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Otto von Bismarck (1815-1898).
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Otto von Bismarck (1815-1898).

FR-Serie zur Reichsgründung 1871

Bismarck, der konservative Rowdy

  • vonWilhelm v. Sternburg
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Otto von Bismarck zwang vor 150 Jahren ein Deutsches Reich nach seinen Maßen zusammen. Porträt eines Machtpolitikers.

Otto von Bismarck war der bedeutendste europäische Staatsmann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Seine Politik zerstörte innerhalb eines Jahrzehnts die nach der Überwindung der napoleonischen Herrschaft 1815 auf dem Wiener Kongress geformte Machtordnung.

Als ihn der ratlose und seinem damaligen Pariser Gesandten mit äußerstem Misstrauen gegenüberstehende preußische König Wilhelm 1862 zum Ministerpräsidenten berief, löste das sowohl bei den Liberalen als auch bei den Konservativen zunächst Entsetzen aus. Bismarck war bislang als preußischer Vertreter im Frankfurter Bundestag, auf seinen diplomatischen Posten und in den innerpreußischen Debatten als politischer Rowdy und erzkonservativer Verteidiger der Reaktion aufgetreten. Aber nur mit Hilfe Bismarcks, der auch einen Staatsstreich nicht scheuen würde, glaubte der König eine vom Parlament abgelehnte Heeresreform durchsetzen zu können.

Er hatte sich nicht getäuscht. Der Landjunker an der Spitze des Kabinettstisches brach eine Verfassungskrise vom Zaun, zertrümmerte den Deutschen Bund und beendete damit die österreichische Vorrangstellung, die Metternich in den vorangegangenen Jahrzehnten begründet hatte. In drei Kriegen erzwang er die Schaffung des Deutschen Reichs unter preußischer Führung. Die Verfassung des neuen Staates war – und das sollte überaus folgenreich sein – antidemokratisch und ganz auf den monarchischen Machtwillen und den seines ersten Reichskanzlers ausgerichtet.

„Nicht durch Reden oder Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden“, ruft Bismarck den preußischen Abgeordneten bereits in seiner ersten Rede als Ministerpräsident zu, „sondern durch Eisen und Blut.“ Die große Mehrheit seiner Landsleute hat ihm das schließlich allzu gern und allzu lange geglaubt.

Die Politik Bismarcks legte entscheidende Fundamente für den in den wilhelminischen Jahren immer deutlicher werdenden Aufstieg Deutschlands zur militärischen und ökonomischen Führungsmacht auf dem europäischen Kontinent. Es wurde ein moderner, in der Welt vielfach bewunderter Staat, geführt von weitgehend unkontrollierten macht- und geldgierigen Eliten. Das Kaiserreich war kein Militärstaat, aber spätestens seit den 1890er Jahren gelangte seine Führung nur wenig über das Leutnantsdenken hinaus. So überlebte es seinen Schöpfer Bismarck als Monarchie nur um 20, als Staat mit der Kapitulation von 1945 nur um 47 Jahre.

Die Deutschen haben sich an ihm abgearbeitet. Als Bismarck zum Ministerpräsidenten ernannt wurde, so sein Biograf Eberhard Kolb, „war er wohl der meistgehasste Mann in Deutschland“. Seine Gegner in den deutschen Fürstenstaaten nannten ihn bald einen „Friedensbrecher“, „Mörder des Rechts“, „Verräther deutschen Landes“. Selbst als Reichsgründer blieb er umstritten.

Nach seinem Sturz begann die Legendenbildung. Studentenscharen pilgerten nach Friedrichsruh, seinem Alterssitz, um dem Greis zu huldigen. Bald errichtete jede Provinzstadt ihr Bismarck-Denkmal, und seine posthum erschienenen, von Geschichtsklitterungen durchtränkten „Gedanken und Erinnerungen“ wurden zum Bestseller. In den Weimarer Jahren berief sich der „Vernunftrepublikaner“ Gustav Stresemann auf das Vorbild der Bismarck’schen „nationalen Realpolitik“. Hitler nahm sich vom Reichsgründer, was er für seine nationalistischen Gewaltvisionen brauchen konnte. Der Sozialdemokrat Willy Brandt sprach 1965 vom „außenpolitischen Genie“ Bismarcks. Der Rheinländer Konrad Adenauer, für den Preußen ohnehin in Asien lag, blieb dagegen recht zurückhaltend.

1871 - Eine FR-Serie

Die Reichsgründung 1871 wurde vor 150 Jahren als große historische Leistung gefeiert. Bald schon war sie jedoch umstritten, insbesondere unter Historikern, die in der Beurteilung geschichtspolitischen Furor entwickelten. Nach 1945 galten die Umstände der Reichsgründung als eine der Ursachen für die politischen Katastrophen im Europa des 20. Jahrhunderts.

In einer Serie befragt die FR die Ereignisse, die durch die Kaiserproklamation am 18. Januar in Versailles, ein grelles Zeremoniell, im Gedächtnis geblieben sind. In den Beiträgen geht es um ein politisches, soziales und nicht zuletzt mentales Erbe, das noch lange fortgewirkt hat.

Zum Auftakt erschien am 31.12.2020 ein Beitrag über die Verfassung des Deutschen Kaiserreichs, gefolgt von einem Gespräch mit dem Historiker Christoph Nonn (4.1.) und einem Text über den kriegerischen Weg zur Reichsgründung (9.1.). Im Anschluss an das heutige Porträt folgen Essays über die Reaktionen im Ausland, die Arbeiterbewegung, die Frauenbewegung und den Antisemitismus.

In der Geschichtsschreibung bestimmte in der Regel der Zeitgeist sein Bild mit – vom gefeierten Titanen bis zur Verteufelung. Heinrich von Sybel stammelt nach der Kaiserproklamation: „Wodurch hat man die Gnade Gottes verdient, so große und mächtige Dinge erleben zu dürfen?“ Friedrich Nietzsche schreibt 1868: „Unmäßiges Vergnügen bereitet mir Bismarck, ich lese seine Reden als ob ich starken Wein trinke.“ Der skeptische Schweizer Jacob Burckhardt prophezeit 1872, nun werde „die ganze Weltgeschichte von Adam an siegesdeutsch angestrichen“.

Der Tiefpunkt seines Ansehens ist unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg erreicht. Angesichts der deutschen Kriegsverbrechen und der Bilder aus den befreiten Vernichtungslagern reihen ihn die Sieger verständlicherweise und doch die Wirklichkeit eindimensional deutend in die deutsche Schurkengalerie – Luther, Friedrich der Große, Bismarck, Hitler – ein. Der vielleicht beste unter seinen neueren Biografen, Lothar Gall, spricht nüchtern und abwägend vom „weißen Revolutionär“.

Bismarcks Innenpolitik nach der Reichsgründung wurde von seinen mit brutalen Unterdrückungsmethoden geführten und verfassungspolitisch höchst fragwürdigen Feldzügen gegen die deutschen Katholiken („Kulturkampf“) und die Arbeiterbewegung („Sozialistengesetze“) bestimmt. Auch seine vielbewunderte, nicht aus ethischen, sondern aus taktischen Motiven (Schwächung der Sozialdemokratie) entwickelte Sozialpolitik konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser Menschenverächter Parlamentarismus und Volksherrschaft aus tiefstem Herzen ablehnte.

Bismarcks Außenpolitik bewahrte Deutschland zunächst vor weiteren kriegerischen Auseinandersetzungen. Aber sie hatte keine Zukunft. Die Widersprüche seiner Bündnissysteme enthielten zu viel Sprengstoff, um nicht irgendwann explodieren zu müssen. Frankreich vergaß den von Bismarck befürworteten Raub von Elsass-Lothringen und die Demütigungen durch den siegreichen Nachbarn ebenso wenig, wie es den auf den Weltmärkten und in der Industrieproduktion immer erfolgreicher auftretenden wirtschaftlichen Konkurrenten an der östlichen Grenze übersah. Bismarcks Zollpolitik, die die Getreideproduktion der preußischen Großagrarier schützen sollte, vergrämte Russland, das den deutschen Markt dringend benötigte. Berlins Liebesgrüße nach Wien erzürnten den Zarenhof zusätzlich, da Petersburg seine Balkanpolitik gefährdet sah. Als Bismarcks Nachfolger schließlich noch die Weltmeere beherrschen wollten, machte sich das Reich auch England zum Gegner.

Am Ende führte die von Bismarck entwickelte Bündnispolitik in die Isolation. Nicht nur, weil die wilhelminischen Eliten sich angesichts der immer komplizierter werdenden europäischen Politik als unfähig erwiesen, und nicht nur, weil auch in Paris, Petersburg oder London keine Engel die Geschicke ihrer Staaten lenkten (darüber wird an anderer Stelle dieser Serie berichtet werden), sondern weil Bismarck entgegen seiner vielen Poesiealbumsprüche und Berufungen auf Gott und das Schicksal stets Macht und Gewalt zum Motor seiner Politik gemacht hat. So hatte auch dieser Staatsmann einen nicht geringen Anteil an den Katastrophen, die dann das 20. Jahrhundert heimgesucht haben.

Bismarck war im Grunde nie an Deutschland interessiert. Erst kam er, dann kam Preußen, und für beider Erfolg im großen politischen Spiel brauchte er die geeinte Nation. Er gründete ein Reich, weil er zu Recht glaubte, nur auf diesem Weg sei Preußens Führungsposition und damit natürlich auch seine persönliche Rolle im Machtpoker der Zeit zu halten. Erfolgreich war sein Vorgehen, weil er politisch intelligenter, charakterlich skrupelloser und menschlich kälter war als die meisten seiner Gegner.

Bismarck war maßlos: im Essen und Trinken, im Hassen und Vernichten. Kaum ein anderer Bonner Student seines Semesters hatte mehr Mensuren geschlagen als der hünenhafte pommersche Burschenschaftler. Bei der Belagerung von Paris debattierte er kaltblütig mit Moltke die Frage, ob die Eroberung der Stadt durch Kanonen oder durch den Hungertod der Bevölkerung erfolgen solle. Wer gegen ihn war, den verfolgte er mit einem nahezu unlöschbaren Rachedurst. Im Ruhestand, in den ihn der auf den Ruhm und die Macht des Alten eifersüchtige Wilhelm II. recht barsch entließ, ließ er in Interviews und lancierten Zeitungsberichten kein gutes Haar an seinen Nachfolgern und dem jungen Monarchen.

Zeitlebens blieb er ein stockkonservativer preußischer Gutsbesitzer, der in Zoll-, Steuer- oder Subventionsfragen den eigenen und den Interessen seines Standes nahezu immer Vorrang einräumte. Die deutschen Liberalen zerbrachen an ihm ebenso wie die altpreußischen Konservativen. Er wechselte seine innenpolitischen Koalitionen, wie es ihm gerade ins politische Geschäft passte.

Der Preis für sein rastloses Kämpfen und Intrigieren war hoch: Viele Jahrzehnte seines Lebens suchten ihn schmerzhafte Krankheiten und tiefe Depressionen heim. Am Ende war Bismarck ein verbitterter, einsamer Mann.

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