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Gedenken in einer Kölner Synagoge zum 83. Jahrestags der Reichspogromnacht.
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Gedenken in einer Kölner Synagoge zum 83. Jahrestags der Reichspogromnacht.

Erinnerungskultur

Der 9. November und andere Gedenktage: Besichtigung einer Gedächtnisbaustelle

  • VonAleida Assmann
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Welche Maßstäbe gibt es für die Auswahl von Ereignissen im Rahmen der Erinnerungskultur? Warum sollten Ereignisse wie der Sturz der Mauer 1989 oder die Ausrufung der Republik 1918 aus dem nationalen Gedächtnis der Deutschen herausfallen? Ein Beitrag zur Debatte über den 9. November.

In den Medien läuft seit Längerem ein erhitzter Streit darüber, ob der Holocaust auch in Zukunft seine zentrale Rolle im Gedächtnis der Deutschen behalten soll. Der Grund dafür ist das Aufkommen weiterer historischer Erinnerungen in der Migrationsgesellschaft. Gibt es noch Platz im Gedächtnis der Deutschen oder bedeutet jede Ergänzung automatisch eine Verminderung der Holocaust-Erinnerung oder gar eine Absage an sie? Manche sprechen schon von einem „Abschied von unserer Leiterinnerung“ und einem „Selbstentkernungsversuch“.

Diese Debatte über die deutsche Erinnerungskultur hat sich auf einem hohen abstrakten Niveau eingespielt. Wer sich für ihre aktuellen Probleme interessiert, tut jedoch gut daran, die Flughöhe der Adler zu verlassen und sich auf den Boden der Empirie zu begeben. Tatsächlich ist das nationale Gedächtnis eine Dauerbaustelle. Hier finden permanent Verschiebungen und Veränderungen statt. Zum Beispiel arbeiten zehn Jahre nach dem 4. November 2011, dem Selbstmord der NSU-Täter gerade jene Städte zusammen, die zum Schauplatz dieser Morde geworden sind, und planen, wie sie diese Spuren des Terrors gegen Deutsche mit einer migrantischen Herkunft sichern und in eine gemeinsame Erinnerung übernehmen können.

Ein weiteres Anschauungsfeld für Umbauarbeiten ist der 9. November. Hier lautet die Frage: Wie geht man mit einem solchen mehrfach überschriebenen Datum um? Die Empfehlung von Dr. Josef Schuster, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, ist klar. Er empfiehlt, sich aus dem ambivalenten Paket von Geschichtsdaten, die in das Datum des 9. November eingeschweißt sind, nur eines herauszuholen: den 9. November 1938, die Pogromnacht, den Tag der Kriegserklärung gegen die Juden, 10 Monate vor dem Beginn des 2. Weltkrieges gegen die europäischen Nachbarn. Sein Grund: Er befürchtet eine Ambivalenz und emotionale Überforderung der Bevölkerung: Man könne sich doch nicht am selben Tag freuen über den Sturz der Mauer oder die Ausrufung der ersten demokratischen Republik, und gleichzeitig mit Trauer, Scham und Schmerz an den in ganz Deutschland inszenierten Ausbruch der Gewalt gegen jüdische Mitbürger und Mitbürgerinnen.

In seiner Rede zum 9. November argumentierte Präsident Frank Walter Steinmeier anders. Er machte geltend, dass drei Ereignisse zum Gründungsnarrativ der deutschen Geschichte gehören: Der Anfang der Weimarer Demokratie nach den Ende des Ersten Weltkriegs 1918, die einzige erfolgreich selbsterrungene demokratische Revolution in den Städten der DDR 1989, und zwischen beiden Daten der Abgrund der völkischen Ideologie und ihrer mörderischen Folgen während der NS-Zeit 1938. Nicht ein einziges Ereignis, sondern diese drei bilden für ihn die deutsche Geschichte in ihren Höhen und Tiefen ab.

Gedächtniskonstruktionen sind immer selektiv. Man sucht sich aus der Geschichte aus, was man in einem Narrativ über sich selbst als Kollektiv erzählen, befestigen und an die nächsten Generationen weitergeben möchte. Dieses Narrativ formt das nationale Selbstbild und dient als normative Orientierung für die Zukunft. Am Beispiel des 9. November lässt sich gedanklich durchspielen, wie inklusiv oder exklusiv die Geschichtskonstruktion sein sollte. Sowohl der Vorschlag von Schuster als auch der von Steinmeier übergeht das Datum des 9. November 1923. Das erscheint zunächst als sehr plausibel. Die Symbolpolitik Hitlers und die Tatsache, dass der 9. November der Nationalfeiertag im „Dritten Reich“ war, ist heute fast niemandem mehr bekannt. Wer sollte sich auch heute noch für diese blutrünstige Symbolik interessieren? Ist hier nicht Geschichtsvergessenheit der richtige Weg?

Vielleicht doch nicht, denn der 9. November 1923 ist das missing link zwischen 1918 und 1938. Er zeigt nämlich, wie unauflöslich der Kampf um Demokratie mit der Erinnerung an den Ausbruch von Gewalt gegen die jüdische Bevölkerung verbunden ist. Nur fünf Jahre nach der Ausrufung der Republik richtete sich Hitlers Putsch gegen die Kräfte der gerade neu errichteten Demokratie. Für ihn war die Weimarer Republik das Feindbild, und es war ein jüdisches Feindbild. Den Juden wurde nämlich vorgeworfen, dass sie die Ideale der französischen Revolution Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit über die Staatsgrenzen hinweg verbreiteten und die ethnische Nation zerstören. Ebenso dachte übrigens Carl Schmitt, der mit seiner Unterscheidung von Freund und Feind der neuen Demokratie das Grab geschaufelt hat. Während Carl Schmitt heute im Gedächtnis der männlichen deutschen Intellektuellen als Star gehandelt wird, sind die jüdischen Juristen und Helden der Demokratie wie Hans Kelsen oder Hermann Heller im öffentlichen Bewusstsein vergessen.

Hitlers Putsch fand in München statt, er nannte diese Stadt vollmundig ‚die Stadt der Bewegung‘. Am 9. November 1938 hat er seine antidemokratische ‚Bewegung‘ noch einmal in allen deutschen Städten wiederholt – als eine totale Volkserhebung der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft gegen die Juden. Die Juden wurden dabei in ein doppeltes Feindbild gepresst: sie galten nicht nur als Mitglieder einer fremden Rasse und Kultur, sondern auch als Stützen der Demokratie. Da sie zur ultimativen rassischen und politischen Bedrohung stilisiert wurden, konnte sich die deutsche Volksgemeinschaft eine ‚Welt ohne Juden‘ nicht nur sehr gut vorstellen, sondern dies auch als eine Erlösungsvision annehmen. Die Erinnerung an das jüdische Engagement für die liberale Gesellschaft und die rechtsstaatliche Demokratie ist das Band, das die verschiedenen Daten des 9. November bis heute miteinander verknüpft.

Welche Maßstäbe gibt es für die Auswahl von Ereignissen im Rahmen der Erinnerungskultur? Warum sollten Ereignisse wie der Sturz der Mauer 1989 oder die Ausrufung der Republik 1918 aus dem nationalen Gedächtnis der Deutschen herausfallen, zumal wenn es noch so viele Geschichtszeugen von 1989 gibt, deren Erinnerungen man damit massiv entwertet? Die Befürchtung vieler Juden nach 1989 hat sich ja nicht bestätigt: dass der Taumel der Freude über das Ende der SED Diktatur, die Scham und Trauer über die Pogromnacht in den Hintergrund rücken würde. Im Gegenteil hat sich der 9. November als ein inoffizieller Gedenktag der Shoah neben dem 27. Januar behauptet und entwickelt. Während am 27. 1. die Signale vorwiegend von der Hauptstadt ausgehen, finden die Kommemorationsfeierlichkeiten zum 9. November vorwiegend dezentral in den Städten und Gemeinden statt. Hier gibt es wenig translokale Berichterstattung und deshalb weiß die eine Stadt nicht, was die andere tut.

Während Auschwitz gewissermaßen auf einem anderen Planeten liegt, liegen die Spuren der Verwüstung jüdischen Lebens und jüdischer Kultur vor jeder deutschen Haustür. Hier werden auch die Verantwortlichkeiten wieder deutlich und das Gedenken nimmt konkrete Formen an. An vielen Orten werden an den Stolpersteinen Blumen niedergelegt; durch die vielen Kerzen am 9. November verwandelten sich manche Stadtteile an diesem Abend fast in einen Friedhof. Nach 81 Jahren gibt es auch immer noch neue Gedenkorte. Am 22. Oktober wurde am Bahnhof Petershausen ein Denkmal für 112 Konstanzer Jüdinnen und Juden eingeweiht, die nach Gürs deportiert wurden. An der Veranstaltung waren Jugendliche verschiedener Schulen beteiligt. Diese Geschichte ist nicht vergangen, sie ist noch Gegenwart und von Belang für die Bürgerinnen vor Ort. Erinnerungskultur lebt nicht nur von Diskursen, sondern von dem Engagement von Menschen, die wissen wollen, die sich zusammentun, die nachforschen und gemeinsam handeln.

Die Autorin ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin und für ihre Forschungen auf dem Gebiet des kollektiven kulturellen Gedächtnisses u. a. mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden.

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