Hegel, geboren am 27. August 1770, war ein Enthusiast der Freiheit,
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Hegel, geboren am 27. August 1770, war ein Enthusiast der Freiheit.

Zum 250. Geburtstag

Hegel, der Denker der Freiheit

  • Christian Thomas
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250 Jahre Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Ein hervorragender Anlass, mit dem großen Philosophen über Staat und Gesellschaft zu spekulieren.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, mittlerweile 31, gehört nicht zu denjenigen Dozenten, die für sich hätten einnehmen können, geschweige denn vom Katheder aus fasziniert hätten. Er kommt nicht gut an in der Hauptstadt der Philosophie, Jena, wo die Konkurrenz im Jahr 1801 groß ist. Die Teilnehmerzahl ist überschaubar, wie viele seine Vorlesung besuchen, ließe sich zählen. Auch ist er schwer zu verstehen, das allerdings nicht nur, weil er Schwabe ist. Der Denker, der sich an seinem Geburtstag habilitiert hat, kommt als Lehrer schwerfällig daher. Nichts von Eloquenz, keine Eleganz.

So monieren es bereits Zeitgenossen, ausdrücklich Schiller, der Goethe auf Hegel anspricht. Unmissverständlich, was dann beide über die Performance des „Doktor Hegel“ (Goethe) sagen: hochbegabt, sicherlich, auch immens kenntnisreich, aber ohne Überzeugungskraft. Bitter angesichts der tief gedachten Gedanken. Und damit nicht genug, es kommt ein weiterer Makel hinzu. Dass es ausgerechnet ihm, dem Wühler, an Ausdauer ebenso wie an Zielstrebigkeit fehle, wird dem Wissenschaftler ebenfalls nachgesagt.

Hegels beträchtliche Anlaufschwierigkeiten führt jetzt auch Jürgen Kaube in „Hegels Welt“ aus, einer Biographie, die nicht nur die eines Denkers ist, sondern mehr, die Mentalitätsgeschichte einer Epoche, außerordentlich kenntnisreich und klug, exzellent erzählt, beginnend mit dem Satz: „Noch scheint alles ruhig.“ Das ist ein alles andere als treuherziger Auftakt, steckt doch in dem Satz bereits ein Gegensatz. These – Antithese. Oder wie Hegel seinen Lesern mit auf den (Lebens-)Weg gegeben hat: „Alle Dinge sind an sich selbst widersprechend.“ Doch geht es dabei um einen schlichten Dualismus? In der Welt Hegels geht es um die große Synthese.

Und so führt denn Kaube ein in die Welt um 1770, die zunehmend mehr in Bewegung versetzt worden ist. So durch eine Wirtschaft, die die fabrikmäßige Arbeitsteilung einführt, die sich zunehmend vernetzt, auch global. So durch eine Wissenschaft, die die Welt analysiert und ihr „ständig neue Einsichten“ zumutet und ihr die „ständige Verbesserung von allem“ verschreibt oder auch aufdrängt. Unaufhörlich zeige sich das Zeitalter „geschäftig“. Ein trefflicher Ausdruck, nicht nur wirtschaftlich gedacht, ist doch die gesamte feudale Welt der Rührigkeit ebenso verfallen wie der Erregung, der Besinnung und Besinnungslosigkeit gleichermaßen. Eine Leistung Hegels wird auch darin bestehen, dass er in einer immer schon umtriebigen Welt, deren Entwicklungsgesetz er in der Bewegung ausmacht, die Vernunft hochhält.

Was war, hatte sich erschöpft, es hatte sich erledigt. In eine solche Welt wird Hegel hineingeboren. Die Stimmung ist enorm gereizt. Dass es die Philosophie ist, die an der Empörung ihren Anteil hat, erklärt ihren sozialen Erfolg nur zum Teil. Denn sie weiß Alternativen zu formulieren, die Parolen für den Tag ebenso wie die unvergänglichen Postulate. Die Ideen der Gerechtigkeit und der Freiheit sind so plausibel wie mitreißend, 1776 in Nordamerika, 1789 in Paris.

Hegel ist ein Enthusiast der Freiheit, und Jena wird zum Ort, an dem Hegel den „Grundstein für seinen Philosophiedom“ legt, so Klaus Vieweg in seiner großen Hegelbiografie vor einem Jahr. Das „Fundament für seinen absoluten Idealismus der Freiheit“ (Vieweg) wird nicht von ungefähr an „einem Ort fortwährender geistiger Reizung und Reizbarkeit“ gelegt, schreibt Kaube. Jena bot Turbulenzen und „literarischen Saus“, in der Stadt, der „geistigen Hauptstadt Deutschlands“, musste man als Geistesmensch ununterbrochen auf dem Quivive sein. Selbstbehauptung war gefragt, als Lebensführung, als Philosophie. Selbstbehauptung zumal angesichts der ungeheuer schwerwiegenden Einflüsse, Kant an erster Stelle.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, am 27. August 1770 in einem protestantischen Elternhaus in Stuttgart geboren, absolvierte als Knabe ein kolossales Lektürepensum, was sich zum Gutteil der schwäbischen Tradition verdankte, dortiger Bildungstradition, auch wenn dann für den Schüler am Tübinger Stift ein „moralischer Despotismus“ herrschte, wie es der Kommilitone Schelling ausdrückte, die „frühe Hochbegabung“, der genialisch Auffällige. Dass ein Schelling, ein Hölderlin und ein Hegel auf einer Bude regelrecht zusammenhockten, war Fügung, Glück, Zumutung. Dass Hegel sich „angestrengt bildete“ unter Koryphäen wie Hölderlin und Schelling, führt nicht erst Kaube aus. Hegel, der Spätentwickler.

Der Geist, der die Welt im Innersten zusammenhält

Es ist das bereits in Tübingen immer wieder angestimmte Freiheitslied, die Fanfare, mit der die Verhältnisse auf den Kopf gestellt werden sollten. Doch so enthusiastisch der Umsturz begrüßt wurde, ausdrücklich der Sturm auf die Bastille und die Revolution im Nachbarland, für Hegel war „ein Bewusstsein ohne Objekt nicht denkbar, auch wenn ich selbst dieses Objekt bin“. Das ist der Kern. Das ist das Uhrwerk aller Unruhe, dessen Federmechanismus der Geist immer wieder neu aufzieht. Denn eines muss, wenn man es denn mit Hegel (und nicht mit Schelling) hält, klar sein: Es gibt keinen Nullpunkt, an dem die Aktivität des Geistes zur Ruhe kommt. Es ist der Geist, der Hegels Universum zusammenhält. Wie ja auch im Innersten überhaupt die Welt.

Hegel nimmt für seine unruhige Karriere enorme, auch demütigende Umwege auf sich. Ein Stellenangebot führt ihn nach Bern – in die Trostlosigkeit. Nach Frankfurt vermittelt ihn 1797 Hölderlin – eher ins Abseits. Hegels Weggang aus Jena, 1806, ist eine Flucht. Er rettet die letzten Seiten des Manuskripts seiner „Phänomenologie des Geistes“ vor den erobernden Franzosen, die auch seine Wohnung heimsuchen. Jena am Boden, „rücksichtslos geplündert“ (Kaube). So sieht der Dozent den in Jena einziehenden Kaiser, die „Weltseele“ zu Pferde, der Philosoph, ein epochales Werk in der Tasche, den Triumphator und Neugestalter Europas hoch zu Ross.

Georg Friedrich Wilhelm Hegel , gesehen von Julius Ludwig Sebbers um 1828.

Hegel arbeitet als Journalist in Bamberg, sattelt um, wird Rektor eines Gymnasiums in Nürnberg, er lebt eine prekäre Existenz, abhängig von Zuwendungen. Er ist 46, als er in Heidelberg seine Antrittsvorlesung hält als Professor, bekannt als Autor der „Phänomenologie des Geistes“ und der „Wissenschaft der Logik“, es sind Werke des Idealismus, die sich in eigenen Sphären bewegen. „Mit dem Selbstbewusstsein“, so schreibt er, „sind wir also nun in das einheimische Reich der Wahrheiten eingetreten.“ Dazu gehört die radikale Erkenntnis, die über den epochalen Satz, „Ich (denke, also) bin ich“ hinausreicht – hinausragt. Denn ein jedes Selbstbewusstsein „finde nur in einem Verhältnis zu einem anderen Selbstbewusstsein zu sich. (…) Auf sich gestoßen“, so fährt Kaube fort, „wird das Bewusstsein durch die Begegnung mit anderen ‚Ichs‘“. Anstelle des „Vielicherei“, wie es über Fichte polemisch hieß, war das hegelsche Selbstbewusstsein sozial gedacht, intersubjektiv, orientiert am Anderen.

„Karrieren“, so schreibt Kaube (als Mitherausgeber der FAZ?), „haben etwas Zufälliges. Sie hängen selbst dann nicht nur von Leistungen ab, wenn die Leistungen ,Phänomenologie des Geistes’ oder ,Wissenschaft der Logik’ heißen.“ Zu einer geistigen Großmacht steigt Hegel erst in Berlin auf, auch das geschieht nicht von heute auf morgen, doch von 1817 an immerhin stetig. Insofern das aufstrebende Berlin nur vernünftig ist?

Kein Buch über Hegel, das nicht der Frage nachginge, wie denn der Satz gemeint sei, der „Zitierklassiker“: „Was vernünftig ist, das ist wirklich, was wirklich ist, das ist vernünftig.“ In Preußen wird die Liberalisierung des Handels durchgesetzt, die Gewerbefreiheit, eine Bildungsreform ebenso wie die Judenemanzipation – zugleich steht Preußen für „Demagogenverfolgung“, Pressezensur, Unterdrückung demokratischer Meinungen. Bereits Zeitgenossen diskutierten Hegels Satz als Skandalon, die Polemik war scharf, Kaube interpretiert den Satz „polittheologisch“, nicht als erster als säkularisierte Vollendung einer Gegenwart, die für den Geschichtsphilosophen Hegel „schon seit Christus am Kreuz andauerte“.

Der Gedanke ist nicht zu verstehen ohne Hegels Geschichtsphilosophie, die der Menge unzusammenhängender Ereignisse und Abläufe, Taten und Tatsachen einen Sinn zuschreiben möchte. Wer an einer prägnanten Interpretation der Hegelschen Geschichtsphilosophie interessiert ist, findet sie bei Walter Jaeschke. In einem der Aufsätze seines Buches „Hegels Philosophie“ analysiert Jaeschke mit der Autorität des Herausgebers der Akademieausgabe Hegels dessen Geschichtskonzeption als „gänzlich neuartige Sichtweise“. Anders als die „kolportierten Äußerungen“ behaupte Hegel nicht etwa einen „Triumphzug des Weltgeistes, der, mit dem Siebenmeilenstiefel angetan“, dem „unaufhaltsamen Fortschritt“ entgegeneile. Wenn Hegel die Geschichte als Fortschrittsgeschichte begreife, dann als „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“ – nicht als Fortschritt realer Freiheit, täglich, „sondern dass es im Laufe der Geschichte fortschreitend zu Bewusstsein komme, dass alles Recht aus der Freiheit hervorgeht“. So sehr die Freiheit auch mit Füßen getreten wurde, der Geist hat das Freiheitsversprechen wachgehalten.

Zum Buch

Jürgen Kaube: Hegels Welt. Rowohlt Berlin 2020. 592 S., 28 Euro.

Hegel und Berlin – das wird, trotz der harschen Polemik, die ihm entgegenschlägt, zu einer Erfolgsgeschichte, gesellschaftlich und philosophisch. Hier vermag er „abzuheben“, nirgendwo allerdings widerspricht Kaube den Gedankenflügen Hegels so energisch wie bei der Darstellung seiner Geschichtsphilosophie. Nicht dass Hegel all das Elend in der Geschichte geflissentlich geleugnet hätte, Gewalt und Zerstörung, blutige Exzesse und Schlachten, im Gegenteil, er schaute auf die Geschichte als eine „Schlachtbank“. Wenn sich für Hegel die „Perioden des Glücks“ als die „leeren Blätter“ der Weltgeschichte darstellen, so lässt ihn der „ferne Anblick der verworrenen Trümmermasse“, die sie angehäuft hat, an einem tieferen Sinn festhalten. Denn wo die Vernunft den Gang der Dinge vorantreibt und der Geist der Held ist, der die Welt im Innersten zusammenhält, da waltet auch in der Wirklichkeit der Weltgeschichte die Vernunft. Und nicht nur mit Blick auf die Geschichte, auch für die Gegenwart hofft er auf die „Vernunft der wohlwollenden Machthaber, auf Distanz zu ihren eigenen Interessen“ (Kaube).

Hegel und Berlin. Vom Katheder herab stellt er die Welt auf den Kopf – und kommt an. So betonte bereits vor einem Jahr Klaus Vieweg: „Seine Vorlesungen finden eine ungemein große Resonanz; sie zählen zu den faszinierendsten intellektuellen Ereignissen des Jahrzehnts. Hegel baut eine eigene Schule auf“. Damit wurde dem Klischee der durch ständiges Hüsteln und oder stockendes Sprechen vergeigten Vorlesungen entschieden widersprochen – wie jetzt auch durch Kaube.

Zulauf hat der Rechtsphilosoph, der die bürgerliche Gesellschaft und deren epochale Errungenschaften analysiert, einen unschätzbaren Besitz, der nicht makellos ist, denn sonst bescheinigte er dieser Gesellschaft nicht ein „Wimmeln an Willkür“, was Marxisten, auch hier eifrige Schüler Hegels, immer wieder parteiisch-polemisch aufgegriffen haben. Wie ja schon Marx selbst enorm elektrisiert war, denn so wie für Hegel die Quintessenz des Vergangenen von vorneherein feststeht, so stellt sich für Marx der Kommunismus als Quintessenz der Zukunft zwangsläufig dar.

In seinen Berliner Vorlesungen spricht Hegel über den ökonomischen Handelsgeist und den Vernunftstaat, die Ehe und das Scheidungsrecht, die Armut und die Arbeitskraft, die Ausbeutung und die Empörung des „Pöbels“ gegen die Reichen und die Regierung – darüber zieht er Rückschlüsse, die einem Wohlfahrtsstaat gelten. Welch ein Horizont. Hegel, den bereits Kommilitonen zu Tübinger Zeiten einen „alten Mann“ nannten, und das war wohl nicht nur Studentengefrotzel, hob nicht nur ab, wenn er vom Weltgeist sprach, sondern zeigte Esprit und straffen Scharfsinn, wenn er von den „Geschäftsführern (Geschäftsträgern) des Weltgeistes“ sprach, Alexander, Caesar, Napoleon: Gestalten, die für eine unübersehbare Akkumulation kapitaler Eigeninteressen stehen. Sollte der Weltgeist seine Geschäftsführer eingestellt haben, oder waren es diese Angestellten, von der Vernunft mit Prokura ausgestattet, die dem Weltgeist zu seiner historischen Bedeutung verhalfen?

Napoleon, die „Weltseele“, zu Pferd, Hegel aufschauend

Marx war es, der meinte, man müsse die (hegelsche) Geschichtsphilosophie vom Kopf auf die Füße stellen, um über Hegels Gedanken, dass die Weltgeschichte das Weltgericht sei, zielstrebig zu richten. Die Spekulation, die Marx anstellte, war denn die, dass der Kommunismus zum Weltgerichtstag werde. Millionen Todesopfer deswegen im 20. Jahrhundert.

Zurück zu Kaube, der Hegels Geschichtsphilosophie, seine zum Teil kühnen Schemata, als eine nicht zuletzt abenteuerliche „Völkerrevue“ passieren lässt. Was wiederum nicht heißt, dass Hegel nicht fundamentale Gedanken über das verwirklichte Reich der Freiheit entwickelt hätte. Er musste sich ja nur umschauen, um maßgebliche Dinge über die Gewerbefreiheit, das Zivilrecht, die Pressefreiheit, oder solche Errungenschaften wie die Säkularisierung und die Abschaffung der Sklaverei zu formulieren.

Dass Philosophie „ihre Zeit in Gedanken erfasst“, war ein in seiner Rechtsphilosophie formulierter Anspruch. Schier gewaltig sein systematisches „Denken in Unterscheidungen“ (Kaube), ob nun über das Ich und das Wir, die Natur und den Geist, die Gesellschaft und den Staat, die Religion, die Wissenschaft, nicht zuletzt die Kunst – und wenn der Denker dabei aufs Ganze ging, dann deshalb, weil der Geist, wie Hegel ihn verstand, aufs Ganze geht. So wichtig Hegels Philosophie für den modernen Freiheitsbegriff, so war er „zugleich einer der gründlichsten Kritiker desjenigen Begriffs der Freiheit, der diese als Abhängigkeit nur vom Selbst definierte“, wie Charles Taylor es 1978 formuliert hat. Das war in seiner viele Jahre als epochal bezeichneten Hegel-Monografie, die für heutige Hegel-Biografen allerdings kaum noch eine Rolle spielt, seltsam.

Während seiner letzten Lebensjahre wurde der Bürger ebenso wie der Universitätslehrer in Unruhe versetzt. Üble Anfeindungen, hässliche Kabalen, Zerwürfnisse. Der Polizeistaat Preußen schnüffelt auch ihm hinterher. Querelen an mehreren Fronten, Häme durch Kollegen, der Konkurrent Schopenhauer verfolgt ihn bösartig, in München untermauert der ehemalige Freund Schelling die Entfremdung – und vollendet, indem er von der „Hydra des Hegelianismus“ spricht, die Zerrüttung. Es passt ins Klima der geistigen Restauration, dass auch Schelling den vernichtend gedachten Vorwurf des „Pantheismus“ erhebt. Überhaupt die Religionsphilosophie, sie wird zur „Gretchenfrage“, so Sebastian Ostritsch. Zugleich und wohl auch deswegen ist nicht zu übersehen, dass sich seine Popularität niederschlägt, Formeln von Hegel, Hegel-Graffiti an den Wänden der Universität.

Trotz aller Ärgernisse und Zumutungen ist es nicht so, dass er nicht Freude hätte am Leben, am Vergnügen selbst, in der Oper, im Schauspiel, auch wenn ihn die Romantik schwer verdrießt. Heißt es deswegen von Hegel, er sei ein geradezu „verträglicher Mensch, wenn er nur nicht Philosoph wäre“ – eben der „Philosoph der schwierigen und schweren Gedanken“ (Kaube). Denn die Romantik der Gegenwart, etwa einen „Freischütz“, nimmt er wahrhaftig nicht so leidenschaftslos hin, wie die historisch gewordene Romantik der „nachklassischen Epoche Griechenlands“. Auch in seinem Einspruch gegen die Romantik hält Hegel kompromisslos fest an der Autorität der Vernunft, an der „Festigkeit des Gedankens“ – und der „Bindungen“ anstelle eines sich willkürlich setzenden Ichs. Angesichts der, so Jaeschke, „fratzenhaften Verzerrung, in die das von allen Bindungen befreite und noch auf sich selbst fixierte Subjekt“ sich zur äußeren Wirklichkeit verhält, wird sich dieses Subjekt zunehmend suspekter: fremd, fragwürdig, ja gespenstisch.

Als Hegel am 14. November 1831 stirbt, wütet in Berlin die Cholera. Rafft sie auch den prominenten Professor dahin? Der Totenschein, der ausgestellt wird, sagt es so. Ein Beamter Preußens kann jedoch verhindern, dass die Epidemiegesetzgebung auf den Toten zugreift und der Leichnam umgehend in einem Massengrab verscharrt wird. Anders als andere Biographen, Ostritsch etwa, schildert Kaube die wahrhaftig nicht undramatischen Umstände, unter denen der Tote einem anonymen Begräbnis entrissen, die Fuhrleute und deren Pferde tagelang in Quarantäne geschickt werden, so wenig absurd wie möglich. Wie auch, dass, trotz Hygienemaßnahmen, dem Sarg Hegels Hunderte über die Straßen folgen, um zum Grab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof zu drängen.

Hegel, intellektuell wahrhaftig ansteckend, war kein Genie, wie auch Kaube betont. Was aber ein Hegel sich streng verbat, war das Mittelmaß, dessen „absolut bleierne Schwerkraft“. Um dem Bleiernen entgegenzuwirken, hob er kompromisslos ab, erst recht als Philosoph der Freiheit, um eine „,sittlich‘ gehaltene Überwölbung einer ökonomisch, technologisch und industriell bestimmten Geschichte durch eine politische“ nicht fahren zu lassen. Überwölbung – nicht nur das ist von Kaube trefflich gesagt.

Abheben, um aufzuheben. Wenn Hegel in der Gegenwart die Freiheit um ihn herum aufgehoben sah, wenn er gewaltige Anstrengungen unternahm, um den Glauben mit der Vernunft zu versöhnen, wenn er sich zu Gottesbeweisen aufschwang, so bekamen seine Spekulationen Flügel. Abheben: Für Kaube das Signum der Epoche. Schon im Vorwort erklärt er die Montgolfière zur Metapher in einer Welt, die sich den Höhenflügen verschrieb, und dies aus Idealismus tat, selbstlos. Was nicht so ganz stimmt, denn die Luftschifferei um 1770 geschah nicht nur aus interesselosem Wohlgefallen, nicht bloß aus einer Laune heraus oder leichtsinniger Gaukelei. Schon seit der Renaissance unterlagen all die erdachten Flugmaschinen militärischem Kalkül.

Nichtsdestoweniger, dennoch und trotzdem: „Hegels Welt“ wurde vom Idealismus geprägt, vom, so Kaube, „Könnenbewusstsein“: die Welt in Hegels Kopf ebenso wie die Welt um Hegel herum, die er mit seiner Weltanschauung auf den Kopf gestellt hat, bis heute, subjektiv, objektiv, absolut.

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