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Den Menschen so fern

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Von: Björn Hayer

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Mit der Zunahme prekärer Lebensverhältnisse geht ein höherer Grad an Einsamkeit einher.
Mit der Zunahme prekärer Lebensverhältnisse geht ein höherer Grad an Einsamkeit einher. © afp

Unter dem Radar von Corona hat sich eine epidemische Einsamkeit ausgebreitet. Wo rührt sie her und wie können wir sie überwinden – ein Streifzug durch Empirie und Philosophie.

Die Zeiten, in denen sich der Mensch in den Kreis seiner Liebsten und Vertrauten zurückzieht – sei es während einer Pandemie, an Festtagen oder einfach an einem kalten Winterabend –, haben seit jeher eine Kehrseite: die Einsamkeit. Wo sich vermeintlich alle in den Armen halten, fühlt sich der oder die Alleinstehende noch verlassener. Heute vielleicht noch mehr denn je, zumal es sich bei dem Gefühl, keinerlei Anbindung mehr zu habe, durchaus um eine Art Volkskrankheit der Spätmoderne handelt.

Warum? Weil heute der Individualismus ein hehres Ideal darstellt. Zwar weist etwa der Denker Lars Svendsen in seiner „Philosophie der Einsamkeit“ (2022) nach, dass sich in kollektivistischen, mithin totalitären Gesellschaften ein weitaus höheres Einsamkeitsniveau verzeichnen lässt, da Überwachung und Bespitzelung die Menschen auseinandertreibt. Gleichwohl kann man nicht leugnen, dass allen voran die digitalen Medien in den liberalen Demokratien zumindest einen Beitrag dazu leisten, sich noch verlassener vorzukommen.

Auf Facebook und Instagram finden Feuerwerke des Glücks statt. Man fungiert dort als seine eigene Werbeagentur, mit Hochglanzfotos vom einzigarten Urlaub und der harmonischsten Partnerschaft. Hinzu kommen soziale Verwerfungen unserer Epoche. Studien belegen: Mit der Zunahme prekärer Arbeitsbedingungen und Lebensverhältnisse geht zugleich ein höherer Grad an Einsamkeit einher. Neben der Zukunftsangst dürfte fehlendes Vertrauen, das bereits Georg Simmel in seiner Analyse der Großstadt als eine wesentliche Ursache für die subjektiv vernommene Desintegration benennt, eine wichtige Rolle spielen. Joseph Schumpeter sieht in seinem Werk „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ (1942) den Grund ferner in der Abwertung der Familie und Elternschaft im 20. Jahrhundert zugunsten eines neuen Bewusstseins für Freiheit und Autonomie.

Die Deutungsansätze für die im Verborgenen stattfindende Epidemie mögen vielfältig sein. Nur wie können heutige Gemeinschaften besser mit einem bisweilen sogar als krankhaft empfundenen Alleinsein ihrer Mitglieder umgehen? Ein Teil der Intellektuellen der Kulturgeschichte weiß dem Phänomen durchaus manches abzugewinnen. Aristoteles begreift den Zustand der Losgelöstheit von allen sozialen Bindungen und Verpflichtungen beispielsweise als Möglichkeit zur Kontemplation, Nietzsche nimmt in ihr gar die Voraussetzung wahr, um überhaupt seiner selbst gewahr zu werden. Für Petrarca bildet die Einsamkeit wiederum die Keimzelle für geistige Kreativität. Dass man erst in den Besitz einer Wahrheit gelangt, wenn man sich vom Lärm des Umfelds emanzipiert hat, liest man derweil bei Martin Heidegger. Zu viel Sozialität lenkt uns gemäß dieser Vorstellung nur vom erkenntnisstiftenden Zwiegespräch mit uns selbst ab.

Obgleich die positiven Zuschreibungen im Einzelnen variieren, eint die Positionen die Einsicht, das leidvolle Gefühl der Verlorenheit als notwendige Station zur individuellen Reifung zu betrachten. Müssen wir also das Alleinsein mit uns nur wieder neu lernen? Gerade in einer Welt, die uns auf paradoxe Weise in der Whats-App- und Twitter-Dauerkommunikation hält? Wahr ist: Noch nie zuvor hat man sich global so viel und schnell ausgetauscht. Ein globales Dorf im Sinne Marshall McLuhans ist daraus trotzdem nicht hervorgegangen. Statt eines Zusammenwachsens der Menschen beobachten wir eine Verhärtung und Verfestigung sich voneinander entfremdender Milieus. Echokammern erweisen sich als reine Resonanzräume eines immer wieder nur sich selbst hörenden und verstärkenden Ichs. Wie schon der Titel von Byung-Chul Hans pointiertem Essay „Die Austreibung des Anderen. Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation heute“ (2016) darlegt, ist uns daher in der digitalen Ära der andere gänzlich entglitten. Das Fremde mutet bedrohlich an, man immunisiert und isoliert sich in Kleinstgruppen, weil man der Außensphäre vornehmlich mit Misstrauen begegnet.

Gewiss kann ein Umdenken, wie es manche Philosophen vorschlagen, dabei helfen, Phasen der Einsamkeit auch einmal als Gewinn zu verzeichnen. Aber nicht jede und jeder scheint zu dieser Neuperspektivierung in der Lage. Und auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt dürfte ein Heer der (wenn auch potenziell zufriedenen) Einzelkämpfer kein erstrebenswerter Zustand sein. Deswegen stehen die Gemeinschaft und die Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger in der Verantwortung. Sie erstreckt sich mitunter auf die Wiederherstellung Orte öffentlicher Begegnungen. Denn Antieinsamkeitspolitik ist vornehmlich Strukturpolitik, da diese die Daseinsvorsorge sicherstellt. Nach jahrzehntelangen Sparrunden werden die Defizite mehr als offensichtlich. In diversen Regionen gibt es weder ausreichend Schulen noch eine adäquate Pflege- und Arztversorgung. Von die Menschen verbindenden Kulturangeboten ganz zu schweigen. Obwohl Institutionen keine Freunde ersetzen, schaffen sie ein soziales Netz.

Zwar vertritt Lars Svendsen in seinem Buch ebenso die Ansicht, jede Einsamkeit hänge ausschließlich vom eigenen Verhalten der Betroffenen ab. Allerdings wissen wir aus empirischen Untersuchungen um die markante Korrelation zwischen Wohlfahrtsstaatlichkeit und Einsamkeit. Je besser das Sozialsystem, so deren Ergebnisse, desto geringer das Gefühl der Verlorenheit samt all der Begleiterscheinungen von früher Alterung bis zur Depression. Alles andere entspreche einem traurigen Naturzustand, wie ihn schon Thomas Hobbes in seinem epochalen Werk „Leviathan“ (1651) beschreibt. Ohne eine starke Gesellschaft sei „das Leben des Menschen einsam, armselig, widerwärtig, vertiert und kurz“.

Doch allein auf mehr Staatlichkeit zu setzen, wofür symbolisch die Einrichtung eines Einsamkeitsministeriums in England steht, dürfte dem Problem kaum gerecht werden. Auch die Notwendigkeit eines Kulturwandels ist geboten. Forschungen zeigen, dass sowohl zahlreiche Ältere als auch die Jüngeren unter dem Gefühl der Bindungslosigkeit leiden. Unterstellt man den 30- bis 50-Jährigen nun keinen Egoismus, so darf man die Verknappung der Zeit für Pflege und Fürsorge nicht unterschätzen. Die Leistungsgesellschaft verstärkt nicht nur die Isolation der Einzelnen, die Kolleginnen und Kollegen als Konkurrenten identifizieren sollen, sondern sie reduziert ebenfalls Kapazitäten für die private Existenz. Für Ehrenämter mangelt es trotz des beachtlichen Engagements vieler Bürgerinnen und Bürger den meisten an Kraft und Freiräumen.

Umso mehr kann die Idee der Arbeitszeitverkürzung der Postwachstumsökonomie erfolgsversprechend sein. Zur Überwindung chronischer Einsamkeit bedarf es nämlich insbesondere eines anderen Menschen Anwesenheit, eines offenen Ohrs, oder – auf den Punkt gebracht – der Herzenswärme. „Wahrlich, keiner ist weise, / Der nicht das Dunkel kennt, / Das unentrinnbar und leise / Von allen ihn trennt“, schreibt Hermann Hesse.

Aber damit wir den Wert so manch gottverlorener Finsternis erkennen, braucht es oft jemanden, der einem ein Licht schenkt. Diese Güte basiert nicht nur auf einem humanen Ansinnen. Sie sollte auch dem ureigensten Interesse einer Gesellschaft an ihrem Fortbestehen entspringen.

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