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Der „Sturm auf die Bastille“ war 1789 das epochale Ereignis, das Hegel Zeit seines Denkerlebens in den Bann schlug. Die Lithografie stammt von Hippolyte Lalaisse (1812- 1884).

Georg Wilhelm Friedrich Hegel

„Der Mensch gilt so, weil er Mensch ist“

  • vonOtfried Höffe
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Er begründete einen modernen Begriff von Freiheit, der Rechte und des Staates: Georg Wilhelm Friedrich Hegel zum 250. Geburtstag.

Wer Mitte der 1960er-Jahre Hegels politische Philosophie studieren wollte, ging nach Münster und konnte sich schon als Erstsemester in Joachim Ritters Doktoranden- und Habilitandenseminar einschleichen. Dort und durch ergänzende Lektüre wurde er zum einen mit der bis heute aktuellen Zeitdiagnose, der „entzweiten Moderne“, vertraut, zum anderen mit Ritters pointiert liberaler Deutung von Hegels Rechtsphilosophie.

Allerdings lernte er dabei nur einen halbierten Hegel kennen, denn der Autor einer „Wissenschaft der Logik“ blieb unbekannt. Glücklicherweise bot ein Proseminar zur Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften die Ergänzung. Denn deren erster Teil behandelt genau diese Wissenschaft. Vor allem führt die Enzyklopädie exemplarisch den Grundgedanken Hegels vor: „Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze ist aber nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen.“

Hegel praktiziert hier die fraglos zu bewundernde Fähigkeit, Gedanken zu verflüssigen. Zum Zweck, die als „denkende Betrachtung der Gegenstände“ bestimmte Philosophie sowohl vor zufälligen Inhalten als auch vor einer für den Geist tödlichen Erstarrung zu bewahren, unternimmt er es, mit sich zugleich gegen sich zu denken, sich dabei zu beobachten und den sich ständig fortbildenden Beobachtungsprozess so weit zu entwickeln, bis er schließlich im Absoluten seine Vollendung findet.

Der methodische Kern dieses Vorgehens besteht in der bestimmten Negation: Indem sich eine erste, scheinbar evidente Aussage, die These, bei näherer Betrachtung, so die Gegenaussage, die Antithese, als falsch erweist, zeichnet sich etwas Neues ab, das als besser und wahrer erscheint. Da sich die vorangehende Aussage aber nicht schlechthin, sondern nur in einer wohlbestimmten Hinsicht als falsch gezeigt hat, behält das Neue, die Synthese, die begrenzte Wahrheit des Alten bei. Der vielzitierte Ausdruck des Aufhebens hat daher die drei bekannten Bedeutungen des Beseitigens, Bewahrens und Hochhebens.

Das Werk, das für diese Methode bis heute vorbildlich ist, von mir deshalb im Hegelunterricht bevorzugt wurde, ist der erste Teil von Hegels „System der Wissenschaft“, die „Phänomenologie des Geistes“. In ihr tritt nicht bloß besonders deutlich Hegels Genie, sondern zugleich auch ein wesentlicher Unterschied zu Immanuel Kant zutage: Kant führt in der „Kritik der reinen Vernunft“ eine Reform, die kopernikanische Wende der Denkungsart, durch. Die „Phänomenologie des Geistes“ dynamisiert nun Kants einmalige, große Reform zu einem Prozess kleinerer, weil sich stets überbietender Neuerungen. Diese gelangen Zug um Zug zu einer immer besseren, schließlich zur vollendeten Gestalt des Geistes.

Vom unmittelbaren Wissen, der sinnlichen Gewissheit, erreicht man über „Kraft und Verstand“, über das Selbstbewusstsein, über die (gesetzgebende und gesetzprüfende) Vernunft, über den Geist mit dem Rechtszustand, der Bildung und der Moralität, weiterhin der natürlichen Religion, der Kunstreligion und der offenbaren Religion schließlich das absolute Wissen. All diese Stufen bilden eine aufsteigende Hierarchie, die Hegel nicht etwa von außen an das Bewusstsein heranträgt. Vielmehr ergibt sie sich, so der Anspruch, aus den Erfahrungen, die das Bewusstsein mit sich nicht etwa zufällig, sondern notwendig macht.

Eines der zu Recht berühmtesten Kapitel „Herrschaft und Knechtschaft“ enthält eine Gesellschaftstheorie, die nicht bloß weit grundlegender als die meisten Theorien ansetzt, sondern auch umfassender argumentiert. Nach Hegel geht es dem Menschen in der Konkurrenz mit seinesgleichen nicht erst – man denke an Thomas Hobbes – um Selbstbehauptung, sondern schon um die Konstitution des dabei angesprochenen Selbst. Um diese Konstitution zu begreifen, entlarvt Hegel en passant die bis heute vielerorts vorherrschenden Sozialtheorien als extrem verkürzend, da sie zwei weitere für das Phänomen unverzichtbare Dimensionen unterschlagen:

In einem primär nicht physischen, sondern geistigen Vorgang, einem dreidimensionalen „Kampf um Anerkennung“ greifen ineinander die persönliche Auseinandersetzung des Menschen mit sich, die gesellschaftliche mit seinesgleichen und die wirtschaftliche mit der Natur. Bei dieser dritten Dimension kommt es weniger auf die innerökonomische Seite, die Arbeitsteilung und wirtschaftliche Konkurrenz, als auf die Arbeit als wesentlicher Teil der Selbstwerdung und auf die Bearbeitung der Natur an. Noch ein Drittes ist wichtig: Sobald die wechselseitige Anerkennung Rechtscharakter annimmt, hat sie einen unschätzbaren Vorteil, auf den das Herr-Knecht-Kapitel noch nicht eingehen kann: Die rechtsförmige Anerkennung leidet nicht unter Knappheit. Im Gegensatz zu Waren und Dienstleistungen ist der Status einer gleichberechtigten Rechtsperson kein knappes Gut, kann insofern jedem problemlos gewährt werden.

In meiner persönlichen Lektüre der Phänomenologie ragt ein weiteres Lehrstück heraus. Hegel selber spricht dort nicht das zweite Ereignis an, dass für seine Denkentwicklung eine umstürzende Bedeutung hat: nach dem intellektuellen Ereignis, Kants „Kritik der reinen Vernunft“, das wenige Jahre später erfolgende politische Ereignis, die Französische Revolution. Der Sache nach kann man dort aber den Gedanken finden, dass die in der Französischen Revolution praktizierte „absolute Freiheit“ einen hohen Preis hat, „den Schrecken“ des Jakobinerterrors.

Hegels rechts- und staatsphilosophisches Hauptwerk, als ein „Leitfaden zu den Vorlesungen“ konzipiert, trägt den Titel „Grundlinien der Philosophie des Rechts“, mit der Fortsetzung oder Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundrisse (kürzer: Grundlinien). Nach den beiden ersten Teilen, dem abstrakten Recht als der These und der Moralität als der Gegenthese, legt Hegel in der Synthese, der Sittlichkeit, auf drei Institutionen großen Wert, auf die Familie, die bürgerliche Gesellschaft und den Staat.

Zitat

Das Neue, die Synthese, behält die begrenzte Wahrheit des Alten bei. Der vielzitierte Ausdruck des Aufhebens hat die drei bekannten Bedeutungen des Beseitigens, Bewahrens und Hochhebens

Drei stillschweigende Spitzen gegen Kant, die Hegel-Freunde ihrem Meister zugutehalten, überzeugen mich nicht: dass bei Kant eine Wertschätzung von Institutionen fehle, dass die auch von Kant vertretene Vertragstheorie die Legitimation des Staates auf einen ökonomischen Tausch verkürze und dass ein Kosmopolitismus den überragenden Wert der Einzelstaaten abstreite. Eine sachgerechte Kant–Hegel–Debatte setzt besser bei grundlegenden Gemeinsamkeiten an: Kant und Hegel teilen die hohe Wertschätzung des Rechts. Kant nennt nämlich das Recht in der Schrift „Zum ewigen Frieden“ den „Augapfel Gottes“, Hegel in den „Grundlinien des Rechts“ (§30) „etwas Heiliges überhaupt“. Auch über die Notwendigkeit des Staates ist Hegel sich mit Kant einig, nicht zuletzt mit der Geschichte als eine Fortschrittsgeschichte der Freiheit. Das rechtsphilosophische Genie Hegels ist daher in feineren Unterschieden zu suchen:

Beispielsweise fehlt bei Kant eine dialektisch aufgebaute Theorie der genannten drei Institutionen. Eine Wirtschaftstheorie, für die man bei Kant allenfalls wenige Andeutungen findet, spielt zu Recht bei Hegel eine große Rolle. Nicht minder wichtig ist, dass es Hegel gelingt, vom rechts- und staatstheoretischen Grundbegriff, dem freien Willen, zu zeigen, wie er unter der Bedingung der Moderne, trotz deren Charakter der Entfremdung, nach und nach eine die Entfremdung aufhebende Wirklichkeit erreicht. Dabei findet Hegel zu einer Fülle höchst treffender Bestimmungen und Einsichten, zu denen es bei Kant freilich gewisse Entsprechungen gibt:

Der erste Teil der „Grundlinien“, das abstrakte Recht, beginnt mit einem Gebot, das in der Sache den Rang eines uneingeschränkt gültigen Sollens, eines kategorischen Imperativs, hat. Es erinnert nicht bloß an Kants Rechtsprinzip, sondern macht auch auf die Grundlage jeder freiheitlichen Rechtsordnung aufmerksam. Im provokativen Widerspruch zur heute vorherrschenden Verkürzung der Ethik auf Sozialethik lässt Hegel die Rechtsethik mit einer Pflicht gegen sich beginnen: „Sei eine Person und respektiere die anderen als Personen“ (Grundlinien, § 36). Gemeint ist ein zurechnungsfähiges, folglich rechtsfähiges Subjekt, zu der der Mensch sich selber und seine Mitmenschen zu erheben hat. Nicht minder provokativ sind Hegels Überlegungen zu Verbrechen und Strafe. Letztere sei nämlich ihrem Wesen nach nicht Abschreckung oder Besserung, sondern Wiedervergeltung. Denn nur dadurch werde der Verbrecher als eine vernünftige, weil schuldfähige Person geehrt (§ 100). Freilich ist es nicht zwingend, sich deshalb für die Todesstrafe einzusetzen.

In der „Vorrede“ zu den Grundlinien polemisiert Hegel gegen das Postulieren, womit er, so scheint es, der Anpassung an die bestehenden, gewiss noch nicht vorbildlichen Rechts- und Staatsverhältnisse Vorschub leistet. Tatsächlich hat aber schon die Rechtsordnung, die die bürgerliche Gesellschaft zu ihrem „Funktionieren“ braucht, der „Not- und Verstandesstaat“, den Rang eines Rechtsstaates, der den Menschen als Menschen zum Subjekt erklärt. Ohne den Ausdruck von Menschenrechten zu verwenden, heißt es zu Beginn der „Rechtspflege“ (§ 209), pointiert wie in Stein gemeißelt: „Der Mensch gilt so, weil er Mensch ist, nicht weil er Jude, Katholik, Protestant, Deutscher, Italiener, u.s.f. ist.“ „Dies Bewusstsein“, fährt Hegel fort, „ist von unendlicher Wichtigkeit.“

Weil im Höhepunkt seiner Rechtsphilosophie, dem Staat, die Freiheit ihre vollendete Gestalt erlangt, ist es für den Menschen laut Hegel nicht „etwas Beliebiges“, sondern „höchste Pflicht“, also erneut ein kategorischer Imperativ, „Mitglied des Staates zu sein“ (§ 258). Zu Hegels Beitrag zur Begründung des modernen Staates gehören zudem Geschworenengerichte, die Judenemanzipation – mit der zitierten Formulierung, der Mensch zähle, weil er Mensch ist –, die Toleranz gegenüber Sekten und die mehrdimensionale Theorie der Anerkennung. Andererseits plädiert Hegel auch für die (wenn auch konstitutionelle) Monarchie, lehnt das neuere Verständnis der Volkssouveränität ab und lässt eine ständisch gegliederte Gesellschaft zu. Den demokratischen Rechtsstaat legitimiert er also nur zur Hälfte. Er rechtfertigt lediglich die rechtsstaatliche, nicht auch die demokratische, oder wie bei Kant: republikanische Seite. Vorbildlich wiederum ist, es sei wiederholt, die Integration der bürgerlichen Gesellschaft mit ihrer ökonomischen Welt in die Rechts- und Staatstheorie, ferner das Gewicht, das er den genannten sozialen und politischen Institutionen zugesprochen wird.

Die Grundlinien schließen mit einer Philosophie der Weltgeschichte. Weil Hegel sie an das Ende seiner Rechtsphilosophie platziert, scheint sie gemäß der dialektischen Methode den Gipfel einer fortlaufenden Steigerung zu bilden. Dieser Schein trügt. Zwar findet in den vorangehenden Abschnitten eine kontinuierliche Höherentwicklung, eine Klimax statt. Innerhalb des dritten und letzten Abschnitts „Der Staat“ kommt es jedoch statt zu einer weiteren Stufung jetzt zu einem Rückschritt. Auf die ständige Klimax, statt eine Anti-Klimax. Denn die vollen Rechtsverhältnisse und das sittliche Ganze werden schon auf der ersten Stufe, dem „inneren Staatsrecht“, erreicht. Auf der zweiten Stufe dagegen, dem „äußeren Staatsrecht“, wird das sittliche Ganze der Zufälligkeit ausgesetzt. Und der letzte Abschnitt wird hinsichtlich des freien Willens ambivalent bestimmt. Als eine Synthese von innerem und äußerem Staatsrecht findet in der Weltgeschichte fraglos eine weitere Steigerung, sogar deren Vollendung statt. Allerdings besteht die Steigerung, so die Anti-Klimax, in jenem nur subjektiven „Gericht“, das nach den Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte eine „Schlachtbank ist, auf welcher das Glück der Völker, die Weisheit der Staaten und die Tugend der Individuen zum Opfer gebracht worden“ sind.

Dass die Rechtsphilosophie in einer Weltgeschichte als „Schlachtbank“ und nicht wie bei Kant im höchsten politischen Gut, dem ewigen Frieden, gipfelt, dass sogar Kriege als für die „sittliche Gesundheit“ der Völker unverzichtbar gelten, trägt Hegel insbesondere heute, in Zeiten von Handels-, insbesondere aber von hoffentlich nur möglichen Atomkriegen, kaum Sympathien ein. Infolgedessen lässt sich schwerlich bestreiten, dass von der legitimen Dominanz einer universalistischen Rechtsethik mit dem Gedanken von Menschenrechten und einer zunehmenden Verrechtlichung der zwischenstaatlichen Verhältnisse aus betrachtet Kant als überlegen erscheint.

Bei einem anderen Gedanken kann man Hegel zustimmen, freilich ohne dass ein Kantfreund widersprechen müsste: Der Rechtsstaat ist auf dem Boden von Nationen, neutraler formuliert: von Einzelstaaten, entstanden. In der Tat hat er sich damals ausschließlich, selbst heute wesentlich in geschichtlich und gesellschaftlich konkreten Gemeinwesen verwirklicht. Im Gegensatz zu heutigen Globalisten ist Hegel hier ein größerer Realitätssinn zu attestieren. Freilich muss man deshalb nicht allem Kosmopolitismus abschwören und jedes Weltbürgertum und alle Weltrechtsordnung verwerfen.

Gleichwohl lässt sich nicht bestreiten, dass Hegel mit seinem philosophischen System, zu einem beachtlichen Teil auch mit seiner Rechts- und Staatsphilosophie die gewaltigste philosophische Synthese der Neuzeit hervorgebracht hat. Die Provokation, dass dieses Denken unter Voraussetzung von Kants Metaphysikkritik sich auf eine neuartige Metaphysik beläuft, sollte ein angeblich nachmetaphysisches Denken nicht leichtfertig beiseite schieben.

Otfried Höffe, Jg. 1943, ist einer der bedeutendsten Philosophen zu Fragen der Ethik. Er hat zahlreiche Bücher u. a. über das Thema Freiheit und Gerechtigkeit verfasst. Er lebt als emeritierter Professor für Philosophie in Tübingen, wo er die Forschungsstelle für Politische Philosophie leitet.

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