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Das Henkersbeil des Weiberrats

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Von: Bascha Mika

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Mit der Illustration einer Hackebeil-Szene haben Frauen 1968 die männliche Kastrationsangst geschürt. (Symbolbild)
Mit der Illustration einer Hackebeil-Szene haben Frauen 1968 die männliche Kastrationsangst geschürt. (Symbolbild) © Sabine Brose/Imago

Die Reihe „Dinge des Ungehorsams“: Mit einem Hackebeilchen hatten aufgebrachte Frauen 1968 Arges vor, um in die testosteronvernebelten Hirne der sozialistischen Studenten vorzudringen.

Absolut lächerlich sehen sie aus, die Gemächte der Genossen. Mal schief, mal verkrumpelt, hier und da eingedellt – na ja, welcher Penis macht schon bella Figura, wenn er wie ein Hirschgeweih fein säuberlich abgehackt und aufgespießt an der Wand hängt?

Jagdtrophäen zu sammeln und auszustellen war stets eine männliche Obsession, vom Eberkopf bis zum Bärenfell. Bekanntlich werden auch Frauen gern als Jagdbeute betrachtet und wird der Fang mehr oder weniger stolz präsentiert. Doch was, wenn die Beute beginnt sich zu wehren? Wenn das Halali zur Abwechslung mal der Hatz auf Männer und ihre Kronjuwelen gilt?

Es ist das Jahr 1968. Im SDS, dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund, dreht sich alles um Befreiung, um Solidarität mit den Ausgebeuteten und Unterdrückten weltweit. Dass allerdings auch Frauen zur Menschheit gehören und somit ein Recht auf Freiheit haben, ist den Genossen entgangen. Sie fühlen sich zwar als gesellschaftliche Avantgarde, doch ihr Geschlechterbild ist reaktionär und sexistisch wie das ihrer Väter und Großväter. Frauen sollen im Hintergrund arbeiten, damit sich die sozialistischen Intellektuellen im Vordergrund spreizen können. Spreizen dürfen die Mädels sich auch, aber nur im Bett. Die sexuelle Revolution liefert den linken Stechern den theoretischen Unterbau, die Pille die Praxis zur eifrigen Verbreitung ihrer wertvollen Spermien.

Um in derart testosteronvernebelte Hirne vorzudringen, braucht es drastische Maßnahmen. Seit Monaten haben sich Frauen in vielen Städten um die Küchentische versammelt und planen die Rebellion gegen das Patriarchat – die zweite Frauenbewegung bricht auf. Da entwirft der Frankfurter Frauenrat zum SDS-Kongress in Hannover ein Flugblatt: „Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen!“ Als Kunstwerk würde die Zeichnung darauf wohl nicht durchgehen, dennoch gelangt das Blatt zu einiger Berühmtheit.

Mit krakeligem, dünnen Strich zeigt der „Rechenschaftsbericht“ eine magere, spitzbusige Frau, nur bekleidet mit einem Hexenhut und einem teuflisch zufriedenen Grinsen. Sie hat es sich auf einer Chaiselongue bequem gemacht, ihre rechte Hand umfasst lässig den Griff eines Henkerbeils. Neben ihr ist die Frucht ihrer Arbeit zu sehen. Sechs männliche Geschlechtswerkzeuge, jedes im eigenen Rahmen, den sechs bekanntesten Obergenossen des SDS namentlich zugeordnet. Männliche Kastrationsangst hübsch kreativ ins Bild gesetzt. Die ultimative Erniedrigung.

„Wir machen das maul nicht auf!“, so der Flugblatttext, „wenn wir es doch aufmachen kommt nicht raus! wenn wir es auflassen wird es uns gestopft: mit kleinbürgerlichen schwänzen, sozialistischem bumszwang, sozialistischen kindern, liebe, sozialistischer geworfenheit, schwulst, sozialistischer potenter geilheit...“

Gewaltphantasien entstehen aus Ohnmacht und Wut. Das Henkersbeil half gegen die Ohnmacht. Die Wut war die Waffe, es symbolisch zu nutzen. Was wäre die Befreiungsbewegung der Frauen ohne Angriffslust und gewaltigen Zorn?

In loser Folge stellen wir Gegenstände vor, die für zivilen Ungehorsam stehen.

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