gehört, dass dies die letzte Chance ist, um den Klimawandel zu stoppen, und das ist völlig richtig. Aber die Geschichte — und jetzt auch ich — warnt davor, dass dies auch die letzte Chance sein kann, den wütenden Rechtsextremismus zu verhindern. Wenn die kommende Koalition aus Parteien, die für den Status quo stehen, es nicht schaffen sollte, die vielfältigen Wählerinnen und Wähler zufriedenzustellen, besteht die Gefahr, dass der Rechtsextremismus die Mitte mit Gewalt übernehmen wird. Denn die Mehrheit ist mit dem Status quo unzufrieden und wird nach einem Schuldigen suchen. Es ist bekannt, wem die Rechtsextremen am liebsten die Schuld geben, besonders in einer Zeit, in der diese Unzufriedenheit an die Oberfläche kommt.

Kurz gesagt: Ihre Stimme entscheidet nicht nur über Ihren Geldbeutel und die Zukunft von Ihnen, Ihrer Gemeinde und Ihrem Land, sondern auch über den Lebensunterhalt von mir und den weiteren 1,4 Millionen Menschen, die wie ich gar keine politische Vertretung haben. Ihre Stimme kann verhindern, dass sich schreckliche Teile der Geschichte wiederholen. Es kostet nichts, mit Empathie zu wählen.

Verfolgen Sie alle neuen Entwicklungen zur Bundestagswahl 2021 in unserem Live-Ticker.

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