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Galloway-Rinder auf einer verschneiten Weide.
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Galloway-Rinder auf einer verschneiten Weide.

Unter Tieren

Das Recht auf das eigene Leben

  • VonHilal Sezgin
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Hilal Sezgin in ihrer Kolumne „Unter Tieren“ über den Unterschied zwischen einem Recht auf ein gutes Leben und einem Recht, nicht geschlachtet zu werden.

Im Allgemeinen wird es als Zeichen des eigenen Erfolges gesehen, wenn die Konzepte und Begriffe, die erstmals in der Sprache einer politischen Minderheit vorkamen, Teil des alltäglichen Diskurses werden. Daher freute ich mich zunächst, wenn ich in den vergangenen Monaten vermehrt dem Begriff „Tierrechte“ begegnete – in Kontexten, die nicht primär tierrechtlerisch oder vegan waren ... bis ich bemerkte, was man dort tatsächlich unter dem Begriff Tierrecht verstand.

Mein erstes Beispiel ist das eines jungen Landwirts aus Niedersachsen, der Galloway-Rinder züchtet, ihnen auf der Weide ein „gutes Leben“ bietet und sie später zu einem nahegelegenen Schlachthof begleitet. Es steht außer Zweifel, dass dieser Landwirt aus seiner Sicht nur das Beste für seine Tiere will – aber dieses Beste ist aus der Perspektive des Tieres eben nicht hinreichend gut.

Wenn das Tier nicht ganz wohlauf sei, sage er den Transport zur Schlachtung ab, erklärte er mir (und ich fragte mich, warum es besser ist, bei guter Stimmung getötet zu werden, als wenn es einem eh schon mies geht). „Das Tier kennt mich, das Tier hab ich großgezogen“, sagte er (und ich fragte mich, ob das den Verrat, es dem Metzger auszuliefern, nicht noch steigert). Auf die Frage, ob seine Rinder nicht das Recht auf Leben hätten, antwortete der junge Mann: „Klar hat ein Tier Rechte. ... Das Tier hat bei mir das Recht, dass es würdevoll geschlachtet wird.“

An diesem letzten Satz habe ich nun schon seit gut einem Monat zu knabbern. Gewiss, es mag ein Recht auf einen würdevollen Tod im Sinne eines freiwilligen, informierten assistierten Freitods geben. Doch sofern man den Tod selbst nicht wünscht, gibt es kein „Recht“ auf freie Wahl der gegnerischen Waffen, sondern eben nur – ein Recht auf Leben!

Ich muss an den Staat Arizona denken, wo die zum Tode Verurteilten demnächst wohl zwischen einem Tod durch eine Giftspritze und dem durch Zyklon B „wählen“ können. (Allein, dass irgendein Mensch nach Auschwitz noch einmal auf die Idee kommen kann, Zyklon B als Tötungsmittel einzukaufen, lässt mich in einem Ausmaß an der Menschheit zweifeln, das den Platz dieser Kolumne sprengt.) Das ist doch keine echte Wahl, sondern vielmehr der reine Hohn, indem man dem ungeheuren Verbrechen der Ermordung noch den Beigeschmack eines „Wunsches“ verleiht!

Mein anderes Beispiel für ein Missverständnis von Tierrechten kommt zufälligerweise direkt aus Arizona, ist nämlich in einem Buch der dort lehrenden Rechtswissenschaftlerin Karen Bradshaw enthalten („Wildlife as Property Owners“). Bradshaw möchte darin das bestehende Eigentumsrecht derart erweitern, dass nicht nur wie bisher Menschen, Unternehmen und Schiffer Eigentümer sein könnten, sondern eben auch Tiere oder die Wildnis. Denn auch Tiere haben ein Gefühl für „Mein“ und „Dein“, insbesondere, was Land angeht, ebenso wie wir Menschen. Sie markieren ihre Territorien olfaktorisch, durch optische Signale und durch ihr Verhalten; viele Tiere investieren auch eine Menge Arbeit in ihr Gelände oder ihr Zuhause, man denke an den Biber, oder, weniger spektakulär, die Ameise.

Wenn wir diesen Landbesitz von Tieren anerkennen würden, meint Bradshaw, könnte Wildnis weitreichender geschützt werden als bisher, und dennoch müsste den Menschen nichts genommen werden. Sie könnten weiterhin (dasselbe) Land besitzen, dürften Tiere vertreiben, jagen und töten, zum Verzehr oder zum Schutz ihres sonstigen Eigentums.

Ehrlich gesagt, verstehe ich das nicht. Was habe ich davon, wenn ich – als Biber zum Beispiel – zwar offizieller Eigentümer meiner Burg bin, aber dort von jedem menschlichen Hinz und Kunz getötet werden darf? Als Ameise, wenn auf „meiner“ Straße ein Giftköder liegt?

Und wenn wir Bradshaws eigenes Analogieargument heranziehen: Genauso, wie sich das Territorialverhalten von Tieren auf ein Recht auf Eigentum ausweiten lässt, lässt das Flucht-, Ess- und Freuverhalten von Tieren auf ein Recht auf Leben schließen.

Hier sind wir wieder bei dem Galloway-Züchter und seiner Kundschaft: Wer weiß, dass Tiere lieber gut als schlecht leben, der muss doch verstehen, dass Tiere überhaupt leben wollen! Und wenn das Recht auf ein gutes Leben gilt, dann das Recht auf Leben generell. Die Rede von Tierrechten meint jedenfalls mehr als „Gesetze rund um Tiere“. Ebenso wie Menschenrechte sind sie individuelle Rechte eines Tiers auf ... meinetwegen auch auf Eigentum. Aber allem voran: auf das eigene Leben.

Hilal Sezgin, Jahrgang 1970, lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide. Jeweils zu Monatsbeginn schreibt sie an dieser Stelle „Unter Tieren“.

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