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So sahen sich die Hohenzollern, wenn sie sich nicht martialisch inszenierten, gerne: im Mittelpunkt Wilhelm I. (1797-1888). Gemälde um 1887 von H. Hartitzsch).
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So sahen sich die Hohenzollern, wenn sie sich nicht martialisch inszenierten, gerne: im Mittelpunkt Wilhelm I. (1797-1888). Gemälde um 1887 von H. Hartitzsch).

Gesellschaft

„Das belastende Erbe der Kaiserzeit war fatal für die Demokratie“

  • Peter Riesbeck
    vonPeter Riesbeck
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Der Historiker Christoph Nonn über die Gründung des Kaiserreichs, gesellschaftlichen Aufbruch im ersten deutschen Nationalstaat sowie die Erblast der Hohenzollern.

Herr Nonn, die Proklamation des Kaiserreichs 1871 verlief sehr überhastet. Auch, weil das Datum bewusst auf die eigenmächtige Selbsterhebung Preußens zum Königtum am 18. Januar 1701 zurückgreift. Aus Karlsruhe wurde eiligst der Maler Anton von Werner nach Versailles zitiert, um die Szene festzuhalten. Markant sind zwei Darstellungen: Eine aus dem Jahr 1877 rückt preußische und bayerische Soldaten in den Vordergrund, bei der anderen aus dem Jahr 1885 stehen im Zentrum der Kaiser, Bismarck sowie die preußischen Militärs Helmuth von Moltke und Kriegsminister Albrecht von Roon, der in Versailles gar nicht zugegen war. Was sagt diese doppelte Ikonographie über die inneren Spannungen des neuen Staates?

Es gibt von Beginn an verschiedene Akteure, die für sich beanspruchen, das Kaiserreich begründet zu haben. Zum einen die bürgerlich-liberale Nationalbewegung, die den Einheitsprozess überhaupt erst angestoßen hat. Sie sieht in der Reichsgründung von 1871 eine Leistung der Nation, des Volkes. Auf der anderen Seite betonen die konservativen Aristokraten und Militärs um den Monarchen und Bismarck, die sich erst verspätet der Nationalbewegung angeschlossen haben, ihre eigene Rolle. Diese Deutungskämpfe zwischen Bürgertum und konservativen Eliten dauern während des Kaiserreichs weiter an. Sie laufen parallel zu dem politischen Ringen um die Macht zwischen Kaiser und Parlament.

Die inneren Spannungen sind vielfältig: zwischen Nord und Süd sowie zwischen aristokratischen Eliten und liberalen Parlamentariern. Das zeigt auch der heftige Streit um den Titel: Wilhelm bevorzugte „Kaiser von Deutschland“, Bismarck schlug „Deutscher Kaiser“ vor. Wer war für die innere Einheit entscheidender – Bismarck oder der Kaiser?

Wilhelm I. ist wohl die am meisten unterschätzte Person in der deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts. Die Einheit hat er allerdings nicht eben mit Begeisterung gesehen, er fürchtete zu Recht ein Aufgehen Preußens in Deutschland. Nach seinem Tod 1888 und Bismarcks Entlassung zwei Jahre später wurde zunehmend der Kanzler als der eigentliche „Reichsgründer“ gesehen. Diese einsetzende Mythisierung Bismarcks hatte vor allem politische Gründe: Sein Andenken wurde damit gegen den sprunghaften Wilhelm II. instrumentalisiert.

Sie beschreiben entlang des Lebenswegs einzelner Personen gesellschaftliche Entwicklungen im Kaiserreich. Das Aufkommen der Arbeiterbewegung und Sozialdemokratie schildern Sie am Beispiel von Julie Bebel, der Frau August Bebels. Was ist das Besondere an dieser Frau?

August Bebel war – mit Unterbrechungen – von 1867 bis zu seinem Tod 1913 der am längsten dienende Parlamentarier im Kaiserreich. Wegen seiner politischen Tätigkeit saß er aber oft in Haft. Während dieser Zeit übernahm seine Frau Julie nicht nur den gemeinsamen Drechslerbetrieb, sondern auch den Job einer Generalsekretärin und Chefbuchhalterin der Sozialdemokratie. Dabei war politische Tätigkeit von Frauen bis 1908 eigentlich illegal. Julie Bebel hat sich schon Jahrzehnte zuvor über dieses Verbot einfach hinweggesetzt. Über andere Konventionen dagegen nicht – sie schmiss alleine den Haushalt und erzog die gemeinsame Tochter. Julie Bebels Kampf für Emanzipation war nicht gegen Männer gerichtet, ihr Engagement galt der Arbeiterbewegung. Das unterschied sie auch von der eigentlichen Frauenbewegung der Zeit, die überwiegend eine bürgerliche Bewegung war.

Ein Kapitel widmen Sie Schuster Wilhelm Voigt, besser bekannt als Hauptmann von Köpenick. Sie werten zeitgenössische Quellen aus und sehen in der Köpenickade von 1906 nicht nur eine Parabel auf den übersteigerten preußischen Militarismus…

Das heutige Bild von Voigt ist maßgeblich durch Carl Zuckmayers Stück „Der Hauptmann von Köpenick“ bestimmt. Das stammt aus dem Jahr 1931, Zuckmayer wollte damit vor allem den Aufstieg des militaristischen Nationalsozialismus kritisch kommentieren. Das Stück prägt aber bis heute die Interpretation der Ereignisse von 1906.

Sie kommen zu einem anderen Schluss. Wie lautet Ihr Fazit?

Wer sich zeitgenössische Quellen anschaut, stellt überrascht fest: Der Raubzug von Wilhelm Voigt auf das Köpenicker Rathaus, für den er mit einer alten Offiziersuniform ein Dutzend Soldaten auf der Straße rekrutierte, war damals vor allem Anlass für massive Kritik am Militarismus – sei es von Sozialdemokraten, Liberalen, Katholiken oder sogar Konservativen, also von allen politischen Richtungen. Das widerlegt die weitverbreitete Vorstellung einer sozial militarisierten Gesellschaft, die zu den zähesten Mythen über das Kaiserreich gehört.

Natürlich gab es Militarismus. Aber das Kaiserreich war viel stärker durch eine aktive und kritische Zivilgesellschaft geprägt, als meist angenommen wird.

Das leitet über zum Beginn des Ersten Weltkriegs, den Sie anhand der Tagebücher der Verlegerin Charlotte Herder skizzieren. Was zeichnet deren Schilderungen aus?

In dem Buch wollte ich nicht allein die sogenannte hohe Politik, sondern ebenso die Erfahrungswelt von Menschen aus der Mitte der Gesellschaft behandeln. Das Tagebuch von Charlotte Herder ist nicht nur sehr gut geschrieben. Ihre Sicht auf den Beginn des Ersten Weltkriegs ist auch typisch für die Empfindungen der meisten Deutschen im Sommer 1914: Sie glaubt an einen Verteidigungskrieg, hält deshalb nach außen hin mühevoll die Fassade der pflichtbewussten und opferbereiten Patriotin aufrecht, aber innerlich ist sie von panischer Angst erfasst. Eine allgemeine Kriegsbegeisterung hat die Regierung jedenfalls nicht in den Krieg getrieben.

1871 - eine FR-Serie

Die Reichsgründung 1871 wurde vor 150 Jahren als große historische Leistung gefeiert. Bald schon war sie jedoch umstritten, insbesondere unter Historikern, die in der Beurteilung geschichtspolitischen Furor entwickelten. Nach 1945 galten die Umstände der Reichsgründung als eine der Ursachen für die politischen Katastrophen im Europa des 20. Jahrhunderts.

In einer Serie befragt die FR die Ereignisse, die durch die Kaiserproklamation am 18. Januar in Versailles, ein grelles Zeremoniell, im Gedächtnis geblieben sind. In den einzelnen Beiträgen geht es um ein politisches, soziales und nicht zuletzt mentales Erbe, das noch lange fortgewirkt hat.

Zum Auftakt erschien am 31, 12. 2020 ein Beitrag über die Verfassung des Deutschen Kaiserreichs.

Christoph Nonn, Jahrgang 1964, lehrt seit 2002 als Professor für Neueste Geschichte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Er ist Autor zahlreicher Bücher, darunter einer Bismarck-Biografie ( 2015) sowie einer Darstellung des Deutschen Kaiserreichs (beide im C.H.Beck Verlag).

Zuletzt veröffentlichte er „12 Tage und ein halbes Jahrhundert. Eine Geschichte des deutschen Kaiserreichs 1871-1918“ (C.H. Beck, 687 S., 34 Euro).

Der Historiker Christopher Clark hat in seinem Buch „Die Schlafwandler“ den Kriegsausbruch weniger als preußische Treiberei als vielmehr diplomatisches Versagen gedeutet…

Ich finde die politisch aufgeladenen Debatten darüber, wer den Ersten Weltkrieg zu verantworten hat, wenig sinnvoll. Die These von der deutschen Allein- oder Hauptschuld hat zwar zur Rechtfertigung des Versailler Friedens und der deutschen Reparationen an die Sieger des Kriegs gedient. Aber der Versailler Vertrag und die Reparationen waren kein entscheidender Faktor für den Untergang der Weimarer Republik. Entscheidend dafür waren die Weltwirtschaftskrise 1929 und die aus dem Kaiserreich geerbten politischen Mentalitäten der Deutschen.

Die Sicht auf das Kaiserreich war lange von seinem Ende her geprägt und dem, was nach 1933 kam. Paradigmatisch ist das zusammengefasst im Buchtitel des Historikers Fritz Fischer „Hitler war kein Betriebsunfall“. Sie urteilen mit Blick historische Kontinuitäten zurückhaltender und schreiben, Weimar sei nicht zum Scheitern verdammt gewesen…

Wie die Weimarer Republik war auch das Kaiserreich ungemein vielschichtig, die Entwicklung deshalb immer offen. Es unterschied sich wenig von den meisten anderen europäischen Staaten seiner Zeit, leider auch was negative Entwicklungen wie den Antisemitismus betrifft. Nur einen wichtigen Unterschied zumindest zu Ländern wie Großbritannien oder Frankreich gab es: Das Kaiserreich wurde trotz aller Demokratisierungsprozesse 1914 immer noch nicht parlamentarisch regiert. Deutsche Parteien und ihre Wähler hatten keinerlei Erfahrung mit der Übernahme wirklicher politischer Verantwortung.

Der Kanzler war nach der Verfassung nur dem Kaiser verantwortlich, nicht dem Parlament. Das förderte eine obstruktive Opposition. Inwiefern lastete diese fehlende Erfahrung an parlamentarischer Demokratie und konstruktiver Kompromissfindung auf Weimar?

Die Weimarer Republik war eine extrem lebendige Demokratie. In vielen europäischen Ländern, darunter auch Sieger des Ersten Weltkriegs wie Italien, Jugoslawien oder Polen, scheiterte die parlamentarische Demokratie zwischen den beiden Weltkriegen wesentlich früher als in Deutschland. Aber als Ende der 1920er-Jahre die Weltwirtschaftskrise kam, waren Großbritannien, die Beneluxländer, die USA und mit Abstrichen auch Frankreich eher in der Lage, die daraus entstehenden wirtschaftlichen Interessenkonflikte und politischen Zerreißproben zu überstehen. Anders als in Deutschland verfügte man dort schon über jahrzehntelange Erfahrung mit parlamentarischer Kompromissfindung. Hierzulande wirkte sich dagegen das belastende Erbe des Kaiserreichs, die Mentalität der politischen Verantwortungslosigkeit von Parteien und Wählern, fatal für die Demokratie aus.

Neue Massenmedien, aufkommender Nationalismus, imperiale Tendenzen – die Zeit um 1900 wirkt äußerst aktuell, wenn wir auf derzeitige Entwicklungen schauen: Russland verschiebt Grenzen und annektiert die Krim, China versucht, seinen Einfluss in Asien wiederherzustellen, die Türkei knüpft an osmanische Traditionen an, greift in den Armenienkonflikt ein und beansprucht Gasvorkommen im Mittelmeer. Wie schaut der Historiker auf diese Entwicklungen?

Ich beschäftige mich vorrangig mit innenpolitischen Entwicklungen des Kaiserreichs. Aber die Parallelen sind offenkundig. Wir erleben seit 1989 eine Rückkehr zu einer multipolaren Welt, in der wieder zahlreiche Machtzentren miteinander konkurrieren. Entsprechend unübersichtlich ist die Lage. Wir kennen das aus dem Konzert der Großmächte um 1900: Ein System mit einer Vielzahl von Akteuren mit jeweils eigenen Interessen und Zielen ist weniger berechenbar als ein in zwei große Lager gespaltenes.

Lässt sich aus der Geschichte der Kaiserzeit etwas lernen?

Was sich aus seiner Geschichte am ehesten schlussfolgern lässt: Die Entwicklung zur Moderne hat verschiedene Potenziale, demokratische wie undemokratische. Auch das sehen wir heute in China, Russland, in der Türkei, in Ungarn, Polen und vielen anderen Ländern der Welt. Der Glaube, dass die Moderne unausweichlich zur Demokratie führt, wie vielfach nach dem Ende des Kalten Krieges 1990 geglaubt wurde, war offensichtlich naiv. Das macht die Beschäftigung mit dem Kaiserreich umso spannender. Denn damals wurde Deutschland zu einer modernen Gesellschaft, mit dem Potenzial einer Weiterentwicklung zur Demokratie und zur Diktatur. Das heißt aber auch: Demokratische Errungenschaften sind zerbrechlich, unsicher. Die demokratische Zivilgesellschaft ist eine Dauerbaustelle, an der alle Bürger den Spaten schwingen müssen.

In der Öffentlichkeit und vor Gericht wird derzeit auch über die Frage der Enteignung der Hohenzollern gerungen. Wie sehen Sie das aus der Sicht des Historikers?

Ob Angehörige des Hauses Hohenzollern dem Nationalsozialismus „erheblichen Vorschub“ geleistet haben und deshalb ihre Enteignung in Ostdeutschland nach 1945 rechtens war, werden Gerichte entscheiden müssen. Man wird freilich kaum sagen können, dass Wilhelm II. und sein Sohn besondere Freunde der Weimarer Republik gewesen ist.

Intervierw: Peter Riesbeck

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