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Der „Lotse“ muss von Bord

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Von: Michael Hesse

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Bismarck-Saal im Auswärtigen Amt. Ministerin Annalena Baerbock ließ ihn umbenennen.
Bismarck-Saal im Auswärtigen Amt. Ministerin Annalena Baerbock ließ ihn umbenennen. © Thomas Imo/Photothek/Imago

Otto von Bismarck ist im Auswärtigen Amt nicht mehr erwünscht, dabei war er ein Könner der Außenpolitik.

Mit Eisen und Blut werden Reiche geschmiedet. Das konnte kein anderer gesagt haben als Otto von Bismarck, der eiserne Kanzler. Jener Draufgänger, der in drei Kriegen viele über die Klinge springen ließ, um die deutsche Einheit 1871 zu vollenden, mit Blut und Eisen eben. Bismarck ist bei den einen verrufen, schließlich ist er der führende Kopf der preußischen Junker gewesen. Er war es, der die Forderungen der Revolutionäre von 1848 nach einer deutschen Nation vollendete. Aber anders als sie es vorhatten. „Revolutionen machen nur Könige“, soll er gesagt haben. Keine Sache des Bürgertums also. Entweder kommt der Umsturz der Dinge von oben - oder gar nicht. Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock hat den Bismarck-Raum im Auswärtigen Amt nun umbenennen lassen. Zuviel Huldigung eines Erzkonservativen, fand sie.

Aber eben jener Bismarck findet auch heute noch viele Verehrerinnen und Verehrer, für seine hohe Kunst der Diplomatie, seinen Realitätssinn - und auch für seine Verschlagenheit in außenpolitischen Angelegenheiten.

So schrieb der britische Gesandte Sir Robert Morier an Odo Russel, der zum künftigen Botschafter im Deutschen Reich ernannt werden sollte, über Bismarck: „Vergessen Sie nicht, dass er aus zwei Personen besteht, einem famosen Schachspieler voller höchst gewagter Kombinationen und mit dem schnellen Blick für die richtige Kombination im richtigen Moment, der dem Erfolg seines Spiels alles opfern würde, selbst seinen persönlichen Hass - und einer Person mit den sonderbarsten und noch stärkeren Antipathien, der alles opfern würde, außer seinen Kombinationen.“

Bismarck wurde auf Karikaturen, etwa im „Kladderadatsch“, gerne als Schachspieler dargestellt. Etwa als er mit Papst Pius IX. am Schachbrett sitzt und den Kulturkampf austrägt, Bismarcks Feldzug gegen die katholische Kirche.

Als Außenpolitiker, so beschrieb es maßgebend für spätere Bismarck-Deutungen der Historiker Wolfgang Windelband, war der Reichskanzler vor allem um das von ihm geschmiedete Reich besorgt gewesen. Nachdem er im Anschluss an den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 die „Krieg-in-Sicht-Krise“ ausgelöst hatte, nachdem die Franzosen erhebliche Rüstungsbemühungen unternommen hatten, stellte er aufgrund der internationalen Reaktion seinen begrenzten Spielraum fest. Ein Zeitungsartikel mit der Zeile „Ist der Krieg in Sicht?“ war 1875 in der Berliner Zeitung „Post“ erschienen. Ein düsteres Bild von Europa wurde in dem von Bismarck lancierten Text gemalt. Es schien so, als werfe Frankreich seinen den Frieden bedrohenden Schatten über das sonst so friedliche Deutsche Reich. Doch in Europa traute man Bismarck nicht über den Weg, ob er seine Politik der Friedenserhaltung tatsächlich fortsetzen würde.

Bismarck wurde fortan nicht müde zu erklären, das Deutsche Reich sei „saturiert“ und strebe folglich keine außenpolitische Machterweiterung an. Es sollte in den Reihen der anderen Großmächte etabliert und gefestigt werden. Hierfür bediente sich Bismarck stets des Prinzips, Frankreich, das als eindeutiger Feind angesehen wurde, zu isolieren. Die anderen europäischen Mächte sollten sich niemals miteinander gegen das Deutsche Reich verbünden, so seine Maxime.

Hieraus entstand ein breites Geflecht an internationalen Abkommen, die für einen Kenner seiner Politik wie Windelband als Meisterwerk galten. Für seine Nachfolger hingegen wirkten sie kompliziert und im tatsächlichen Kriegsfall mit einem Staat sogar als widersprüchlich. Aus diesem Grund verlängerten seine Nachfolger den sogenannten Rücksicherungsvertrag, ein geheimes Neutralitätsbkommen mit Russland, nicht mehr, was sich als eine katastrophale Fehlentscheidung erweisen sollte. Bismarck hatte es als eine Art Hilfsmittel gedient, um den Frieden in Europa zu wahren.

Sein Nachfolger Leo von Caprivi leitete eine Außenpolitik des Reiches an, die es zunehmend in die Isolation und schließlich in einen Weltkrieg trieb.

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