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Erst wenn das Neue schon ziemlich fest etabliert ist, beginnt die Nutzlosigkeitsdiskussion.
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Erst wenn das Neue schon ziemlich fest etabliert ist, beginnt die Nutzlosigkeitsdiskussion.

Update

Das nutzlose Neue

  • Kathrin Passig
    VonKathrin Passig
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Die ersten Computer für Haushalte erschienen vielen überflüssig. Warum passiert das bei Technik so oft?

Wenn das Neue zum ersten Mal gesichtet wird, ist es meistens nutzlos auf eine von zwei Arten: Entweder erledigt es nur eine Aufgabe, von der alle finden, dafür sei das Vorhandene gut genug. Eine Digitalkamera möchte eine Filmkamera ersetzen oder ein Elektroauto eines mit Verbrennungsmotor, das ist doch jetzt wirklich nicht nötig. Oder das Neue leistet überhaupt nichts, sondern steht einfach nur neu in der Gegend herum, so wie der PC. Das P steht für personal wie „persönlich“, und gemeint war damit, dass man den Computer ab den 1970er Jahren zum ersten Mal in einem Privathaushalt aufstellen konnte, weil er klein und billig genug war. Nur zu tun gab es dort nichts für ihn, keine Personalverwaltung, keine Wasserbau-Modellrechnungen, keine Flugbuchungen.

Stattdessen enthält die Berichterstattung und Werbung hilflose Vorschläge, wofür das neue Ding gut sein könnte: Kochrezepte verwalten, Vokabellisten anlegen oder die Plattensammlung besser organisieren. Das lag nicht an der fehlenden Fähigkeit des Laienpublikums, sich Einsatzzwecke vorzustellen. Auch der Intel-Mitgründer Gordon Moore sagt in einem Spiegel-Interview von 1996: „Noch in den siebziger Jahren habe ich den Vorschlag eines unserer Ingenieure abgelehnt, über einen ‚Heimcomputer‘ nachzudenken. Die einzige Anwendung, die er damals vorschlagen konnte, war, daß Hausfrauen darauf ihre Kochrezepte verwalten könnten. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, daß meine Frau vor einem Computer sitzt, während sie das Abendessen zubereitet.“

Könnte ja sein, dass man es braucht

Die öffentliche Diskussion über den Nutzen steht nicht am Anfang der technischen Entwicklung. „Naja, könnte ja sein“, denkt man am Anfang, „zu diesem oder jenem wird man es dann schon brauchen können.“ Denn das ganz frisch Erfundene ist noch ein kostenloses Ding. Es nimmt keinen Platz weg, es hat bisher nur das Geld irgendwelcher Unternehmen oder abstrakte Steuergelder gekostet, es stört weder das Stadtbild noch die Ästhetik der Wohnung und seine Stromrechnung ist auch überschaubar. Quantencomputer befinden sich gerade in dieser Phase. Der Abschnitt „Mögliche Anwendungsgebiete“ im Wikipedia-Eintrag „Quantencomputer“ besteht aus einem Satz und vier Stichpunkten. Die Tendenz der Berichterstattung ist aber nicht „Wer braucht den teuren Quanten-Unfug“, sondern wohlwollend. Noch handelt es sich um etwas Elegantes und Zukünftiges.

Erst wenn das Neue schon ziemlich fest etabliert ist, beginnt die Nutzlosigkeitsdiskussion. „Marktbeobachter sind sich einig: Zweckhafte Gründe gibt es für die private Anschaffung eines Computers dieser Leistungsklasse keine. Den Brief an Onkel Willi würde man besser und schneller weiterhin von Hand schreiben. Auch die Steuererklärung eines Angestellten mit zwei Kindern und Eigentumswohnung ist meist einfacher mit dem Taschenrechner zu erledigen als mit der ‚Fibu‘, dem Finanzbuchhaltungsprogramm für den PC. Und Kochrezepte im Computer zu speichern ist etwa so effizient wie die Fahrt mit dem Raupenschlepper in den Edeka-Laden.“ So berichtete der Spiegel 1987 über den PC, den es zu diesem Zeitpunkt in etwa zehn Prozent der deutschen Haushalte gab.

Hinterher ist man immer schlauer

Der erste Einwand ist zur Hälfte richtig: Den Brief an Onkel Willi schreibt man tatsächlich schneller von Hand, wenn man keine Übung im Tippen hat. Diese Übung im Tippen fehlte damals vielen Frauen und fast allen Männern. (Was mit „besser“ gemeint war, bleibt unklar. Es gab damals Diskussionen, ob das Schreiben am Computer Texte inhaltlich schlechter macht; vielleicht geht es darum.) Der zweite Einwand könnte überwiegend korrekt gewesen sein: Finanzbuchhaltungssoftware 1987 war vermutlich wirklich kein Paradies der Nutzungsfreundlichkeit. Die Beobachtung mit den Kochrezepten war einerseits richtig … andererseits wird in vielen Haushalten der Gegenwart nach Rezepten aus dem Computer gekocht. Nur dass die Rezepte im Internet gespeichert sind und das Gerät kein PC ist, vor dem man sitzt wie in Moores Vision, sondern ein Handy oder ein Tablet.

Hinterher ist man immer schlauer, weil man schon weiß, dass es einmal chefkoch.de und Handys und Tablets geben wird. Und ein bisschen dümmer, weil nur noch schwer herauszufinden ist, wie Finanzbuchhaltung von 1987 aussah oder was damals mit „besser“ gemeint war. Die Verwendungsmöglichkeiten des PC mussten jedenfalls erst noch erfunden werden, lange nach der dafür nötigen Technik. Und das Erfinden des Unnützen hört nicht auf. Wozu Virtual oder Augmented Reality (die Sache mit dem unbequemen Gerät auf dem Kopf), das Smart Home (ferngesteuerte Lichtschalter) oder 3D-Drucker im Privathaushalt gut sein sollen, ist noch beinahe so unklar wie damals die Sache mit dem PC. (Kathrin Passig)

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