Als die Bildagenturen noch vom „neuartigen Corona-Virus“ schrieben, etliche italienische Orte allerdings bereits unter Quarantäne standen: Mailand im Februar.
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Als die Bildagenturen noch vom „neuartigen Corona-Virus“ schrieben, etliche italienische Orte allerdings bereits unter Quarantäne standen: Mailand im Februar.

Agamben & Ausnahmezustand

Der Philosoph erkennt nur, was er immer erkennt

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Giorgio Agamben sieht sich durch die Corona-Vorkehrungen in seiner Idee bestätigt, dass der Staat stets dem Ausnahmezustand zustrebt. Der größte Widersacher des Denkens ist allerdings das Recht-behalten-Wollen.

Der in Venedig und am Collège international de philosophie in Paris lehrende Philosoph Giorgio Agamben ist berühmt für seine zahlreichen Veröffentlichungen, in denen er der europäischen Moderne attestiert, den Menschen zerrissen zu haben. Man habe konzeptionell aber auch real Körper und Geist voneinander getrennt. Der Mensch werde immer mehr seiner spirituellen Dimension beraubt und aufs nackte Leben reduziert. In den Konzentrationslagern blieb den Menschen zunächst nichts als das. Bis sie übergeführt wurden in Vernichtungslager, in denen auch das ihnen genommen wurde.

Dieser Prozess ist in den Augen des 78-jährigen Agamben nicht abgeschlossen. Die Gefahr, dass der Staat den Ausnahmezustand ausruft und damit Bürger-, ja elementare Grundrechte abschafft, ist immer gegeben. Der „Ausnahmezustand“ ist das eigentliche Element des Staates. Ausnahme ist er nur, wenn die Menschen sich gegen dieses eigentliche Staatsziel zur Wehr setzen und es ihnen gelingt, die geheime Regel zur Ausnahme zu machen.

Bei Quodlibet, einem kleinen, im italienischen Macerata ansässigen Verlag, ist eine Sammlung von Agambens Corona-Statements herausgekommen, also die Artikel in „Il Manifesto“, Interviews usw.. Der Titel der Sammlung von 16 kurzen Beiträgen ist: „A che punto siamo?“, „An welchem Punkt sind wir?“ Die Artikel enden im Mai des Jahres. Der erste Beitrag stammt vom 26. Februar. Darin zitiert Agamben den Consiglio Nazionale delle Ricerche (CNR), das italienische Pendant zu unseren Max-Planck-Gesellschaften. Der habe erklärt: „In Italien gibt es keine Sars-CoV2 Epidemie“. Es gebe ein erhöhtes Aufkommen von Erkältungskrankheiten. „Nur vier Prozent der Patienten werden auf intensive Therapien angewiesen sein.“

In keinem seiner späteren Artikel hat Agamben diese Einschätzung der Lage revidiert. Ich habe vergeblich im Netz nach einer neuen Sicht Agambens auf die Lage Ausschau gehalten.

Der 78-jährige Philosoph Giorgio Agamben lehrt in Venedig und Paris.

Am 26. Februar, als Agamben die von ihm nicht datierte Einschätzung des CNR veröffentlichte, erschien im „Spiegel“ ein Interview mit dem italienischen Virologen Giovanni Maga. Er war und ist Direktor des Instituts für Molekulargenetik des CNR. Der „Spiegel“ fragte ihn: „Nun hat auch Italien elf Orte unter Quarantäne gestellt. Was halten Sie von dieser Maßnahme, die gleichzeitig die Freiheit der dort lebenden Menschen beschneidet?“ Magas Antwort: „Die Maßnahmen sind sowohl notwendig als auch effektiv. Notwendig, weil sie eine weitere Verbreitung des Virus verhindern können. Effektiv, weil wir beobachten können, dass die große Mehrheit an Neuinfektionen innerhalb der abgeriegelten Gebiete auftreten.“

Wir wissen inzwischen, dass die elf Orte in Venetien und der Lombardei nur der Anfang waren, dass danach ganz Italien einen Lockdown hatte, weil u.a. auch der CNR nicht mehr den Eindruck hatte, den Virus anders eindämmen zu können.

In seinem Artikel vom 26. Februar fuhr Agamben, nachdem er den CNR zitiert hatte, fort und stellte die Frage: „Wenn die wirkliche Situation so aussieht, warum tun dann Medien und Autoritäten so viel, um ein Klima der Panik zu erzeugen?“ Seine Antwort lautet: „Vor allem zeigt sich wieder einmal die wachsende Tendenz, den Ausnahmezustand als das normale Paradigma des Regierens zu verwenden.“

Bei diesem Satz schreckt man beim Lesen auf. Es ist immer unangenehm, wenn einer uns anschaut und erklärt: „Habe ich es euch nicht gesagt!“ Wenn aber etwas geschieht, das noch niemals geschehen ist – große Industriegesellschaften verabschieden sich für Wochen aus der Produktion, legen fast die gesamte Wirtschaft lahm, also genau die Einrichtungen, die so gerne als die treibenden Kräfte des modernen Staates gesehen werden –, dann wäre doch selbst bei einem Philosophen mit etwas Verblüffung, ja mit Staunen, zu rechnen. Agamben aber sieht nichts Neues. Er sieht nur, was er seit Jahren sieht. Das Ausgangsverbot ist jetzt real. Für Agamben macht das kaum einen Unterschied. Der Staat zeigt einfach nur sein wahres Gesicht.

Vor einem halben Jahrhundert – während der Studentenproteste – zirkulierte auch die Auffassung, man müsse die staatlichen Institutionen zu besonders harschen Reaktionen provozieren. So seien sie erkennbar als das, was sie sind, als faschistoide Mutanten, die auf ihre Chance warteten, wieder echte Faschisten zu werden. Gegen die werde sich dann ein Widerstand bilden, der ihnen endgültig den Garaus machen werde. Diese Ansicht wurde damals nur von Randgruppen geteilt.

Das Buch:

Giorgio Agamben: A che punto siamo? – Epidemia come politica. Quodlibet, Macerata 2020. 57 Seiten, 9,50 Euro.

Agambens Ausführungen erinnern mich an diese Überlegungen. Mein Eindruck ist: Der Philosoph tappt in die Falle des Aktivisten. Er hört auf zu fragen. Er weiß Bescheid. Wohin er blickt: Alles bestätigt ihn. Nirgends „entgegenwirkende Ursachen“. Mit denen doch selbst Karl Marx sich auseinanderzusetzen gezwungen sah – als alles schon klar schien, im dritten Band des „Kapitals“, anlässlich des tendenziellen Falls der Profitrate. Solche Richtungswechsel scheinen Agamben fremd. Die Tendenz ist erkannt. Jetzt sieht er sie überall.

Agamben zählt zu den bedeutendsten lebenden Denkern. In den einschlägigen Rankinglisten besetzt er immer einen der vorderen Plätze. Aber manchmal scheint er das Denken aufgegeben zu haben zugunsten seines größten Widersachers, des Recht-behalten-Wollens. Denken ist eine Bewegung. Zu ihm gehört immer auch, den Gegengedanken zu stärken.

Antonio Negri, auch ein Freund des Denkens – und nicht nur des Denkens – durch die Extreme hindurch, schrieb 2003 in einer kleinen Besprechung von Agambens Buch über den Ausnahmezustand, es gebe zwei Agambens. Der eine erliege immer wieder der Faszination des Todes, der andere entgehe ihr durch die Vertiefung in die philologische Arbeit, in die sprachliche Analyse. In seinem „vor allem zeigt sich wieder einmal“ kommt beides zusammen. Die Welt ist zum Stillstand gekommen. Also regiert bei ihrer Beschreibung die Wiederholung.

Das zu beobachten macht traurig. Wir leben in einem der aufregendsten Abschnitte der Menschheitsgeschichte. Die Macht des weißen Mannes bricht zusammen. Frauen übernehmen, und andere Völker. Die Künstliche Intelligenz übernimmt immer mehr unserer Arbeitsprozesse. Alte Öffentlichkeiten werden zerschlagen, und neue entstehen und vergehen. Und da steht Agamben und sieht die sich so wild wie selten bewegende Welt zu mörderischen Kristallen erstarrt. Agamben scheint den Tod einholen zu wollen. Den seiner Welt? Seinen eigenen?

Nehmen wir Giorgio Agamben ernst und bedenken die gewaltige Schwerkraft, mit der der Staat Richtung „Ausnahmezustand“ driftet. Aber nehmen wir auch die „entgegenwirkenden Ursachen“ ernst und analysieren wir, warum die Tendenz zum Ausnahmezustand sich immer wieder auch nicht durchsetzt. Beides zusammen erst gibt den Blick frei auf die Wirklichkeit.

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