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Tempel der Freundschaft mit versteckter Freundschaftsdose. Foto: Alexander Paul Englert
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Tempel der Freundschaft mit versteckter Freundschaftsdose.

Innenstadt

Deutsches Romantikmuseum in Frankfurt endlich eröffnet

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Das Deutsche Romantikmuseum in Frankfurt, seit heute für Publikum geöffnet, ist ein denkbar schillernder Ort.

Frankfurt am Main - Das Unwahrscheinliche unGd Antizyklische gehört zum Wesen der Romantik. Es ist insofern eine Art logisches Wunder, dass in Frankfurt ein großes neues Museum gebaut worden ist. Die Grundlage dafür scheint eine effiziente Verbindung von Beharrlichkeit – der Beharrlichkeit namentlich von Anne Bohnenkamp-Renken, Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts, die ihre Idee (dies nun eher unromantisch) nicht mehr aus den Augen verlor – und Überzeugungs- sowie Finanzkraft gewesen zu sein. Es versteht sich nicht von selbst, dass im Frankfurt des Jahres 2021 ein großes neues Museum fertiggestellt wird. Trotzdem ist es nach zehn Jahren soweit, wie vor zwei Wochen schon bei einem ersten Rundgang zu erleben war.

Ein Wunder, und es sieht auch wunderbar aus, von außen, von innen, von innen nach außen, denn der Architekt Christoph Mäckler hat treffliche Durchblicke und Effekte eingeplant, so dass das Publikum beispielsweise im Foyer die historische Brandmauer des benachbarten Goethe-Hauses bestaunen kann. Vom heutigen Dienstag an, dem ersten Öffnungstag für alle.

Deutsches Romantikmuseum in Frankfurt: Romantik neu erleben

Die Romantik ist immer modern. Die Romantiker und Romantikerinnen verloren das zum Teil noch zu Lebzeiten aus dem Blick, aber auch das gehört zur Modernität dazu: sich zu verirren, andere zu verwirren, sich und andere zu verraten. Schillernd zu sein, gehört dazu – und die Ausstellung arbeitet nicht nur mit spiegelkabinettartigen Passagen, sie wäre ohnedies ein Spiegelkabinett für unsere Tage.

Denn auch nicht besonders streng mit sich zu sein, gehört dazu. Das Gefühl regieren zu lassen, auch das gehört dazu und kommt uns gleich bekannt vor, bekommt dem Kopf nicht immer gut. Achim von Arnims Deutsche Tischgesellschaft, 1811 gegründet, nimmt keine getauften Juden auf, ein Arierparagraf, der die übliche Lesart, den Beginn des rassistischen Antisemitismus erst viel später (frühestens mit, weit lieber noch nach Richard Wagner) zu datieren, doch deutlich in Frage stellt.

Bei den Vorbereitungen, fasst Konrad Heumann, Leiter der Handschriftensammlung im Hochstift, zusammen, seien sie nach und nach auf die Themen unserer Tage gestoßen. Die neue Dauerausstellung versteckt Widersprüche nicht, im Gegenteil, so dass also jedem klar werden kann, dass Romantik in etwa das Gegenteil von dem ist, was die Reise-, Möbel- oder Partnervermittlungsbranche unter Romantik verstehen.

Deutsches Romantikmuseum in Frankfurt: Eine elektronische Landkarte gibt Auskunft

Dazu passt der erotische Brief, den Clemens Brentano der Kollegin Karoline von Günderrode 1802 schreibt. Er stellt sich vor, ihr Blut zu trinken – und die alte Schreibweise des Wortes „bis“ erinnert daran, was ihm dabei konkret vorschwebt –, „biß ich berauscht bin, und deinen Tod mit jauchzender Raserei beweinen kann, weinen wieder in dich all dein Blut“. Dies, wenn man es kurz einmal literarisch betrachtet, einige Jahre bevor sich Lord Byron und/oder John Polidori 1816, im Dauerregen des in der Ausstellung ebenfalls präsenten „Jahres ohne Sommer“, die erste Vampirgeschichte der westlichen Literaturgeschichte ausdenken. Darüber hinaus nennt man das heute übergriffig (dazu Brentanos frecher Nachsatz: „Waß macht der Brief für eine Wirkung auf dich liebes Günterrödchen“). Aber auch die Antwort Günderrodes liegt bereit. „Es war mir ganz wunderlich zu Muth als ich Ihren Brief gelesen hatte; doch war ich mehr denkend als empfindend dabei; denn es war mir, und ist mir noch so, als ob dieser Brief gar nicht für mich geschrieben sei.“ Eine brutal freundliche Totalabfuhr, ein Löschvorgang.

Rittersche Experimente mit dem Unsichtbaren.

Auf einer großen elektronischen Landkarte ist zu sehen und anzuklicken, welche Romantiker und welche Romantikerinnen sich wann wo aufhielten. Ein Netz der Reisewege und Parallelaktionen, der Gleichzeitig- und Ungleichzeitigkeiten. Wer sich mit diesen Leuten einlassen will, darf nicht auf Übersicht und eindeutige Tendenzen, auf geradlinige Bewegungen hoffen. Nein, Frankfurt war nicht das Zentrum der Romantik, aber Frankfurt ist die Stadt, die jetzt das Deutsche Romantikmuseum hat.

An der unwiderstehlich nachtblauen Treppe, die schnurgerade in die beiden Obergeschosse führt, singt eine Nachtigall – las man zum Beispiel in der FR, denn wer kann das heute noch aus eigener Erfahrung sagen –, aber oben angekommen sieht man, dass es sich um ein fleißiges Maschinchen handelt. Die Treppe verjüngt sich, als ginge es himmelwärts, eine optische Täuschung, trotzdem kommt man vor Schreck atemlos oben an. Romantik heißt auch: Sieh hin. Trau deinen Augen nicht.

Romantikmuseum in Frankfurt: Eine Ausstellung zur Romantik ist eine große Tüftelei

Selbstverständlich ist diese Ausstellung eine ständige Überforderung, obwohl das Publikum tun kann, was es will, flitzen, schlendern, Gehen-nach-Zahlen. Alles kommt dabei leicht, schmuck und verspielt daher. Es kostet einige Mühe, leicht, schmuck und verspielt auszusehen, auch das zeigt sich hier immer wieder: in den Kunstmärchen und Kunstliedern, die das Natürliche mit einigem Aufwand nachstellen.

...biß ich berauscht bin, und deinen Tod mit jauchzender Raserei beweinen kann, weinen wieder in dich all dein Blut.

Clemens Brentano an Karoline von Günderrode

Nirgendwo wird das so deutlich wie beim menschlichen Gesang. Julian Prégardien singt, in einem Filmbeitrag zuweilen in die Frankfurter Innenstadt gebeamt, die „Winterreise“, es klingt, als sei ihm das eben so in den Sinn gekommen, Wilhelm Müllers Texte, Franz Schuberts Musik. Sollte es noch Menschen geben, die ernsthaft an die Authentizität von Grimms Märchen oder von Arnim/Brentanos „Des Knaben Wunderhorn“ glauben (überhaupt an ein Wort wie „Authentizität“ in der Kunst), werden sie hier sanft und bestimmt belehrt.

Und können sich befremdet vertiefen in die Aufzeichnungen, die Brentano nach 1818 zu den Visionen der stigmatisierten Haushaltshilfe Anna Katharina Emmerick anfertigte. Für den Dichter, bei dem Emmerick auch irgendwie nach Brentano klingt, war das existenziell. Es hilft nichts, auch das gehört dazu. Heinrich Heine – Heumann: Romantik 2.0 – darf in Frankfurt reinkommentieren, das macht es zuweilen erträglicher.

Blau wie die Blume: das bereits berühmte Erkerfenster, hier von innen gesehen.

Eine Ausstellung zur Romantik ist eine große Tüftelei, die aus tausend Details besteht, die sich zum Teil ernsthaft widersprechen – das muss man aushalten –, zum Teil komplementär ergänzen. Das macht die Polarität in allen Dingen – nicht umsonst spielen die Säle mit Nacht- und Tageslicht –, die etwa der Philosoph Friedrich Schelling beschrieb. Was wiederum den einflussreichen Physiker Johann Wilhelm Ritter bei seinen Batterie-Experimenten anregte. So dass erstens die Geistes- und Naturwissenschaften einander nicht dünkelhaft begegneten, sondern sich gegenseitig inspirierten – und die Geisteswissenschaften waren eine Nasenlänge voraus –, dass zweitens die ach so weltferne Romantik mit der maximalen Aktualität Hand in Hand ging, und dass drittens der Physiker Ritter seine Augen mit Stromexperimenten nachhaltig beschädigte. Denn er ging aufs Ganze, um zu zeigen, was nicht zu sehen war. Die Realität des Unsichtbaren, ein zutiefst romantisches Thema. Sie kann ein kleines, nein, ein großes Wunder sein, wenn Ritter 1801 ultraviolette Strahlung nachweist – zuerst theoretisch-philosophisch begriffen und sodann aufgespürt – und eine Versuchsanordnung das nachvollziehbar macht.

Romantikmuseum in Frankfurt: Ein zutiefst frankfurterischer Ort

Dass es schmerzhaft sein kann, ihr leibhaftig zu begegnen, zeigt sich in den Selbstexperimenten mit Strom. Es zeigt sich aber auch in Ludwig Tiecks „Blondem Eckbert“, hier von seiner unheimlichen Seite, die sich schamlos eng an die Idylle schmiegt. Schaut man – probieren Sie es im Schutz des Museums getrost aus – in den schönen grünen Wald und sich dann über die Schulter, ist ein Gespensterwald daraus geworden. Die Verschiebung von der spannenden Geschichte in den hellen Wahnsinn, die Tieck vorführt, verbindet sich in der „Blonde Eckbert“-Kammer mit der berechtigten Urangst, sich bloß nicht im falschen Moment umzudrehen, der Angst, dass es Dinge gibt, von denen wir nichts wissen und auch nichts wissen sollen. Romantik: immer wieder auch volles Risiko.

Wie fügt sich die auch, aber nicht nur romantische Gemäldegalerie des Hochstifts ein, die ebenfalls in neuem Licht und in kleinen Räumen und doch großzügiger Hängung zu sehen ist? Sie fügt sich elegant ein, auch wenn sie eine geradezu erholsame goethesche Erhabenheit atmet. In einem „Freundschaftstempel“ kann man Personenraten spielen. Und, originell platziert (genau in der Mitte und doch versteckt), eine Freundschaftsdose entdecken, wie sie Laurence Sterne in der „Sentimental Journey“ vorstellte – ein Begriff in der empfindsamen Gesellschaft, aber das Frankfurter Exponat ein rarer Beweis dafür, so Heumann, dass es die Döschen tatsächlich gab. Literatur als Vordenkerin. Leserinnen und Lesern tut diese Ausstellung wohl, Nichtleserinnen und Nichtleser müssen sie nicht fürchten.

An der Stelle des Gebäudes stand bis vor fünf Jahren das Buchhändlerhaus. Die seinerzeit verwendeten TVG-Steine (Steine der Trümmerverwertungsgesellschaft) wurden nun in den Foyerboden eingearbeitet – die gesprenkelten Blöckchen. Das Deutsche Romantikmuseum ist natürlich auch ein zutiefst frankfurterischer Ort. (Judith von Sternburg)

Deutsches Romantikmuseum, Großer Hirschgraben 23-25 in Frankfurt.

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