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Betende Frau während der Messe in der Kapelle eines Altenheimes in Regensburg.
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Betende Frau während der Messe in der Kapelle eines Altenheimes in Regensburg.

Religion

Der Abwertung kontra geben

  • vonOtfried Höffe
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Hans Joas diskutiert in seinem Buch „Im Bannkreis der Freiheit“ einen vernunftgeleiteten Umgang mit Religionen.

In Gesellschaften, die weithin säkularisiert sind, haben es Verteidiger der Religion schwer, während Anwälte von Religionslosigkeit und von Atheismus deutlich leichter Gehör finden. Einige Autoren lassen sich davon aber nicht beirren. So, wie in der anglophonen Welt der kanadische Philosoph Charles Taylor trotzdem die mit der Religion gegebenen Chancen aufspürt („A Secular Age“, „Ein säkulares Zeitalter“), ist es im deutschen Sprachraum der Soziologe Hans Joas, der immer wieder neu Argumente zugunsten der Religion auch in den heutigen Demokratien vorträgt. Auf „Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte“ (2011) folgte „Die Macht des Heiligen. Eine Alternative zur Geschichte von der Entzauberung“ (2017). Die neueste, wieder umfangreiche und hochgelehrte Studie trägt den Titel „Im Bannkreis der Freiheit. Religionstheorie nach Hegel und Nietzsche“.

Man beachte, dass beide Autoren keine christlichen Theologen sind, so dass man sich fragen muss, ob die eigentlich fachzuständigen Wissenschaften, im katholischen Raum die Fundamentaltheologie und im Protestantismus die systematische Theologie, so weit an Selbstbewusstsein verloren haben, dass sie zwar fachintern da und dort noch zu Wort sich melden, es an öffentlichkeitswirksamer Sprachgewalt aber fehlt.

Joas beginnt mit einem Zitat des französischen Soziologen und Freiheitstheoretikers Alexis de Tocqueville. Es fasst, hier gestrafft, Joas’ Programm in aphoristischer Prägnanz zusammen: „dass der Mensch, ist er frei, gläubig sein muss“. Joas kommt es freilich nicht auf irgendein Gläubigsein an. Er widerspricht der anscheinend oder nur angeblich vorherrschenden Ansicht, für ein Leitmotiv der Moderne, die politische Freiheit, spiele die Religion allenfalls in intellektualistischer Verkürzung und eurozentrischer Verengung eine Rolle. Und dafür seien die beiden im Untertitel genannten Denker, Hegel und Nietzsche, hauptverantwortlich.

Das Werk besteht im wesentlichen aus vier Teilen. In jedem dieser Teile - „Ein neues Verständnis von Religion am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts“; „Säkularisierung und moderne Freiheitsgeschichte“; „Die Suche nach einer anderen Freiheit“; „Das Projekt einer historischen Religionssoziologie“ – werden jeweils nach einer umfangreichen Einführung drei bis fünf bedeutsame Religionstheoretiker des ausgehenden neunzehnten und vor allem des zwanzigsten Jahrhunderts interpretiert. Wie von Joas nicht anders zu erwarten, geschieht es höchst kenntnisreich, für das systematische Leitthema beinahe übergelehrt. Denn die sechzehn Religionstheoretiker werden nicht nur aus den einschlägigen Texten, sondern auch aus dem Reflex anderer Autoren vorgestellt. Zwei Drittel der Kapitel gehen auf frühere Veröffentlichungen zurück, sind aber „bei der Integration in das vorliegende Buch umgearbeitet“ worden.

Das Panorama reicht von Ernst Troeltsch, Rudolf Otto und Max Scheler über John Dewey, Reinhardt Koselleck und Charles Taylor, über Ernst Cassirer, Paul Tillich und Reinhold Niebuhr bis zu den hierzulande weniger bekannten Robert Bellah und José Casanova. Diese Auswahl ist durchaus überzeugend, auch wenn man gern beispielsweise über William James, Émil Durkheim, Henri Bergson und Karl Rahner noch etwas mehr erfahren hätte.

Heute herrschen trotz der immer wieder erhobenen Forderung, interdisziplinär zu arbeiten, doch die Studien vor, die sich auf eine einzige Disziplin und dabei häufig noch auf einen schmalen Gesichtspunkt konzentrieren. Alle von Joas behandelten Autoren hingegen argumentieren interdisziplinär, bewegen sich nämlich, wie Joas zu Recht bemerkt, im Überlappungsbereich von Soziologie, Theologie, Philosophie und Geschichte. Vermutlich genau deshalb gelingen ihnen so weitreichende, häufig sogar bahnbrechende Werke.

Das Buch:

Hans Joas: Im Bannkreis der Freiheit. Religionstheorie nach Hegel und Nietzsche. Suhrkamp Verlag. 668 S., 38 Euro.

Achtet man nur auf diese vier Teile, immerhin fast neunzig Prozent, so erscheint das Buch als eine intelligente Aufsatzsammlung in einer sachlich schönen Gliederung. Durch eine Einleitung und einen „Schluss“ soll es aber ein „Mittelding zwischen Monographie und Aufsatzsammlung“ werden, gewissermaßen „ein Zyklus von Novellen“, die „ein ganzheitliches Bild entstehen lassen“.

Dagegen erheben sich aber Bedenken. Als erstes zerfällt Joas’ ganzheitliches Bild in zwei Teile. Ich übergehe hier den zweiten Teil „Globalgeschichte der Religion und moralischer Universalismus“ und konzentriere mich auf den ersten, in der Einleitung entworfenen Teil. Er besteht im wesentlichen aus einer Hegel-Schelte. Denn Hegel sei zwar eine grandiose Synthese von Christentum und politischer Freiheit gelungen, derzufolge aber, so die seitdem angeblich dominante „Meistererzählung“, die Geistesgeschichte einem Endziel entgegenstrebe, einer Säkularität von hoher emanzipatorischer Bedeutung. Dadurch sei die weitere Geschichte in eine Sackgasse geführt worden, aus der nun der eigene Blick auf die vorgestellten Autoren herausführe.

Den Rezensenten, obwohl eher ein Kantianer als ein Hegelianer, überzeugt schon die Hegelkritik nicht. Von Nietzsche und dem Linkshegelianer Marx aus gesehen mag die seitherige Geistesgeschichte das monierte Endziel angestrebt haben. Schon die vielen Autoren, die Joas vorstellt und, wie angedeutet, manche andere, sowie ein Denker wie Taylor, der selber ein bedeutender Hegelinterpret ist, dementieren die behauptete Dominanz der Meistererzählung. Außerdem muss man Hegels Weltgeschichte nicht so eng wie Joas lesen. Es bleibt doch legitim, mit Hegel die Vernunft in der Weltgeschichte aufzusuchen und dann die politische Globalgeschichte nicht naiv als einen linearen, aber doch – jetzt eher mit Kant – als einen zu erhoffenden Fortschritt der Freiheit zu verstehen. Dieser dürfte im Gedanken der Menschenrechte kulminieren, der jedem Menschen, bloß weil er Mensch ist, elementare Grundfreiheiten einräumt.

Joas wirft Hegel Eurozentrik vor. Das ist fraglos nicht falsch. Ist es aber nicht relativ leicht, jetzt wieder mit Hegel, seinen „Grundlinien der Philosophie des Rechts“, § 209, den folgenden Gedanken für „unendlich wichtig“ anzusehen: „Der Mensch gilt so, weil er Mensch ist, nicht weil er Jude, Katholik, Protestant, Italiener u.s.f. ist“. Ohne Zweifel wäre heute die Ergänzung sinnvoll: „weil er Gläubiger oder Atheist, Europäer, Brasilianer, Chinese u.s.f. ist“. An Hegels Grunddiagnose: „Der Mensch gilt so, weil er Mensch ist, nicht weil er ...“ ändert das jedoch wenig.

Nicht zuletzt empfiehlt sich Joas’ Studie zur „politischen“ Freiheit, um dies anzuerkennen: Der Staat, der sich genau diese Freiheit zum Prinzip gemacht hat, gibt mit seiner dafür notwendigen religiösen und weltanschaulichen Neutralität der monierten Meistererzählung nicht vollständig, aber doch in rechts- und staatstheoretischer Hinsicht Recht.

So legt sich als gewiss vorläufige Bilanz die Empfehlung nahe, Joas’ gelehrte Studie als willkommenen Kontrapunkt zu einer pauschalen Devalorisierung der Religion zu lesen. Die Aufgabe hingegen, wie sich Religion und freiheitlicher Staat am besten zueinander verhalten sollen, ist sozial- und religionstheoretisch noch nicht gelöst anzusehen.

In den Tagen, in denen zu John Rawls ein Doppeljubiläum gefeiert wird, 50 Jahre seiner „Theorie der Gerechtigkeit“ und 100 Jahre seines Geburtstages, sehe man mir diese Bemerkung nach: Der zu Joas’ Themenfeld doch auch einschlägige Autor verdiente mehr als die knappe Charakterisierung, Vertreter eines orthodoxen Liberalismus zu sein.

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