Debatte

Frankreich will nicht zurück in die Vor-Corona-Gesellschaft

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Krise und Kritik – Französische Intellektuelle debattieren die Zukunft.

Während in der deutschen Öffentlichkeit die „neue Normalität“ beschworen wird, ist in Frankreich eine Debatte über eine Zeitwende, eine neue Welt entbrannt. Der Blick auf die Post-Corona-Zeit hat den Erwartungshorizont für eine andere Gesellschaftsordnung geöffnet und den Möglichkeitssinn für Wege aus der allgemeinen Krise erweitert, in die das Land infolge der Pandemie geraten ist.

Krisen markieren Übergänge von einem bekannten zu einem unbekannten Zustand. Sie durchbrechen die normale Ordnung der Dinge und die alltägliche Wahrnehmung der Zeit als bloße Weiterführung der Vergangenheit. Das Kommende erscheint kontingent, die Zukunft offen. Emmanuel Macron, der französische Staatspräsident, hat diesen Zustand, in dem alles möglich wird oder doch erscheint, in seiner Rede an die Nation am 13. April mit den Worten pointiert: „Seien wir uns in diesem Moment bewusst, dass wir ausgetretene Pfade verlassen, über den Tellerrand hinausschauen und uns neu erfinden müssen – und ich mich zuerst.“

Staatspräsident Macron: Die Ereignisse haben die Welt verändert

Eine Rückkehr zum Status quo ante kann es, aus Sicht Macrons, nicht geben. Haben die Ereignisse der vergangenen Wochen in seiner Wahrnehmung doch „die Welt verändert“, „Gewissheiten hinweggefegt“ und der Einsicht Bahn gebrochen, „dass es Güter und Dienstleistungen gibt, die außerhalb der Gesetze des Marktes platziert werden müssen“. Die Kontrolle über sie zurückzuerlangen, erfordere „Entscheidungen des Bruchs“.

„Es liegt im Wesen einer jeden Krise“, so Reinhart Koselleck, „dass eine Entscheidung fällig ist, aber noch nicht gefallen ist.“ Die mögliche Lösung bleibt ungewiss. Diese Unsicherheit fördert die Suche nach einem Umschlag der Verhältnisse. An der Suche beteiligen sich in Frankreich seit März in verstärktem Maße die Intellektuellen. Von der Postmoderne seit Mitte der 1980er Jahre totgesagt, formulieren sie Zeitdiagnosen und Hypothesen zur Zukunft. Der Verlag Gallimard veröffentlicht parallel zur Debatte in den Zeitungen täglich kurze unveröffentlichte Stellungnahmen von Autoren in digitaler Form, kostenlos: Tracts de crise.

Die Franzosen wollen eine neue Post-Covid-19-Gesellschaft

Wie Krise und Kritik ineinandergreifen können, verdeutlicht auch eine Umfrage der Zeitschrift „Libération“. Danach strebt eine Mehrheit der Franzosen eine neue Post-Covid-19-Gesellschaft an, gekennzeichnet u.a. durch Relokalisierung der Produktion, Schutz der öffentlichen Dienste, Begrenzung des Wachstums und des Strebens nach Rentabilität sowie durch die Verstärkung der Rolle des Staats in der Kontrolle des Kapitalismus. Elemente dieser anderen Gesellschaft wurden in Frankreich bereits vor Covid-19 zum Ausdruck gebracht durch soziale Bewegungen von Nuit Debout 2016 bis zu den Gelbwesten (2018/19). Die Covid-19-Krise lässt sie erneut aufkeimen und verstärkt sichtbar werden.

Die gegenwärtige „Polykrise“ lasse uns, so der Soziologe Edgar Morin, über unsere wirklichen Bedürfnisse nachdenken, die in den Entfremdungen des Alltags verborgen seien. Geboren 1921, Mitglied der Resistance und Vordenker der Neuen Linken der 1960er Jahre, erläutert Morin im Gespräch mit „Le Monde“, dass sich eine Krise – über die Destabilisierung und Unsicherheit hinaus, die sie begleiten – in Regelversagen manifestiere. Abweichungen, zuvor vom System gehemmt, um die Stabilität zu erhalten, würden nicht mehr blockiert, sondern zu aktiven Trends. Diese Trends könnten zu regressiven und progressiven Transformationen des Sozialsystems führen und sogar zur Revolution.

Für Frankreich konstatiert Morin die verstärkte Verbreitung abweichender oder an den Rand gedrängter Ideen: die Rückkehr zur Souveränität und zum Wohlfahrtsstaat, die Befürwortung von Deglobalisierung, Anti-Neoliberalismus sowie generell die Einsicht in die Notwendigkeit einer neuen Politik. Indes, am Ende der Covid-19-Krise seien Rückschritte (und bestenfalls Stagnation) wahrscheinlich, solange der neue politisch-ökologisch-ökonomisch-soziale Weg, der von einem neu belebten Humanismus geleitet werde, nicht erscheine.

Die „Gelbwesten“ dienen als Warnung

Die Notwendigkeit, die Verbindung von sozialer und ökologischer Gerechtigkeit erfolgreich zu gestalten, unterstreicht auch der Philosoph und Soziologe Bruno Latour. Geboren 1947 und damit Teil einer Generation, die, aus seiner Sicht, alles beschleunigen wollte, appelliert Latour selbstkritisch, die Gesundheitskrise als Anreiz zu sehen, nachhaltig gegen die Klimakrise vorzugehen. „Wir waren es gewohnt, viele Dinge zu absorbieren“, erklärt er in „Le Monde“, „aber nicht diese absolut neue Tatsache, dass die Erde auf unser Handeln reagiert. Um damit fertig zu werden, müssen wir innovativ sein.“ Ambivalent fällt im Hinblick auf die Innovation/Neuerfindung jedoch sein Blick auf den Staat aus. Was würde geschehen, wenn Präsident Macron aufträte, um anzukündigen, die Gas- und Ölreserven im Boden zu belassen, die Vermarktung von Pestiziden zu stoppen, das Tiefpflügen zu unterbinden und noch dazu die „Beheizung von Rauchern auf Bar-Terrassen“ zu untersagen?

Wenn man bedenke, dass die Erhöhung der Benzinsteuer die Bewegung der Gelbwesten auszulösen vermochte, löse der Gedanke an die in diesem Fall zu erwartenden Ausschreitungen Schauder aus. Dennoch sei „die Forderung, die Franzosen in ihrem eigenen Interesse vor dem Tod zu schützen, im Falle der ökologischen Krise unendlich viel berechtigter als im Falle der Gesundheitskrise“. Indes erfordere dies ein Umdenken aufseiten des Staates.

Die Corona-Krise: Wie kann der Staat lernen?

In der Gesundheitskrise habe die Verwaltung die ganz klassische Erziehungsfunktion (Hände waschen, in den Ärmel niesen) behalten, und ihre Autorität sich perfekt decke mit den alten nationalen Grenzen, zu denen Europa zurückgekehrt sei. Bei der ökologischen Krise kehre sich die Situation auf tragische Weise um: Dieses Mal sei der Erreger, dessen Virulenz die Lebensbedingungen aller Bewohner des Planeten verändere, nicht ein Virus, sondern der Mensch selbst. Doch es seien nicht alle Menschen, sondern einige, die Krieg führten, ohne ihn zu erklären. Für diesen Krieg sei der Nationalstaat schlecht vorbereitet und schlecht konzipiert. Die Fronten seien vielfältig und durchquerten jeden einzelnen. Für den ökologischen Wandel sei es der Staat, der sich in einer Lernsituation befinde.

Wie kann der Staat lernen? Wie der Kampf gegen das Virus mit der Achtung demokratischer Werte in Einklang gebracht werden? Neun Akademiker, darunter die Philosophen Dominique Bourg (Universität Lausanne) und Frédéric Worms (École normale supérieur, Paris), haben zur Beantwortung dieser Fragen in „Le Monde“ zu einem Dialog zwischen den Akteuren des politischen und wissenschaftlichen Lebens und der Zivilgesellschaft aufgerufen. Ein Runder Tisch soll die Gesellschaft nach Covid-19 vorwegdenken: eine Demokratie, in der Wissenschaft und Politik im Dialog stehen, in der langfristige, nicht kurzfristige Ziele den Vorrang haben.

Der Philosoph Étienne Balibar bleibt skeptisch. Zwar sei eines klar: Die Geschichte werde nicht so weitergehen wie bisher, erklärt er in „Le Monde“. Aber ihr Wandel sei nur in seiner Allgemeinheit vorhersehbar, sein Inhalt nicht erkennbar. Zu erwarten sei, dass die Geschichte inkompatible Alternativen offeriere, Regierungssysteme und antithetische menschliche Werte.

Eine „gemeinsame Politik“ für die „Welt danach“

Zu hoffen bleibe, dass dieser Konflikt sich auf zivile Weise regele, mittels demokratischer Mittel und nicht mittels Diktatur und „Wutausbruch“ (le déchaîn). Jede Strategie des kollektiven Schutzes, sei es durch Grenzschließung, Ausgangssperre, Abschließung von Risikogruppen, sei nicht harmlos. Die Art und Weise, wie eine Gesellschaft sich als „im Krieg“ ausgebe, selbst gegen einen Virus, setze die Demokratie aufs Spiel.

Gegenwärtig sei die Handlungsfähigkeit der Regierten auf Stimmungsreaktionen reduziert. Dies werde jedoch, je mehr sich die Gesundheitskrise in eine wirtschaftliche und soziale Krise und einen Wertekonflikt verwandele, immer weniger der Fall sein. In der Form, welche die Dialektik von oben und unten annehme, spiele sich das Schicksal der Demokratie ab.

Davon ausgehend, dass eine „barbarische Zukunft“ der Welt nicht bloß eine „dystopische Möglichkeit“ ist, ruft Julien Bayou, der Spitzenrepräsentant der Grünen Partei (Europe Écologie – Les verts), in „Libération“ zur Bildung eines „Übergangsblocks („bloc de la transition“) mit anderen Parteien der Linken, den Gewerkschaften sowie Personen und Organisationen der Zivilgesellschaft auf. Formuliert werden soll eine den Ursachen der Krise Rechnung tragende „gemeinsame Politik“ für die „Welt danach“ zur Sicherung des Erhalts der planetarischen Gemeingüter. Eine „Université d’été du monde d’après“ soll den Anfang machen.

Wenn, wie Ernst Bloch 1918 konstatiert hat, die tastende und experimentierende Bestimmung des Zukünftigen den Prozess der Verwirklichung der konkreten Utopie kennzeichnet, ist mit der Post-Corona-Debatte – erstmals seit 1968 – das Ringen um die konkrete Utopie diskursiv zurückgekehrt.

Zur Person

Die Autorin Ingrid Gilcher-Holtey war von 1994 bis 2018 Professorin für Allgemeine Geschichte und Zeitgeschichte an der Universität Bielefeld. Insbesondere zur 68er-Bewegung hat sie mehrere Bücher veröffentlicht.

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Rubriklistenbild: © Christophe Ena/AP/dpa

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