Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Michael Stolleis.
+
Michael Stolleis.

Nachruf auf Michael Stolleis

Der menschenfreundliche Ton

Zum Tod des Frankfurter Rechtshistorikers Michael Stolleis. Von Miloš Vec.

Frankfurt ist eine globale Marke in der Rechtsgeschichte. Das hat viel mit Michael Stolleis und dem von ihm lange Jahre geleiteten Max-Planck-Institut, angesiedelt auf dem Uni Campus Westend, zu tun. Stolleis’ Ruf und Forschungen zogen und ziehen Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt an. Er brachte sie als Gäste an die weltoffene Stadt am Main und sein Werk erfuhr zahllose Übersetzungen – bis ins Chinesische. Michael Stolleis, der dem MPI von 1991-2009 als Direktor vorstand, war ein bemerkenswerter Mann und die Ikone eines Forschers.

Der 1941 geborene Pfälzer Winzersohn und ausgebildete Winzergehilfe begann 1974 als Professor für öffentliches Recht an der Goethe-Universität und blieb es bis zu seiner Emeritierung 2006. Seine Leidenschaft galt der Rechtsgeschichte, und er hat dieses Fach beharrlich reformiert und umgekrempelt. In unerschrockener Neugier widmete sich Stolleis der Geschichte des öffentlichen Rechts, die eine lange, intensive und manchmal düstere Verbindung zur politischen Vergangenheit Deutschlands aufweist.

Daraus entstanden vier meisterhafte Bände, die ein weites Panorama aufspannen. Sie beginnen bei den Anfängen des akademischen Fachs um 1600, geprägt vom Konfessionsstreit, erzählen die Konstitutionalisierung im 19. Jahrhundert und enden an der Schwelle zur Gegenwart, im wiedervereinigten Deutschland. Es gab so viele deutsche Territorien, Staaten und Universitäten, und überall wurde juristisch um politische Macht und Menschenrechte gerungen: eine spezifische Rechts- und Streitkultur entstand.

Die Geschichte vom „Recht im Unrecht“ des Nationalsozialismus nimmt hier einen prominenten Platz ein; aber auch auf anderen Feldern war Stolleis ein Pionier seines Fachs, betrat Neuland, und wurde hierfür mit wichtigsten nationalen und internationalen Preisen und Auszeichnungen bedacht. Stolleis leitete innovative Forschungen, so etwa zur Völkerrechtsgeschichte, der „guten Policey“ und setzte immer Maßstäbe. Seine wissenschaftliche Autorität strahlte weit über die deutschen und europäischen Grenzen hinaus. Die Widerstände, gegen die er sich dabei durchsetzen musste, waren gemildert durch die absolute Integrität seiner Persönlichkeit. Michael Stolleis, ein Lehrer von Generationen von Doktoranden, Habilitandinnen und Gastforschern und Forscherinnen, war ein auffällig bescheidener Mensch, der nie etwas für sich selbst verlangte oder forderte. Seine Integrität speiste sich aus bei Institutionen und Kollegen geschätztem Pflichtbewusstsein, Verantwortungsgefühl und einer verblüffenden Organisiertheit. Er packte Sachen an, war ungeduldig und anspruchsvoll, und brachte deswegen auch heikle Projekte konzentriert und qualitätsvoll zu einem guten Ende.

Er hörte anderen zu

Jeder, der ihn persönlich erleben durfte, war erstaunt von seiner Zugewandtheit und Zurückgenommenheit. Er besaß einen jungenhaften Charme. Michael Stolleis hörte seinen Mitmenschen zu und hatte ein waches Auge auf ihre Befindlichkeiten und Bedürfnisse (was nicht hieß, dass er sie alle billigte; er konnte auch streng sein). Begegnungen mit ihm waren eindrücklich, sie machten für viele, eingeschlossen den Autor dieser Zeilen, einen Unterschied in ihrem Leben aus; man konnte in jeder Hinsicht von ihm lernen. Allen, die ihn kannten, blieb es ein Rätsel, wie man so viel lesen, wissen und schreiben konnte.

Denn der Jurist Michael Stolleis war ein umfassend gebildeter Gelehrter, dessen Wissenschaftlichkeit und Schaffenskraft stark von literarischen und künstlerischen Neigungen profitierte. „Der menschenfreundliche Ton“ lautete der in mehrfacher Hinsicht bezeichnende Titel einer kommentierten Sammlung von Johann Peter Hebel-Geschichten. In seinen freien Stunden töpferte er mit großer Begeisterung und sehr vorzeigbaren Erfolgen. Die ästhetische Feinsinnigkeit schlug sich noch in jedem seiner Texte nieder. Er schrieb klar, elegant, pointiert und zugleich sehr verständlich. Komplizierte Sachverhalte, in denen Politik, Geschichte, Recht und Moral verzwickt zusammenkamen, erzählte er ebenso kunstvoll wie unprätentiös.

Stolleis war kein Universitätspolitiker, aber er hatte Teil an der inhaltlichen Ausrichtung des Studiums und war auch ein typischer Frankfurter Professor. Unerschütterlich betonte er den Wert der Grundlagenfächer im Jura-Studium und verwahrte sich zugleich gegen einen zu kurz gedachten Gegenwartsnutzen der Geschichte. Seine interdisziplinäre Rechtsgeschichte beinhaltete keineswegs einfache Lehren. Dass er eine kritische, politisch bewusste Rechtsgeschichte schrieb, hatte gute Frankfurter Tradition und wirkte aufklärerisch im besten Sinne des Wortes.

Aber nicht nur die Frankfurter Universität und die Max-Planck-Gesellschaft verdanken ihm viel, auch die (Frankfurter) Bürgergesellschaft und Öffentlichkeit schätzte ihn und profitierte von seinem unermüdlichen, selbstlosen Einsatz. Sie erlebte Stolleis als glänzenden Redner, etwa bei seiner Würdigung Arthur von Weinbergs als „Wissenschaftler, Unternehmer, Mäzen, NS-Opfer“ im März 2007 vor mehr als 1000 Zuhörern. Er engagierte sich für das Museum der Weltkulturen. Bei öffentlichen Auftritten versuchte er stets das Zentrum zu verlassen, in dem er stand. Er sprach mit jedermann, am liebsten auf Augenhöhe.

Jetzt ist er, kurz vor seinem 80. Geburtstag, gestorben. Die Bundesrepublik hat eine moralische Institution, die globale Gelehrtenrepublik einen ihrer Leuchttürme verloren.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare