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Britische Soldaten bei der Eroberung der Altstadt von Jerusalem 1938.
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Britische Soldaten bei der Eroberung der Altstadt von Jerusalem 1938.

Zweiter Weltkrieg

„Der kleine Krieg, der uns alles bedeutet“

  • Claus Leggewie
    vonClaus Leggewie
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Dan Diners Anatomie des Zweiten Weltkrieges aus einer so ungewohnten wie erhellenden Perspektive.

Das Palästina der 1930er und 1940er Jahre war ein „Pivot historischer Wahrnehmung“. Das im Deutschen kaum gebräuchliche Fremdwort indiziert gleich zu Beginn die Besonderheit des Buches und seines Autors. Pivot heißt ein Schnitt- und Angelpunkt, hier der europäisch-kontinentalen mit der außereuropäisch-kolonialen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, und zwar nicht nur der chronologischen Abläufe, sondern auch der (oftmals unbewussten) Wahrnehmung im Gedächtnis von Zeitgenossen und Nachlebenden. Darin kann „ein und dasselbe Ereignis mehrfach in Erscheinung treten – in seiner Bedeutung als Zeitpunkt, als Zeitlauf oder Zeitschicht. Es kann die Gestalt einer Tatsache annehmen; als Bild oder Metapher, Analogie oder Argument herangezogen werden.“

Dan Diner, Gründer und langjähriger Leiter des Leipziger „Simon Dubnow-Instituts für jüdische Kultur und Geschichte“ und Emeritus der Hebrew University in Jerusalem, verfolgt seit vier Jahrzehnten mit existenzieller Verve ein Projekt zeithistorischer Vergewisserung, das bereits vor der Verbreitung der Globalgeschichte (und anders akzentuiert als diese) den Blick vom globalen Süden nach Norden richtet.

So gesehen markiert etwa der 8. Mai 1945 weniger das Ende des Zweiten Weltkriegs als einen Meilenstein der Dekolonisierung; erst dann wird die ganze Dimension des Weltkriegs sichtbar, den das herrschende Geschichtsbild weiter in Europa ansiedelt. Diners in 18 Kapiteln entfaltetes und elegant beschriebenes Panorama führt auch nach Amritsar, Bagdad und Singapur, auf die irakischen Ölfelder, nach Mesopotamien und Bengalen, in den Kaukasus und bis in die Mandschurei, stets im Blick auf die Vorzeichen und Nachbeben des dramatischen Jahres 1942, das den Angelpunkt bildet. Bei der Lektüre meint man zu spüren, wie über Raum und Zeit hinweg die Scharniere weit entfernter Vorgänge einrasten, und am besten legt man sich eine Weltkarte neben das Buch.

Eine weitere Spezialität dieses Ausnahmehistorikers ist die, wie ich sie nennen möchte: „britische“ Perspektive. Nur das (damals schon wankende) Empire erlaubte noch eine Totalperspektive, die der Kalte Krieg nach 1945 bipolar aufgespalten hat. Und wie viele britische Kollegen ist Diner ein bravouröser Erzähler der politischen Geschichte, der treffende Anekdoten einstreut und zeigt, wo der Teufel im Detail steckt, der in der Strukturgeschichte und Geschichtsphilosophie den verpönten Namen Zufall trägt. Kontingenz durchkreuzt die longue durée, wobei erst ein Telos, das bisweilen religiös fundierte Endziel, Kontingentes sichtbar macht.

Wer Diners Bücher zur Hand nimmt, muss sich auf solche Dialektik und seinen geopolitischen Ansatz einlassen: „Historische Darstellungen gehen chronologisch vor – ein dem Fortschreiten der Zeit gewährtes Privileg. In dieser Erzählung kommt indes dem Raum der Vorrang zu. Dies ist in erster Linie dem tellurischen Charakter, der Erdgebundenheit militärischen Vorgehens geschuldet. Es ist darauf angelegt, Raum zu überwinden und auf Dauer zu halten. Solches Ausgreifen verlängert sich in vermeintlich sekundäre Bereiche der Kriegführung hinein. So in eine global ausgreifende Logistik – ein höchst komplexes System des Nachschubwesens zur Unterstützung und Versorgung fernab wirkender Truppen. Ihre Logik verleiht der Erzählung Kontur.

Aus dem Vorrang des Raumes ergeben sich auch Besonderheiten der Darstellung. Historische, vor allem militärische Vorgänge der Vergangenheit schreiben sich, einem Palimpsest gleich, den Orten ein, an denen sie sich ereignen. Die scheinbare Wiederkehr von Gewesenem geht mithin aus der Beständigkeit der Geographie hervor.“

Mit diesem von der Historikerzunft selten aufgeschnallten Gepäck betreten wir die südliche Levante, die im Hurrikan des Weltkriegs wie dessen ruhiges Auge wirkte. Doch hat man es hier eher mit einem Kairós, zu tun, dem entscheidenden Wendepunkt im Herbst 1942, als die britische 8. Armee das deutsch-italienische Panzercorps des „Generalfeldmarschalls“ Erwin Rommel zurückschlug und die Achsenmächte vom afrikanischen Kriegsschauplatz verdrängte. Die bittere Pointe: Beim Durchmarsch der Wehrmacht wären die Juden in Palästina in die Gewalt von Nazideutschland gelangt und hätte ihnen das gleiche Schicksal der Vernichtung gedroht, das die europäischen Juden damals millionenfach ereilte.

Dieser Schock wurde im Yishuv, der durch zionistische Einwanderung seit dem 19. Jahrhundert angewachsenen jüdischen Gemeinschaft in Palästina, nach der 1948 erkämpften Staatsgründung verdrängt: Die „siebte Million“ (Tom Segev) war in ihrer Wahrnehmung aus „reinem Zufall“ gerettet worden, indem Rommels „Panzerarmee Afrika“ in Ägypten mangels Nachschub zum Stehen kam. Und das vor den Toren von Eretz Israel, das den Juden doch Rettung und Erlösung bringen sollte, während zur gleichen Zeit im Osten Europas die Ausdehnung des Kriegsgeschehens auf die Sowjetunion Juden der Vernichtung preisgab. Die räumliche Distanz des alten und neuen Yishuv, der europäischen Juden und der globalen Diaspora schufen ganz disparate Zeithorizonte und Semantiken (sowie Fluchtpunkte) der Rettung, einmal abgesehen vom jüdischen Erlösungs-Millenarismus, den Dan Diner weniger ausführt.

Das Ende des Weltkriegs ermöglichte den „anderen“, regionalen Krieg, den David Ben Gurion im Mai 1942 bei einer zionistischen Konferenz im New Yorker Biltmore Hotel, der Eingangsszene des Buches, auf die Tagesordnung gesetzt hatte. Der anstehende Krieg gegen Briten und Araber reihte sich ein in die Kette antikolonialer Aufstände seit der Blaupause der irischen Revolte von 1916 („What Ireland has done, Bengal can do“); mit der indischen Unabhängigkeit und dem Suez-Krieg 1956 lag eben jene „Sou-thern British World“ in Trümmern, deren letztmaliger Intaktheit der Yishuv sein Überleben verdankte. Und das wiederum, nachdem die in der Balfour-Deklaration von 1917 abgegebene Garantie einer künftigen jüdischen Heimstätte in Palästina längst widerrufen war: „If we must offend one side, let us offend the Jews rather than the Arabs“, rechnete der für die Koordinierung der Streitkräfte zuständige Lord Ernle Chatfield 1938 – was den arabisch-muslimischen Korridor von Jerusalem nach Indien nicht offenzuhalten vermochte, aber die Palästinafrage (bis heute) internationalisierte.

Diese Konstellation, die Dan Diner bereits in seinem ersten Buch „Israel in Palästina“ (1980) angedacht hat, ist weit komplexer, als es wohlfeile aktuelle Polemiken mit der schiefen Ineinssetzung von Zionismus und Kolonialismus glauben machen wollen. Wer Israels Ursprünge ernsthaft verstehen möchte, muss dieses vielschichtige und tiefschürfende Buch lesen. Und die Zeitgeschichtsforschung sollte ihm ein ähnlich inspirierendes Werk an die Seite stellen, das die Peripetie des französischen Kolonialreichs spiegelt.

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