Am 1. Januar gehen die Niederländer*innen normalerweise zusammen baden. Alle!
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Social Distancing

Jeder Mensch kann Corona-Todesbote sein

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Wenn jeder von uns des anderen Todesbote sein kann: Überlegungen zur Corona-Epoche.

Zehn Jahre war ich alt. Ich war entsetzt. Mir völlig unbekannte Frauen küssten mich ab. So etwas kannte ich nicht. Ich floh. Wir waren in Spanien, und was ich erlebte, war die ganz gewöhnliche mediterrane Begrüßung. Ich empfand sie als einen sexuellen Übergriff. Mit einem Male war ich für „Abstandsregeln“, von denen ich bisher nichts gewusst hatte, weil sie galten. Schon bald gewöhnte ich mich daran, rechts und links und links und rechts auf die Wangen geküsst zu werden oder auch nur Wange an Wange gedrückt zu werden. Eine Lektion in Kulturaustausch, in Integration.

Corona ist die Epoche von Social Distancing. Wir stehen einander im Abstand von eineinhalb Metern gegenüber. Wir sitzen zu kaum mehr als einem Dutzend in einem riesigen Raum. In Ausstellungen, Theatern, Konzerten gibt es kein Gedränge mehr. Wir haben das Massenzeitalter hinter uns gelassen. Das ist natürlich sehr übertrieben. Denn in einem Jahr kann das alles wieder vorbei sein. Bis zur nächsten Pandemie.

Schon Karl Marx schrieb: Der Mensch ist ein geselliges Tier - das gilt auch in Zeiten von Corona

1859 schrieb Karl Marx in der „Kritik der politischen Ökonomie“: „Der Mensch ist im wörtlichsten Sinn ein zôon politikon, nicht nur ein geselliges Tier, sondern ein Tier, das nur in der Gesellschaft sich vereinzeln kann.“ Wir wissen inzwischen, dass Homo sapiens nicht das einzige Tier ist, für das das gilt. Wir beobachten aber im Augenblick auch, wie recht er hatte mit seiner Bemerkung. Vergesellschaftung unter Corona-Bedingungen heißt Vereinzelung. An die Stelle der Imitation des Fabriklebens im Großraumbüro tritt das Homeoffice. Nicht als Entscheidung der Einzelnen, sondern als Schutzmaßnahme aller vor allen.

Wir leben in einer Situation, in der wir erkennen müssen, dass wir dem anderen, je näher wir ihm rücken, desto mehr zu einer Gefahr werden. Wie er auch mir. Jeder ist des anderen Wolf. Der Nächste ist der nächste Infizierte. Wer dieser Devise nicht folgt, wird mit einem Bußgeld belegt. Jedenfalls in einigen Bundesländern. In Berlin zum Beispiel droht jedem, der den Mindestabstand nicht einhält, ein Bußgeld zwischen 50 und 500 Euro. Merkwürdig, wie selten diese Gelegenheiten zur Auffüllung der Staatskasse derzeit genutzt werden.

Nächstenliebe zeigt sich im Social Distancing

Die Nächstenliebe, erklären uns die christlichen Kirchen, zeigt sich heute im Social Distancing. Eine ganze Reihe katholischer Heiliger gilt gerade darum als Vorbild, weil sie ihr eigenes Leben riskierten beim Umgang mit Pest- und Leprakranken. Dass sie damit auch das Leben ihrer noch nicht infizierten Mitmenschen aufs Spiel setzten, wussten sie damals noch nicht. Wir wissen heute, dass jeder von uns des anderen Todesbote sein kann. Wir riskieren niemals nur das eigene, sondern immer auch das Leben der anderen.

Wir handeln unmoralisch, wenn wir das nicht begreifen, sagt man uns immer wieder. Das ist so dringend, dass wir uns kaum die Zeit lassen zu überlegen, was das bedeutet. Wir schütteln den Gedanken daran beiseite. Manche Leute können das nicht. Sie haben das Gefühl, nicht leben zu können in einer Welt, die sie, einfach weil sie sind, als lebensbedrohlichen Feind ansieht. Sie sind angewiesen auf Vertrauen. Sie fühlen sich ausgestoßen durch „Abstandsregeln“. Es mag sein, dass die Anti-Corona-Maßnahmen nur das bereits vorhandene Gefühl, ausgestoßen zu sein, verstärken. Vergessen Sie das „nur“. Unsere Gesellschaft wird dem Virus erliegen, wenn sie diese Gefühle nicht ernst nimmt. Das Abkanzeln verstärkt sie. Oben und unten wird dadurch noch einmal deutlich gemacht.

Corona: Die Angst jemanden zu verletzen, dem man liebt

Wir stecken in dem Dilemma, dass wir uns vor dem Virus nur schützen können, wenn wir uns voreinander schützen. Darum verlangen wir nach Impfstoffen. Mit denen gingen wir endlich gegen den wirklichen Feind vor und nicht gegeneinander. Noch ist es so, dass Sohn und Vater sich genieren, einander zu umarmen. Sie tun es nicht, weil sie denken: Ich begehre nicht, schuld daran zu sein. An der Erkrankung des anderen. Das hat wenig mit ihrer Aufklärung über Covid-19 zu tun. Es reicht tiefer. Es ist die Angst, jemanden zu verletzen, den man liebt. Diese Angst hat man immer. Zu Recht. Denn niemanden kann man so schwer verletzen wie den, den man liebt, der einen liebt. Es ist diese Angst, die wir heraufbeschwören und über die wir darum nicht reden, weil wir wissen: Wir werden ihrer nicht Herr. Niemand wird das. Aber einige ertragen sie. Andere können das nicht.

Wir sind gesellige Tiere. Wir sind drauf angewiesen, einander zu sehen, einander zu berühren. Unbekannte fielen vor ein paar Monaten noch nach einem schönen Gespräch einander in die Arme. Wer das heute macht, riskiert Bestrafung. Wie lernen Menschen heute einander kennen? Kann man das bei eineinhalb Meter Abstand?

Anti-Corona-Maßnahmen ernst nähmen? Beziehungsberater hätten Hochkonjunktur

Wenn wir die Anti-Corona-Maßnahmen ernst nähmen, gäbe es längst jede Menge Beziehungsberater, die uns in allen Kanälen erklärten, wodurch die beim Tanz ins Ohr geflüsterte Liebeserklärung, womit ein zärtliches Streichen der Hand über wechselnde Körperteile in der Corona-Epoche ersetzt werden. Vielleicht aber gibt es noch immer den tastenden Austausch von Zärtlichkeiten zwischen fast Unbekannten. Die einander berührenden Finger, die zueinander findenden Lippen. Die nach einer Stunde wieder mit anderen Lippen und anderen Fingern beschäftigt sind. Weil zum Kennenlernen gehört, dass man einander auch wieder stehen lässt und sich anderen Reizen zuwendet.

Die Anti-Corona-Maßnahmen sind dabei, unsere Spezies neu zu definieren. Es gibt Weltgegenden, die sind darauf besser vorbereitet. Zwangsehen zum Beispiel verzichten aufs Kennenlernen. Der Tschador pflegt eine andere Ästhetik. Eine ehemalige Kollegin, die die Vierzig schon weit hinter sich hat, wollte in eine Ausstellung. Sie trug eine Maske. Der Kassierer fragte sie, ob sie schon den vollen Preis bezahlen müsse. Sie freute sich sehr darüber. Die neuen Einschränkungen werden neue Freiheiten schaffen. Möglicherweise werden die Einkünfte von Zahnärzten nicht mehr sprudeln.

Das gesellige Tier wird Auswege finden oder sterben

Das gesellige Tier wird Auswege finden oder es wird sterben. Wie der Neandertaler, der Denisova-Mensch und andere Hominiden ausstarben. Womöglich nicht in Gemetzeln mit den Artgenossen, sondern unter Virenbefall. Ganze Völker unserer Spezies sind noch in den letzten fünfhundert Jahren Viren und Bakterien erlegen. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass wir etwa hier Herr der Lage bleiben könnten.

Aber noch einmal zurück zum „Tier, das nur in der Gesellschaft sich vereinzeln kann“. Vor vielen Jahrzehnten gab mir meine Mutter mal eine Karikatur. Man sah einen Jungen, der zwischen Bücherbergen saß. In der Tür stand seine Mutter, mit einem Ball in der Hand. „Geh doch mal raus mit den anderen Jungen spielen“, sagte sie. Ich denke oft an diese Karikatur, wenn ich meine Altersgenossen über ihre Enkel klagen hören, die in ihrem Zimmer sitzen und nicht wegzukriegen seien von ihrem Computer. Kinder haben schon immer, denke ich dann, eine eigene Welt gesucht. Und gefunden.

Die digitale Welt ist coronagerecht

Noch niemals gab es in der Weltgeschichte so viele Möglichkeiten, bei etwas zu sein, ohne dabei zu sein. Das World Wide Web, die sozialen Medien machen das möglich. Keine Veranstaltung, kein Zusammensein, das nicht gestreamt werden könnte. Die digitale Welt ist coronagerecht. Wir hatten, ohne auch nur eine Sekunde daran zu denken, uns darauf eingestellt. „List der Vernunft“ nannte das der vor 250 Jahre geborene Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der davon ausging, dass diese sich gegen unsere Unvernunft durch unsere Lüste und Interessen hindurch verwirkliche. Das Coronavirus verstärkt den Hang zu Digitalisierung. Jeder Platz wird zum Arbeitsplatz. Jedermann ist überall, allzeit verfügbar. Das Netz, in dem wir zu surfen vorgeben, hält uns gefangen. Je mehr es uns vor dem Covid-19-Virus schützt, desto enger umschlingt es uns. Meine Vorstellung von der ins Ohr geflüsterten Liebeserklärung lässt sich möglicherweise datieren. Inzwischen twittert man sich dergleichen vielleicht. So riskiert man nicht, auf die erschrockene Abwehr möglichst ruhig reagieren zu müssen.

Es geht bei so vielem, das wir tun, darum, nicht mit den Folgen unserer Taten konfrontiert zu werden. Die erfolgreichsten Technologien sind die, die uns die Welt, während sie sie uns nach Hause holen, vom Leib halten. Aber ohne Leib gibt es keine Erkenntnis und keine Lust. Die eineinhalb Meter Abstand mögen vielen langjährigen Beziehungen weiterhelfen, das gesellige Tier wird dabei verenden. (Von Arno Widmann)

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